Prinz Dastan und die räuberischen Feen
Auf den südlichen Inseln kam der Sommer nicht mit Glocken, sondern mit schweren Blättern, die sich über die Wege legten, als wollten sie jedes Geheimnis zuerst berühren. Prinz Dastan ging barfuß durch den Palasthof von Edmund und trug eine Muschel in der Hand, die nicht dem Meer gehörte. Sie summte.
Das Summen war klein, aber es fand den Platz unter seinen Rippen, wo Sorgen wohnen. Wenn Dastan die Muschel drehte, wurde sie warm, und ein feiner Zug lief bis in sein Handgelenk, als hielte jemand am anderen Ende eines unsichtbaren Fadens fest.
Nur er spürte es.
Im Thronsaal berichtete er dem König von den geraubten Schicksalsperlen, von Feen, die nicht lachten, sondern rechneten, und von den Träumen der Fischer, die alle denselben fremden Hafen gesehen hatten. Der König hörte zu, doch seine Stirn blieb glatt wie ein unbeschriebenes Blatt.
“Dastan”, sagte er mild, “der Sommer macht die Nächte schwer. Träume wandern dann gern.”
Dastan presste die Lippen zusammen. Seine Hände wurden heiß vor Ärger, nicht von Magie, sondern von dem festen Griff um die Muschel. In seinem Hals saß ein Knoten, trocken und rund. Er wollte rufen. Er tat es nicht. Er war mutig genug, still zu bleiben, und besorgt genug, daran fast zu ersticken.
Neben der Tür wartete Sulo, sein treuer Begleiter, mit einer Tasche aus Palmfasern und mehr Fragen, als in sein Gesicht passten. Sulo war flink, lachte schnell und glaubte Dastan meistens, gerade weil er vor jedem dunklen Pfad zuerst dreimal schluckte.
“Wenn der König schläft”, murmelte Sulo, “gehen wir dann eben wach.”
So verließen sie Edmund, als die Palmen noch die Wärme des Tages festhielten. Der Dschungelpfad nahm sie auf. Zwischen den Wurzeln lagen kleine Pfützen, in denen manchmal Erinnerungen schwammen: ein verlorenes Wort, ein vergessener Geburtstag, der Duft eines Festes. Dastan trat daran vorbei. Für solche Dinge blieb keine Zeit.
Die Muschel führte sie nicht nach vorn, sondern nach innen. Ihr Summen wurde stärker, wenn Dastan langsamer atmete. Es wurde leiser, wenn Angst seine Schritte schneller machte. Also übte er sich im Ruhigsein, obwohl hinter jedem Blatt ein Feenauge sitzen konnte und obwohl niemand im Palast ihm geglaubt hatte.
Am ersten Lagerplatz fanden sie Spuren: winzige Knoten in Lianen, kalte Asche ohne Feuerstelle und eine Schicksalsperle, die halb im Moos lag. Dastan hob sie auf.
Sofort zog sie an seinem Handgelenk.
Nicht grob. Eher wie ein Kind, das heimlich nach Hause will. Die Perle wärmte seine Finger, und ihr Summen kroch durch seine Knochen, bis seine Zähne leise aufeinandertrafen. Dastan schloss die Faust. Einen Atemzug lang wusste er, dass irgendwo in Edmund ein Bäcker morgen das Salz vergessen würde, und dass ein Torwächter seinen Schlüssel an den falschen Haken hängen sollte. Dann riss das Wissen ab.
Der Preis blieb. Zwei Finger seiner rechten Hand wurden taub.
“Leg sie weg”, sagte Sulo.
Dastan legte sie in die Tasche. “Wenn Morva sie findet, wird sie wissen, dass wir hier waren.”
“Vielleicht weiß sie es längst.” Sulo sah auf den Pfad, der in die grüne Enge lief. “Vielleicht hat der König recht. Vielleicht sammeln die Feen nur Dinge, die Menschen ohnehin verlieren.”
Das war der echte Stich. Nicht der Dschungel, nicht die Perle. Dastan spürte, wie seine Brust enger wurde. Sulo zweifelte nicht aus Feigheit. Er zweifelte, weil Treue manchmal müde Füße bekommt.
“Dann gehen wir bis wir es wissen”, sagte Dastan.
Sie gingen weiter.
Der Pfad führte sie am Nachmittag zu einem Kreis aus gefalteten Blättern. Dort hing eine Müdigkeit in der Luft, weich und schwer. Dastan glaubte, das Räuberlager gefunden zu haben, denn die Muschel summte so tief, dass sein Magen antwortete. Er trat hinein.
