Jonas lernt neue Gefühle
Im Wohnzimmer lag der Herbstabend weich auf dem Teppich. Jonas saß mitten darauf, drei Jahre alt, mit einem roten Bauklotz in der Hand. Draußen rieb der Wind leise an den Blättern. Drinnen brummte irgendwo die Wohnung, klein und vertraut.
Jonas wollte Papa etwas zeigen. Er hob den Klotz hoch. Sein Mund machte sich rund. Seine Augen wurden groß. ‘Da… ba… hoch’, sagte er. Die Wörter kamen nicht so, wie Jonas sie brauchte. Sie purzelten. Sie blieben stecken. Sie waren zu klein für das große Gefühl in seinem Bauch.
Papa kniete sich auf den Teppich. ‘Du möchtest den Turm höher bauen?’ fragte er leise. Jonas drückte die Lippen zusammen. Nein. Nicht so. Seine Hände mahlten in der Luft. Der Klotz klopfte gegen sein Knie. Ein Fuß stampfte einmal auf den Teppich, dumpf und weich. Sein Gesicht zog sich zusammen, als wollte es auch ein Wort werden.
Mama kam aus der Küche. Es roch nach warmem Abendessen, nach Suppe und Brot. Jonas zeigte auf den Klotz, dann auf das Sofa, dann auf seinen Bauch. ‘Nich… da… Mama… mmm.’ Die Wörter waren wieder lückenhaft. Jonas atmete schneller. Seine Finger öffneten und schlossen sich.
Mama setzte sich neben ihn. Sie sagte nicht gleich viel. Sie schaute nur. Auf den Klotz. Auf das Sofa. Auf Jonas’ Bauch. Dann nahm sie die kleine Decke vom Sofa und legte sie neben den Turm. ‘Ah’, sagte sie. ‘Der Klotz soll ein Bett haben.’ Jonas hielt still. Sein Fuß hörte auf zu stampfen. Sein Gesicht wurde weich. ‘Bett’, sagte er. Nur das eine Wort. Aber das eine Wort passte.
Papa legte einen gelben Klotz als Kissen dazu. Mama legte zwei blaue Klötze wie eine Decke. Jonas sah zu. Seine Schultern sanken ein kleines Stück. Er wollte noch bauen. Er griff nach dem nächsten Stein. Doch seine Hand blieb einen Moment auf dem Teppich liegen, als hätte der Teppich sie freundlich festgehalten.
In der Küche klirrte ein Löffel in der Schüssel. Jonas hörte es noch. Dann nicht mehr richtig. Das Wohnzimmer wurde leiser. Die Ecken des Sofas waren nicht mehr so scharf. Die Farben der Klötze wurden weicher, Rot und Gelb und Blau, alles nahe beieinander.
Beim Abendessen saß Jonas zwischen Mama und Papa. Der Stuhl war warm von seinem kleinen Körper. Die Küche roch noch nach Suppe. Jonas wollte sagen, dass die Suppe zu heiß war, aber auch gut, und dass der Löffel zu groß war, und dass er selbst halten wollte. Sein Mund suchte. ‘Heiß… ich… nein… selber.’
Der Löffel wackelte in seiner Hand. Ein Tropfen fiel auf den Tisch. Jonas’ Stirn bekam eine Falte. Die Hand mit dem Löffel machte kleine Kreise. Sein Fuß schob gegen das Stuhlbein. Papa nahm den Teller nicht weg. Mama pustete nur einmal über den Löffel und hielt ihre Hand darunter. ‘Selber’, sagte sie. ‘Und ich helfe ein bisschen.’
Jonas führte den Löffel zum Mund. Langsam. Sehr langsam. Ein bisschen Suppe kam an, ein bisschen blieb am Kinn. Mama tupfte nicht sofort. Papa lächelte nur mit den Augen. Jonas schluckte. ‘Gut’, sagte er. Das Wort war klein. Das Gefühl war groß genug.
Nach dem Essen gingen sie ins Kinderzimmer. Der Flur war dämmrig. Die Küche blieb hinter ihnen, mit ihren Tellern und ihren kleinen Geräuschen. Erst hörte Jonas noch den Stuhl, den Papa an den Tisch schob. Dann hörte er nur noch Papas Schritte. Dann nur noch Mamas leise Stimme.
Im Kinderzimmer wartete das Bett. Die Decke war umgeschlagen. Der Schlafanzug lag bereit. Jonas zeigte auf seine Hose. ‘Nein. Noch. Auto.’ Er wollte noch spielen. Sein Körper sagte etwas anderes. Ein Knie knickte beim Stehen weich ein. Seine Hand rieb über ein Auge. Der Kopf lehnte kurz an Mamas Arm und richtete sich wieder auf.
‘Auto später’, sagte Papa. ‘Erst Ärmel.’ Jonas zog die Hand weg. Er wollte nein sagen. Sein Mund öffnete sich. Es kam nur ‘Nnn’. Dann hob Mama den Ärmel weit auf, wie einen kleinen Tunnel. Jonas schob die Hand hindurch. Erst eine Hand. Dann die andere. Der Stoff glitt über die Arme.
Das Zimmer wurde kleiner. Nicht eng. Nur nah. Das Regal stand still. Die Spielzeugautos standen still. Die Bausteine sagten nichts. Jonas sah sie an, als müsste er noch etwas erklären. Seine Finger zeigten auf das rote Auto. Dann fielen sie in Mamas Hand.
Papa zog die Vorhänge zu. Draußen war der Herbst nur noch dunkel hinter Stoff. Keine Blätter mehr. Kein Wind mehr. Nur das Zimmer.
Jonas lag im Bett und wollte sich wieder aufsetzen. Sein Bauch hob sich. Sein Kopf hob sich ein wenig. Dann sank er zurück.
‘Noch Buch’, murmelte er.
Mama setzte sich an die Bettkante. Sie legte eine Hand auf die Decke. ‘Ein kleines Stück’, sagte sie.
Papa las langsam. Die Bilder im Buch wurden nicht mehr wichtig. Jonas sah erst den Bären. Dann nur noch die runde Seite. Dann nur noch Papas Stimme.
Die Stimme wurde weich.
Jonas’ Finger hielten den Rand der Decke.
Dann hielten sie weniger fest.
Er wollte etwas sagen.
Sein Mund formte ‘Ma…’
Mama verstand und blieb.
Papa verstand und machte das Buch leise zu.
Das Licht wurde klein.
Das Zimmer wurde warm.
Jonas atmete ein.
Jonas atmete aus.
Sein Wort lag noch im Atem, halb und weich




