Die verschwundene Karte
Emma fand die Karte in der Schublade unter den Winterhandschuhen.
Das war das Erste, was nicht passte. Draußen klebte der Sommer am Fenster. Der Rasen war gelb. Die Luft über der Straße zitterte. Emma zog die Karte heraus, obwohl ihre Finger schon schwitzten.
Finn stand hinter ihr und trank aus seiner Flasche. Drei Schlucke. Dann schraubte er sie zu, als hätte jemand mitgezählt.
Auf der Karte lief ein blauer Strich durch einen Wald. Daneben standen drei schwarze Zähne. Am Rand kratzte eine Schrift: Wo die Mauer trinkt.
„Mauern trinken nicht“, sagte Finn.
Emma steckte die Karte ein. Ihre Knie wackelten. Ihre Schuhe waren schon gebunden.
Der Wald begann hinter den letzten Gärten. Normalerweise sprang dort ein Bach über Steine. Heute lag nur ein ausgetrockneter Flusslauf da, hell und rissig wie alte Haut. Emma trat hinein. Staub kroch über ihre Sandalen.
„Wann hast du zuletzt getrunken?“, fragte Finn.
„Vor dem Tor.“
„Das war vor zwölf Minuten.“
Er hielt ihr die Flasche hin. Sie nahm einen kleinen Schluck. Der Mund blieb trocken, nur weniger schlimm. Schweiß lief ihr in die Augen und brannte. Sie blinzelte auf die Karte.
Der blaue Strich passte zum Flussbett. Aber der Fluss war weg. Warum zeichnete jemand Wasser auf eine Karte, wenn das Wasser verschwinden konnte?
„Weiter“, sagte Emma.
Sie gingen im Flusslauf, weil die Karte es sagte. Die Sonne fand sie trotzdem. Der Schatten der Büsche reichte nicht bis zu ihren Füßen. Finn zog sein T-Shirt vom Rücken weg. Es klebte sofort wieder fest.
Nach der ersten Biegung zeigte die Karte ein Zeichen wie einen Frosch. Im Schlamm hätte ein Frosch sitzen können. Hier gab es nur Risse.
Emma hockte sich hin. Der Boden war heiß durch die Sohle. In einem Riss lag ein grüner Stein, glatt und klein. Er hatte zwei dunkle Punkte.
„Frosch“, sagte sie.
Finn stöhnte, aber er grinste kurz. „Dann sind wir richtig.“
Hinter dem Frosch-Stein teilte sich das Flussbett. Links standen drei dünne Kiefern. Rechts lagen Steine im Schatten eines Hangs. Auf der Karte standen neben der Linie drei schwarze Zähne.
„Drei Bäume“, sagte Finn und zeigte nach links.
Links war heller. Links flimmerte die Luft. Links sah der Boden flach aus, also leichter.
Emma wischte sich die Stirn mit dem Arm. Ihre Hand zitterte. Sie nickte trotzdem.
Sie gingen links.
Nach zwanzig Schritten wurde der Boden weich. Nach dreißig sank Finn bis zum Knöchel in warmen Sand. Nach vierzig hörten die Kiefern auf, und vor ihnen wuchsen Dornen quer über den Weg.
„Die Karte lügt“, sagte Finn.
Emma riss an einem Zweig. Ein Dorn kratzte ihren Finger. Kein Blut, nur ein weißer Strich. Sie riss noch einmal. Der Zweig federte zurück.
Finn setzte sich auf einen Stein und sprang gleich wieder hoch. „Heiß!“
Emma zog die Karte heraus. Ein Tropfen Schweiß fiel auf den blauen Fluss. Die Farbe verlief. Der Strich wurde blass. Noch ein Tropfen fiel. Ein Stück vom Fluss verschwand.
„Nein, nein, nein.“ Sie hielt die Karte weg von ihrem Gesicht.
Finn beugte sich darüber. „Die Zähne sind keine Bäume.“
Dort, wo der blaue Strich dünner wurde, sah man kleine Lücken zwischen den schwarzen Zähnen. Wie Steine. Wie Löcher in einer Mauer.
Emma schaute zurück zum rechten Weg. Dort lagen drei dunkle Spalten unter Felsbrocken, alle gleich schmal, alle im Schatten.
„Wir haben die falschen Zähne genommen“, sagte sie.
Finn hob seine Flasche. Sie war fast leer. Das Wasser schlug nur noch einmal gegen die Wand.
„Dann gehen wir richtig“, sagte er, aber seine Stimme kam dünn heraus.
Sie drehten um. Der Sand zog an ihren Füßen, als wollte er sie behalten. Emma ging voran. Sie sah nicht mehr den Wald. Sie sah den nächsten Schatten. Dann den nächsten Stein. Dann Finns Flasche, die bei jedem Schritt leichter klang.
