Verschwunden beim Sommerfestival
Um sieben Uhr morgens hing die Hitze schon zwischen den Zelten. Die Plane über Claras Kopf klebte an den Stangen, und draußen zog jemand einen leeren Bierkasten über den Kies. Drei Schläge, Pause, drei Schläge. Clara lag auf dem Rücken und sah auf Maras Schlafsack.
Er lag offen. Nicht unordentlich, nicht benutzt. Die Reißverschlusszähne standen sauber nebeneinander, als hätte Mara ihn am Abend für später vorbereitet. Auf dem Campingstuhl daneben lag ihre linke Sandale. Die rechte fehlte. Eine halbe Flasche Wasser stand im Schatten des Stuhls, der Deckel fest zugedreht.
Clara setzte sich auf. Sie mochte keine offenen Sachen. Keine Schubladen, keine Tabs, keine Sätze, die jemand im Raum stehen ließ. Trotzdem fuhr sie seit sechs Jahren mit Mara auf Festivals, weil vierzigtausend Menschen eine Art Lärm erzeugten, in dem niemand von ihr verlangte, leise zu sein.
Sie rief Mara an. Es klingelte nicht. Die Mailbox sprang sofort an. Clara sah auf die Uhr. 7:04. Mara hatte gestern um 23:48 ein Foto geschickt. Darauf stand sie vor der Hauptbühne, die Haare an der Stirn nass, den Mund schief gezogen, weil Clara immer sagte, gerade Lächeln sähen aus wie Ausweise. Hinter ihr brannte die LED-Wand weiß. Ein Mann mit gelbem Kabelbinder am Handgelenk schnitt durchs Bild.
Clara zog sich an, nahm Maras Sandale vom Stuhl und ging los.
Die Zeltstadt roch nicht nach Nacht, sondern nach warmem Kunststoff. Zwischen den Zelten lagen Isomatten, Dosen, ein einzelner Ohrstöpsel. Auf jedem zweiten Hering steckte ein gelber Kabelbinder, mit dem die Ordner am Freitag die Fluchtwege markiert hatten. Clara hielt die Sandale wie einen Beweis, obwohl sie nicht wusste, wem sie ihn zeigen sollte.
Am Infopunkt saß eine Frau mit Sonnenhut und einer Liste. Neben ihr drehte sich ein Ventilator, der nur Papier bewegte. Clara sagte Maras Namen, Geburtsdatum, Zeltplatz C14, blaues Kleid, schwarze Bauchtasche.
Die Frau fuhr mit dem Finger über die Liste. „Viele schlafen nach. Viele Handys sind leer. Warten Sie noch zwei Stunden.“
„Sie hat ihre Sandale dagelassen.“
„Das passiert hier dauernd.“ Die Frau sagte es schnell und freundlich. „Bei der Wärme laufen Leute barfuß zum Duschen.“
Clara legte die Sandale auf den Tisch. Staub klebte am Riemen, aber die Sohle war sauber. Mara lief nicht barfuß. Nicht einmal im Freibad. Clara sagte das. Die Frau hob den Blick nicht mehr von ihrer Liste.
Um halb neun kam Ermittler Vogt. Er trug ein helles Hemd, dessen Kragen dunkel wurde, und hielt einen Block so gerade, als könnte er die Zeltstadt mit Linien bändigen. Clara erzählte alles noch einmal. Vogt schrieb Maras Namen in Druckbuchstaben.
„Erwachsen, nüchtern?“
„Sie hatte zwei Bier. Wir teilen immer. Ich trinke den ersten Schluck, sie den letzten.“
Vogt sah sie an. „Bei vierzigtausend Besuchern, 38 Grad und schlechtem Netz kommt es zu Lücken. Meist schließen sie sich bis Mittag.“
Der Satz saß glatt. Kein Wort stieß an ein anderes. Clara blickte auf seinen Block. Neben Maras Namen hatte er ein Fragezeichen gesetzt, klein, dicht am Rand.
„Sie verschwindet nicht ohne Nachricht.“
„Das sagen Angehörige oft.“
„Ich bin nicht Angehörige.“
Vogt klappte den Block halb zu. „Dann warten wir trotzdem nicht weniger sorgfältig.“
Auf dem Weg zur Hauptbühne blieb Clara dreimal stehen. Einmal, weil sie glaubte, Maras Stimme zu hören, aber es war ein Mädchen, das sich über verlorene Sonnencreme beschwerte. Einmal, weil auf dem Boden ein schwarzes Haargummi lag. Einmal vor der Barriere, an der die gelben Kabelbinder hingen. Am Vorabend hatten sie in regelmäßigen Abständen gesessen. Jetzt fehlten an einer Stelle vier hintereinander.
Clara fotografierte die Lücke.
Hinter der Bühne standen Lastwagen, Kühlanhänger und ein weißes Zelt mit dem Aufdruck MEDICAL. Ein Ordner stellte sich ihr in den Weg. Sein Namensschild sagte Niko. Er sah auf die Sandale, dann auf ihr Gesicht, dann an ihr vorbei.
