Zehn Tage auf dem Segelboot
Am ersten Tag steht Stefan barfuß auf dem Holzdeck und merkt zuerst nicht das Meer, nicht die gemietete Kajüte, nicht die zehn Tage, die vor ihm liegen, sondern nur die Kante einer Diele unter dem rechten Fußballen. Sie drückt sich schmal in die Haut, gerade genug, um seinen Körper an eine Stelle zu holen, an diesen einen Punkt, an dem Gewicht ankommt. Die Wärme liegt flach auf den Fußsohlen, steigt langsam durch die Knöchel, bleibt an den Waden hängen, als müsse auch sie sich erst gewöhnen, dass nichts weiter von ihm verlangt wird.
Er hat die Tasche abgestellt, den Safe geschlossen, das Handy hineingelegt, den Schlüssel in eine kleine Schublade geschoben, und trotzdem zuckt seine rechte Hand alle paar Minuten zur Hosentasche. Nicht weit. Nur ein halber Weg. Die Finger krümmen sich, tasten Stoff, finden nichts und werden für einen Atemzug hart. Nur kurz prüfen. Dann lockert sich der Daumen. Dann merkt er, dass seine Schultern hoch stehen, nah an den Ohren, als trügen sie noch den Riemen einer Laptoptasche, die nicht mehr da ist.
Das Boot bewegt sich unter ihm in einem Takt, den Stefan am Anfang nicht als Takt erkennt. Es hebt ihn an, ganz wenig, lässt ihn wieder sinken, und der Bauch antwortet mit einer kleinen Spannung, als müsse er jeden Wechsel ausgleichen. Die Muskeln um die Rippen halten fest. Die Zehen spreizen sich auf dem Deck. Er steht da, obwohl er sitzen könnte, weil Sitzen schon zu sehr nach Nachgeben klingt, und Nachgeben ist etwas, wofür sein Körper offenbar keinen klaren Auftrag erhalten hat.
Die Präsentation am Montag. Der Satz bleibt ohne Ende. Er hängt irgendwo zwischen Brustbein und Kehle und wird dort nicht weitergedacht. Stefan hebt die Hand, fährt sich über den Nacken, spürt die Haut dort warm und feucht, spürt darunter ein Band, das querzieht und nicht wissen will, dass kein Montag auf diesem Boot liegt. Zehn Tage. Er versucht die Zahl im Körper unterzubringen, doch sie bleibt abstrakt, eine Zahl aus Kalendern, aus Abwesenheitsnotizen, aus automatischen Antworten.
Als er später die Leinen löst, sind es seine Handflächen, die entscheiden müssen. Das Tau liegt rau in ihnen, trocken an manchen Stellen, glatt an anderen, und er zieht zu fest, obwohl es nicht nötig ist. Die Finger schließen sich, als hielten sie sich an einer Aufgabe fest. Arbeit ist leicht zu erkennen, wenn sie Zug hat, Widerstand, ein Ende. Ein Knoten gibt nach. Ein anderer hält. Stefan spürt eine kleine Zufriedenheit im Handgelenk, dann sofort wieder das alte Vorwärtsdrängen. Was kommt als Nächstes?
Der zweite Tag beginnt mit einem Gewicht in den Augenlidern, noch bevor er sie öffnet. Nicht Müdigkeit, eher ein Rest von Beschleunigung, der in ihm weiterläuft. Sein Rücken liegt auf der schmalen Koje und passt sich nur widerwillig an. An der Hüfte drückt die Kante der Matratze. Zwischen den Schulterblättern sammelt sich Wärme. Der Körper ist wach, aber nicht bereit. Er wartet auf ein Signal, auf einen Ton, auf eine Forderung, und weil nichts kommt, erzeugt er eine Forderung aus sich selbst.
