Die verschwundene Karte
Emma fand die Karte, weil die alte Steinmauer ein Loch hatte, das gestern noch nicht da gewesen war.
Sie steckte zwei Finger hinein. Der Stein kratzte. Etwas Rascheliges gab nach. Emma zog. Erst kam Staub. Dann ein Stück Stoff. Dann Papier, gelb und hart wie ein alter Apfelring.
Finn stand neben ihr und hielt seine Wasserflasche fest. Sie war schon halb leer, obwohl sie erst am Waldrand waren.
„Das ist eine Schatzkarte“, sagte Emma.
Ihre Stimme war trocken. Sie vergaß, den Rucksack abzusetzen.
Auf der Karte kroch eine blaue Linie über das Papier. Daneben standen drei schwarze Punkte. Am Rand war eine kleine Eidechse gemalt, mit dem Kopf nach links. Ganz unten stand ein Satz, so blass, dass Finn die Karte gegen die Sonne hielt.
„Wenn der Fluss nicht singt, such den kalten Zahn.“
Der Fluss sang nicht. Er war seit Wochen nur noch ein breites Bett aus hellem Sand, rissiger Erde und Steinen, die in der Hitze flimmerten.
Emma faltete die Karte zusammen. „Wir gehen.“
Finn zog den Korken aus seiner Flasche. „Erst trinken.“
Sie tranken jeder drei kleine Schlucke. Nicht mehr. Das Wasser klatschte unten in den Flaschen, als wollte es sich verstecken.
Sie stiegen in den Sommerwald.
Der Schatten war zu kurz. Er lag nicht unter den Bäumen, sondern klebte an den Stämmen. Emma ging voran. Schweiß lief ihr in die Augen. Er brannte. Sie wischte ihn mit dem Handrücken weg und sah nur auf die nächste Wurzel, den nächsten Stein, den nächsten Fleck Schatten, der groß genug für einen Fuß war.
Finn keuchte hinter ihr. „Die blaue Linie muss der Fluss sein.“
„Dann folgen wir ihm.“
Der Flusslauf bog nach rechts. Auf der Karte bog die Linie nach rechts. Das passte. Noch.
Nach zwanzig Schritten teilte sich das trockene Bett. Links glitzerte etwas. Rechts lag nur Staub.
Emma blieb stehen. Ihr Mund klebte, aber ihre Hand hob sich schon. „Da links. Wasser.“
Finn blinzelte. „Oder Glas.“
Emma ging los.
Die Hitze drückte von oben und sprang von den Steinen zurück. Jeder Schritt rutschte. Sand füllte Emmas Schuhe. Der glitzernde Fleck blieb immer gleich weit weg, als würde er krabbeln.
„Warte“, rief Finn.
Emma wartete nicht. Ihre Knie zitterten. Ihre Füße gingen weiter.
Dann endete der linke Arm des Flussbetts vor einer Wand aus Dornen. Kein Wasser. Kein Schatz. Nur eine grüne Flasche, halb im Sand vergraben. Sie hatte das Licht gefangen und sie hergelockt.
Finn kam an und beugte sich vor. Nicht zur Flasche. Zu einem Stein daneben.
„Emma.“
Der Stein trug ein eingeritztes Zeichen: eine Welle mit einem Strich hindurch.
Emma zog die Karte heraus. Der Rand war feucht von ihren Händen. Die Tinte an der Ecke verschwamm.
Auf der Karte stand dasselbe Zeichen neben der blauen Linie.
Finn tippte darauf. „Vielleicht heißt das: Nicht dem Fluss folgen.“
Emma presste die Lippen zusammen. Sie schaute zurück. Der falsche Weg lag hell und lang hinter ihnen. Ihre Flasche war jetzt fast leer.
„Dann war die blaue Linie eine Warnung.“
„Und die Eidechse?“
Emma drehte die Karte. Die kleine Eidechse zeigte nicht nach links. Wenn man die Karte so hielt, dass die durchgestrichene Welle richtig lag, zeigte sie nach oben zum Hang.
Dort stand die alte Steinmauer.
Sie kletterten aus dem Flussbett. Langsam. Nicht weil sie wollten. Weil ihre Beine nicht schneller konnten. Der Hang hatte kaum Schatten. Emma griff nach Grasbüscheln. Viele rissen sofort aus der trockenen Erde. Finn schob von hinten, ohne etwas zu sagen.
Oben knieten sie im schmalen Schatten der Mauer. Er reichte nur bis zu ihren Händen.
Emma breitete die Karte auf einem flachen Stein aus. „Drei Punkte“, sagte sie. „Hier irgendwo müssen drei Punkte sein.“
Finn hob die Flasche. Ein letzter Schluck rollte darin. Er trank nicht. Er hielt sie Emma hin.
