Igel Igo und der heiße Sommertag
Igo kauert zu dicht am Zaun. Die Sonne brennt auf seinen Rücken. Zwischen den Stacheln staut sich warme Luft. Jeder Stachel spannt, als würde er einzeln schwitzen. Igo schlägt mit der Zunge gegen den Gaumen. Alles riecht nach Staub und trockenem Gras. Die Hitze kribbelt in seinen Pfoten. Unter seinem Bauch: Stein. Der Stein brennt. Igo zieht die Füße schnell ein. Kein Ort für einen Igel.
Vorwärtsrutschen. Zucken. Die Nase zuckt immer schneller, sucht einen kühlen Hauch. Da—feuchte Erde? Kompost. Der Duft kriecht schwer und süß in seine Nase. Igo schlängelt zum Komposthaufen, das Moos piekst an Bauch und Schnauze.
Berta. Ein Tropfenschrei landet neben ihm. Berta die Amsel hüpft über verkrusteten Kompost. Ihre Flügel flattern. Krümel spritzen gegen Igos Gesicht. Berta lacht. Ein Knacken. Igo friert. Kurz. Dann noch ein Schritt. Kalte Kompostluft an der Seite. Doch Bertas Krallen kitzeln ihm fast den Rücken. Unruhe kriecht in seine Flanke, lässt ihn kurz stampfen. Weg. Kurz zurück. Der Kompost riecht nach Leben, aber die Amsel stört. Keine Ruhe dort.
Igo wippt die Nase. Seitwärts. Sucht nicht mehr mit Augen. Die sind trüb heute, blinzeln gegen Licht. Nur die Gerüche werden stärker. Da, hinter einem Haufen gammeliger Blätter: Holz. Der Holunderbusch. Unter den Blättern atmet die Kühle. Es duftet dunkel nach Wurzel und Schatten. Aber dazwischen kriechen trockene Zweige, pieken gegen das Fell. Igo schiebt. Rutscht. Stemmt sich tiefer. Ein Ast krazt quer am Rücken. Er springt zurück. Bleibt stehen. Die Wärme rinnt an jeder Seite. Noch nicht richtig. Noch nicht kühl genug.
Ein Synapsenzucken. Wasser? In allen anderen Ecken riecht Erde und Blätter, nur dort links riecht es nach Metall und Nass. Die Schale, die große, irgendwo im hellen Fleck. Igo zuckt einmal. Geht langsam. Die Luft hier flimmert. Jeder Schritt schneidet heiß durch die Ballen. Die Welt ist heller als sonst. Hier draußen hört man Bertas Flügel nicht mehr, nur das eigene Atmen im heißen Ohr. Die Zunge hängt schwer aus dem Maul. Noch ein Ruck. Ein kalter Hauch über dem Wasser. Igo beugt sich. Trinkt lang. Tropfen klettern über seine Schnauze. Kühles prickelt kurz auf dem Gaumen. Aber die Sonne brennt seitlich. Jede Nähe zur Schale wird schwerer, sie zieht, aber verbrennt. Kein Platz zum Bleiben, auch wenn das Wasser lockt.
Igo taumelt. Zieht sich zurück. Die Nase tastet. Irgendwo hinter dem Busch, knapp am Zaun, zieht ein Schatten Fäden durch das Gras. Hier riecht die Erde nachtfeucht zwischen Wurzeln. Kein Ast, keine Amsel, kein Stein. Igo schiebt sich unter die Holunderblätter. Sie atmen dicht über seinem Rücken. Da liegt Moos, feucht und dunkelgrün. Ein Käfer krabbelt. Igo stört ihn nicht. Spürt nur noch das Gewicht des Tages aus dem Rücken sacken.
Die Luft steht still, aber hier: eine Bewegung. Kein Wind, aber das Moos gibt nach, schmiegt sich um Igos Bauch. Alles riecht grün – das leise, eckige Grün von Schatten. Die Gerüche werden langsamer. Die Welt ist schwer, dunkel und weich. Weit weg kräht Berta.
Igo zuckt einmal. Dann nicht mehr. Liegt, die Pfoten ausgestreckt, zwischen dem Duft nach Erde, Moos und versunkenem Licht. In seinem Schatten wird die Luft langsam dicker. Ein letztes Blinzeln. Späte Käfer streifen im Halbdunkel. Igo rührt sich kaum. Nichts muss passieren. Nicht einmal innen.