Alles war falsch.
Die Knoten waren zu ordentlich. Die Asche roch nach nassem Stein. Die Schicksalsperlen im Blattkreis waren nur leere Samenhülsen, gefüllt mit Schlaf. Sulo gähnte einmal, dann sank er auf die Knie.
Dastan kniff sich in den Arm, bis der Schmerz ihn festhielt. Er zog Sulo aus dem Kreis. Jeder Schritt kostete ihn Wärme. Als sie endlich draußen lagen, zitterte Dastan, obwohl der Sommer wie eine Decke über ihnen lag. Sein Mut hatte keinen Mantel.
“Fehlweg”, flüsterte Sulo später.
“Warnweg”, antwortete Dastan.
In der Nacht erreichten sie die Küste. Die Höhlen atmeten unter den Klippen, langsam und salzig. Dort war das Summen der Muschel nicht mehr in Dastans Hand, sondern überall, als hätte die Insel selbst einen Gedanken gefasst. Sulo blieb am Eingang stehen. Sein Gesicht war bleich vor Müdigkeit.
“Ich höre nichts”, sagte er.
Dastan hörte zu viel.
Aus der tiefsten Höhle kam ein leiser Chor von Schicksalsperlen. Sie summten nicht gleich; jede trug eine andere Zukunft im Bauch, und zusammen zogen sie an Dastans Gelenken, an seinen Knien, an dem weichen Teil seines Herzens, der am liebsten umkehren wollte.
“Wenn ich hineingehe”, sagte er, “holst du Hilfe.”
“Ich lasse dich nicht allein.”
“Doch.” Dastan berührte Sulos Schulter. Seine tauben Finger fühlten kaum den Stoff. “Gerade deshalb.”
Sulo schluckte dreimal. Dann nickte er, und dieses Nicken war tapferer als ein Schwert.
Dastan ging in die Höhle.
Drinnen lag das Feenlager nicht an einem Ort, sondern zwischen Atemzügen. Er musste jedes Mal langsamer werden, um es nicht zu verlieren. Die räuberischen Feen saßen um Netze aus Versprechen und banden Perlen hinein. Keine von ihnen wirkte hastig. Raub war bei ihnen eine Arbeit mit Listen, Pausen und genauen Fingern.
In der Mitte stand Fee Morva.
Sie sprach leise, und doch änderten alle ihre Hände die Richtung. Ihre Macht war nicht groß im Auftreten; sie passte in ein Flüstern. Nach jedem Befehl hustete sie in die Faust, als nähme ihr jedes Wort ein Stück Luft. Trotzdem gehorchte das Lager.
“Edmund wird nicht fallen”, sagte Morva zu den Feen. “Es wird träumen. Ein Königreich, das denselben Traum träumt, öffnet seine Tore von innen. Keine Wache fürchtet, was sie selbst gewünscht hat.”
Dastan stand hinter einem Stein und spürte, wie die Perle in seiner Tasche wach wurde. Sie wärmte sich. Sie zog. Sie wollte zu den anderen.
Er hielt sie fest.
Der Preis kam sofort: Ein Krampf lief durch seine Hand, klein und gemein. Dastan biss auf seine Zunge, damit kein Laut aus ihm fiel. Salz füllte seinen Mund.
Morva hob den Kopf. “Da ist ein waches Kind”, sagte sie, nicht zornig, eher anerkennend. “Eines genügt manchmal, um einen Plan schwerer zu machen.”
Dastan wusste nun, wo das Lager war. Er wusste auch, dass Sulo fort war, der König schlief und Edmund noch nichts ahnte. Er war allein, aber nicht leer. In seiner tauben Hand lag die Perle wie ein zweiter Puls.
Er zog sich einen Schritt zurück. Dann noch einen.
Am Höhleneingang wartete kein Sulo. Nur seine Palmfasertasche lag dort, sorgfältig abgestellt. Darin fand Dastan ein Stück trockenes Brot, eine Schnur und den kleinen Holzring, den Sulo immer drehte, wenn er Angst hatte.
Dastan nahm den Ring.
Hinter ihm summten die Schicksalsperlen weiter. Vor ihm begann der Dschungelpfad zurück nach Edmund, schwer und dunkel von Sommernacht. Dastan band Sulos Holzring um sein eigenes Handgelenk. Der Zug der Perle veränderte sich kaum merklich.
Er zeigte nun nicht mehr nur zur Höhle.




