Der Abend als die Wiese leuchtete
Das hohe, grüne Gras auf der Wiese schmiegt sich sanft um Emmas Beine. Ein laues Lüftchen streicht durch die Halme. Emma riecht, wie die Erde nach dem langen Winter neu atmet. Mama, Papa und Emma gehen ganz langsam. Ihre Füße machen kaum noch Geräusche. Am Waldrand leuchten weiße Gänseblümchen im schrägen Sonnenlicht.
Mama geht links, Papa rechts. Die Hände sind warm und weich, fest und ruhig. Ein Vogel ruft aus dem nahen Busch, aber nur ganz leise, fast wie ein Seufzer. Mit jedem Schritt fühlt Emma, wie das Gras unter ihren Schuhen nachgibt. Es federt und bleibt zurück. Die Frühlingsluft ist mild, sie fühlt sich außen zart an und innen ganz rund.
Die Sonne steht schon tief. Licht malt kleine Streifen auf Emmas Arm. Ein Grashalm kitzelt an ihrem Finger. Papa sagt leise, "Schau mal, ein Marienkäfer", aber der Satz ist halb im Wind. In der Ferne fliegt eine Biene schwerfällig dem letzten Licht nach. Die Farben der Wiese werden heller und dunkler zugleich. Gelb neben grün, warmes Braun am Rand.
Die Schritte von Mama werden langsamer. Papas Arm ist jetzt fast so ruhig wie ein Ast. Emma schließt die Augen für einen Moment, aber die Geräusche sind ganz weich. Nur noch das feine Rascheln von Mama, der leise Ton der Jacke von Papa, das Summen irgendwo in den Blumen. Alles klingt wie ein Lied, das immer langsamer wird.
Sie kommen auf den kleinen Waldweg. Der Boden unter ihren Schuhen fühlt sich kühl an. Dort riecht es nach feuchter Rinde und Moos. Die Stimmen der Eltern leiser jetzt. "Magst du auf meinen Arm, Emmchen?" Aber Emma geht noch ein bisschen. Jeder Schritt wird länger, aber schwer wie nasse Wolle, immer ruhiger.
Mama streicht Emma über den Kopf. Die Finger fahren durch das Haar wie durch weiche Federn. Die Wärme von Mamas Hand bleibt wie eine kleine Sonne. Die Schatten zwischen den Bäumen werden weiter und länger. Papa hebt Emma auf seinen Arm. Ihr Kopf sinkt gegen Papas Schulter, ganz von selbst, so langsam wie das Licht unter der Tür schmaler wird.
Der Abend riecht jetzt nach warm und nach Zuhause. Die Blätter bewegen sich fast gar nicht mehr. Emmas Beine baumeln schwer hinunter, sie wiegen sanft im Schritt von Papa. Die Worte von Mama werden immer leis…e…r. Manchmal hören sie nicht zu Ende, gehen wie kleine Vögel vorbei und fliegen davon.
Sie kommen wieder auf die Wiese. Dort liegt die Decke, ganz weich, bunt und voller runder Punkte. Emma setzt sich und fühlt, wie das Gewebe an ihrer Hand rau und warm ist. Sie zieht die Schuhe aus, legt die nackten Füße auf die Decke. Die Zehen finden einen warmen Platz. Mamas Arm legt sich um Emmas Schultern. Papas Hand liegt auf Emmas Rücken. Kein Wind. Nur noch das Sinken der Sonne und die Stille, die nach Honig riecht.
Emmas Augen sind fast ganz zu. Nur noch ein kleines Licht will durch den Spalt sehen. Alles fühlt sich schwer und federweich an, wie warme Wolle. Die Welt ist ganz klein jetzt, nur noch Mamas Hand, Papas ruhiger Arm und das sanfte Kissen am Kopf. Der letzte Gedanke… ist nicht mehr ganz ein Gedanke…
Nichts muss mehr gesagt werden.
Ein tiefer Atemzug.
Ein wenig Wärme. Ein letzter Lichtschimmer auf dem Lid. Ruhe.




