Ischia im August
Lea erkannte ihn am Geruch, bevor sie sein Gesicht sah.
Nicht an etwas Großem. Kein Parfum, das durch die Schlange am Hafen zog. Es war diese Mischung aus bitterer Orange, Salz auf Baumwolle und dem trockenen Rauch, der in Stoff bleibt, auch wenn jemand längst aufgehört hat. Der Geruch streifte sie, als ein Mann hinter ihr seinen Rucksack von einer Schulter auf die andere schob.
Vor ihr drängten Menschen mit Rollkoffern zur kleinen Kasse für die Fähre nach Sant’Angelo. Ein Kind schlug mit einer Wasserflasche gegen das Bein seiner Mutter. Die Kette an der Gangway klirrte immer dann, wenn eine Welle gegen den Kai drückte. Ischia im August ließ niemandem Platz. Schweiß lief unter Sonnenbrillen, Hemdkragen klebten, und selbst die Tauben standen mit offenen Schnäbeln im Schatten der Poller.
Lea hielt ihr Ticket zwischen zwei Fingern. Der Abdruck ihres Eherings, den sie seit vier Monaten nicht mehr trug, zeigte sich als heller Streifen auf brauner Haut. Sie legte den Daumen darüber, als hätte sie etwas verschüttet.
Hinter ihr sagte eine Stimme: „Entschuldigung, ist das die Schlange nach Sant’Angelo?“
Sie hätte sich nicht umdrehen müssen. Zehn Jahre hatten diese Stimme nicht aus ihrem Körper geräumt. Sie drehte sich trotzdem langsam um, als prüfte sie nur die Anzeige über dem Schalter.
Marco stand da, mit einem dunkelblauen Hemd, das an der Brust feucht war, und einer Sonnenbrille in der Hand. In seinen Haaren lag Grau an den Schläfen, nicht viel, aber genug, dass ihre Augen dort hängenblieben, bevor sie weiterwanderten. Eine kleine Narbe zog sich über sein Kinn, dünn wie ein Kratzer auf Glas. Früher hatte er beim Lachen den Kopf zurückgeworfen. Jetzt blieb sein Lächeln kürzer, als hätte jemand es am Rand festgehalten.
„Ja“, sagte Lea. „Wenn der Schalter nicht vorher schmilzt.“
Er blinzelte. Dann sah er sie wirklich an.
Für einen Moment hielt er die Sonnenbrille so fest, dass sich der Bügel in seine Handfläche drückte. Sein Blick fiel auf ihren Mund, dann auf den hellen Streifen an ihrem Finger. Er sagte nichts dazu. Sie wusste, dass er ihn gesehen hatte.
„Lea.“
Ihr Name klang in seinem Mund wie ein Glas, das jemand aus einem hohen Regal nahm und vorsichtig abstellte.
„Marco.“ Sie steckte das Ticket in ihr Buch, Der Leopard, das sie am Morgen im Hotel aufgeschlagen und nach zwei Seiten wieder zugedrückt hatte. „Du bist in der falschen Schlange, wenn du vor mir flüchten willst.“
Er lachte einmal, leise. „Ich war nie gut im Flüchten.“
Die Frau vor Lea rückte einen Schritt weiter. Lea rückte nach. Marco tat dasselbe. Zwischen ihnen blieb die Länge eines Koffers und alles, was sie damals nicht geordnet hatten.
„Allein hier?“ fragte er.
Lea sah auf ihren kleinen Koffer, dessen Griff klemmte und dessen linke Rolle seit Neapel ein schiefes Geräusch machte. „Der Koffer hat nur Platz für eine Person.“
„Verstehe.“
Er verstand nicht alles. Oder zu viel. Er schob die Sonnenbrille in die Hemdtasche, zog sie wieder heraus, hielt sie dann doch in der Hand. Hinter ihm hupte ein Lieferwagen. Niemand bewegte sich schneller.
„Und du?“ fragte sie.
