Jenny und das Geheimnis der Uni
Mara hielt ihre Schreibtischkante frei. Links lagen die Vorlesungsnotizen, rechts die Bücher, dazwischen ein grauer Kalender mit Kästchen für jeden Tag. Sie schrieb Abgaben nie in ihr Handy. Papier blieb, wenn der Akku starb. Jenny lachte darüber und ließ Teebeutel auf Untertassen liegen, bis der Rand braun wurde.
Am Abend ihres Verschwindens stand Jennys Tasse auf dem Fensterbrett im Wohnheim. Pfefferminztee. Zwei Blätter klebten innen am Porzellan, hoch über dem Rest. Mara sah die Tasse, als sie um 23:06 Uhr aus der Bibliothek zurückkam. Jenny war da schon seit zweiundfünfzig Minuten verschwunden, nur wusste Mara das noch nicht.
Der Tunnel unter dem Campus verband die Zentralbibliothek mit dem alten Kollegienbau und dem Wohnheim West. Im Herbst nutzten ihn alle, die den Weg über den Hof vermeiden wollten. Regen sammelte sich dort in flachen Streifen. Die Lampen summten. Auf halber Strecke hing ein Spiegel, damit niemand in die Radfahrer aus der Gegenrichtung lief.
Die Polizei zeigte Mara die Aufnahme zwei Tage später. Nicht im Präsidium, sondern in einem Besprechungsraum der Universität, weil die Anlage dem Campusdienst gehörte. Auf dem Bildschirm lief Jenny in den Tunnel. Ihr gelber Schal flatterte hinter ihr, obwohl sie nicht schnell rannte. Nebel stand im Gang, dichter als draußen. Jenny hob eine Hand, als wolle sie etwas vor ihrem Gesicht wegschieben. Dann schluckte das Bild sie.
Die Kamera am anderen Ende zeigte den leeren Ausgang. Die Uhrzeit sprang von 22:14 auf 22:15. Eine Studentin mit rotem Rucksack kam hinein, ein Dozent ging hinaus, ein Putzwagen rollte vorbei. Jenny erschien nicht. Der Beamte ließ beide Aufnahmen nebeneinander laufen. Links trat Jenny in den Nebel. Rechts blieb der Durchgang leer.
— Es gibt Wartungstüren, sagte Mara.
— Alle geprüft, sagte der Beamte. Sein Finger ruhte auf der Leertaste. — Keine Spuren, keine geöffneten Schlösser, keine Blutspuren.
Mara sah nicht auf ihn. Sie sah auf Jennys Schal. Jenny band ihn immer zweimal, weil sie kalte Ohren bekam, aber auf der Aufnahme hing er offen. Das passte nicht zu ihr. Nicht bei Wind. Nicht im Tunnel.
Neun Tage suchten sie. Taucher gingen in den Regenrückhaltebecken die Ränder ab. Hunde liefen am Tunnel an und setzten sich hin, als hätte die Spur dort einen Punkt. Im Wohnheim klebten Zettel an jeder Tür. Jenny Müller, 23, Geschichtswissenschaft, zuletzt gesehen am 14. Oktober. Auf dem Foto trug sie denselben gelben Schal, sauber geknotet.
Am zehnten Tag sagte ein Polizeisprecher, man habe keine Hinweise auf ein Verbrechen. Die Suche werde zurückgefahren. Mara saß im Gemeinschaftsraum, als er das sagte. Jemand hatte das Fenster offen gelassen. Auf dem Tisch lag eine halbe Scheibe Brot, am Rand trocken, mit einem einzelnen Biss. Jenny hätte den Teller in die Spülmaschine gestellt und dann vergessen, sie anzuschalten.
Mara wollte Ruhe. Sie wollte Vorlesungen besuchen, die Seiten lesen, ihre Kästchen abhaken. Stattdessen ordnete sie das Verschwinden. Sie schrieb Zeiten auf. Bibliothek 21:43, Ausleihe 22:07, Tunnelkamera 22:14. Sie klebte Kopien der Campuskarte an die Wand über ihrem Bett. Ihre Mitbewohnerin bat sie, das nachts abzunehmen. Mara nickte und ließ die Karte hängen.
Der erste, der nicht in die Reihe passte, hieß Timo Reuter. Er studierte Informatik und wohnte im dritten Stock. Am Tag nach Jennys Verschwinden hatte er den Flur betreten, Mara gesehen und die Hand von der Jackentasche genommen. Zwei Wochen später fand Mara in der Waschküche einen gelben Faden an seinem Rucksack. Er bemerkte ihren Blick und schob den Rucksack mit dem Fuß unter die Bank.
