Das erste Mal beim Fussball
Ich bin zu früh da, viel zu früh, und der Körper weiß es vor dem Kopf. Die Schultern hängen nicht richtig, sie warten noch. Die Hände stecken in den Jackentaschen und tasten dort nach etwas, das sie nicht brauchen, Schlüssel, Papier, das alte Ticket, ein Taschentuch, nur damit die Finger etwas zu tun haben. Im Bauch liegt eine kleine gespannte Stelle, nicht hart, eher wie ein Knoten, der nicht weiß, ob er bleiben oder sich lösen soll. Über ein Jahr. So lange ist das. Ich atme ein wenig zu flach, merke es erst, als die Rippen sich kaum bewegen. Noch zehn Minuten. Oder weniger. Ich will ruhig sein. Ich bin doch erwachsen. Der Nacken sagt etwas anderes.
Als mein Bruder kommt, kommt zuerst sein Lachen bei mir an. Nicht laut für alle, aber genau laut genug für mich, mit diesem kleinen Bruch am Ende, den er schon als Junge hatte, wenn er versuchte, nicht zu sehr zu lachen. Es trifft mich irgendwo unter dem Brustbein, weich und schmal, und ich muss husten, obwohl nichts im Hals sitzt. Er sagt meinen Namen, zieht ihn ein bisschen in die Länge, als wäre keine Zeit vergangen, und in mir macht etwas einen Schritt zurück, dann wieder vor. Da bist du. Mehr nicht. Ich sage irgendetwas, das zu klein ist für die lange Zeit. Er lacht wieder, und mein Atem findet für zwei Züge einen leichteren Weg.
Wir stehen uns nicht lange gegenüber. Brüder machen das nicht so. Wir klopfen uns auf die Schultern, erst zu fest, dann noch einmal, weil das erste Mal nicht gereicht hat. Seine Jacke ist kalt an meinem Handrücken, und darunter ist er warm, lebendig, da. Ich spüre seine Rippen kurz gegen meine Seite, dann löst er sich, aber nicht ganz. Eine Nähe bleibt zwischen uns, in der Luft nicht, im Körper ja. Mein Kopf beginnt sofort zu zählen, was alles nicht gesagt wurde. Letztes Weihnachten. Der Anruf im März. Mutters Geburtstag. Ich drücke die Finger in die Handfläche, bis die Gedanken langsamer werden. Nicht jetzt. Oder doch. Vielleicht später.
Am Bratwurststand riecht alles nach Fett, Rauch und nassem Gras, und dieser Geruch legt sich wie ein altes Tuch über uns. Er ist so dicht, dass ich ihn beinahe kauen könnte. Mein Bruder beugt sich über die Auslage, als müsste er eine wichtige Entscheidung treffen, und sagt, er nehme das Gleiche wie früher. Dabei weiß keiner von uns genau, was früher war. Mit Senf. Ohne Zwiebeln. Oder doch mit. Er schnuppert kurz, zieht die Nase kraus, und ich erkenne darin unseren Vater, dieselbe kleine Bewegung, dieselbe Art, den Mund für einen Moment schmal zu machen, bevor er etwas bestellt. Papa am Kiosk. Papa mit Münzen in der Hand. Papa, der immer zu wenig Servietten nimmt. Der Gedanke bleibt halb stehen und wird warm.
Wir essen im Stehen, und die Wärme der Wurst wandert durch das Papier in meine Finger. Erst brennt sie fast, dann wird sie tragbar, dann angenehm. Mein Bruder pustet auf sein Stück, obwohl es nichts bringt, und ich muss lächeln, weil er das schon immer getan hat, auch bei Dingen, die längst kalt waren. Er erzählt von der Zugfahrt, von einem Mann mit zwei Koffern, von einem Kind, das die ganze Zeit gesungen hat, doch ich höre weniger auf die Reihenfolge als auf die Pausen. In seinen Pausen ist kein Vorwurf. Nur Luft. Mein Magen, der eben noch eng war, bekommt Platz. Ich kaue langsam. Das Stadion wartet irgendwo neben uns, aber noch muss es nicht anfangen.
