Jonas entdeckt die Autobahn
Im Sommer stand das Auto vor dem Haus, ganz voll und ganz bereit. Taschen lagen im Kofferraum. Eine Wasserflasche rollte leise in der Seitentür. Papa stellte den Spiegel ein. Mama machte Jonas den Gurt weich am Bauch. Jonas hielt seinen kleinen roten Bagger fest, als müsste der auch mitgucken.
Dann fuhr das Auto los. Erst an den Häusern vorbei, dann an den Feldern, dann auf die breite Autobahn. Die Reifen machten ein gleiches Lied auf der Straße. Wumm-wumm, wumm-wumm. Jonas saß am Fenster und drückte einen Finger gegen die Scheibe. Sein Atem malte einen kleinen Nebelkreis.
Alexis saß neben ihm, groß und still in ihrer eigenen kleinen Welt. Sie hatte Kopfhörer auf den Ohren und das Handy in den Händen. Auf ihrem Gesicht flackerte helles Licht. Manchmal lächelte sie nur für sich. Das war in Ordnung. Alexis war mit dabei, und doch auch ein bisschen anderswo.
Jonas aber war ganz hier. Draußen kam ein blauer Lastwagen. Jonas hob den Arm. Da, da, da. Der Lastwagen brummte vorbei, groß wie ein Haus auf Rädern. Jonas machte den Mund rund und sagte: Brrrrr. Dann kam ein gelber Lieferwagen. Dann ein Auto mit Fahrrädern hinten dran. Dann ein Bus, so lang, dass Jonas den Kopf mitdrehen musste.
Ein Lastwagen mit bunten Bildern fuhr neben ihnen her. Auf der Seite waren Äpfel, Birnen und ein lachender Bär. Jonas rutschte im Sitz nach vorn, so weit der Gurt es erlaubte. Sein Schuh trat einmal in die Luft. Sein Finger klopfte an die Scheibe. Bär, sagte er. Bär fährt. Mama lachte vorne und machte eine tiefe Lastwagenstimme. Ich bringe Birnen für alle Bären.
Da war Mama. Sie saß vorne und hatte für lange Strecken kleine Dinge in der Stimme versteckt. Sie sagte: Wer sieht etwas Rotes? Jonas fand ein rotes Auto. Mama sagte: Wer sieht etwas Rundes? Jonas fand einen Reifen, dann noch einen Reifen, dann ganz viele Reifen. Papa fuhr ruhig weiter. Die Autobahn lag vor ihnen wie ein graues Band.
Eine Weile zählten sie Lastwagen. Eins. Zwei. Drei. Bei vier sagte Jonas wieder zwei, und Mama sagte, zwei ist ein sehr guter Vierer. Alexis hob kurz den Blick vom Handy und grinste. Dann versank sie wieder unter ihren Kopfhörern. Jonas hörte noch das leise Ticken von Alexis’ Fingern auf dem Bildschirm, dann war draußen wieder wichtiger.
Die Sonne stand warm über den Feldern. Ein Zug erschien weit hinten neben der Autobahn. Er glitt an den Bäumen entlang. Jonas wurde ganz gerade. Tuuut, sagte er. Der Zug antwortete nicht, aber Jonas antwortete für ihn. Tuuut. Mama winkte dem Zug mit zwei Fingern. Papa sagte, der fährt auch weit, genau wie wir.
Dann wurde die Fahrt lang. Sehr lang. Jonas’ Beine wussten nicht mehr, wohin sie wollten. Erst zappelten sie. Dann streckten sie sich. Dann drückten sie gegen den Sitz. Der Gurt lag quer über seinem Bauch und wollte bleiben, wo er war. Jonas drehte den Bagger in den Händen. Er drehte ihn linksherum. Er drehte ihn rechtsherum. Sein Mund machte ein kleines unzufriedenes Geräusch.
