Oma gießt die Pflanzen um Mitternacht
Im Sommerhaus war die Nacht erst spät gekommen.
Tagsüber hatte die Sonne auf das Dach gelegt, als wollte sie dort wohnen bleiben. Nun lag Mia in ihrem Bett im Obergeschoss, und die Wärme saß noch in den Wänden. Das Laken klebte ein wenig an ihren Knien. Vom Garten her kam das letzte Zirpen, dünn und fern.
Mia hatte die Augen offen behalten wollen. Nur noch ein kleines bisschen. Nur noch so lange, bis unten keine Tasse mehr klirrte und bis Oma ihre langsamen Schritte durch die Küche gemacht hatte. Aber Mias Arme lagen schon schwer neben ihr. Ihre Finger hatten aufgehört, am Rand der Decke zu zupfen. Ihre Füße suchten eine kühle Stelle und fanden sie nicht gleich.
Dann wurde es unten stiller. Nicht ganz still. Erst hörte Mia noch das alte Haus knacken. Dann hörte sie noch ein Brett im Flur. Dann hörte sie beides nicht mehr, weil ihre Ohren weiter weg zu liegen schienen als sonst.
Sie drehte den Kopf zum Fenster.
Ein leises Klingen kam von draußen. Metall an Metall. Nicht laut. Nicht eilig. Nur ein kleines, rundes Geräusch im Garten.
Mia blinzelte. Ihre Lider gingen langsam auf, langsamer wieder zu, und noch einmal auf. Sie wollte liegen bleiben. Ihr Körper war schon tief im Kissen, aber ihre Hand schob die Decke ein Stück zur Seite.
Die Dielen fühlten sich warm unter ihren Füßen an, als sie zum Fenster ging. Dort stand der Mond nicht hoch. Er lag eher über den Beeten, hell genug, damit die Wege zu sehen waren, dunkel genug, damit alles weich blieb.
Unten im Garten stand Oma.
Sie trug ihren langen Sommerrock und die weichen Hausschuhe, die auf dem Kies kaum ein Geräusch machten. In der einen Hand hielt sie die Gießkanne. In der anderen hielt sie den Henkel ganz oben, damit das Wasser ruhig blieb.
Oma goss die Pflanzen um Mitternacht.
Am Tag war es zu heiß gewesen. Das wusste Mia, ohne es fertig zu denken. Die Blumen hatten am Nachmittag ihre Köpfe hängen lassen. Die Erde war hell und hart gewesen. Oma hatte gesagt, später sei besser. Später, wenn der Garten wieder atmen könne.
Jetzt war später.
Oma beugte sich zu den Tomaten. Das Wasser lief aus der Tülle in einem schmalen Bogen. Im Mondlicht blitzte es kurz, nur kurz, dann verschwand es in der dunklen Erde. Oma wartete. Sie goss nicht zu viel. Sie goss nicht zu wenig. Sie stand da, als lausche sie jeder Wurzel.
Mia legte die Stirn an den Fensterrahmen. Das Holz war kühler als ihr Gesicht. Draußen bewegte sich ein Blatt. Dann noch eins. Dann blieb der Garten wieder ruhig.
Nichts rief. Nichts musste schnell sein.
Oma ging zum Lavendel. Ihre Schritte waren klein. Die Gießkanne schaukelte kaum. Wenn sie leerer wurde, klang sie heller. Mia hörte es einmal. Dann nicht mehr.
Sie sah nur noch Oma.
Sie sah nur noch den hellen Bogen Wasser.
Sie sah, wie die dunkle Erde dunkler wurde.
Die Wärme im Zimmer war nicht mehr so groß. Oder Mia merkte sie nicht mehr. Das Sommerhaus hielt sie fest, aber leicht. Das Bett wartete hinter ihr. Das Kissen wartete. Die Decke lag offen wie ein weiches Ufer.
Oma stellte die Gießkanne am Brunnen ab.
Sie richtete sich langsam auf.
Sie sah zu den Beeten.
Sie nickte kaum.
Mias Hand rutschte vom Fensterbrett.
Ihre Augen blieben noch bei Oma, aber die Ränder des Gartens wurden undeutlich. Die Bohnenstangen waren nur noch Linien. Der Weg war nur noch hell und dunkel. Die Blumen waren nur noch kleine Schatten, die genug bekommen hatten.
Oma nahm die leere Kanne.
Sie ging zum Haus.
Die Tür unten öffnete sich.
Ein schmaler Streifen Licht fiel auf die Stufe.
Dann wurde er klein.
Dann war er fort.
Mia ging zurück zum Bett.
Das Zimmer kannte den Weg.
Das Kissen nahm ihre Wange auf.
Die Decke lag warm über ihr.
Ein Gedanke begann mit Oma im Garten.
Er wurde langsamer.
Ein anderer Gedanke begann mit Wasser im Mondlicht.
Er fand sein Ende nicht.
Unter der Decke war es warm.
Mias Atem kam und ging.
Kam und ging.