Auf dem Weg zum Stehplatz steigt die Kälte durch die Sohlen. Sie kommt nicht als Wetter, sie kommt als dünner Druck unter den Füßen, als Erinnerung daran, dass Beton keine Nachgiebigkeit kennt. Wir gehen nebeneinander, und jedes Mal, wenn sich unsere Ärmel berühren, fällt in mir etwas Kleines an seinen Platz. Mein Bruder spricht von seiner Arbeit, bricht ab, winkt mit der Hand, sagt, egal, später. Ich nicke zu schnell. Später. Ein schönes Wort. Es legt nichts fest. Mein Kopf aber öffnet schon Schubladen. Wie geht es dir wirklich. Warum hast du dich so selten gemeldet. Warum ich auch nicht. Die Fragen sind da, ohne Stimme, und meine Zehen krümmen sich in den Schuhen.
Auf der Tribüne stehen wir eng, Schulter an Schulter mit fremden Körpern, doch ich spüre vor allem den Raum, den mein Bruder neben mir einnimmt. Seine Anwesenheit hat Gewicht. Nicht schwer, eher verlässlich, wie eine Tasche, die man abstellen kann, ohne hinzusehen. Die Kälte sitzt an den Knien, kriecht unter den Stoff und bleibt dort. Ich reibe die Hände aneinander und merke, wie trocken die Haut ist. Mein Bruder sieht kurz zu mir, hebt eine Augenbraue, und macht dann diese Bewegung mit dem rechten Daumen über den Zeigefinger, als würde er ein Krümelchen wegrollen. Genau wie Papa, wenn er nervös war und nicht zugeben wollte, dass er nervös war. Ich schaue weg, weil mein Gesicht sonst zu viel sagen könnte.
Das Spiel beginnt nicht als Bild, sondern als Dröhnen. Es kommt von unten, von vorn, von überall, und der Brustkorb nimmt es auf, bevor die Ohren es sortieren. Ein langer Ruf geht durch die Reihen, fällt ab, steigt wieder, und mein Herz versucht kurz, seinen Takt daran anzupassen. Mein Bruder lehnt sich näher zu mir, ruft etwas über die Aufstellung, ich verstehe nur einzelne Stücke. Der Neue. Links. Zu langsam. Ich nicke, weil Nicken einfacher ist als Antworten. Die Schwingung im Körper macht die Gedanken lose. Sie können sich nicht festhalten. Für ein paar Atemzüge bin ich nur Rippen, Jacke, kalte Wangen von innen her, und sein Oberarm an meinem.
Nach ein paar Minuten frage ich, ob er noch immer spielt, sonntags, bei ihnen. Er schüttelt den Kopf, sagt, das Knie, und klopft darauf, als wäre es ein alter Hund. In meinem eigenen Knie zieht es mit, eine höfliche Antwort des Körpers, obwohl dort nichts ist. Er erzählt von der Reha, nur kurz, dann von seinem Nachbarn, der jeden Rasen mäht, als ginge es um ein Finale. Sein Lachen hängt wieder am Ende des Satzes. Ich möchte sagen, dass ich es vermisst habe. Stattdessen sage ich, dass unser Platz früher auch so einen Nachbarn hatte. Er nickt. Herr Mertens. Der Name liegt zwischen uns, klein und staubig. Wir lassen ihn liegen.