„Ich arbeite zwei Wochen in Forio. Fotos für ein Hotel. Zu viele Paare vor zu blauem Wasser.“ Er verzog den Mund. „Heute frei.“
„Du hast es also doch geschafft.“
„Was?“
„Zu viele Kameras, zu wenig Schlaf.“
Er sah auf seine Hände. Die Nägel waren kurz, an einem Finger klebte ein Pflaster. Früher hatte er immer Tinte an der Seite des kleinen Fingers gehabt, weil er Notizen in Moleskine-Hefte kritzelte und sich selbst nicht als Linkshänder ernst nahm. Jetzt hing eine Kamera an seiner Schulter, das Leder des Riemens dunkel vom Nacken.
„Und du?“ fragte er.
„Ich berate Menschen, die neue Wörter für alte Probleme kaufen.“
„Das klingt nach dir.“
„Nein“, sagte sie. „Das klingt nach dem, was übrig blieb, als ich aufgehört habe, anderes zu versuchen.“
Er hob den Blick. Das war zu ehrlich gewesen für eine Schlange am Hafen. Lea schob eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. Ihr Haar hatte sie vor der Reise kürzer schneiden lassen. Der Friseur hatte gefragt, ob es ein Anlass sei, und sie hatte gesagt, es sei nur August.
Am Schalter kaufte Marco sein Ticket. Als er bezahlen wollte, fielen zwei Münzen auf den Boden und rollten unter Leas Koffer. Beide gingen gleichzeitig in die Hocke. Ihre Hände trafen sich nicht. Seine Finger blieben einen Zentimeter neben ihren, auf dem heißen Stein. Der Geruch von Orange stieg wieder auf, diesmal näher.
„Danke“, sagte er.
„Du hast früher nie Kleingeld gehabt.“
„Ich habe vieles gelernt.“
„Sieht man.“
Er sah sie nicht an, als er sagte: „Nicht alles.“
Auf der Fähre fanden sie zwei Plätze im Schatten, nebeneinander, weil kein anderer frei war. Ein Mann mit einem Strohhut schnarchte auf der Bank gegenüber. Das Kind mit der Wasserflasche schlief nun auf dem Schoß seiner Mutter, die Flasche eingeklemmt zwischen Ellbogen und Bauch. Die Fähre schnitt durch grünes Wasser. Gischt sprühte gegen die Scheiben und trocknete in weißen Rändern.
Lea hielt Der Leopard auf den Knien. Sie las denselben Satz viermal. Marco tat, als sähe er aufs Meer, doch in der Scheibe spiegelte sich, wie er zu ihrem Buch hinübersah.
„Du liest das immer noch?“
„Ich fange es immer noch an.“
„Du hast es mir damals geliehen.“
„Du hast es nie zurückgegeben.“
„Ich habe es mitgenommen nach Berlin.“
„Das ist weiter als nötig für ein geliehenes Buch.“
Er lächelte. „Manche Dinge gibt man nicht sofort zurück.“
Sie klappte das Buch zu. Die Seiten schlossen sich mit einem kleinen trockenen Laut. „Manche Dinge kommen zurück, wenn man nicht mehr danach fragt.“
Er legte die Kamera auf seinen Schoß. Sein Daumen strich über die Kante des Gehäuses, hin und her, als müsste er einen Gedanken glätten. „Ich habe oft angefangen zu schreiben.“
„An wen?“
„An die Adresse, die ich kannte.“
Lea sah hinaus. Ein weißes Boot lag vor Felsen, ein Mann stand bis zur Brust im Wasser und hob beide Arme, um jemandem an Land etwas zuzurufen. „Die gibt es nicht mehr.“
„Das dachte ich mir.“
Sie schwiegen. Nicht aus Mangel an Sätzen. Die Fähre brummte unter ihren Füßen. Jemand öffnete eine Dose Limonata, und das Zischen klang viel zu hell. Marco schob sein Pflaster zurecht. Lea sah, dass es am Rand nass geworden war. Er bemerkte ihren Blick und versteckte die Hand unter der Kamera.
