Sammy der alte Wolf
Am Rand der Lichtung lag ein alter Baumstamm. Darauf lag Sammy.
Der alte Wolf legte die Vorderpfoten genau übereinander. Nicht schief. Nicht lose. Genau so, dass kein Blatt unter den Krallen knisterte. Sein graues Fell hing schwer an den Schultern, und wenn er den Kopf hob, hob er ihn nur ein kleines Stück.
Seine Nase arbeitete mehr als seine Beine.
Der Herbst kam durch den Wald. Er roch nach nassem Laub und nach Pilzen unter der Erde. Manchmal trug der Wind den warmen Duft eines Kaninchens über die Lichtung. Dann öffnete Sammy ein Auge. Sein Ohr drehte sich zuerst. Das Auge folgte später.
Er blieb gern dort. Und doch blieb kein Rascheln ohne ihn.
Zwischen den Buchen sprang Riko.
Der Jungwolf war langbeinig und hell an der Brust. Seine Pfoten waren groß für seinen Körper. Sie trafen den Boden oft zu früh oder zu spät. Er sprang über eine Wurzel, kam mit der Hinterpfote darauf, rutschte und schob eine ganze Wolke trockener Blätter vor sich her.
Unter den Blättern huschte etwas Kleines.
Rikos Ohren stellten sich hart nach vorn. Seine Nase stieß in die Erde. Ein kurzer, warmer Mausgeruch lag dort, fein wie ein Faden.
Riko sprang.
Die Blätter flogen. Die Maus war weg. Nur der Geruch blieb noch einen Atemzug an der Stelle und zerfiel dann zwischen Pilzduft und feuchter Erde.
Riko landete mit der Schnauze im Laub. Ein Blatt klebte an seiner Nase. Er schnaubte. Das Blatt blieb. Er schüttelte den Kopf. Erst dann fiel es ab.
Sammy lag auf dem Baumstamm.
Er zog die Luft langsam ein. Seine Flanken hoben sich, sanken, hoben sich wieder. Kein Laut kam aus seiner Kehle. Nur seine Schwanzspitze bewegte sich einmal und blieb dann still.
Riko stapfte weiter.
Am Rand der Lichtung roch es nach Kaninchen. Der Duft saß nicht auf dem Boden. Er kam von der Seite, brach am Gras, glitt unter den Brombeeren hindurch.
Sammy hob den Kopf ein wenig höher.
Riko hob ihn ganz hoch. Seine Nase zeigte in die Luft. Seine Pfoten traten schon los, bevor der Wind richtig bei ihm war. Ein Zweig knackte unter seinem Vorderlauf.
Das Kaninchen schoss aus den Brombeeren.
Riko hinterher.
Er preschte über die Lichtung, die Ohren wie spitze Blätter, die Rute gerade hinter ihm. Das Kaninchen schlug einen Haken. Riko auch, aber später. Seine Pfoten rutschten im feuchten Gras. Er sauste an der Stelle vorbei, wo der Kaninchenduft am stärksten war, und stieß gegen einen niedrigen Ast.
Der Ast wippte. Riko duckte sich zu spät.
Das Kaninchen verschwand im Wald. Zurück blieb nur ein schneller, scharfer Geruch im Gras.
Riko stand mit gesenktem Kopf. Seine Brust ging schnell. Ein Ohr hing seitlich, das andere lauschte noch in die falsche Richtung.
Sammy sah zum Wald.
Nicht lange. Dann senkte er den Kopf wieder auf die Pfoten. Er schloss die Augen, aber seine Nase blieb wach.
Der Nachmittag wurde stiller. Die Luft wurde kühler. Unter dem alten Baumstamm roch das Moos dunkel und nass.
Riko kam wieder.
Diesmal lief er nicht gleich. Er trottete. Doch als ein Eichhörnchen am Stamm einer Buche kratzte, zuckte sein ganzer Körper.
Kratz, kratz.
Rikos Ohr schnappte herum. Sein Blick folgte. Seine Pfoten sammelten sich unter ihm.
Das Eichhörnchen hielt inne.
Riko sprang.
Zu hoch. Zu nah. Seine Vorderpfoten schlugen gegen die Rinde. Das Eichhörnchen war schon über ihm. Riko rutschte am Stamm hinab und landete im Laub. Ein dünner Rindenstreifen fiel auf seinen Rücken.
Oben knackte es leise. Dann war auch dieser Laut fort.
Riko blieb sitzen. Seine Nase bebte. Seine Zunge fuhr einmal über die Schnauze. Er sah nicht zu Sammy. Er sah auch nicht zum Baum hinauf.
Langsam kam er zum alten Baumstamm.
Sammy machte Platz, ohne aufzustehen. Er zog nur eine Pfote unter sich zurück. Das war nicht viel. Für Sammy war es genug.
Riko setzte sich neben ihn.
Kein Laut.
Der junge Wolf saß nicht gerade. Eine Pfote stand vor, die andere zurück. Seine Schulter zuckte noch vom Rennen. Dann hörte sie auf.
Sammy hob die Nase.
Riko hob seine auch.
Der Wind kam von der Lichtung. Er brachte nasses Laub. Darunter lag wieder etwas Warmes. Kein starker Geruch. Ein kleiner. Er kroch zwischen Gras und Wurzel, blieb an einem Erdloch hängen und löste sich wieder.
Sammy bewegte kein Bein.
Rikos Krallen drückten in die Erde. Einmal. Dann ließ der Druck nach.
Sammy drehte ein Ohr nach links.
Rikos Ohr sprang hinterher. Zu schnell. Er hielt es dort. Aus dem Laub kam ein feines Scharren. Nicht vorn. Weiter links. Ganz nah beim Grasbüschel.
Sammy stand auf.
Er stand langsam auf. Erst die Vorderläufe. Dann der Rücken. Dann die Hinterläufe. Kein Blatt rutschte unter ihm weg. Er setzte eine Pfote vor, wartete, setzte die nächste. Seine Nase blieb tief.
Riko folgte.
Sein erster Schritt war groß. Er hielt mitten in der Bewegung an. Die Pfote hing kurz über dem Laub. Dann setzte er sie weich ab.
Scharren.
Beide Wölfe blieben stehen.
Ein kleines Feldmäuschen kam unter einem Blatt hervor. Seine Schnurrhaare zitterten. Es roch nach Erde und Samen. Es lief zwei Pfotenlängen weit, hielt an, lief weiter.
Rikos Rücken spannte sich.
Sammy tat nichts.
Das Mäuschen verschwand im Gras.
Riko sprang nicht.
Seine Rute sank langsam. Seine Nase folgte der Stelle, an der das Mäuschen gewesen war. Dann setzte er sich. Nicht auf die Maus. Nicht in den Geruch. Daneben.
Sammy setzte sich neben ihn.
Der Wald wurde dunkler zwischen den Stämmen. Auf der Lichtung lag Laub, und unter dem Laub gingen kleine Wege weiter, die man nur roch und hörte.
Rikos Atmen wurde leiser.
Sammy schaute geradeaus. Riko auch.



