Der Ventilator und die Sterne
Im Kinderzimmer ist die Sommernacht noch da, obwohl draußen schon Nacht ist. Die Wärme liegt auf dem Bett, auf dem Kissen, auf Leos Armen. Sie liegt dort, als hätte sie sich auch hingelegt und wollte nicht wieder aufstehen.
Leo ist sechs und liegt quer im Bett. Die Decke liegt ganz unten bei seinen Füßen, weil sie heute zu viel ist. Sein Schlafanzug klebt ein wenig an seinem Rücken. Ein Knie schaut aus dem Bett. Ein Arm liegt über dem Bauch. Der andere Arm sucht eine kühle Stelle auf dem Laken und findet nur eine Stelle, die nicht ganz so warm ist.
Neben dem Bett dreht sich der Ventilator.
Er dreht sich nach links. Er dreht sich nach rechts. Er macht ein weiches Geräusch, immer wieder. Wumm, wenn der Wind zu Leo kommt. Leise, wenn er weiterwandert. Wumm. Leise. Wumm.
Das Fenster steht offen. Der Vorhang hebt sich ein kleines Stück und sinkt wieder zurück. Hinter dem Fenster hängt der Himmel dunkel und weit. Einige Sterne stehen darin, hell genug, dass Leo sie sehen kann, aber nicht so hell, dass sie etwas von ihm wollen.
Leo will noch nicht schlafen. Seine Augen machen sich groß. Seine Finger greifen das Laken, als könnten sie den Abend festhalten. Seine Zehen strecken sich aus und ziehen sich wieder ein. Sein Mund bleibt ein wenig offen, weil die Luft so warm ist.
Auf dem Flur war vorhin noch Licht gewesen. Jetzt kommt Mama herein, ohne das große Licht anzumachen. Sie geht langsam, damit der Boden nicht knackt. In ihrer Hand ist ein Glas Wasser. Sie stellt es auf den kleinen Tisch neben Leos Bett. Das Glas macht nur ein ganz kleines Geräusch, als es den Tisch berührt.
Mama sagt nichts. Sie muss nichts sagen. Ihre Hand bleibt einen Moment auf dem Bett, dort, wo die Decke zusammengefaltet liegt. Dann geht sie wieder hinaus. Die Tür bleibt einen Spalt offen. Das Licht vom Flur wird schmaler. Dann ist nur noch das Fenster hell genug.
Leo sieht zum Glas. Er sieht zum Ventilator. Er sieht zum Fenster. Alles ist an seinem Platz. Das Wasser wartet. Der Ventilator dreht sich. Die Sterne warten auch, aber weiter weg.
Leo beschließt, die Sterne zu zählen. Nicht richtig. Nur so, dass er wach bleibt.
Er findet den ersten Stern über dem Dach gegenüber. Eins.
Der Ventilator kommt zurück. Wumm.
Er findet den zweiten Stern neben dem Vorhang. Zwei.
Der Vorhang hebt sich. Der Vorhang sinkt.
Der dritte Stern ist vielleicht der gleiche wie der erste, nur weil Leo kurz geblinzelt hat. Seine Augenlider fühlen sich schwerer an, als Augenlider sich am Anfang des Zählens anfühlen sollten. Er öffnet sie wieder, sehr deutlich, sehr tapfer, und seine Stirn macht dabei eine kleine Falte.
Drei, denkt Leo, aber die Zahl bleibt weich.
Von draußen kam vorher ein Auto. Dann noch ein Fahrrad. Dann eine Stimme, die unten auf der Straße etwas sagte und nicht auf eine Antwort wartete. Leo hört zuerst die Stimme nicht mehr. Dann hört er das Fahrrad nicht mehr. Das Auto ist schon weiter weg, so weit weg, dass es nicht mehr zu seinem Zimmer gehört.
Der Ventilator gehört noch dazu.
Wumm. Leise.
Leo sieht wieder nach oben. Die Sterne sind nicht mehr einzelne Punkte. Manche sind Punkte. Manche sind kleine helle Stellen. Manche sind vielleicht gar keine Sterne, sondern nur Stellen, an denen seine Augen nicht ganz fertig hinsehen.
Vier.
Seine Hand lässt das Laken los.
Fünf.
Sein Knie sinkt ein wenig tiefer in die Matratze.
Sechs.
Der Mund bleibt offen. Die Luft geht hinein und wieder hinaus. Nicht viel. Nur genug.
Der Ventilator dreht sich weiter.
Leo will die nächste Zahl finden. Seine Augen gehen zum Fenster, aber sie bleiben nicht lange dort. Sie rutschen ein wenig zu. Dann gehen sie wieder auf. Der Stern über dem Dach wartet noch. Oder ein anderer Stern wartet dort. Das ist nicht mehr wichtig genug, um ganz genau zu sein.
Sieben, beginnt Leo.
Die Zahl endet nicht richtig.
Der Vorhang ist nur noch eine helle weiche Seite neben dem Fenster.
Das Glas Wasser ist nur noch ein kleiner heller Rand.
Das Zimmer ist nur noch Bett.
Das Bett ist warm.
Der Ventilator kommt und geht.
Wumm.
Eine Pause.
Wumm.
Leo zählt nicht mehr nach oben.
Eine Zahl liegt noch irgendwo bei ihm.
Sie rollt nicht weiter.
Seine Finger liegen offen.
Seine Füße liegen still.
Das Kissen hält seinen Kopf.
Der Stern am Fenster wird weich.
Der nächste auch.
Der Himmel ist weit weg.
Das Zimmer ist nah.
Der Ventilator dreht sich weiter.
Sein Geräusch ist nicht mehr vor Leo.
Es ist um ihn herum.
Es ist darunter.
Es ist fast nichts.
Leo atmet ein.
Warm.
Leo atmet aus.
Warm.
Die nächste Zahl findet keinen Anfang.
Der Ventilator dreht sich weiter.
Ein Atemzug kommt.
Ein Atemzug geht.
Warm.