In Sant’Angelo trennten sie sich nicht. Keiner schlug vor, zusammenzugehen. Keiner ging in die andere Richtung. Sie liefen die schmale Promenade entlang, vorbei an Badetüchern, Keramiktellern mit Zitronen, nackten Schultern unter Salzkrusten. Die Hitze nahm jedem Menschen die Form, die er morgens gewählt hatte. Lippenstift verlief, Leinen knitterte, Männer lösten Knöpfe, Frauen banden Haare mit Kugelschreibern zusammen. Ischia ließ keine glatten Ränder.
Vor den Thermalbädern blieb Marco stehen. Dampf stieg aus einem Becken, obwohl die Luft schon stand. „Ich wollte da rein“, sagte er. „Aber es wirkt wie eine Strafe.“
„Ich habe gestern drei Minuten geschafft.“
„Und dann?“
„Dann saß ich auf einer Steinbank und sah einer alten Frau zu, wie sie ihre Badekappe festzog, als ginge es um Krieg.“
Marco lachte, diesmal länger. Ein Mann neben ihnen wischte sich mit einem Prospekt über den Nacken. Lea merkte, wie Marco beim Lachen die Narbe am Kinn mit zwei Fingern berührte. Sie hätte fragen können. Sie fragte nicht.
Sie kauften Wasser und zwei Aprikosen bei einem Stand. Marco biss in seine, Saft lief über seinen Daumen. Er leckte ihn ab und hielt dann inne, als hätte er vergessen, dass sie neben ihm stand. Lea sah weg zu spät.
„Du bist anders“, sagte er.
„Ich bin siebenunddreißig.“
„Das meinte ich nicht.“
„Was meintest du?“
Er schob den Aprikosenkern in eine Papiertüte. „Du wartest weniger darauf, dass jemand dich richtig versteht.“
Sie spürte den hellen Streifen am Finger, obwohl sie nicht hinsah. „Vielleicht höre ich nur schlechter.“
„Nein.“
Dieses Nein stand zwischen ihnen, schlicht und unhöflich. Früher hatte er alles mit einem Witz abgedeckt. Jetzt ließ er das Wort liegen.
Am späten Nachmittag kehrten sie mit der Fähre zurück. Die Sonne stand noch hoch, aber die Schatten der Masten lagen länger über den Kai. Marco trug nun Leas Koffer, ohne zu fragen. Sie ließ es zu und tat, als merke sie nicht, dass er die schiefe Rolle entlastete, indem er den Koffer leicht anhob.
„Mein Hotel ist dort oben“, sagte sie und zeigte auf eine Terrasse mit Terrakottatöpfen und einem Markisendach.
„Ich kenne es. Schlechter Kaffee. Gute Aussicht.“
„Du warst da?“
„Heute Morgen. Arbeit.“
Sie nickte. Eine Möwe schrie über ihnen und ließ etwas auf einen Roller fallen. Der Besitzer fluchte so lang, dass ein Kellner vom Café gegenüber applaudierte.
„Kommst du auf einen schlechten Kaffee mit guter Aussicht?“ fragte Lea.
Marco sah zur Straße, dann zu ihr. Sein Körper hatte die Antwort schon gegeben. Er stand näher als zuvor, den Koffergriff noch in der Hand, den Fuß zur Treppe gedreht. Doch seine Finger lösten den Griff nicht.
„Ich habe um acht einen Termin.“
„Dann trink langsam.“
Auf der Hotel-Terrasse roch es nach warmem Stein, Basilikum und Chlor aus dem kleinen Pool hinter der Mauer. Ein Ventilator drehte sich über der Bar und bewegte die Luft nicht, er zerschnitt sie nur. Lea setzte sich an den Rand der Terrasse. Unten schoben sich Menschen über die Hafenpromenade, als hätte jemand den Tag zu eng zusammengerollt.
