Jenny und das Geheimnis der Uni
Am letzten Abend, an dem Jenny lebend auf einer Kamera zu sehen war, trug sie meinen grauen Schal.
Ich hatte ihn ihr im Wohnheimflur zugeworfen, weil sie wieder ohne Jacke loswollte. Der Herbst hing seit Tagen nass an den Fenstern, und vor dem Eingang sammelten sich gelbe Blätter in der Rinne. Jenny band den Schal zweimal um den Hals, zu locker, wie immer. An ihrem linken Ärmel klebte ein roter Faden von meinem Teppich.
„Bibliothek und zurück“, sagte sie.
„Durch den Tunnel?“
„Geht schneller.“ Sie grinste und hob die Hand. „Mara, ich komme in zwanzig Minuten wieder. Sortier in der Zeit nicht meine Tassen.“
Ich sortierte sie trotzdem. Zwei blaue nach hinten, die gesprungene weiße nach vorn, weil sie daraus morgens Kaffee trank. Ich stellte den Löffel daneben. Es beruhigte mich, wenn Dinge an ihren Platz zurückkehrten.
Um 21.13 Uhr schrieb Jenny: Bin gleich da. Nebel da unten wie Milch.
Um 21.16 Uhr erfasste die Kamera am Eingang Nord sie. Man sah den Schal, den roten Faden, ihre Turnschuhe mit den hellen Sohlen. Der Tunnel unter dem Campus verband die Bibliothek mit den Wohnheimen. Beton, achtundneunzig Meter, ein gelbes Notruftelefon in der Mitte. Der Hausmeister sagte später, es habe funktioniert.
Um 21.18 Uhr zeigte die Kamera am Ausgang Süd einen leeren Tunnelmund. Kein Jenny. Kein Schatten hinter ihr. Nur Nebel, der langsam aus dem Gang rollte und sich an der Lampe über dem Ausgang fing.
Die Polizei suchte vier Tage.
Sie sperrten den Tunnel, leuchteten in Schächte, klopften die Wände ab, ließen Hunde durch die Bibliothek laufen. Die Hunde blieben zweimal am gelben Telefon stehen und einmal an der Tür zum Wartungsraum. Dahinter lagen ein Eimer, Streusalz und ein kaputter Besen. Der Beamte mit der roten Nase schrieb alles auf. Ich mochte ihn, weil er die Kappe seines Stifts immer wieder gerade aufsetzte.
Am fünften Tag saßen Jennys Eltern im Gemeinschaftsraum des Wohnheims. Ihre Mutter hielt Jennys Studentenausweis in beiden Händen, als könnte er warm werden, wenn sie lange genug drückte. Ihr Vater fragte, ob der Tunnel Seitenabgänge habe.
„Nein“, sagte der Beamte. „Keine, die zugänglich sind.“
Das Wort zugänglich blieb auf meinem Notizblock stehen. Ich unterstrich es nicht. Ich unterstrich nie beim ersten Lesen.
Zwei Wochen später beendeten sie die offizielle Suche. Auf dem Campus entfernte jemand die gelben Absperrbänder. Die Bibliothek öffnete wieder bis Mitternacht. Im Wohnheim blieb Jennys Bett bezogen. Auf ihrer Fensterbank stand eine kleine Basilikumpflanze, die sie nie gegossen hatte. Sie neigte sich zur Scheibe, obwohl die Sonne seit Tagen nicht durchkam.
Ich ging zu Vorlesungen. Ich schrieb mit. Ich aß in der Mensa immer am selben Tisch. Ich legte meine Unterlagen in drei Stapel: Seminar, Polizei, Jenny. Der dritte Stapel wuchs.
Professor Kern sprach in „Institutionelle Erinnerung“ über Archive. Er stand vor dem Smartboard, die Hände ruhig auf dem Pult. Ein großer Mann, graues Haar, Stimme ohne Kanten.
„Eine Universität vergisst nicht“, sagte er. „Sie ordnet nur anders.“
Ein paar Studierende lachten, weil sie dachten, er meine Prüfungsämter. Ich schrieb den Satz ab. Daneben malte ich einen kleinen Kreis.
Nach der Stunde wartete ich, bis die anderen gingen.
„Herr Professor“, sagte ich, „kennen Sie die alten Tunnelpläne?“
Er klappte seine Mappe zu. Nicht schnell. Nicht langsam.
