Zu Besuch bei Oma und Opa
Als das Auto vor Omas Haus hielt, blieb Jonas noch einen kleinen Augenblick sitzen. Seine Schuhe berührten den Sitz vor ihm, und seine Hände lagen offen auf den Knien, als hätten sie unterwegs vergessen, etwas festzuhalten. Durch das offene Fenster kam Omas Geruch schon bis zu ihm. Ein wenig nach Seife. Ein wenig nach Kuchen. Ein wenig nach Haus.
Alexis war schneller draußen. Papa hob Jonas aus dem Sitz, und da stand Oma schon auf dem Weg, mit beiden Armen weit offen. Sie sagte seinen Namen, und dann war Jonas in ihrer Umarmung. Sie dauerte lang. Zu lang für einen kleinen Jungen, der sonst schnell wieder loslaufen wollte. Aber niemand beendete sie. Omas Wange lag an seinem Haar. Jonas’ Arme hingen erst an seiner Seite. Dann legte sich eine Hand an Omas Bluse.
Opa kam langsamer. Seine Schritte waren ruhig. Er sagte nicht viel. Er legte nur seine große Hand auf Jonas’ Kopf, genau dorthin, wo die Haare vom Autositz noch flach waren. Seine Hand blieb dort. Jonas sah zu ihm hoch. Opa nickte, als hätte er etwas wiedergefunden.
Im Wohnzimmer standen die Taschen noch neben der Tür, aber Oma war schon beim Tisch. Auf der Decke war kaum noch ein freier Fleck zu sehen. Zwischen Tellern und kleinen Schalen lag ein winziger Löffel, der in der Marmelade stecken geblieben war, als hätte sogar er nicht mehr weitergekonnt. Es gab Brot, das weich aussah, und Kuchen, der hoch war. Es gab Erdbeeren mit kleinen grünen Hüten. Es gab Kekse in einer Dose, die Oma nur für Besuch aufmachte.
Alexis lachte und fragte, ob Oma für die ganze Straße gekocht habe. Oma strich ihr über den Rücken und sagte, für euch doch immer. Papa schnitt ein Stück Kuchen kleiner und dann noch kleiner, weil Jonas mit zwei Fingern darauf zeigte. Jonas kaute langsam. Dann zeigte er auf die Erdbeeren. Dann auf ein Brötchen. Dann auf die Dose.
Mama hob eine Augenbraue, aber sie lächelte. Oma sah es auch und tat so, als sähe sie es nicht. Opa schob Jonas ein Kissen auf den Stuhl, damit er höher saß. Jonas’ Beine baumelten unter dem Tisch. Sie hörten nicht auf zu baumeln, auch nicht, als sein Mund schon voll war.
Später gingen sie in den Garten. Der Sommer lag warm auf den Steinen. Papa zeigte auf den Apfelbaum und sagte, dort habe er sich früher versteckt, wenn Oma ihn zum Essen rief. Alexis wollte wissen, ob er wirklich glaubte, Oma hätte ihn dort nicht gesehen. Papa sah zu Oma hinüber. Oma lächelte nur.
Jonas lief zum Beet. Er blieb vor einem Käfer stehen, der langsam über ein Blatt krabbelte. Papa zeigte noch die alte Schaukel, die jetzt höher hing, weil keine kleinen Kinder mehr jeden Tag darauf saßen. Alexis fragte, ob Papa früher auch so hoch geschaukelt habe wie sie. Papa sagte, höher. Opa sagte, nicht höher. Oma sagte, viel zu hoch.
Jonas hörte die Worte nur halb. Der Käfer war schwarz und rund und ging seinen kleinen Käferweg. Jonas ging in die Hocke. Sein Bauch drückte dabei gegen seine Knie. Er machte ein Gesicht, ganz kurz nur. Mama sah es. Sie sagte nichts. Sie strich ihm über den Rücken, einmal von oben nach unten.
Dann spazierten sie durch die alten Straßen der Stadt. Papa ging etwas langsamer als sonst. Er zeigte auf ein Haus mit einer grünen Tür. Dort habe sein Freund gewohnt. Er zeigte auf eine Mauer. Dort sei er balanciert. Er zeigte auf einen kleinen Laden, der früher nach Papier und Bleistiften gerochen hatte. Alexis fragte und fragte. Papa antwortete und antwortete.
Jonas lief voraus. Nicht weit. Nur bis zur nächsten Kante im Gehweg. Dort fand er wieder etwas Kleines, das wichtiger war als Papas alte Geschichten. Ein Blatt. Ein Stein. Ein Käfer vielleicht. Die Stimmen hinter ihm wurden weich. Papas Hand zeigte noch, aber Jonas sah mehr den Schatten der Hand als die Richtung.
Sein Bauch machte ein leises Grummeln. Nicht laut. Nur so, als würde irgendwo drinnen ein kleiner Wagen über einen holprigen Weg fahren. Jonas blieb stehen. Sein Gesicht wurde rund und ernst. Mama war schon neben ihm. Sie wusste, was passiert war, ohne dass jemand etwas sagte.
Oma öffnete ihre Tasche. Darin raschelte etwas. Ein Bonbon lag in ihrer Hand, rot eingewickelt und klein. Mama sah Oma an. Oma sah Mama an. Jonas sah das Bonbon an. Opa sah in den Himmel, als hätte er damit nichts zu tun.
Oma gab es ihm trotzdem.
Jonas nahm es.
Er hielt es erst fest in der Faust. Dann hielt er es lockerer. Das Papier knisterte einmal. Dann nicht mehr.
Auf dem Rückweg wurde die Straße kürzer. Oder Jonas’ Schritte wurden kleiner. Alexis ging neben Papa und fragte nun leiser. Papa zeigte nicht mehr auf jedes Haus. Nur noch auf eines. Dann auf keines.
Zu Hause war das Wohnzimmer warm. Die Teller standen noch da, aber niemand sprach mehr über Kuchen. Die Lampe machte einen kleinen hellen Kreis auf dem Tisch. Alles andere war weicher.
Jonas saß auf Opas Schoß. Erst wollte er wieder hinunter. Seine Füße suchten den Boden. Seine Finger fanden Opas Knopf. Sein Kopf hob sich noch einmal.
Opa hielt ihn nicht fest.
Er war einfach da.
Jonas’ Bauch grummelte noch einmal, viel kleiner als vorher.
Mama strich ihm die Haare aus der Stirn.
Alexis erzählte etwas vom Käfer.
Das letzte Wort kam nicht ganz bei Jonas an.
Die Lampe wurde größer und undeutlicher.
Opas Hemd war warm.
Jonas’ Hand hörte auf, den Knopf zu drehen.
Seine Augen blieben einen Spalt offen.
Dann war nur noch Opas Arm um ihn.
Und Wärme.
Und Atem.



