Schwein Lisa und die große Welt
Lisa steckte die Schnauze tief in den Trog. Warmes Futter klebte am Rand. Sie schob, schmatzte, hielt inne. Unter dem schweren Geruch von Kartoffelschalen lag etwas Dünnes. Gras. Klee. Ferne Erde.
Die anderen Schweine drängten links und rechts. Bäuche rieben. Borsten kitzelten. Lisa fraß gern, aber nur das, was ihre Nase vorher geprüft hatte. Ein Stück Rübe blieb liegen. Der Klee hinter dem Zaun zog stärker.
Sie hob den Kopf. Ihr rechtes Ohr kippte nach vorn. Das linke blieb bei der Herde.
„Grunz?“, machte der dicke Bruno.
Lisa antwortete nicht. Ihre Beine trappelten schon.
Am Zaun war eine Lücke. Gestern hatte der Bauer dort einen Pfosten schief gelassen. Lisa schob die Schnauze hinein. Die Lücke roch nach altem Holz und trockenem Staub. Sie drückte. Der Bauch blieb hängen.
„Hrrmpf.“
Sie drückte fester. Nichts.
Hinten quiekte ein Ferkel. Vorn lockte der Klee. Lisa zog die Beine an, wackelte, rutschte ab und landete mit dem Kinn im Staub. Eine kleine Staubwolke klebte an ihrer feuchten Nase.
Noch einmal.
Diesmal drehte sie sich seitlich. Erst die Schnauze. Dann ein Ohr. Dann der runde Bauch. Der Zaun kratzte über ihre Borsten, und Lisa plumpste hinaus auf die Hofseite. Sie blieb stehen. Die Welt vor ihren Augen war weich und wackelig. Aber der Weg roch klar.
Sie trottete los.
Die Sommerwiese lag warm unter ihren Klauen. Halme strichen an ihrem Bauch. Lisa schnupperte tief. Klee. Löwenzahn. Ein Käfergang in der Erde. Sie folgte einer Spur, verlor sie, fand eine andere und stieß gegen einen umgefallenen Eimer.
Klong.
Lisa sprang zurück.
Aus einer Pfütze hob eine Ente den Kopf. Ihre Federn standen an einer Seite hoch, als hätte der Wind daran gezupft. Sie paddelte gern, aber sie zog die Füße immer hoch, wenn Schlamm daran klebte.
„Quiek!“, sagte die Ente.
Lisa blinzelte. „Grunz.“
„Du bist kein Hund.“
„Nein.“
„Gut. Hunde rennen zu viel.“
Die Ente stieg aus der Pfütze, schüttelte einen Fuß, schüttelte den anderen und watschelte neben Lisa her. „Ich heiße Quiek.“
Lisa schnupperte an ihr. Wasser. Federfett. Ein Hauch Brotkruste.
„Du riechst nach Teich“, grunzte Lisa.
„Du riechst nach Trog.“
Das passte. Sie gingen weiter.
Hinter der Wiese begann ein schmaler Waldweg. Hier war der Boden kühler. Alte Blätter lagen weich unter Lisas Klauen. Der Geruch wurde dunkel und feucht. Lisa senkte die Schnauze, und ihre Schritte wurden langsamer.
Etwas raschelte.
Lisa erstarrte. Quiek streckte den Hals.
Ein Igel kugelte sich unter einer Wurzel zusammen. Nur Stacheln waren da. Dann ein kleines Schnaufen.
„Nicht treten“, murmelte es.
Lisa setzte einen Fuß zurück. Sehr vorsichtig. Ihre Klauen trafen trotzdem einen Zweig. Knack.
Der Igel wurde noch runder.
„Ich trete nicht“, sagte Lisa.
„Große sagen das oft.“
Quiek watschelte um die Kugel. „Ich trete auch nicht. Ich piekse höchstens mit dem Schnabel. Ein bisschen.“
Der Igel öffnete sich kaum. Eine Nase kam heraus. Dann zwei Augen wie kleine dunkle Samen. „Borst“, sagte er.
Borst sammelte gern Blätter, aber jedes zu laute Blatt machte ihn klein. Er trug drei davon auf dem Rücken, obwohl eines ständig herunterrutschte.
„Wohin?“, fragte Borst.
Lisa schnupperte nach vorn. Der Weg roch nach Pilzfuß und fernem Wasser. „Dorthin.“
„Dorthin ist breit“, sagte Borst.
„Breit ist gut“, sagte Quiek.
Lisa machte drei schnelle Schritte. Beim vierten rutschte sie auf feuchten Blättern aus. Ihre Vorderbeine glitten auseinander, ihr Bauch patschte auf den Boden, und ihre Schnauze steckte in einem Laubhaufen.
Borst zog den Kopf ein.
Quiek machte „Qua-qua-quick“.
Lisa hob langsam die Schnauze. Ein Blatt hing über einem Auge. Sie schnaubte es fort. Dann stand sie auf, als wäre nichts geschehen, und ging sehr langsam weiter. Ihre Ohren wippten dabei nicht mehr so wild.