„Für bauliche Fragen ist die Verwaltung zuständig.“
„Sie waren Dekan, als der Tunnel saniert wurde.“
„Viele Menschen waren damals beteiligt.“ Er sah an mir vorbei zur Tür, als müsse er jemanden grüßen, der nicht dort stand. „Sie sollten sich schonen, Frau Lenz. Verlust erzeugt Muster, wo keine sind.“
Es klang wie ein Satz aus einer Broschüre. Glatt genug, um keinen Fingerabdruck zu behalten.
Der Zufall kam im Archiv, weil ein Drucker im Erdgeschoss nicht lief.
Ich musste einen Aufsatz aus den alten Universitätsnachrichten kopieren, Jahrgang 2015. Der Lesesaal roch nicht nach Geschichte, wie Leute immer sagen. Er roch nach kaltem Papier und Staub auf Heizkörpern. Dr. Voss saß hinter dem Tresen, klein, gerade, mit einer Brille an einer schwarzen Kette. Neben ihrer Tastatur stand eine Tasse. Der Rand hatte einen braunen Kreis auf eine Karteikarte gedrückt.
„Nur mit Bleistift“, sagte sie, bevor ich fragte.
Ich nickte. Regeln gefielen mir, solange sie für alle galten.
In der gebundenen Ausgabe 2015 klebte zwischen Oktober und November eine lose Seite. Sie gehörte nicht hinein. Oben stand: Vermisstmeldung Studentin, 22, zuletzt gesehen Campusunterführung. Darunter ein unscharfes Foto einer Frau mit kurzen Haaren. Ihr Name: Alina Mertens.
Ich las den Absatz zweimal. Dann zog ich den Band 2007.
Der Einband knarrte. Wieder Oktober. Wieder eine Vermisstmeldung. Student, 24, zuletzt gesehen nahe Bibliothekstunnel. Name: David Hohmann.
1999. Lea Brandt.
1991. Cem Arslan.
1983. Monika Ried.
Ich legte die Bände nebeneinander. Acht Jahre lagen zwischen ihnen, sauber wie Regalfächer. Mein Bleistift rollte vom Tisch und blieb am Bein meines Stuhls liegen.
Dr. Voss erschien neben mir, bevor ich sie gerufen hatte.
„Sie haben ältere Jahrgänge bestellt“, sagte sie.
„Ja.“ Ich zeigte auf die Seiten. „Warum tauchen diese Fälle nicht in den Polizeiberichten zu Jenny auf?“
Sie lächelte kaum. „Weil es keine Verbindung gibt.“
„Alle acht Jahre. Im Oktober. Beim Tunnel.“
„Studentische Biografien enthalten Abbrüche, Wechsel, Reisen. Junge Menschen verschwinden aus Akten oft, ohne verschwunden zu sein.“
Wieder dieser Ton. Wie Wasser über Fliesen.
„Alina Mertens wurde als vermisst gemeldet.“
Dr. Voss nahm die lose Seite zwischen zwei Fingern und schob sie zurück in den Band. „Eine Zeitung ist keine Akte, Frau Lenz. Bitte halten Sie die Chronologie ein.“
Als sie wegging, blieb die Karteikarte neben ihrer Tastatur liegen. Der braune Tassenkreis berührte ein Datum: 20.10.2023. Jennys Tag.
Im Wohnheim wartete Nils vor unserer Küche.
Er studierte Bauingenieurwesen, trug immer dieselbe grüne Jacke und sprach selten mehr als nötig. Seit Jennys Verschwinden wechselte er die Seite des Flurs, wenn ich kam. An diesem Abend hielt er Jennys grauen Schal in der Hand.
„Woher hast du den?“ Ich griff danach.
Er zog die Hand zurück. „Lag im Waschraum.“
„Der Schal war bei Jenny.“
„Dann hat ihn jemand gefunden.“
„Warum bringst du ihn nicht der Polizei?“
Sein Blick sprang zur Treppe. „Die fragen Dinge, die nichts ändern.“
Ich trat näher. Der rote Faden klebte noch am Ärmelstück, das am Schal hängen geblieben war. Nur war er nicht mehr rot. Er sah dunkel aus, als habe ihn jemand mit nassen Fingern gedreht.