Das erste Tor kommt unvorbereitet in den Körper. Ein Aufspringen um uns herum, ein Stoß aus Stimmen, der mir gegen die Rippen drückt, und meine eigenen Arme sind oben, bevor ich weiß, dass ich sie gehoben habe. Der Boden unter den Füßen gibt das Stampfen weiter. Eins zu null. Mein Bruder lacht nicht sofort. Er steht einfach da und grinst, breit und ruhig, als hätte er einen geheimen Vertrag mit diesem Nachmittag. Ich stoße ihn mit der Schulter an. Na bitte, sage ich. Er hebt beide Hände, unschuldig. Ich kann nichts dafür. Hinter uns ruft jemand, der Besucher muss jetzt öfter kommen. Glücksbringer, ruft ein anderer. Das Wort klebt sich an ihn, leicht und frech.
Danach wird das Spiel schneller, aber in mir wird etwas langsamer. Nicht ganz ruhig. Der Kopf arbeitet weiter, nur leiser, als hätte jemand eine Tür angelehnt. Ich frage ihn nach der Wohnung, nach seiner Stadt, nach dem kleinen Balkon, von dem er einmal ein Foto geschickt hat. Er antwortet in Stücken. Zu wenig Licht. Gute Bäckerei. Nachts manchmal Lärm. Zwischen den Sätzen stehen wir, und das Stehen bekommt Tiefe. Die Waden werden schwer. Der Rücken findet eine müde Länge. Ich merke, dass ich nicht mehr dauernd prüfe, was als Nächstes kommt. Nur manchmal zuckt der Gedanke. Ruf öfter an. Sag es. Später vielleicht. Der Atem geht bis in den Bauch und bleibt dort einen Moment.
In der Halbzeit bleiben wir am Platz, weil keiner Lust hat, sich durch die Körper zu schieben. Die Kälte nutzt die Pause und legt sich breiter auf die Oberschenkel. Ich ziehe die Schultern hoch, lasse sie wieder fallen, zu wenig, dann noch einmal. Mein Bruder bemerkt es und sagt, du machst dich immer noch klein, wenn du frierst. Ich sage, du redest immer noch, als wärst du der Ältere. Er ist es nicht. Nur achtzehn Monate trennen uns, und doch hat er manchmal diese Stimme, die früher aus dem oberen Bett kam, wenn ich unten nicht einschlafen konnte. Alles gut, hat er dann gesagt. Nichts war dadurch gut. Aber es war jemand wach.
Das zweite Tor rollt durch uns wie ein lauter warmer Stoß. Wieder dieses Dröhnen, dieses gemeinsame Hochschnellen, und diesmal greift mein Bruder nach meinem Ärmel, nicht fest, nur kurz, als müsste er den Moment irgendwo festmachen. Zwei zu null. Der Mann hinter uns tippt ihm auf die Schulter und ruft, sag mal, du warst doch lange nicht hier, oder. Mein Bruder dreht sich halb um, grinst, sagt, erstes Mal diese Saison. Dann bleib hier, ruft der Mann, wir brauchen dich. Ein paar lachen, einer klatscht ihm auf den Rücken. Mein Bruder nimmt es hin, ohne groß zu werden. Sein Grinsen bleibt einfach da, wie eine kleine Lampe.
Ich spüre, wie Freude im Körper anders arbeitet als Erleichterung. Erleichterung fällt. Freude steigt nicht unbedingt, sie breitet sich eher seitlich aus, unter den Armen, über die Flanken, bis die Jacke etwas enger wirkt. Mein Gesicht tut ein wenig weh vom Lächeln. Gleichzeitig läuft der Kopf weiter, zählt Möglichkeiten. Morgen früh fährt er wieder. Frühstück vorher. Vielleicht noch ein Spaziergang. Nicht zu viel wollen. Nicht klammern. Ich schiebe die Hände tiefer in die Taschen und finde dort das zusammengefaltete Ticket. Die Kante drückt in die Fingerkuppe. Ein kleiner, klarer Punkt. Hier. Jetzt. Neben mir räuspert sich mein Bruder und fragt, ob ich noch immer zu viel Kaffee trinke. Ich sage, ja, aber langsamer.
