Der erste Gewitterregen nach der Hitze
Seit Tagen war der Sommer schwer gewesen.
Am Tag hatte die Sonne auf die Dächer gedrückt. Am Abend hatte die Wärme noch in den Steinen gesessen. Und in der Nacht lag sie im Kinderzimmer, als hätte jemand eine warme Decke über alles gelegt, über den Teppich, über den Stuhl, über Emils kleines Bett.
Emil lag auf dem Rücken. Dann auf der Seite. Dann wieder auf dem Rücken. Sein Schlafanzug klebte ein wenig an den Knien. Das Laken war nicht kühl, obwohl er immer wieder eine neue Stelle suchte. Seine Füße schoben sich hinaus. Dann wieder hinein. Dann nur einer hinaus.
Er wollte noch nicht schlafen. Seine Hand tastete nach dem kleinen Auto neben dem Kissen. Die Finger fanden es, hielten es kurz fest, ließen es wieder los. Sein Mund sagte nichts. Seine Augen blieben offen. Aber seine Arme wurden schwerer, als Arme am Abend sonst wurden.
Draußen war die Straße noch wach gewesen. Vorhin hatte jemand ein Fahrrad geschoben. Vorhin hatte ein Hund einmal gebellt. Vorhin hatten zwei Menschen leise gesprochen, unten vor dem Haus. Nun kam nur noch ein fernes Rollen von Reifen, und auch das wurde länger und dünner, als fahre es durch Watte.
Kein Lüftchen kam durch das gekippte Fenster.
Der Vorhang hing da und rührte sich nicht.
Emil drehte den Kopf zur Wand. Dann zur Tür. Dann wieder zum Fenster. Sein Kinn sank ein wenig tiefer in das Kissen, obwohl er die Augen noch offen hielt.
Da zuckte draußen der Himmel.
Nicht hell für lange. Nur einmal, hinter den Wolken. Ein weißes Blinzeln, so kurz, dass das Zimmer danach noch dunkler wirkte.
Emil zog die Knie an. Die Decke war zu warm, aber ohne Decke fühlte sich der Raum zu groß an. Also nahm er nur eine Ecke über den Bauch. Eine kleine Ecke. Gerade genug.
Die Tür ging leise auf.
Papa kam herein, barfuß, mit weichen Schritten. Das Bett gab ein kleines Knarren, als er sich an den Rand setzte. Seine Hand lag auf der Matratze, nicht schwer, nur da.
„Gleich kommt Regen“, sagte Papa.
Emil nickte. Das Nicken war klein. Sein Kopf blieb danach gleich auf dem Kissen liegen, als hätte das Kissen ihn behalten.
Sie warteten.
Der Himmel zuckte wieder.
Papa blieb sitzen.
Die Wärme lag noch im Zimmer. Sie lag auf Emils Stirn. Sie lag in seinen Haaren. Sie lag unter seinem Rücken. Emil schob die Hand aus der Decke und legte sie auf das Laken. Das Laken war warm. Seine Finger machten eine kleine Falte hinein. Dann vergaßen sie, die Falte wieder loszulassen.
Der erste Donner kam weit weg.
Er rollte nicht laut, eher tief. Wie ein großer Wagen hinter vielen Häusern. Emil machte sich kleiner. Seine Schultern rückten näher zusammen. Seine Knie kamen näher zum Bauch. Das kleine Auto neben dem Kissen kippte um.
Papa sagte nichts. Er blieb.
Noch ein Zucken.
Noch ein Warten.
Noch ein Donner, ein wenig näher.
Emil atmete ein und hielt die Luft kurz fest. Dann ließ er sie wieder hinaus. Seine Zehen streckten sich. Seine Hand auf dem Laken wurde weich.
Dann kam zuerst der Geruch.
Nicht der Regen selbst, noch nicht. Ein Geruch von warmer Straße, die wusste, dass Wasser unterwegs war. Ein Geruch von Staub, der sich setzte. Ein Geruch von Blättern, die aufatmeten, bevor man sie hören konnte.
Papa beugte sich zum Fenster und zog es ein kleines Stück weiter auf. Kühle kam nicht gleich. Erst kam nur diese andere Luft. Sie berührte das Zimmer kaum. Aber Emil merkte sie an der Nase. Er merkte sie, und seine Stirn wurde ein wenig glatter.
Dann fiel der erste Tropfen.
Ein einzelnes Klopfen auf dem Fensterbrett.
Noch eins.
Dann drei.
Dann viele.
Der Regen fand das Dach. Der Regen fand die Blätter. Der Regen fand die Straße vor dem Haus. Er trommelte nicht überall gleich. Auf dem Fensterbrett klang er hell. Auf den Blättern weich. Auf der Straße rund und dunkel.
Emil hörte zu.
Das Fahrrad von vorhin war fort.
Die Stimmen von unten waren fort.
Der ferne Reifenklang war fort.
Nur der Regen blieb.
Papa strich einmal über Emils Haar. Dann blieb seine Hand nicht mehr dort. Sie lag wieder auf der Matratze. Nah genug.
Der Donner kam noch einmal, aber er musste nun durch den Regen hindurch. Er war groß, doch nicht mehr so nah. Der Regen nahm ihn auf. Der Regen machte ihn weicher. Der Regen legte sich darüber, Tropfen über Tropfen.
Die Luft wurde kühler.
Emils Fuß fand eine frische Stelle im Laken.
Seine Finger ließen die Falte los.
Seine Augen schauten nicht mehr bis zum Fenster.
Sie schauten nur noch bis zum Rand des Kissens.
Der Regen trommelte.
Der Regen trommelte.
Der Regen trommelte kleiner.
Papa flüsterte etwas, aber die Worte mussten nicht mehr ankommen.
Emils Atem ging hinein.
Und hinaus.
Hinein.
Und hinaus.
Die Decke war nicht mehr zu warm.
Das Zimmer war nicht mehr groß.
Der Donner war weit.
Der Regen war nah.
Noch einmal hob Emil die Lider ein kleines Stück.
Sie sanken wieder.
Seine Gedanken begannen Sätze und hörten in der Mitte auf.
Regen am Fenster.
Atem im Kissen.
Kühle auf der Stirn.
Atem hinein.
Atem hinaus.
Warm unter der Decke.
Hinein.
Hinaus.
Regen.
Atem.