Stefan setzt sich auf. Die Bauchmuskeln greifen schnell, zu schnell, als müsse er aufspringen. Dabei schwankt das Boot nur weich unter ihm, und die Bewegung wandert durch sein Becken, durch die Wirbelsäule, bis in den Hinterkopf. Für einen Moment wird ihm eng im Magen. Nicht Angst. Eher ein Einwand. Der Körper sagt: Das ist kein fester Boden. Der Kopf sagt: Doch, daran gewöhnst du dich. Und zwischen beiden bleibt Stefan sitzen, die Hände auf den Oberschenkeln, die Finger gespreizt, bis die Haut unter den Handflächen warm wird.
Er trinkt Wasser und schmeckt Salz auf den Lippen. Es ist nicht viel, nur ein feiner Rand, der bleibt, nachdem die Zunge darübergegangen ist. Der Geschmack holt ihn nicht hinaus, sondern weiter hinein, an den Mund, an die kleine Trockenheit in den Mundwinkeln, an das Schlucken, das langsamer wird, wenn er nicht nebenbei denkt. Die Zahlen aus dem letzten Call. Ein Rest Bitterkeit mischt sich dazu, oder er bildet es sich ein. Dann ist wieder nur dieser salzige Saum da.
Am dritten Tag liegt er zum ersten Mal länger auf dem Deck. Die Wärme hat nun nicht mehr nur eine Oberfläche. Sie liegt auf seinem linken Schulterblatt, schwerer dort als rechts, sie füllt den Stoff seiner Hose an den Oberschenkeln, sie sammelt sich in den Ellbogenbeugen. Stefan will eine Position finden, die endgültig ist, aber der Körper macht kleine Korrekturen. Ein Knie sinkt nach außen. Der Unterkiefer löst sich einen Spalt. Die Zunge liegt breiter im Mund.
Seine Hand bewegt sich wieder zur Tasche. Es geschieht ohne Entscheidung. Erst als die Fingerspitzen den leeren Stoff berühren, merkt er den Weg. Die Hand bleibt dort liegen, flach auf dem eigenen Oberschenkel, als sei sie ertappt worden. Vielleicht ist etwas Dringendes. Der Gedanke kommt mit einem Druck hinter der Stirn. Dann spürt Stefan, wie der Atem gegen den Bund seiner Hose stößt. Ein. Stoff hebt sich. Aus. Stoff sinkt. Nichts wird erledigt. Trotzdem geht der nächste Atemzug weiter.
Das Schaukeln ist an diesem Tag noch ein Stören. Es kommt unter dem Rücken an, wenn er gerade glaubt, eine gerade Linie gefunden zu haben. Die Wirbelsäule antwortet mit kleinen Haltebewegungen. Die Fersen drücken sich ins Deck, lösen sich, drücken wieder. Stefan merkt, wie viel Arbeit im Liegen sein kann, wenn ein Körper gelernt hat, den Boden zu kontrollieren. Wenn ich zurück bin, zuerst die Mails. Der Satz zerfällt an den Rippen.
Am vierten Tag fährt der Wind als Druck über seine Haut. Mehr nimmt er nicht von ihm. Kein Bild, kein Geräusch, nur diesen wechselnden Druck an den Unterarmen, an der Stirn, an den offenen Stellen zwischen Hemd und Hals. Er richtet das Segel, und der Stoff zieht an den Leinen, sodass seine Schultern wieder fest werden. Kurz ist da die alte Präzision: greifen, ziehen, sichern, prüfen. Der Körper kennt sie gut. Zu gut. Danach steht er im Cockpit und merkt, dass seine Handflächen warm pochen.
Er setzt sich nicht sofort. Er bleibt stehen, bis die Anspannung in den Oberschenkeln sichtbar wird, nicht mit den Augen, sondern von innen, als Zittern, das kaum beginnt und gleich wieder verdeckt wird. Du musst die Zeit nutzen. Wofür. Der zweite Teil kommt nicht. Seine Knie werden weicher, als hätten sie auf eine Erlaubnis gewartet, die niemand ausgesprochen hat. Er sinkt auf die Bank, langsam, und der Rücken findet die Lehne nicht als Möbel, sondern als Grenze, gegen die er sich für einen Moment lehnen darf.