Der Kellner brachte zwei Espressi und ein Glas Wasser, in dem eine Zitronenscheibe trieb. Marco stellte seine Kamera auf den Stuhl neben sich. Lea legte Der Leopard auf den Tisch. Der Wind hob die erste Seite, dann die zweite. Marco legte seine Hand darauf, um sie festzuhalten.
Keiner sprach.
Der Ventilator klickte bei jeder dritten Drehung. Ein Löffel fiel irgendwo auf Fliesen. Marco hielt die Seite fest, als hinge etwas davon ab, dass sie nicht umblätterte. Lea betrachtete seine Hand. Ein feiner weißer Strich lief über den Knöchel. Sein Handrücken war dunkler, die Adern deutlicher. Zehn Jahre hatten dort Linien gezogen, die sie nicht kannte. Sein Daumen lag auf einem Satz, den sie nicht lesen konnte.
Dann zog er die Hand zurück.
„Ich war damals feige“, sagte er.
Lea nahm den kleinen Löffel und rührte in ihrem Espresso, obwohl kein Zucker darin war. „Du hattest Angst vor Hamburg.“
„Vor dir.“
Sie stellte den Löffel hin. Metall klang gegen Porzellan.
„Das ist kein Unterschied“, sagte sie.
Er nickte. Sein Blick blieb auf der Zitronenscheibe im Wasser. „Und du?“
„Ich habe geheiratet.“
„Das habe ich gesehen.“
„Nicht hier.“
„Nein.“
„Es war nicht schlecht.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
„Ich weiß.“
Wieder diese zweite Unterhaltung unter der ersten. Die Terrasse füllte sich mit Gästen, doch um ihren Tisch blieb etwas frei, als hätte die Hitze einen Kreis gezogen.
Marco trank seinen Espresso in einem Zug. Früher hatte er Kaffee kalt werden lassen, weil er beim Reden die Zeit verlor. Lea bemerkte es und hasste, dass sie es bemerkte.
„Ich reise morgen nach Neapel“, sagte er. „Für zwei Tage.“
„Und dann?“
„Zurück. Vielleicht.“
„Vielleicht ist bequem.“
Er sah sie an. „Ja.“
Sie stand auf, zu schnell, und der Stuhl kratzte über die Fliesen. „Ich muss duschen.“
„Lea.“
Sie nahm das Buch vom Tisch, ließ aber das Ticket darin stecken. Es rutschte halb heraus, ein dünnes Rechteck mit verblasster Tinte. Marco sah es, sagte nichts. Sie ging zur Treppentür. In den drei Sekunden, bevor sie hindurchtrat, hörte sie, wie er einatmete, als wolle er aufstehen, und wie der Stuhl doch nicht rückte.
In ihrem Zimmer stellte sie die Dusche an und blieb angezogen davor stehen. Wasser schlug auf Fliesen. Der Spiegel beschlug am Rand. Sie zog den Ring nicht vom Finger, weil da keiner war. Trotzdem drehte sie an der Stelle, an der er gewesen war.
Später, als die Promenade unten lauter wurde und die Teller auf der Terrasse klirrten, ging sie wieder hinaus. Ihr Haar war nass. Das Kleid klebte am Rücken. Marco saß nicht mehr am Tisch.
Auf ihrem Buch lag ein Foto.
Sie erkannte es nicht sofort. Es zeigte keine Menschen. Nur die Kette an der Gangway, die am Mittag geklirrt hatte, und dahinter Leas Hand auf dem Koffergriff. Der helle Streifen am Finger lag scharf im Licht. Daneben, am Rand des Bildes, sah man Marcos Schatten, nicht ihn selbst.
Unter das Foto hatte er nichts geschrieben. Keine Nummer. Kein Satz. Nur das Fährticket steckte wieder zwischen den Seiten, diesmal bei einem neuen Kapitel.
Lea setzte sich. Der Ventilator klickte. Unten am Hafen löste jemand eine Leine, und die Kette antwortete über das Wasser, einmal, zweimal, dann lange nicht.