— Hast du Jenny an dem Abend gesehen?
— Nur vorher, sagte Timo. — In der Mensa. Ganz normal.
Das kam zu glatt. Kein Räuspern, kein Blick zur Seite, keine Frage nach der Uhrzeit. Mara hatte schon genug Aussagen gelesen, um zu wissen, dass normale Menschen Umwege nahmen, wenn sie die Wahrheit suchten.
Sie folgte ihm zwei Tage lang zwischen Wohnheim, Rechenzentrum und Bibliothek. Timo nahm nie den Tunnel. Er ging über den Hof, auch wenn der Regen die Blätter auf den Boden presste. Einmal blieb er vor dem Tunneleingang stehen. Die Tür stand offen. Nebel lag in einer dünnen Bahn am Boden. Timo zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch und ging zurück durch den Regen.
Der Zufall kam im Archiv, nicht im Tunnel. Mara suchte Baupläne. Der Campusdienst hatte ihr geschrieben, alle Unterlagen lägen im Universitätsarchiv, sofern sie nicht durch Datenschutz gesperrt seien. Dr. Voss führte das Archiv im Untergeschoss der Bibliothek. Sie war klein, trug graue Pullover und bewegte die Wagen mit den Akten so leise, dass Mara erst das Zittern der Metallgriffe sah und dann die Frau.
— Tunnelpläne von 1968 bis 1980, sagte Mara.
— Für eine Hausarbeit?
— Für Jenny.
Dr. Voss nahm eine Karteikarte aus dem Kasten, ohne sie anzusehen. — Die Polizei hat alles bekommen, was sie brauchte.
— Ich nicht.
Die Archivarin lächelte, als hätte Mara einen korrekten Satz in einer fremden Sprache gesagt. — Dann sehen wir, was öffentlich ist.
Sie brachte drei Mappen. In der zweiten lag ein falscher Einschub. Auf dem Deckblatt stand Studenteninitiativen 2014, aber innen steckten Zeitungsausschnitte. Mara wollte den Stoß zurücklegen, weil sie Regeln mochte. Dann fiel ihr ein Datum auf. 17. Oktober 2015. Student nach Heimweg vermisst. Darunter ein Name: Leon Brandt, 24. Letzter Ort: Nähe Zentralbibliothek.
Sie blätterte weiter. 2007. Eine Medizinstudentin, Aylin Kacar, nach Lerngruppe nicht im Wohnheim angekommen. 1999. Ein Austauschstudent aus Lyon, letzter Kontakt an der Telefonzelle beim Kollegienbau. 1991. Eine Hilfskraft aus der Bibliothek. Immer Oktober. Immer Studierende. Acht Jahre zwischen den Daten, so sauber wie Kästchen im Kalender.
Mara schrieb die Namen nicht ab. Ihre Hand blieb über dem Papier, die Spitze des Bleistifts auf einer Stelle. Dr. Voss stand plötzlich am Tisch. Mara hatte den Wagen nicht gehört.
— Diese Mappe ist falsch einsortiert, sagte Mara.
— Das passiert selten.
— Alle acht Jahre verschwindet hier jemand.
Dr. Voss schob den Einschub gerade. Ihre Finger verdeckten Leon Brandts Foto. — Wenn man lang genug sucht, findet man in jeder Sammlung einen Rhythmus.
— Diese Leute waren Studierende.
— Das ist eine Universität, Frau Seidel. Hier sind fast alle Studierende.
Die Antwort lag glatt auf dem Tisch. Kein Kratzer, keine Kante. Mara nahm den Bleistift weg. Die Spitze hinterließ einen Punkt neben Aylin Kacars Namen.
Am selben Nachmittag wartete Professor Kern vor dem Archiv. Er lehrte Neuere Geschichte und saß in der Kommission für Krisenkommunikation. Mara kannte ihn aus einer Vorlesung über Institutionen im 19. Jahrhundert. Er trug einen dunklen Mantel und hielt den Schirm geschlossen, obwohl draußen Wasser von den Dachrinnen lief.
— Frau Seidel, sagte er. — Sie überfordern sich.
— Woher wissen Sie, dass ich hier bin?
— Dr. Voss macht sich Sorgen. Wir alle tun das.
Er sprach, als lese er einen Beschluss vor. Mara sah an seinem Ärmel einen hellen Faden, gelb oder nur vom Licht der Flurlampe. Er strich ihn ab, bevor sie sicher war.
— Jenny ist nicht die erste, sagte Mara.
