Xiu und die blühende Welt
Bambushalme wippen im feuchten Wind, als Xiu den runden Kopf aus dem sicheren Schatten schiebt. Ein winziger Halm kitzelt seine Nase. Xiu schnuppert und niest. Der Boden federt unter seinen dicken Pfoten, kühl und noch dunkel von der Morgenspur des Regens. Weiter vorn duftet es süß und würzig: Blüten mischen sich mit feuchter Erde.
„Xiu, bleib im Schatten!“, ruft Panda Mama, aber Xiu rollt schon eine Handvoll frische Blätter zwischen den Fingern, zerknüllt sie und wirft sie in die Luft. Die Blätter flattern und drehen sich hinab zu einem Ameisentrupp, der geschäftig unter einem Wurzeldach verschwindet.
„Ich kann bis zu den Wurzeln tippeln!“, prustet Xiu. Seine Stimme verschluckt das Rascheln der Blätter. Panda Mama zieht leise an einem Bambusstamm, das Zerreißen knackt durch den ganzen Hain.
Xiu tapst gegen einen alten Stock, bleibt hängen und purzelt auf die Blumenwiese hinaus. Farben knallen ihm entgegen: Gelbe Tupfen, rotes Gewirr, eine blaue Glocke schaukelt langsam im Wind. Er schnauft die Blüten ein, niest noch einmal, reibt sich die Nase und strubbelt sich durchs Gras. Weich, wie die Wange von Mama, bloß kühler.
Neben einem weißen Stein sitzt jemand Unbekanntes. Grün, glitschig, kaum größer als Xius Ohr. „Wer bist du?“ Xius Stimme klingt ein wenig wie der Wind zwischen den Halmen. „Quaki bin ich.“ Die Antwort blubbert kaum hörbar, Wasser perlt auf Quakis Rücken. „Was machst du da?“
„Warten. Auf Fliegen oder Regen.“ Quaki rückt näher an den schattigen Stein. „Was suchst du hier?“
„Ich suche was Neues. Gestern hab ich die halbe Wiese erkundet. Heute will ich den Bach sehen.“ Xiu schmatzt auf ein paar Gänseblümchenblätter. „Magst du mitkommen, Quaki?“
Quakis Beine zucken, zwei Sprünge rücken ihn an Xius Pfote. Gemeinsam schieben sie einen Blätterteppich beiseite, Mücken taumeln auf, Xiu niest wieder. Sie watscheln an dicken Beeren vorbei, unter Moos und über weiche Erdhügel, bis leises Fließen lauter wird.
Der Bach schlängelt sich zwischen Steinen. Wasser flimmert, Kiesel rollen über den Grund, ein Halm schlackert im nassen Ufer.
Quaki stoppt und beobachtet die Wirbel. „Springst du hinein?“ fragt er nach zwei stummen Atemzügen.
Xiu zögert, stellt eine Tatze ins Wasser. Die Kälte fährt ihm bis in die Knie. „Zu kalt für meine ganze Nase!“, meckert Xiu und platscht mit der Pfote. Dünne Spritzer landen auf Quakis Rücken.
„Du tauchst eben nie!“, ruft Quaki und wirft sich ins Wasser. Ein fetter Sprung, dann nur noch Kreise und eine blubbernde Silhouette. Xiu beugt sich vor, der feuchte Wind drückt Mohnblumen gegen seinen Rücken.
„Da schwimmen sogar Steine!“, ruft Xiu, als eine Libelle pfeilschnell über den Bach jagt. Ein Vogel flattert hinter einer Brombeere her, Xiu späht, verheddert sich im Zweig, zieht sich das Blattwerk ins Gesicht.
Quaki quakt aus dem Bachlauf: „Pandas können doch keine Fliegen fangen.“
„Ich kann aber rollen!“ Xiu macht einen zaghaften Purzelbaum, landet auf Moos, schiebt sich mit den Hinterbeinen weiter. Erde piekst in seine Pfoten, Blätter kitzeln seinen Bauch. „Siehst du?“
Quaki hüpft ans Ufer, schmatzt an einer feuchten Wurzel. „Noch nie einen Panda rollen sehen. Will’s gleich nochmal?“
Xiu überlegt nicht lang, stößt sich ab und kullert auf Quaki zu. Die beiden stossen zusammen, kugeln ein Stück und bleiben im Gras liegen. Xius Ohren flattern in der Frühlingsluft. Quaki lacht quakend, haut Xiu mit einer kleinen nassen Pfote auf die Seite.
Aus dem Dschungel duftet Bambus. Mama hat sich hinter den Halmen postiert, ein Schatten dazwischen, immer eine Pfotenbreite entfernt. Xiu bleibt kurz liegen, schnuppert Richtung Heimat, spürt Moosfädchen an den Krallen.
„Müssen wir bald zurück?“, fragt Xiu in die Runde, doch Panda Mama rührt sich nicht. Ihre Zunge streckt sich kurz, holt ein Blatt zwischen die Zähne. Das Schmatzen klingt wie das Plätschern des Bachs, ganz fern.
Quaki steht wieder am Wasser. Fliegen kreisen, Libellen schießen in der Sonne. Xiu bläst eine Löwenzahnflaume fort, beobachtet, wie sie sachte den Bach entlang segelt.
Wieder rollt ein Schatten vorüber. Die Wolken schieben sich enger zusammen, einzelne Tropfen patschen ins Gras. Xiu kneift die Augen zu, spürt jeden kühlen Tropfen auf Fell und Pfote. In der Ferne ruft ein Vogel. Mama hustet leise, Quaki sitzt mit runden Augen am Bachufer. Und Xiu lässt sich ins frische Moos sinken, den Bauch voll Blumenluft, weiche Erde unter den Pfoten.


