Jonas hat Fieber
Der Herbstnachmittag war hell gewesen. Die Sonne lag am Fenster von Jonas’ Kinderzimmer und machte einen goldenen Streifen auf den Teppich. Draußen hatte jemand Laub zusammengefegt, langsam hin und her, hin und her. Jonas saß neben seinen Bausteinen. Drei rote Steine standen auf zwei gelben Steinen. Ein blauer Stein wartete noch in seiner Hand.
Jonas war drei Jahre alt und wollte noch bauen. Sein Mund machte ein kleines „hm“, als ob der Turm gleich höher werden sollte. Aber seine Finger hielten den blauen Stein nicht mehr richtig fest. Der Stein kippte zur Seite und blieb an seinem Knie liegen. Jonas blinzelte. Das Sonnenlicht am Fenster war ihm zu hell. Es war nur die liebe Herbstsonne, die schon den ganzen Nachmittag da gewesen war, aber nun stach sie in seine Augen wie ein zu großer gelber Fleck.
Dann kam ein Husten aus ihm heraus. Erst ein kleiner. Dann noch einer. Der zweite Husten rüttelte an seiner Brust, und Jonas legte die Hand darauf, als müsse er sie festhalten. Seine Arme fühlten sich lang an. Seine Beine fühlten sich schwer an. Sein Kopf war warm, so warm, als hätte er eine Mütze auf, obwohl keine Mütze da war.
Mama kam ins Kinderzimmer. Sie sagte nicht viel. Sie sah Jonas an, und ihre Schritte wurden leiser. Sie kniete sich vor ihn. Ihre Hand lag einen Moment auf seiner Stirn. Die Hand war kühl. Jonas’ Stirn war heiß.
„Ach, mein kleiner Jonas“, sagte Mama.
Mehr sagte sie nicht. Das war genug.
Jonas hob den blauen Stein ein kleines Stück. Er wollte zeigen, dass der Turm noch nicht fertig war. Sein Arm sank wieder hinunter. Der Stein blieb in seiner Hand liegen, als hätte auch der Stein beschlossen, nicht mehr weiterzumachen. Mama nahm ihn sacht heraus und legte ihn neben die anderen Steine. Der Turm stand da. Er durfte so bleiben.
Mama trug Jonas zum Sofa. Das Sofa war im Wohnzimmer, aber Jonas merkte den Weg kaum. Erst war da noch die Tür vom Kinderzimmer. Dann der Flur. Dann Mamas Pullover an seiner Wange. Die Welt schaukelte langsam mit ihren Schritten. Nicht hoch. Nicht weit. Nur ein kleines Hin und Her.
Auf dem Sofa wartete eine warme Decke. Mama legte Jonas hinein, erst die Füße, dann die Beine, dann den Bauch. Die Decke war schwer in einer guten Weise. Jonas streckte einen Arm wieder heraus, als wolle er gleich aufstehen. Der Arm blieb auf der Decke liegen. Seine Finger öffneten sich. Seine Finger schlossen sich. Dann blieben sie halb offen.
Aus der Küche kam Wasser in eine Schüssel. Jonas hörte es erst klar: ein dünner Strahl, ein leises Klirren, Mamas Hand am Wasserhahn. Der Klang war zu groß für seine Ohren. Er zog die Schultern ein wenig hoch. Mama kam zurück, und das Wasser kam mit ihr zurück, aber nun klang es kleiner. Mama setzte sich neben ihn. Sie faltete ein Tuch. Sie legte es auf seine Stirn.
Das Tuch war kühl.
Jonas atmete aus.
Mama strich nicht viel. Nur einmal über sein Haar. Dann blieb ihre Hand in der Nähe. Jonas’ Augen waren offen, aber die Dinge im Zimmer wurden weich. Der Tisch hatte keine scharfen Ecken mehr. Die Spielkiste war nur noch ein dunkler Fleck. Der goldene Streifen am Fenster war breiter geworden und blasser. Die Sonne war noch da, aber sie kam nicht mehr so nah.
Jonas hustete wieder. Mama hob ihn ein wenig an. Ihre Arme waren da, bevor Jonas danach suchen musste. Der Husten ging durch ihn hindurch und fort. Mama hielt den Becher an seinen Mund. Ein kleiner Schluck. Noch ein kleiner Schluck. Dann war genug. Sein Kopf sank an ihre Schulter, obwohl sein Mund noch ein wenig geöffnet blieb, als wolle er etwas sagen.
Er sagte nichts.
Mama summte.
Das Lied hatte fast keine Wörter. Nur ein leises Auf und Ab. Jonas kannte dieses Summen aus Abenden, aus Nächten, aus Zeiten, in denen die Lampe klein war und das Zimmer langsam weniger wurde. Heute war noch Nachmittag gewesen. Heute hatte die Sonne am Fenster gelegen. Heute hatten die Bausteine gewartet. Aber nun war das alles weiter weg.
Der Besen draußen war nicht mehr zu hören.
Die Küche war nicht mehr zu hören.
Nur Mamas Summen blieb.
Jonas’ Augen schlossen sich nicht ganz. Sie machten nur einen schmalen Spalt. Durch den Spalt sah die Welt aus wie Wasser. Hell. Weich. Nicht wichtig. Er hob die Hand, als suche er den blauen Stein. Die Hand fand die Decke. Die Decke blieb.
Mama nahm das Tuch von seiner Stirn und drehte es um.
Die kühle Seite kam zurück.
Jonas’ Stirn nahm die Kühle an.
Sein Mund wurde weich.
Seine Wangen waren warm.
Mama summte noch einmal von vorn.
Oder vielleicht war es dasselbe Lied.
Jonas wusste es nicht mehr genau.
Die Lampe blieb aus.
Der Nachmittag wurde dunkler, ohne etwas zu sagen.
Die Decke lag still.
Jonas lag stiller.
Ein Atem kam.
Ein Atem ging.
Mama saß neben ihm.
Ihre Hand lag auf seiner Stirn.
Jonas schläft.
Mamas Hand bleibt warm auf seiner Stirn