„Nur Personal.“
„Meine Freundin war gestern hier.“
„Hier waren gestern alle.“
Seine Stimme brach beim letzten Wort. Clara bemerkte es, weil sie sonst nichts an ihm festhalten konnte. Er hatte Sonnencreme in den Augenwinkeln und kaute auf der Innenseite seiner Wange.
„Haben Sie sie gesehen?“ Clara zeigte ihm das Foto.
Niko blickte zu kurz darauf. „Nein.“
„Sie haben nicht hingesehen.“
„Ich sehe seit drei Tagen zu viel.“ Er griff nach seinem Funkgerät, drückte aber keine Taste. „Gehen Sie zum Infopunkt.“
Clara trat einen Schritt näher. Auf dem Foto, direkt hinter Mara, hing ein gelber Kabelbinder nicht an der Barriere, sondern um das Handgelenk eines Mannes. Daneben, fast im Licht der LED-Wand, sah Clara jetzt etwas anderes: an Maras blauem Festivalband klemmte ein schmaler weißer Streifen. Kein Eintrittsband. Ein Papierstreifen, quer über dem Plastik, mit einem blauen Quadrat.
Sie griff nach ihrem eigenen Handgelenk. Nur blaues Stoffband. Kein Weiß.
„Was ist das?“ fragte sie Niko.
Er sah diesmal hin. Sein Kiefer hielt an. „Schattenband.“
„Was?“
„Für Leute, die im Kühlbereich waren. Damit sie wieder reinkommen.“ Der Satz kam zu sauber. Er passte nicht zu seinen Augen. „Wegen Dehydration. Ganz normal.“
„Mara war nie im Kühlbereich.“
„Dann hat sie es von jemandem bekommen.“
Clara ging zurück zu Vogt. Er stand am Rand des Parkplatzes P2 und sprach mit einem Mann in Leinenhemd. Renz, der Festivalorganisator, hatte ein Funkgerät am Gürtel und Schuhe, die für den Kies zu teuer waren. Während Vogt redete, nickte Renz in gleichmäßigen Abständen.
„Wir kooperieren vollständig“, sagte Renz, bevor Clara etwas fragte. „Wir haben Sanitätsprotokolle, Einlassdaten, Kameras. Niemand geht hier verloren, ohne dass wir alles tun.“
Clara hielt ihm das Foto hin. „Was ist das weiße Band?“
Renz sah kaum hin. „Ein internes Hilfsband. Hitzeprävention.“
„Wer gibt es aus?“
„Sanität und Crowd-Team. Das läuft standardisiert.“
Wieder so ein Satz ohne Kante. Clara wischte über den Bildschirm und zoomte. Das Bild wurde körnig. Das blaue Quadrat auf dem weißen Streifen zeigte eine kleine Zahl. 4.
„Wo ist Bereich vier?“
Renz lächelte mit geschlossenem Mund. „Das sind keine Ortsnummern. Nur Chargen.“
Vogt nahm ihr das Handy nicht ab. Er sah nur kurz darauf. „Frau Seidel, wir prüfen die Sanitätslisten.“
„Sie heißt Clara.“
„Ich prüfe das.“
Clara merkte, dass sie die Sandale zu fest hielt. Der Riemen drückte eine Linie in ihre Handfläche.
Um zehn Uhr fand sie Maras Namen nicht auf der Sanitätsliste. Sie fand auch keinen Eintrag unter falscher Schreibweise. Eine Helferin ließ sie kurz auf den Bildschirm sehen, weil hinter Clara ein Mann erbrach und die Helferin beide Hände frei brauchte. Keine Mara. Keine Unbekannte mit blauem Kleid.
Dafür fand Clara auf einer Pinnwand drei alte Suchmeldungen. Nicht offiziell. Ausgedruckte Posts, die jemand über Jahre mit Reißzwecken gesammelt hatte: Handy verloren, Bruder gesucht, Wer hat Lisa gesehen. Zwei davon trugen Daten aus vergangenen Festivals. Beide Frauen hatten sich später gemeldet, stand handschriftlich darunter. Eine bei einer Freundin in Leipzig. Eine in einem Hotel. Beide finalen Fotos zeigten Bühnenlicht, nasse Haare, ein schiefes Lächeln. An beiden Handgelenken saß ein schmaler weißer Streifen.
Clara fotografierte die Pinnwand. Als sie sich umdrehte, stand Niko hinter ihr.
„Sie sollten das lassen“, sagte er.
„Warum?“
Er sah zur Seite, dorthin, wo die Kühlanhänger hinter der Bühne weiß in der Sonne standen. „Weil Sie sonst mit Leuten reden, die Ihnen bessere Antworten geben als ich.“
„Haben Sie die Kamera am Westtor ausgeschaltet?“
Sein Gesicht veränderte sich. Nicht viel. Er schluckte nur einmal, langsam.