In einer einsamen Bucht, am fünften Tag, wird die Umgebung klein. Sie besteht aus der Wärme des Decks, die durch das Handtuch an seine Schulter sickert, aus dem leichten Brennen an den Unterarmen, aus dem Abdruck der Naht an seiner Wade. Stefan hat aufgehört, die Uhr zu suchen. Nicht ganz. Manchmal bewegt sich der Blick noch zu dem Platz, an dem sie liegen könnte, doch der Körper folgt nicht mehr. Die Hand bleibt auf dem Bauch. Die Finger heben sich mit dem Einatmen und sinken mit dem Ausatmen, und diese Bewegung reicht eine Weile aus, um beschäftigt zu sein.
Was, wenn sie ohne mich… Der Gedanke endet, weil ein Ausatmen länger wird als erwartet. Es ist kein großes Ausatmen. Nur ein Faden, der nicht sofort abreißt. Der Bauch wird darunter weich, nicht ganz, aber an einer kleinen Stelle rechts vom Nabel. Stefan legt die Aufmerksamkeit dorthin, ohne es Absicht zu nennen. Die Stelle bleibt warm. Dann wird sie größer. Dann wieder kleiner. Der Kopf versucht, daraus etwas zu machen. Der Körper bleibt bei der Wärme.
Am sechsten Tag merkt er beim Aufstehen, dass seine Füße nicht mehr nach festem Land fragen. Sie setzen sich auf das Deck, breit, langsam, als hätten sie begriffen, dass der Boden unter ihnen antwortet. Das Schaukeln kommt und der Körper geht ein Stück mit. Nicht sofort, nicht elegant, aber weniger dagegen. In den Sprunggelenken entsteht ein Nachgeben, kaum mehr als eine innere Beugung. Die Waden halten nicht so hart. Der Bauch wartet nicht mehr auf den nächsten Einwand.
Er frühstückt ohne Plan. Zwischen zwei Bissen legt er die Hände auf die Oberschenkel. Dort liegen sie schwer. Nicht müde. Schwer auf eine Weise, die nichts mehr greifen muss. Der Daumen der rechten Hand zuckt einmal, klein, als wolle er eine unsichtbare Nachricht öffnen. Dann rollt er zurück in die Handfläche. Später vielleicht. Auch das wird nicht weitergeführt. Stefan spürt den Kontakt der Haut auf der Haut, diesen stillen Kreis aus Finger und Ballen, und bleibt dabei, bis der Atem wieder von selbst tiefer fällt.
Am siebten Tag zieht eine Trägheit durch ihn, die er zuerst für Nachlässigkeit hält. Er braucht länger, um eine Leine aufzunehmen. Länger, um sich zu entscheiden, ob er sitzen oder liegen will. Länger, um aufzustehen, wenn er schon sitzt. Doch in diesem Länger liegt keine Schwere gegen ihn. Es ist eher, als hätten seine Bewegungen mehr Raum bekommen, als müssten sie nicht mehr durch einen engen Durchgang. Die Schultern sinken nicht dramatisch. Sie hängen einfach ein wenig tiefer.
Er denkt an sein Büro und spürt zuerst den Kiefer. Die Zähne berühren sich. Dann lässt der Kontakt nach. Das Bild vom Schreibtisch bleibt unfertig, weil die Zunge sich löst und der Mund innen weiter wird. Der Vertrag. Ein kurzer Druck im Brustbein. Dann Wärme darüber, nicht von außen, sondern aus dem eigenen Atem. Stefan legt zwei Finger auf die Stelle, ohne zu drücken. Die Haut unter den Fingerspitzen hebt sich kaum. Trotzdem ist Bewegung da.