— Alte Fälle helfen Ihrer Freundin nicht.
— Also kennen Sie sie.
Professor Kern sah zur Tür des Lesesaals. Dahinter drehte jemand eine Seite um. — Ich kenne die Geschichte dieser Universität. Das ist mein Beruf.
Am Abend stand Timo vor Maras Zimmertür. Er hielt den Rucksack vor die Brust. Der gelbe Faden hing noch am Reißverschluss, aber jetzt erkannte Mara ihn. Keine Wolle. Isolierband vom Wartungsraum, ausgefranst.
— Ich habe nichts mit Jenny gemacht, sagte er.
— Das habe ich nicht gefragt.
— Du wirst fragen.
Er trat nicht ein, bis Mara einen Schritt zurückging. Im Zimmer flackerte die Schreibtischlampe, weil die Steckdose locker war. Timo stellte den Rucksack auf den Boden und zog einen USB-Stick aus der Seitentasche.
— Ich habe im Sommer für den Campusdienst gearbeitet. Zugangskarten prüfen, alte Logs exportieren. Kleiner Job. Nichts Offizielles.
— Und?
— Am vierzehnten Oktober hat jemand die Wartungstür im Tunnel freigegeben. 22:12 bis 22:18. Mit einer Professorenkarte.
— Kern.
Timo presste die Lippen zusammen. — Ich habe den Namen nicht gesagt.
— Warum bist du weggerannt?
Er sah auf die Karte über Maras Bett. Mit rotem Stift hatte sie den Tunnel nachgezeichnet. — Weil ich 2015 schon hier war. Schülerpraktikum in der Bibliothek. Da hat man auch gesagt, die Kamera habe nichts gezeigt.
Sie gingen nicht zur Polizei. Noch nicht. Mara wollte zuerst die Tür sehen. Diese Entscheidung traf sie schnell und schämte sich später dafür, weil sie in ihr saß wie etwas Geliehenes.
Um 21:50 Uhr betraten sie den Tunnel. Der Regen hatte aufgehört. Wasser tropfte von ihren Schuhen auf Beton. Jede sechste Lampe brannte schwächer als die anderen. Mara zählte sie, ohne es zu wollen. Sechs, zwölf, achtzehn. Der Spiegel in der Mitte zeigte sie zu spät, als hätte das Glas eine Sekunde nachgedacht.
— Hier, sagte Timo.
Die Wartungstür lag hinter einem Schaukasten mit alten Theaterplakaten. Mara hatte ihn hundertmal gesehen. Sie hatte die schmale Fuge dahinter nie bemerkt. Timo drückte gegen den Rahmen. Der Schaukasten schwang auf. Kein Alarm. Kein Widerstand. Der Ort gab zu leicht nach.
Hinter der Tür führte eine Treppe drei Stufen hinunter in einen schmalen Raum. An der Wand hingen Rohre. Darunter stand ein Metallschrank mit Etiketten: Lüftung, Notlicht, Sperre Ost. Auf dem Boden lag ein Stück gelber Wolle. Diesmal war es Wolle. Mara hob es nicht auf.
Im Schrank lagen keine Werkzeuge. Nur Hefte. Schwarze Einbände, jedes mit einem Jahr auf dem Rücken. 1991. 1999. 2007. 2015. 2023. Mara zog das letzte heraus. Die erste Seite trug Jennys vollständigen Namen, Matrikelnummer, Studienfach. Darunter stand eine Uhrzeit: 22:14. Die Tinte glänzte noch nicht, aber sie wirkte dunkler als die alten Einträge.
Timo machte einen Laut, der im Hals stecken blieb. Mara blätterte. Keine Berichte. Nur Namen, Zeiten, Wetter. Nebel. Nebel. Nebel. Neben 2015 klebte ein kleines Foto von Leon Brandt aus seinem Studierendenausweis. Neben Jenny steckte nichts. Noch nicht.
Professor Kern stand oben an der Treppe. Er hatte keinen Schirm dabei. Sein Mantel war trocken.
— Legen Sie das zurück, sagte er.
Timo wich gegen die Rohre. Mara hielt das Heft offen.
— Sie haben die Tür freigeschaltet.
— Ich habe verhindert, dass andere Türen aufgehen.
Das war die zweite glatte Antwort. Sie passte in jede Lücke und erklärte keine.
— Wo ist Jenny?
Kern sah an ihr vorbei in den Tunnel. Eine dünne weiße Schicht kroch über den Boden, obwohl alle Türen geschlossen waren. — Nicht dort, wo Sie suchen können.