„Wer sagt das?“
„Niemand. Aber Vogt hat vorhin nach einer Lücke gefragt.“
Niko rieb sich mit dem Daumen über das Funkgerät. „Meine Schwester arbeitet an der Bar. Sie hat keinen Vertrag für gestern. Renz spart an Leuten und nennt es Freundschaftsdienst. Ich habe sie durchs Westtor rausgelassen, als sie umgekippt ist. Ohne Scan. Ohne Liste.“
„Und die Kamera?“
„Zwanzig Minuten aus. Damit er sie nicht feuert.“
Das passte zu seiner Stimme. Rau, unordentlich, beschämend. Clara glaubte ihm nicht gern, aber sie glaubte ihm.
„Haben Sie Mara gesehen?“
Niko schüttelte den Kopf. Dann hob er eine Hand, als wollte er das Schütteln zurückholen. „Ich habe eine Frau im blauen Kleid gesehen. Kurz nach Mitternacht. Zwei vom Crowd-Team haben sie gestützt. Sie ging nicht richtig. Aber das haben viele nicht.“
„Wohin?“
„Richtung Kühlbereich.“
„Bereich vier?“
Niko sagte nichts.
Clara lief nicht. Sie ging schnell, weil Laufen bei dieser Hitze sofort auffiel. An den Barrieren fehlten weiter die vier gelben Kabelbinder. Einer lag im Staub, zu einer kleinen Acht gedreht. Sie hob ihn auf. Auf der Innenseite stand mit Filzstift eine 4.
Hinter dem MEDICAL-Zelt standen vier Kühlanhänger. Auf dreien klebten Sponsorlogos. Der vierte stand etwas abseits, die Deichsel zum Parkplatz P3 gedreht. Seine Tür trug kein Logo, nur ein blaues Quadrat aus Klebeband. Daneben lehnte eine Kiste mit weißen Papierstreifen.
Clara blieb im schmalen Schatten eines Lautsprecherturms stehen und öffnete Maras letztes Foto noch einmal. Sie zoomte nicht auf Mara. Sie zoomte auf ihre Sonnenbrille, die oben im Haar steckte. In einem Glas spiegelte sich die Bühne. Im anderen ein weißer Anhänger mit einem blauen Quadrat. Davor eine Person im Leinenhemd.
Renz.
Sie ging zurück zu Vogt. Er hörte zu, ohne zu schreiben. Das war schlimmer als vorher.
„Ein Spiegelbild auf einer Sonnenbrille reicht nicht“, sagte er.
„Es ist der Anhänger.“
„Der Kühlanhänger gehört zur Logistik.“
„Warum markiert er Menschen mit einer Vier?“
Vogt sah zum Parkplatz. Renz stand dort bei zwei Technikern und lachte in sein Funkgerät. Das Lachen endete, als er Clara sah.
„Ich brauche Grundlagen“, sagte Vogt. „Listen. Zeugen. Einen letzten gesicherten Kontakt.“
„Sie haben einen.“
„Ich habe eine Freundin, die Muster sieht.“
Clara nickte. Nicht weil sie zustimmte. Weil ihr Hals trocken war und jede Antwort an der Zunge klebte.
Am Mittag zogen die ersten Autos vom Parkplatz. Staub stieg über P3 und legte sich auf Windschutzscheiben. Der weiße Anhänger stand nicht mehr hinter dem MEDICAL-Zelt. Clara fand die Spur seiner Reifen im Kies, zwei dunklere Linien, die zur Ausfahrt für Dienstleister führten. Am Rand lag ein weißer Papierstreifen. Blaues Quadrat. Zahl 4.
Sie hob ihn nicht auf. Sie fotografierte ihn, dann den Kies, dann die Lücke an der Barriere, dann Renz, der neben Vogt stand und mit beiden Händen erklärte, wie sauber seine Abläufe waren.
Der Satz kam bis zu ihr herüber, glatt und fertig: „Bei dieser Menschenmenge entsteht leider immer ein falscher Eindruck von Absicht.“
Clara sah auf Maras Sandale in ihrer Hand. Die Sohle war noch immer sauber. Mara war nicht weit gelaufen. Jemand hatte sie getragen oder geführt. Clara drehte sich zur Dienstleisterausfahrt. Hinter dem Zaun bog ein weißer Anhänger auf die Landstraße, langsam, als hätte er keine Eile. Auf seiner Tür klebte ein blaues Quadrat.
Clara wählte Vogts Nummer, obwohl er dreißig Meter entfernt stand. Als er abhob, sah sie ihn an.
„Ich weiß, wo sie ist“, sagte sie.
Vogt legte nicht auf. Er sah zuerst zu Renz, dann zur Ausfahrt. In seiner freien Hand blieb der Stift über dem Block stehen. Der Anhänger verschwand hinter einer Reihe staubiger Pappeln. Auf dem Tisch am Infopunkt drehte der Ventilator weiter die Suchliste um, Seite für Seite, ohne eine davon festzuhalten.


