August im leeren Buero
Freitagmorgen, Grossraumbuero um halb zehn. Die Klimaanlage rattert wie ein verlegener Smalltalk – laut, unvermeidbar, nie wirklich erfrischend. Das Echo von Tastaturklappern fehlt, nur Claras Stuhl quietscht ab und zu. Alles andere ist Stille. Nils sitzt drei Reihen entfernt. Eigentlich. Heute lehnt er sich fast zu weit ins Licht, das sonst immer von Aktenordnern verstellt wird.
“Letzte im Paradies?”
Claras Stimme klingt nach Email-Signatur, nüchtern, aber nicht ganz so geordnet wie sonst. Nils dreht sich, Grinsen wie die Vorschau auf einen Fehlerbericht.
“Ich bin freiwillig hier, klar. Hab den Pool im Keller.”
Sonne trifft Monitor. Die Reflektion sieht aus wie eine Einladung, aber nur in diesem Winkel. Clara tippt, löscht, tippt wieder. Ihre Knie sind zu dicht an der Kante des Schreibtischs. Kein Zufall.
Pause. Luft flimmert.
Nils steht auf, balanciert seinen Coffee-to-go-Becher als würde es Publikum geben.
“Küche? Kaffee ist tot.”
Ein Raum, der nach Wochenende schmeckt, auch wenn die Woche noch läuft.
Sie folgt, nie wirklich gleichzeitig, aber deutlich genug. Kaffeemaschine prustet, als hätte sie einen Kommentar dazu.
Nils betrachtet die Mikrowelle zu lange.
“Irgendwann merken sie, dass wir uns nicht clone-mäßig vermehrt haben, oder?”
Clara hebt die Brauen. “Vermutlich erwarten sie, dass wir den Laden übernehmen. Falls wir fertig werden mit…na, allem.”
Er lacht kurz. “Ich kann ziemlich viel liegen lassen, du?”
Die Hitze arbeitet zwischen Fensterschatten und Fliesenboden. Sie nippt am Kaffee, der zu bitter ist. Irgendwo läuft ein Lüfter heiser an.
Zweiter Akt, Flurfunk ohne Worte.
Ein leerer Flur klingt wie Erwartungen, die keiner aussprechen will. Auf dem Weg nach draussen stehen Open-Space-Stühle im Halbkreis – unbesetzt, als warteten sie auf Geschichten, die nicht passieren.
Nils bricht die Stille: “Lust auf Dach? Ich geh eh zum Rauchen, keine Angst, ich will niemanden bekehren.”
Schatten tanzen auf Claras Schuhen. Sie zuckt mit den Schultern – zu lässig für ihren Stil. “Frische Luft klingt okay, aber falls ich runterfalle, sag, es war ein Meeting-Exit.”
Tür auf, Treppenhaus. Die Klimaanlage bleibt unten wie ein beleidigter Kollege. Die Luft oben ist warm, riecht nach Stadt und Rest-Pausenbrot. Man sieht alles, was sie sonst immer verpassen.
“Schöne Aussicht. Teil nur mit den Besten?”
Seine Zigarette ist mehr Ausrede als Sucht. Clara stellt ihren Kaffee neben ihm ab, so dicht, dass ihre Ellenbogen sich nicht ganz berühren. Beide schauen so demonstrativ weg wie nur Menschen, die sich zu oft absichtlich ignoriert haben.
“Hast du eigentlich was vor? Also irgendwann mal?”
Er wartet, als meinte er Jahreszeiten. Sie nimmt einen Schluck, überlegt zu lange.
“Klar. Ich hab Pläne. Aber die verhalten sich wie Urlaubsanfragen im August – werden selten bewilligt.”
Er nickt. “Meine auch. Liegen meistens in Quarantäne.”
Dritte Szene: Der Schatten zwischen ihren Pausen.
Zurück an den Schreibtischen. Clara tippt, löscht, starrt dann auf einen leeren Kalender. Nils zieht ein verlaufenes Gesicht aus einer Kaffeetasse und streckt die Finger, als würden sie von selbst Richtung ihrer Seite wandern.
“Funktioniert dein WLAN? Meins geht wie mein Arbeitsethos auf Halbmast.”
Clara lehnt sich vor, zu nah, als könnte sie das Netz mit Geruch reparieren. “Liegt bestimmt am Wetter. Im Sommer gehen immer Systeme kaputt. Ist– statistisch belegt.”
Blickkontakt. Zu lang. Keiner macht den nächsten Satz. Die Klimaanlage verstummt – der Moment ist kurz, aber unbequem ehrlich.
Er rutscht zurück, zu schnell für seine Absicht.
“Dann hoffe ich, der August dauert noch. Für die Statistik.”
Sie lächelt. Nur mit den Augen.
Letzter Nachmittag, alles glimmt und bleibt ungesagt.
Küche. Kühlschrank summt, als würde er Fremdsprachen sprechen. Ein Joghurt, zwei Löffel. Unbeholfen teilen. Sie steht, er sitzt. Ihr Schatten fällt genau auf seine Hand.
Nils: “Du wohnst doch nicht wirklich am anderen Ende der Stadt, oder?”
Clara: “Kommt drauf an, von wo man misst.”
Löffel klirrt.
Nils: “Von hier aus wirkt’s wie Mars.”
Sie lacht, leise genug, dass man es fast beschreiben könnte. Fast.
Der Tag wird länger, aber irgendwas ist weniger schwer. Auf der Terrasse treiben Wolken, irgendwo unten erwacht das Buero langsam aus dem Sommerschlaf.
Clara legt den Löffel neben den Becher. “Gleiche Zeit nächste Woche? Falls’s keiner merkt, dass wir noch existieren?”
Er nickt. “Falls die Kaffeemaschine nicht vor uns aufgibt, klar.”
Irgendwo schaltet sich die Klimaanlage wieder an. Ob es wirklich kühler wird, weiß keiner so genau.