— Sie wussten es.
— Ich habe gelernt, was passiert, wenn man so tut, als wüsste man es nicht.
Mara hörte Timo atmen. Kurz, durch die Nase. Kern kam keine Stufe herunter.
— Alle acht Jahre, sagte Mara.
— Die Universität hat Kriege überstanden, Brände, Kürzungen, Männer mit Plänen für alles. Manche Gebäude stehen, weil jemand rechtzeitig verstanden hat, welche Regeln älter sind als unsere.
— Sie reden von Jenny.
— Ich rede von allen anderen.
Er sagte es ohne Druck. Gerade deshalb blieb es hängen. Mara klappte das Heft zu und steckte es unter ihre Jacke. Kern hielt sie nicht auf. Das war schlimmer als ein Griff.
Die Polizei nahm den USB-Stick an. Ein Beamter schrieb Timos Aussage auf und fragte dreimal nach dem Zeitpunkt. Am nächsten Morgen funktionierte der Stick nicht mehr. Die Datei zeigte nur graue Blöcke. Timo sagte, er habe eine Kopie, fand sie aber nicht. Im Tunnel hing der Schaukasten fest verschraubt an der Wand. Die Fuge war weg. Oder Mara fand sie nicht wieder.
Dr. Voss legte Mara im Archiv die Baupläne hin. Genau die drei Mappen, die öffentlich waren. Keine Zeitungsausschnitte. Kein falscher Einschub. Mara fragte nach Studenteninitiativen 2014.
— Ausgeliehen, sagte Dr. Voss.
— Von wem?
— Interne Nutzung.
— Von Professor Kern?
Die Archivarin schloss den Deckel des Karteikastens. — Wir schützen Persönlichkeitsrechte, Frau Seidel. Gerade in schweren Fällen.
Wieder diese Oberfläche. Mara sah auf Dr. Voss’ Hände. Unter dem Nagel ihres rechten Zeigefingers klebte ein schwarzer Staubrand, wie von alten Heften.
Im Dezember endete das Semester. Die Universität pflanzte vor der Bibliothek einen Baum für Jenny. Kein Gedenkstein, nur ein kleines Schild am Stamm, wetterfest, schlicht. Kommilitoninnen stellten Kerzen ab. Der Regen löschte sie bis zum Abend. Professor Kern hielt keine Rede. Dr. Voss stand am Rand und trug Handschuhe.
Mara blieb in der Stadt. Sie wechselte das Thema ihrer Bachelorarbeit und schrieb über institutionelle Erinnerungskulturen. Der Antrag kam genehmigt zurück, mit einem Stempel aus Kerns Dekanat. Sie hob den Brief auf. Nicht als Beweis. Als Markierung.
Im Wohnheim räumte man Jennys Zimmer im Januar aus. Ihre Mutter nahm die Bücher, den Mantel, die Tasse vom Fensterbrett. Den gelben Schal fand niemand. Mara half, Kleider in Kartons zu legen. Hinter dem Bett stand ein Bibliothekszettel, den Jenny nie zurückgegeben hatte. Ausleihe 22:07. Rückgabe bis 22. Oktober. Auf der Rückseite stand mit Bleistift eine Zahl, die nicht zu Jenny passte: 2031.
Mara sagte nichts. Sie steckte den Zettel in ihren Kalender, zwischen Oktober und November. Dort blieb er flach und weiß.
Manchmal ging sie am Tunneleingang vorbei. Sie nahm den Weg über den Hof, auch bei Regen. Durch die Scheibe sah sie die Lampen und den Spiegel in der Mitte. Die sechste Lampe brannte inzwischen heller als die anderen. Darunter lag kein Nebel.
An einem Abend im März blieb Mara stehen. Im Glas spiegelte sich das Wohnheim hinter ihr. Für einen Moment sah sie neben ihrer Schulter einen gelben Streifen, schmal wie ein Schalende. Als sie sich umdrehte, stand dort nur der Aushang der Universität: Bewerbungsfrist für das Jenny-Müller-Stipendium. Förderung ab Wintersemester 2031.
Mara las das Datum zweimal. Dann zog sie ihren Kalender aus der Tasche und strich mit dem Daumen über den eingelegten Zettel. Der Tunnel lag offen vor ihr, sauber, trocken, hell. Am anderen Ende ging ein Student vorbei und kam nicht herein. Mara wartete, bis die Lampe über der Mitte einmal flackerte. Dann ging sie über den Hof nach Hause, mit dem Zettel in der Hand und Jennys Namen hinter Glas.




