Mia und Leon und die Strandburg
Mia sitzt im feuchten Sand, die Knie schmutzig, die Hände voller nasser Körner. Ihre Finger graben ein Loch. “Da kommt der Burggraben“, sagt sie. Leon drückt mit seiner Faust einen runden Turm fest. “Nee – mein Turm wackelt. Guck.”
Sie sieht hin, rückt mit ihrem Fuß den Sand etwas dichter.
“Jetzt besser?”
Er zuckt mit den Schultern. “Geht schon. Deiner ist schief.”
Mia steckt still ihre Zunge heraus und schiebt den Sand zurecht.
“Der soll so. Kommt gleich Wasser rein, dann schwimmen die Feinde weg.”
Das Meer rollt leise, zurückhaltend, als würde es lauschen. Vom Korb her ruft eine Möwe, jemand lacht ganz weit entfernt. Warm ist der Sand unter ihren Oberschenkeln, und kühl an den Zehen, wo die Dunkelheit feucht bleibt.
Mia füllt den kleinen Eimer. “Wir brauchen endlich eine Brücke.”
Leon gräbt einen Tunnel. “Kommt eh gleich die Flut. Dann ist alles Matsche.”
“Ist egal. Dann bauen wir’s neu. Oder besser!” Sie lehnt sich über einen Graben, gießt langsam Wasser hinein. Es schmatzt. “Wollen wir Muscheln an die Mauer legen?”
Leon zuckt die Schultern, gräbt weiter. Die Muscheln liegen kalt auf seinem Knie. Er poltert sie in die Mauer, zu dicht. Sie fallen.
“Nicht so. Weiter auseinander, sonst kann man nix sehen.”
“Mach doch selber. Mein Tunnel ist wichtiger. Da wohnen die Krebse drin – oder was Größeres.”
Mia lacht ein bisschen, dann gleich wieder leiser. Ihr Finger streicht Sand glatt. Sie schaut auf den Ozean, der in Streifen leuchtet. “Krabben können nicht schwimmen. Die sind doch faul.”
Leon sagt nichts, sein Rücken ist rund. Er wischt die Hände am alten T-Shirt ab, obwohl es gar nicht nötig ist. Mia legt ohne zu gucken eine Hand voll Muscheln zwischen seine Füße.
Er sagt gar nichts mehr. Die Sonne steht höher, ihre Schatten werden flach.
Am Rand der Burg legt Mia eine kleine Fahne, ein rotes Plastikstück. Leon beobachtet sie, sagt: “Blödes Ding, fliegt eh weg, wenn Wind kommt.”
Sie verdreht die Augen, lächelt nicht.
Dann rauscht das Wasser lauter. Die Welle kommt. Erst ein bisschen, dann richtig. Der Graben läuft voll, der Turm sinkt schräg, alles schwimmt davon.
Mia springt zurück: “Oh! Ist gar nicht schlimm!”
Leon schaut auf den Sand, das Wasser läuft an seinen Knien vorbei. Er schnaubt. “Ich hab alles gemacht für nix.”
Sie hockt sich zu ihm. “Halt, die Sachen!“ und rettet Förmchen und Muscheln. “Bauen wir nochmal.”
Leon zischt, “Mach selber.” Keine Bewegung.
Mia bleibt sitzen. Sie baut nicht. Sie knetet nur einen kleinen Ball aus Sand, rollt ihn vor sich her. Nimmt immer wieder den gleichen Stein in die Hand, betrachtet das Loch, wo mal der Turm war.
Die Möwen sammeln sich. Die Luft riecht nach Salz. Weit draußen glitzert das Wasser. Mia schweigt. Leon steht eine ganze Weile. Die nassen Füße lassen Abdrücke.
Dann, ganz leise: “Wenn wir das Dach schräg machen, geht die Welle nicht drauf, oder?”
Mia blickt hoch. “Probieren wir. Soll ich rechts oder links?”
“Mir egal. Ich mach halt den Turm nochmal. Aber diesmal, mach du den Graben.“
Mia grinst nicht. Sie fängt einfach an zu graben. Leon buddelt mit, dicht neben ihr. Sie reden wenig.
Als der Sandklumpen zerfällt, kippt sie ihn einfach dazu.
Zwischendrin, ganz leise:
“Schade, dass kein Boot reinpasst.”
Leon runzelt die Stirn. “Boote sind langweilig. Krieg ich die große Muschel zurück?”
Mia schiebt sie rüber, ohne hochzusehen.
Ihre Schatten wachsen wieder lang, der Wind zieht über die Zehen. Zwei Gräben schlängeln sich um eine halbe Burg, oben sitzt die rote Fahne, schief. Daneben, im Sand, zwei paar Hände, sandig, ruhig. Unter ihnen zittert die Wasserlinie, und alles fühlt sich an, als hätte der Tag noch Platz.