„Warst du im Tunnel?“
Nils presste den Schal gegen seine Jacke. „Ich geh da nicht rein.“
„Warum?“
Er antwortete nicht. In der Küche summte der Kühlschrank. Eine Tasse stand auf dem Tisch, die gesprungene weiße. Ich hatte sie nach hinten gestellt.
Ich folgte Nils am nächsten Morgen zur Bibliothek. Ich tat so, als prüfte ich Nachrichten auf dem Handy. Er bog nicht zum Tunnel ab, sondern zum Altbau der Bauverwaltung. Dort wartete Professor Kern unter dem Vordach.
Sie sprachen keine zwei Minuten. Kern gab ihm einen Umschlag. Nils steckte ihn ein und sah sich um. Als er mich bemerkte, wurde sein Mund schmal.
„Mara“, sagte Kern, als hätte er mich erwartet. „Sie laufen früh.“
„Was geben Sie ihm?“
„Unterlagen für ein Seminarprojekt.“
Nils sah auf die nassen Steine. Der Umschlag beulte seine Jackentasche aus.
„Zeig ihn“, sagte ich.
„Nein.“
Kern trat zwischen uns. „Frau Lenz, Sie überschreiten Grenzen.“
„Jenny hat auch eine überschritten.“
Sein Gesicht veränderte sich nicht. Nur seine rechte Hand schloss sich fester um den Griff seiner Aktentasche.
Nils lief weg. Ich folgte ihm bis zum Wohnheim und stellte mich vor seine Tür, bis er öffnete.
„Mein Bruder war David Hohmann“, sagte er, bevor ich etwas sagen konnte.
In seinem Zimmer hingen Baupläne an der Wand. Nicht ordentlich. Mit Klebeband, übereinander, einige verkehrt herum. Auf dem Schreibtisch lag der Umschlag. Darin steckten Kopien alter Tunnelpläne.
„Kern gibt sie mir jedes Jahr, wenn ich frage“, sagte Nils. „Er sagt, ich soll verstehen, dass es nichts bringt.“
„Warum hast du den Schal?“
„Weil ich wissen wollte, ob er wieder auftaucht.“
„Wieder?“
Nils zog eine Schublade auf. Darin lagen Dinge in Gefrierbeuteln: ein Schlüsselband, ein Handschuh, ein Stoffabzeichen. Auf jedem klebte ein Datum. 2015. 2007. 1999.
„Sie lassen immer etwas zurück“, sagte er. „Nicht sofort. Später. An Orten, wo man es findet, wenn man sucht.“
Ich wollte die Beutel zählen. Meine Finger taten es schon.
„Warum bist du nicht zur Presse gegangen?“
Er lachte einmal, ohne Ton. „Mein Vater hat es versucht. Danach verlor er seine Stelle hier. Meine Mutter bekam Briefe ohne Absender. David blieb weg.“
Der Tunnel war am Abend offen. Zu offen.
Keine Absperrung, kein Wachmann, keine defekte Lampe. Der Nebel lag flach im Eingang, als hätte jemand ihn sorgfältig verteilt. In der Mitte leuchtete das gelbe Notruftelefon. Sein Hörer hing korrekt in der Gabel.
Ich hatte Nils’ Kopie in der Tasche. Darauf gab es einen schmalen Wartungsgang, der in keinem aktuellen Plan auftauchte. Er begann genau hinter dem Telefon.
Betonwände schluckten meine Schritte. Ich zählte sie, weil Zahlen nicht ausweichen. Vierzig bis zum Telefon. Der Hörer war warm, als ich ihn anhob. Kein Freizeichen. Auf der Rückseite der Metallplatte saß eine Schraube locker. Dahinter lag kein Gang, nur eine glatte Wand.
Fast zu einfach, dachte ich. Dann sah ich den roten Faden.
Er klemmte nicht am Telefon. Er steckte in der Fuge des Bodens, drei Schritte weiter. Ich kniete mich hin und schob den Bleistift in den Spalt. Die Fuge gab nach. Ein rechteckiges Stück Boden hob sich einen Finger breit.