Der Wald öffnete sich zum Flussuferpfad. Hier zog ein kühler Hauch an Lisas Bauch entlang. Wasser klatschte leise gegen Steine. Lisa hörte es, bevor sie es deutlich sah. Das Klatschen kam und ging, als würde etwas Großes atmen.
Auf einem Baumstumpf stand eine Ziege. Sie stand dort, weil der Stumpf höher war als der Weg. Ziegenfüße wollten hinauf, auch wenn kein Grund dafür am Boden lag. Die Ziege kaute an einem Zweig und sah über alle hinweg.
„Mäh. Klein-Schwein“, sagte sie.
Lisa hob die Schnauze. „Rund-Schwein.“
„Ich bin Nanni.“ Die Ziege sprang vom Stumpf, landete dicht neben Lisa und kletterte sofort auf einen Stein. „Unten ist langweilig.“
„Oben wackelt“, sagte Borst.
„Wackeln ist besser als warten.“
Quiek ging zum Wasser und zog den Fuß zurück. „Zu nass am Rand.“ Dann ging sie doch hinein, aber nur bis zu den Knöcheln.
Lisa trat an den Pfad. Der Fluss roch nach kaltem Stein und langen Pflanzen. Sie steckte die Schnauze in das Ufergras. Dort lag ein Schilfhalm, glatt und grün, mit einem Geruch, der nicht zum Hof gehörte.
Sie nahm ihn ins Maul.
Nanni sprang voraus. Borst trippelte am Rand der Büsche. Quiek watschelte mit nassen Füßen und beschwerte sich bei jedem dritten Schritt. Lisa folgte. Die große Welt zog an ihrer Nase. Jeder neue Geruch machte ihre Schritte länger.
Dann kam eine Biegung.
Der Wind drehte.
Unter Fluss und Gras lag etwas Warmes. Stroh. Mist. Trog. Viele Schweine dicht beieinander. Lisa blieb stehen. Der Schilfhalm hing aus ihrem Maul. Ihr linkes Ohr drehte sich zurück.
„Weiter?“, fragte Nanni vom nächsten Stein.
Lisa setzte einen Fuß vor. Dann keinen zweiten. Ihre Schnauze hob sich. Sie schnupperte kurz. Noch einmal. Länger. Der Geruch war schwach, aber er zog an ihr wie eine Schnur.
Quiek kam zurückgewatschelt. „Du stehst.“
Lisa grunzte leise.
Borst legte ein Blatt ab. „Zu groß, das Dorthin?“
Lisa schob den Schilfhalm tiefer zwischen die Zähne. Ihre Klauen kratzten im Staub. Erst vor. Dann zurück.
„Heimweg riecht anders als Hinweg“, sagte Quiek.
Nanni sprang vom Stein. „Ich sehe den Hof nicht. Aber ich sehe einen Hügel. Hügel sind für Ziegen.“
Sie liefen los. Lisa vorn, dann wieder nicht. Zweimal folgte sie einer starken Spur und landete bei einem Heuhaufen, der nicht ihrer war. Sie wühlte mit der Schnauze hinein, fand nur trockene Halme und eine schlafende Maus, die empört fiepte.
Lisa wich zurück. Ihre Ohren lagen flach.
„Falsches Stroh“, sagte Borst.
„Sehr falsches“, sagte Quiek.
Nanni kletterte auf einen Zauntritt. „Mehr links.“
Lisa nahm die linke Spur. Sie war dünn. Fast verloren. Aber darin lag Brunos schwerer Geruch, der Trog, die feuchte Ecke am Schweinestall. Lisas Schritte wurden schneller. Ihr Bauch wackelte. Der Schilfhalm schlug gegen ihre Backe.
Am Hofzaun blieb sie stehen. Die Lücke war von außen noch enger. Lisa steckte die Schnauze hinein. Der Schilfhalm klemmte quer.
„Hrrmpf.“
Sie zog zurück. Der Halm fiel in den Staub.
Quiek packte ihn mit dem Schnabel. „Erst Schwein. Dann Pflanze.“
Lisa drehte sich seitlich. Ein Ohr durch. Schulter durch. Bauch nicht. Sie steckte fest. Von drinnen grunzte Bruno.
Lisa schnaubte. Ihre Hinterbeine strampelten.
Nanni stemmte die Stirn gegen Lisas Po. Borst drückte nicht, aber er stellte sich neben die Lücke und machte sich spitz für Mut. Quiek zupfte an einem losen Brett.
Knarr.
Das Brett gab nach. Lisa rutschte hinein und rollte auf die Seite. Staub klebte an ihr. Stroh auch. Bruno schnupperte an ihrem Ohr.
„Grunz?“
Lisa stand auf. Sie drückte die Schnauze an Brunos Hals. Dann an ein Ferkel. Dann an den Boden, wo alles bekannt und warm roch.
Quiek reichte den Schilfhalm durch die Lücke. Lisa nahm ihn vorsichtig. Nanni meckerte leise von draußen. Borst schob sein Blatt unter den Zaun.
Die Herde rückte zusammen. Lisa legte sich hinein, rund und staubig. Zwischen ihren Vorderklauen lag der grüne Halm vom Fluss, und daran haftete noch ein kühler fremder Geruch.




