Zu heiß zum Schlafen
Leo liegt in seinem Bett, aber das Bett fühlt sich nicht wie sein Bett an.
Das Laken klebt an seinen Waden. Das Kissen ist an jeder Stelle warm, auch dort, wo Leo es umdreht. Die Decke liegt neben ihm, zusammen geschoben wie ein kleiner Hügel, und trotzdem ist sie zu nah. Die Luft im Zimmer bewegt sich nicht. Sie steht über Leo, um Leo, auf Leo.
Das Fenster ist offen.
Von draußen kommt die Sommernacht herein, nicht kühl, noch nicht. Sie bringt ein dünnes Summen mit. Eine Mücke sucht am Fenster entlang. Eine andere summt höher, dann tiefer, dann wieder höher. Weiter weg zirpen Grillen. Noch weiter weg rollt ein Auto über die Straße, langsam, als wäre auch das Auto warm.
Leo dreht sich auf die eine Seite.
Das Laken rutscht mit.
Leo dreht sich auf die andere Seite.
Das Kissen hat dort auch schon auf ihn gewartet, warm und weich und viel zu warm. Seine Haare kleben ein bisschen an der Stirn. Seine Finger suchen den Rand der Decke, obwohl sein Fuß sie gleich wieder wegschiebt. Leo möchte noch wach bleiben. Seine Augen bleiben einen Moment offen. Sein Körper sinkt schon tiefer in die Matratze.
Draußen bellt irgendwo ein Hund.
Einmal.
Dann noch einmal, kleiner.
Die Grillen machen weiter. Die Mücken machen weiter. Die Luft macht gar nichts.
Leo hebt einen Arm aus dem Bett und legt ihn auf das Laken. Dort ist es zuerst ein wenig kühler. Nur einen Atemzug lang. Dann wird auch diese Stelle warm. Er zieht den Arm zurück. Sein Knie findet eine kühle Falte. Die Falte bleibt nicht lange kühl. Alles wird warm, wenn Leo es berührt.
Die Tür geht leise auf.
Mama kommt herein.
Sie sagt kein Wort.
Sie setzt sich an den Rand vom Bett. Die Matratze gibt nach, ganz wenig. In ihrer Hand liegt ein feuchtes Tuch. Sie legt es Leo auf die Stirn. Das Tuch ist kühl. Nicht kalt. Nur kühl genug, dass Leos Augen langsamer blinzeln.
Das Tuch bleibt liegen.
Mamas Hand bleibt noch einen Moment auf dem Tuch.
Dann hebt sie die Hand fort.
Die Tür bleibt einen Spalt offen, nachdem sie gegangen ist. Leo hört ihre Schritte nicht mehr bis zum Ende. Erst sind sie auf dem Flur. Dann sind sie nur noch etwas Weiches. Dann sind sie weg.
Das Zimmer ist noch warm.
Aber nicht mehr ganz so groß.
Das Fenster ist nur noch ein dunkler, offener Rand. Die Mücke am Fenster summt nicht mehr nah bei Leos Ohr, sondern irgendwo anders. Vielleicht am Vorhang. Vielleicht weiter draußen. Leo weiß es nicht mehr genau.
Er möchte noch einmal die Decke wegschieben.
Sein Fuß bewegt sich nur ein kleines Stück.
Er möchte den Kopf vom Kissen heben.
Sein Kopf bleibt liegen.
Das feuchte Tuch wird langsamer warm. Oder Leo merkt es langsamer. Seine Stirn liegt darunter, ruhig. Seine Hände liegen neben ihm, offen. Die Finger krümmen sich nicht mehr um den Deckenrand.
Draußen fährt kein Auto mehr.
Der Hund ist weit weg.
Die Grillen sind noch da, aber dünner.
Leo hört sie, dann hört er sie nicht, dann hört er sie wieder.
Das Zimmer atmet nicht, aber die Nacht tut es.
Ein leises Lüftchen kommt durch das offene Fenster.
Es streicht nicht über alles.
Nur über Leos Wange.
Dann ist es wieder fort.
Dann kommt es noch einmal.
Leos Schulter sinkt.
Sein Mund öffnet sich ein wenig.
Die warme Stelle im Kissen ist nicht mehr so warm.
Das Laken klebt nicht mehr so fest.
Die Decke liegt weit unten beim Fußende.
Leo merkt sie nicht mehr.
Er merkt das Fenster nicht mehr.
Er merkt nur die Luft.
Sie ist kühler.
Sie kommt und geht.
Sie kommt.
Sie geht.
Das Summen draußen wird kleiner.
Kleiner.
Noch kleiner.
Leos Gedanken fangen an und hören auf, bevor sie fertig sind.
Ein Bild von der Mücke bleibt kurz da.
Dann ist es kein Bild mehr.
Ein Rest von Grillen bleibt.
Dann ist es nur noch Abstand.
Das Tuch auf seiner Stirn ist lauwarm.
Die Luft an seiner Wange ist kühl.
Sein Atem geht hinein.
Sein Atem geht hinaus.
Die Nacht ist kühl geworden.
Leo liegt still.