Am rechten Weg wurden die Steine größer. Die Luft stand zwischen ihnen. Emma legte die Karte auf einen flachen Fels, nur kurz. Als sie sie wieder nahm, blieb ein Stück Papier kleben.
Die Sonne hatte den alten Kleber weich gemacht.
Auf der Karte fehlte nun die Ecke mit der Schrift.
„Wo die Mauer trinkt“, flüsterte Finn.
„Ich hab es gesehen“, sagte Emma. „Ich hab es noch im Kopf.“
Sie sagte es schnell. Ihre Finger knitterten die Karte so fest, dass sie riss.
Der Wald wurde stiller, oder ihre Ohren wurden müde. Der Weg stieg an. Finn stolperte. Emma packte seinen Rucksackriemen. Er zog sie fast mit hinunter, dann standen beide wieder.
„Pause“, sagte Finn.
Emma wollte weiter. Ihre Füße blieben stehen. Das war schlimmer. Wenn sie stand, spürte sie alles: den brennenden Nacken, die trockene Zunge, den Staub zwischen den Zehen.
Sie teilten den letzten Schluck. Nicht halb und halb. Finn nahm weniger. Emma sah es. Sie hielt die Flasche an seinen Mund zurück, bis er noch einmal trank.
Dann fanden sie die Mauer.
Sie war niedriger als erwartet und länger als gedacht. Graue Steine liefen zwischen den Bäumen entlang. Manche waren herausgefallen. In den Ritzen wuchs nichts. Fast nichts.
Emma ging an der Mauer entlang. „Wo trinkst du?“, murmelte sie.
Finn setzte sich nicht. Er ging auf der anderen Seite mit, langsam, eine Hand immer an den Steinen.
„Hier ist alles trocken.“
„Nicht alles.“
Emma kniete vor einer Stelle, an der ein einziges Blatt aus der Mauer kam. Es war klein. Es war grün. Nicht staubgrün. Richtig grün.
Darunter lag ein flacher Stein. Er hatte keinen Moosrand. Jemand hatte ihn bewegt. Nicht heute. Aber öfter als die anderen.
Emma zog. Der Stein rührte sich nicht.
Finn kniete sich neben sie. „Zusammen.“
Sie zogen. Nichts.
Emma ließ los und starrte auf ihre schmutzigen Hände. Der Stein hatte unten eine dunkle Linie. Nicht vorne. Rechts.
„Wir ziehen falsch.“
Sie steckte die Finger in die rechte Ritze. Finn drückte links gegen die Mauer, damit der Stein nicht klemmte. Emma zog seitlich.
Der Stein schabte heraus.
Dahinter lag kein Gold. Keine Kiste. Kein funkelnder Ring.
Dahinter lag eine kleine Mulde aus Stein. Aus der Wand tropfte Wasser hinein. Tropfen für Tropfen. Langsam. Genug, dass die Mulde voll war. Daneben stand ein Tonkrug mit einem Deckel.
Finn starrte auf das Wasser.
„Erst du“, sagte Emma.
„Zusammen.“
Sie tranken mit hohlen Händen. Das Wasser war nicht kalt, aber es war Wasser. Es lief über Emmas Handgelenk. Sie hielt die Hand nicht weg.
Im Tonkrug lag ein gefalteter Zettel, trocken in einem kleinen Glas. Finn zog ihn heraus.
Darauf stand: Für Kinder, die weitergehen, wenn der Sommer schwer wird. Nehmt Wasser. Lasst Wasser.
Unter dem Zettel lagen keine Münzen. Nur sechs kleine Samen in einer Papiertüte und ein rostiger Bleistift.
Emma sah zur Mauer. Rechts davon war ein Stück Erde dunkler als der Rest. Nicht nass. Nur bereit.
Sie füllten ihre Flaschen nicht ganz. Ein bisschen Wasser blieb in der Mulde. Finn legte drei flache Steine so, dass kleine Tiere trinken konnten, ohne hineinzufallen.
Emma steckte die Samen in die dunkle Erde. Jeder bekam ein Loch. Finn gab jedem Loch einen Tropfen.
Die Karte war fast leer, als sie sie auf die Mauer legten. Der blaue Fluss war verschwunden. Die schwarzen Zähne blieben schwach zurück.
Emma nahm den rostigen Bleistift. Neben die alte Stelle zeichnete sie drei neue Punkte und eine kleine Flasche.
Auf dem Rückweg gingen sie langsamer. Nicht, weil sie mussten. Weil sie bei jedem Schatten prüften, ob dort etwas Grünes wartete.
Hinter ihnen tropfte die Mauer weiter in die kleine steinerne Mulde.