Am achten Tag ist das Schaukeln keine Störung mehr. Es ist im Becken angekommen. Wenn das Boot hebt, hebt sich etwas in ihm mit, und wenn es sinkt, sinkt auch ein Teil seiner Anspannung, ohne dass er nachhelfen muss. Er liegt auf dem Rücken, ein Arm über dem Kopf, der andere neben dem Körper. Die Achsel ist warm. Die Rippen öffnen sich langsam zur Seite. Zwischen zwei Atemzügen gibt es eine kleine Pause, und in dieser Pause arbeitet nichts nach.
Die Zeit verliert ihre Kanten zuerst in den Händen. Stefan weiß nicht, ob er seit zehn Minuten oder seit einer Stunde so liegt. Die Finger haben sich halb gekrümmt, nicht zu einer Faust, nicht offen, sondern irgendwo dazwischen. Der Handrücken berührt das Deck. Wärme sammelt sich dort, breitet sich über die Knöchel, bleibt in den Gelenken hängen. Ich müsste… Der Rest findet keinen Halt. Die Hand bleibt, wo sie ist.
Am neunten Tag kommt ein kurzer Widerstand zurück, als er den Safe öffnet, nur um den Schlüssel zu suchen, und das Handy darin liegen sieht. Schon der Anblick ist nicht nötig; sein Körper reagiert, bevor ein klarer Gedanke entsteht. Der Atem wird flacher. Die Finger werden kühl. Ein Zug läuft vom Daumenballen bis in den Unterarm. Er steht gebückt in der kleinen Kabine, und der Rücken beschwert sich über diese Haltung, als wolle er ihn erinnern, dass auch Neugier eine Form von Spannung sein kann.
Er schließt den Safe wieder. Nicht feierlich. Nicht entschieden. Nur mit einer Bewegung, die etwas müder ist als das Verlangen. Danach bleibt er in der Kabine sitzen, die Hände auf den Knien. Die Kuppen der Finger pulsieren. Der Atem braucht eine Weile, bis er wieder bis zum Bauch reicht. Vielleicht hat niemand… Es endet dort. Stefan merkt, wie der Nacken nachgibt, Wirbel für Wirbel nicht, eher als Fläche, die sich von innen verbreitert.
Später liegt er draußen und misst nichts. Die Wärme auf seinem Brustkorb wandert nicht, oder er verfolgt sie nicht mehr. Sie ist da, und darunter hebt sich etwas, senkt sich, hebt sich wieder. Die Haut am Bauch spannt bei jedem Einatmen ein wenig gegen den Stoff. Beim Ausatmen bleibt ein Rest Weichheit zurück, der nicht sofort verschwindet. Stefan wartet nicht darauf. Er merkt es erst, als es schon da ist.
Am zehnten Tag hat sein Körper den Morgen vor ihm gefunden. Die Füße stehen auf dem Deck, bevor der Kopf eine Liste beginnen kann. Das Gewicht verteilt sich ohne Befehl. Die Knie sind locker. Die Schultern warm. In den Händen liegt kein Auftrag. Er bereitet die Rückfahrt vor, langsam, und jedes Tau geht durch seine Finger, ohne dass er es festhalten muss, nachdem es gehalten hat. Greifen. Ziehen. Loslassen. Dazwischen genug Raum für einen Atemzug.
Zurück. Das Wort kommt, aber es stößt nicht mehr so hart gegen ihn. Es liegt kurz im Brustraum, sinkt dann tiefer, als wäre es auch nur ein Gewicht, das seinen Platz sucht. Stefan setzt sich ein letztes Mal auf die Bank im Cockpit. Das Boot bewegt sich. Sein Körper bewegt sich mit. Der Bauch bleibt weich genug, um nicht alles abzufangen. Die Hände ruhen ineinander. Sein rechter Daumen liegt offen in der Mulde seiner linken Hand.