Beim dritten Tor weiß niemand mehr, wohin mit sich. Der Lärm schlägt durch die Brust, in den Hals, in den offenen Mund, und ich höre mich rufen, ohne den Klang ganz als meinen zu erkennen. Drei zu null. Fremde Arme sind in der Nähe, Hände treffen Rücken, Schultern, Luft, und mein Bruder bleibt wieder beinahe still. Nur dieses Grinsen. Es ist noch breiter geworden, aber nicht lauter. Der Mann hinter uns zeigt auf ihn, als hätte er den Beweis gefunden. Da, unser Glücksbringer. Alle, die es hören, wiederholen es, erst einer, dann mehrere. Glücksbringer. Glücksbringer. Mein Bruder hebt abwehrend die Hand, genau wie Papa, wenn ihm Lob unangenehm war. Da zieht es mir kurz in der Kehle.
Wir reden danach über Vater, ohne es vorher zu beschließen. Nicht lang. Nicht vollständig. Nur ein paar Sätze, die zwischen zwei Angriffen Platz finden. Weißt du noch, wie er immer die Ergebnisse falsch herum gesagt hat. Auswärts zuerst. Auch zu Hause. Mein Bruder lacht leise, und dieses leise Lachen ist näher als der ganze Jubel. Ich sage, er hätte heute behauptet, er habe es kommen sehen. Mein Bruder sagt, natürlich, nach dem zweiten Bier. Dann schweigen wir, und in meinem Bauch bewegt sich etwas, das weder Trauer noch Freude allein ist. Es hat keine saubere Form. Es darf unordentlich bleiben. Meine Finger lösen sich voneinander. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie verschränkt waren.
Das vierte Tor ist zu viel für den Kopf und genau richtig für die Körper. Vier zu null. Die Stufen beben unter den Schuhen, die Stimmen reißen nach oben, und irgendwo in dieser Welle schlägt mir mein Bruder die flache Hand gegen meine, ein harter, heller Kontakt, der durch den Arm bis in die Schulter läuft. Ich lache, weil nichts anderes übrig bleibt. Nicht über das Spiel, nicht nur. Über diese unvernünftige Fülle, über einen Besuch, der für neunzig Minuten eine Legende bekommt, über Männer mit kalten Nasen und warmen Händen, die einen Fremden feiern, weil er neben dem Richtigen steht. Glücksbringer, brüllt der Mann hinter uns noch einmal. Mein Bruder verbeugt sich ganz klein. Dann grinst er nur.
Nach dem Abpfiff bleibt das Dröhnen noch im Körper, auch als es draußen dünner wird. Es sitzt als Nachhall in den Rippen, als leichtes Zittern in den Knien, als Wärme hinter den Ohren. Wir gehen langsam die Stufen hinunter. Keiner sagt viel. Worte hätten jetzt Ecken. Mein Bruder steckt die Hände in die Taschen und stößt beim Gehen manchmal mit der Schulter gegen meine, nicht aus Versehen, nicht ganz absichtlich. Ich nehme jeden kleinen Stoß wahr. Die Kälte vor dem Stadion legt sich wieder um die Beine, aber sie ist nicht mehr dieselbe. Oder ich bin es nicht. Nein. Kein großer Satz. Nur der Körper, der weniger festhält.
Vor dem Stadion sind die meisten schon weitergezogen. Wir stehen noch da, nebeneinander, und messen keine Zeit. Mein Bruder schaut auf sein Ticket, faltet es einmal, dann noch einmal, steckt es ein. Ich will sagen, komm bald wieder. Ich will sagen, ich habe dich vermisst. Ich will sagen, Glücksbringer zählt auch ohne Fußball. Stattdessen atme ich aus, länger als nötig, und er bleibt stehen, als hätte er genau darauf gewartet. Unsere Schultern berühren sich durch zwei Jacken hindurch, kaum Druck, nur Wärme an einer schmalen Stelle, und keiner von uns nimmt den ersten Schritt.