Hinter mir sagte Professor Kern: „Bitte stehen Sie auf.“
Ich blieb knien. „Sie wissen es.“
„Ich weiß genug, um Türen geschlossen zu halten.“
„Wo ist Jenny?“
Er kam nicht näher. „Nicht dort, wo Sie sie holen können.“
Der Satz passte in den Tunnel, als habe er lange dort gewartet.
„Alle acht Jahre“, sagte ich.
„Manche Zyklen enden nicht, weil wir sie benennen.“
„Das ist Mord.“
„Das ist eine Universität mit dreißigtausend Menschen, Frau Lenz. Mit Laboren, Kliniken, Archiven, Schlafsälen. Sie glauben, Schutz bedeutet Aufklärung. Manchmal bedeutet er Begrenzung.“
Ich stand auf. Meine Knie hinterließen zwei dunkle Flecken auf dem Beton.
„Sie haben Jenny ausgewählt.“
„Nein.“ Zum ersten Mal schnitt ein Wort. „Niemand wählt. Man verhindert nur, dass es mehr werden.“
Das Telefon klickte. Einmal. Der Hörer lag in der Gabel, doch irgendwo in der Leitung nahm jemand ab.
Kern sah zum gelben Kasten. Er zählte nicht. Das tat ich für ihn. Acht Sekunden vergingen. Dann sank unter meinen Schuhen der Boden einen Hauch, nicht genug zum Fallen, genug für die Entscheidung.
Ich sprang zurück. Kern griff nach meinem Arm, aber nicht fest. Eher wie jemand, der prüfen will, ob ein Glas noch ganz ist.
„Gehen Sie“, sagte er.
Ich ging nicht. Ich rannte auch nicht. Ich trat rückwärts bis zum Ausgang und sah zu, wie die Fuge sich schloss. Der rote Faden verschwand zuletzt.
Am nächsten Morgen brachte ich alles zur Polizei: Kopien, Fotos, Namen, Daten, Nils’ Beutel, eine Aufnahme von Kerns Stimme. Der Beamte mit der roten Nase war nicht mehr zuständig. Eine Frau nahm meine Mappe entgegen und legte sie auf einen Stapel mit Parkausweisen.
„Wir prüfen das“, sagte sie.
„Wann?“
„Zeitnah.“
Das Wort hatte keine Uhr.
Zwei Tage später erhielt Nils eine Abmahnung wegen Diebstahls aus dem Archiv. Dr. Voss schrieb mir, mein Benutzerkonto ruhe bis zur Klärung eines Verstoßes gegen die Benutzungsordnung. Professor Kern hielt weiter Vorlesungen. In der dritten Reihe saß ein neuer Student und schrieb jedes Wort mit.
Jennys Eltern bekamen einen Brief. Darin stand, ihre Tochter habe möglicherweise aus eigenem Entschluss den Campus verlassen. Die Formulierung trug das Logo der Universität und darunter das der Polizei. Zwei Institutionen auf einem Blatt, sauber ausgerichtet.
Ich zog nicht aus.
Ich blieb im Wohnheim, weil ihr Bett sonst abgebaut worden wäre. Ich goss die Basilikumpflanze jeden zweiten Tag. Sie richtete sich nicht auf. Die gesprungene weiße Tasse stellte ich jeden Abend nach hinten. Jeden Morgen stand sie wieder vorn.
Im November hing Nebel im Tunnel, auch an klaren Tagen.
Ich ging nicht mehr hinein. Ich stand manchmal am Eingang Nord und sah bis zum gelben Telefon. Der Hörer hing korrekt. Die Lampe darüber brannte ohne Flackern. Auf dem Boden, drei Schritte dahinter, fand ich einmal einen grauen Wollfussel.
Ich hob ihn nicht auf.
Acht Jahre sind eine lange Zeit, wenn man auf etwas wartet. Eine kurze, wenn eine Universität zählt.
In meinem Ordner liegt jetzt eine neue Liste. 1983. 1991. 1999. 2007. 2015. 2023. Ich habe Platz gelassen für 2031, obwohl meine Hand dabei stehenblieb.
Manche Nächte höre ich im Flur Schritte, die vor unserer Tür enden. Wenn ich öffne, steht dort niemand. Nur die Tasse auf dem Küchentisch fehlt. Am Morgen steht sie wieder auf Jennys Fensterbank, neben dem Basilikum, mit einem braunen Kreis am Boden.
Ich wasche ihn nicht weg.