Mama hörte es. Mama kannte dieses Geräusch. Sie machte aus einem Taschentuch eine winzige Fahne und ließ sie über dem Armaturenbrett wehen. Achtung, sagte sie, die kleinste Raststätte der Welt ist geöffnet. Es gibt Luftkekse und unsichtbare Suppe. Jonas hielt kurz still. Mama reichte ihm einen Luftkeks nach hinten. Jonas nahm ihn zwischen zwei Fingern und kaute sehr ernst.
Dann kamen rote Lichter vor ihnen. Stau. Die Autos standen dicht beieinander. Die Reifen sangen nicht mehr. Das letzte Wumm-wumm wurde langsam und blieb weg. Jonas sah Nummernschilder. Mama erfand Namen dazu. Das Auto mit M bekam Momo. Das Auto mit B bekam Bruno. Ein silbernes Auto bekam den Namen Pudding, weil Mama fand, dass jedes lange Stehen einen Pudding braucht.
Später hielten sie an einer Raststätte. Jonas durfte auf Papas Arm die Beine lang machen. Drinnen roch es nach Brötchen und Kaffee. Draußen standen andere Autos, die auch eine Pause machten. Alexis nahm einen Schluck Wasser und schrieb etwas auf ihrem Handy. Mama wischte Jonas einen Krümel von der Wange. Dann ging es wieder hinein ins Auto, zurück in den weichen Sitz.
Jetzt war die Autobahn nicht mehr so groß. Die Felder zogen langsamer an Jonas vorbei, oder seine Augen zogen langsamer mit. Mama spielte noch ein Spiel. Was hat der nächste Lastwagen geladen? Jonas sagte: Bagger. Mama sagte: Natürlich. Kleine Bagger mit kleinen Schlafdecken. Papa sagte: Und einer hat bestimmt einen roten Helm. Jonas hob den Bagger, als wollte er nachsehen.
Ein Abschnitt lang suchten sie gelbe Dinge. Ein gelbes Schild. Ein gelber Streifen. Ein gelber Fleck auf einem Laster. Dann vergaß Jonas, weiterzusuchen. Sein Finger lag noch an der Scheibe, aber er malte keinen Kreis mehr. Alexis’ Bildschirm leuchtete neben ihm, doch Jonas schaute nicht hin. Die Welt draußen bekam weichere Ränder.
Vor ihnen kam ein Tunnel. Mama sagte es leise, als wäre es ein kleines Fest. Tunnel. Jonas richtete sich auf. Der Mund ging auf. Die ersten Lichter kamen über die Scheibe. Eins. Eins. Eins. Sie standen in einer langen Reihe und liefen über das Auto hinweg. Jonas blinzelte bei jedem Licht. Noch eins. Noch eins.
Im Tunnel war nur das Licht wichtig. Die Lichter zogen über Jonas’ Gesicht. Hell. Dunkler. Hell. Dunkler. Sein Bagger lag nun auf seinem Schoß. Eine Hand hielt ihn noch fest, aber nicht mehr ganz. Mama machte keinen Quatsch mehr. Sie sah kurz nach hinten. Jonas wollte noch zeigen, dass da wieder ein Licht kam.
Sein Finger hob sich.
Er blieb in der Luft.
Dann sank er auf den Bagger.
Nach dem Tunnel war der Himmel weicher.
Die Autos hatten keine Namen mehr.
Die Lastwagen waren nur noch große Formen.
Alexis war ein ruhiger Schatten neben ihm.
Mama drehte sich noch einmal halb um.
Papa fuhr.
Jonas’ Augenlider wurden schwerer, als kleine Lider sein konnten.
Er öffnete sie noch einmal für die Autobahn.
Die Autobahn blieb nicht ganz scharf.
Er öffnete sie noch einmal für Mama.
Mama war warm im Blick und schon wieder vorn.
Er wollte noch brrrr sagen.
Das brrrr begann im Mund und wurde rund und klein.
Dann vergaß es, ein Geräusch zu werden.
Der Gurt lag warm über seinem Bauch.
Der Sitz hielt ihn von allen Seiten.
Der Bagger ruhte in seiner Hand.
Ein Atem kam.
Ein Atem ging.
Mama schaute kurz nach hinten.
Jonas atmete warm und langsam



