Eine Woche ohne WLAN am Meer
Sie steht auf der Schwelle. Der Griff, schwerer als gedacht, spannt einmal kurz gegen die Handfläche. Das Haus atmet Dunkelheit aus, kühle Steine unter nackten Füßen, die Laufsohle weich nach der langen Fahrt. Der Bauch, ein Rest Zugluft. Nichts lädt hier; kein Surren, kein Wlan-Piepsen als Hintergrundhauch. Nur das Knacken ihrer eigenen Zehen, wenn sie loslässt.
Später am Fenster im hohen Licht: Die linke Schulter wärmer als die rechte, Geländer aus rauem Eisen – unter ihren Fingern pulsiert fremde Kälte. Die Hand ist leer, der Daumen zuckt noch einmal, sucht das Gewicht einer Form, die nicht mehr da ist. Konnte doch… Nachricht? …Nein. Die Welt außen ist ein heller Streifen, wird durch Glas und Haut zu innerem Vibrieren. Eine Welle schlägt weit unten irgendwohin, sie fühlt sie nicht – aber ihr Ohr bleibt gespannt, als ahnte es ein Geräusch, das nicht kommen will.
Abends: Der Sessel. Das Kissen zu prall, die Beine schwer, das Becken weich. Atem schiebt sich langsam gegen den Hosenbund, hält kurz an. Da ist eine Unruhe in den Oberschenkeln, als müsste sie gleich aufspringen, jemand anrufen, ein Fenster schliessen, etwas schicken, bevor die Zeit abläuft. Das Telefon liegt nicht auf dem Couchtisch – und die Finger spüren das Fehlen, reiben sich suchend aneinander wie zwei große Kiesel im Wasserbett. Was wollte ich… Die Liste, das hab ich— Die Gedanken geraten ins Stocken, sacken in den Körper, lösen sich wieder und der Brustkorb lässt sich nieder, ist schwerer als gestern.
Morgen. Juli. Der Gang zum Strand: Sand zwischen Zehen, feiner als erwartet, kühlt die Sohlen, schiebt sich wie Wasser in die Falten am Ballen. Der Wind zieht an den Haaren, sie spürt, wie einzelne Strähnen auf die Wange fallen, irritierend weich. Hände in den Hosentaschen, warm und feucht innen, Fingerknöchel reiben an dünnem Stoff. Kein Klirren, kein Drücken von Schlüsseln, nur die leere Tasche, die irgendwie zu groß wirkt. Kopf zu voll. Wörter, Aufgaben, Termine. Vergeht, wenn der Sand sich tiefer schiebt, zwischen kleinen Zehen und Herzschlag.
Frühstück im Dorf, das Café leer – nur sie. Geräusche dringen dumpf: Tassen, ein entferntes Lachen von der anderen Straßenseite, nicht mehr als ein Vibrieren im Brustkorb. Ihr Atem fliegt flach gegen die Rippen, will schneller, wird gebremst durch die kleine Pause zwischen jedem Schluck. Kaffee, heiß, rollt am Gaumen, tastet nach einer Bitterkeit, die sie heute nicht findet. Alles ist langsam, auch das Sitzen. Die Oberschenkel, noch schwerer, neigen sich in den Stuhl, verweilen, als wäre der Körper in der Luft hängen geblieben, als müsste er neu lernen, wo oben und unten ist.
Spätnachmittag. Holzstufen, die knarzen unter dem linken Ballen, als wollten sie die Länge ihres Tages aufzählen. Ihre Schultern, hängender, fast fremd an ihr, als hätte sie sie nur geliehen für diese Woche. Wieviel ist noch zu tun… Hab ich das… Neunhundertzwanzig ungelesene— Abbruch, als der kleine Muskel im Nacken sich ausdehnt, loslässt, den Kopf langsamer macht. Die Handflächen auf dem Holzgeländer warm; das Holz gibt nach unter ihrer Temperatur, als wolle es sie aufnehmen.
Abendwellen, jetzt wirklich. Nur hören. Das Poltern, rhythmisch, wie ein dumpfer Schlag gegen feuchte Haut – mit jedem Aufprall spürt sie einen kurzen Stoß im Zwerchfell, als hätte das Meer ihr einen Kieselstein zugeworfen. Atmen, der Bauch dehnt sich, wird weich, dann wieder fester, wenn das Geräusch zu schwellen scheint. Mailbox, etwas vergessen— nicht wichtig? Das Ohr schiebt sich nach vorn, jagt dem Rhythmus hinterher, bis der Ton verrauscht.
Woche vergeht, als würde sie sich gleichmäßig in den Körper drücken: Sie sitzt am Fenster, Ellbogen weich gegen das abgekühlte Holz, jeden Abend ein kleines Stück tiefer eingesunken in das Polster. Knie nicht mehr angewinkelt, Zehen ausgestreckt, der Brustkorb breiter. Die Hand, die sonst nach dem Handy sucht, tastet nur noch nach dem Stoff am Oberschenkel, fährt darüber, als wollte sie die Fäden zählen. Der Kopf ist voll von Satzanfängen, Listenresten, gesprächsfragmenten. Dann einfach: Stille im Körper, als würde das Innen von außen warm gedrückt.
Kein Wecker, kein Vibrationssignal. Nur der Druck des eigenen Atems im Bauch, weicher als zu Beginn, und auf dem rechten Oberschenkel eine Spur von Sonne, die langsam in der Haut nachklingt.