Emma schüttelte den Kopf. Dann nahm sie sie doch. Ein Tropfen lief an ihrem Kinn hinunter. Sie fing ihn mit der Zunge auf.
Da hob ein heißer Windstoß die Karte.
Emma schlug danach. Zu spät.
Das Papier flatterte nicht weit. Es rutschte genau in einen Spalt zwischen zwei Mauersteinen. Finn griff hinein. Seine Finger kamen mit einem abgerissenen Eckchen zurück.
Die Karte war weg.
Für einen Moment sagte niemand etwas. Eine Ameise lief über Emmas Schuh. Sie sah ihr nach, weil alles andere zu groß war.
Dann drehte sie das Eckchen um. Darauf war nur noch ein schwarzer Punkt.
Finn flüsterte: „Einer von drei.“
Emma stand auf. Zu schnell. Sie schwankte. Eine Hand blieb an der Mauer, die andere zeigte entlang der Steine.
„Wir suchen die anderen zwei.“
Die Mauer war alt und schief. Manche Steine waren rund, manche flach, manche so heiß, dass Emma die Finger wegzog. Sie gingen langsam daran entlang. Nicht mehr dem Fluss nach. Nicht mehr dem Glitzern nach. Nur den Punkten nach.
Finn fand den zweiten Punkt: ein schwarzer Kiesel, in die Mauer gedrückt. Emma fand den dritten: kein Punkt, sondern ein Loch, rund und dunkel, genau auf Kniehöhe.
Zwischen den drei Punkten saß ein langer, heller Stein. Er ragte ein wenig vor. Wie ein Zahn.
„Der kalte Zahn“, sagte Finn.
Emma legte die Hand darauf und zog sie sofort zurück.
„Nicht kalt.“
Finn setzte sich in den Staub. „Dann ist es wieder falsch.“
Emma kniete vor dem Stein. Ihr Gesicht war rot. Ihre Hände hingen kurz neben den Knien. Dann presste sie beide Handflächen unten an den Stein, wo der Schatten der Mauer ihn berührte.
Sie hielt still.
„Unten ist er kühler.“
Finn beugte sich dazu. „Vielleicht zieht man nicht. Vielleicht drückt man.“
Emma drückte. Nichts.
Finn drückte mit. Nichts.
Der Stein schabte nur ein wenig. Das war nicht nichts.
Emma sah auf den Spalt. Unten war Staub herausgefallen. Oben nicht.
„Er kippt nach innen.“
Sie setzten die Schultern darunter. Der Stein brannte durch Emmas Hemd. Finn zählte nicht laut. Er hob einfach mit ihr.
Der Stein kippte.
Dahinter lag kein Gold.
Dahinter lag ein Tonrohr, so alt, dass Wurzeln darum gewachsen waren. Ein kleiner Stein steckte im Mund des Rohrs. Darunter stand eine flache Schale aus Stein. Sie war trocken, aber am Rand zog sich ein dunkler Streifen entlang.
Emma zog den kleinen Stein heraus.
Er saß fest.
Finn nahm das abgerissene Karteneckchen, faltete es, schob es zwischen Stein und Rohr und wackelte. Das Papier riss. Der Stein rührte sich.
Emma packte ihn mit zwei Fingern. Diesmal kam er heraus.
Erst kam Schlamm.
Dann ein Tropfen.
Dann noch einer.
Wasser fiel in die Schale. Langsam. Hell. Echt.
Emma und Finn starrten darauf, bis die Schale einen Fingerbreit voll war. Finn hielt seine Flasche darunter. Emma hielt ihre daneben. Keine wurde schnell voll. Das Wasser musste sich Zeit nehmen.
Neben dem Rohr steckte eine kleine Blechdose in der Mauer. Emma öffnete sie mit zitternden Fingern. Darin lagen keine Münzen. Nur ein Zettel, trocken und eng gefaltet.
Für den Sommer, in dem der Fluss schweigt. Lass das Wasser laufen. Teil den Schatten.
Darunter lagen drei blaue Murmeln.
Finn nahm eine heraus. Sie war kühl.
Emma lachte nicht. Dazu war ihr Mund zu müde. Aber sie legte die Murmel in die Schale, wo sie unter dem Wasser größer aussah.
Sie tranken in kleinen Schlucken. Dann füllten sie die Flaschen halb. Nicht ganz. Emma schob den hellen Stein nicht wieder vor das Rohr. Finn stapelte flache Steine so, dass die Schale im Schatten blieb.
Als sie den Hang hinuntergingen, war der Flusslauf noch immer trocken. Der Wald war noch immer heiß. Ihre Schritte waren langsam.
Hinter ihnen tropfte Wasser in die Steinschale. Eine Amsel landete auf dem Mauerrand, legte den Kopf schief und wartete, bis die Kinder nicht mehr hinsahen.




