Hammam in Marrakesch
Am ersten Tag in Marrakesch trägt Julia die Hitze wie ein zweites Kleid, nur dichter, schwerer, näher an der Haut. Sie liegt nicht über ihr, sie sitzt in den Kniekehlen, in der kleinen Mulde zwischen Schlüsselbein und Hals, unter dem Band ihrer Sandalen, dort, wo der Fuß bei jedem Schritt kurz vergisst, dass er weitergehen soll. Der Weg vom Flughafen zum Riad hat sich in ihren Waden gesammelt, in trockenen kleinen Zuckungen, und als sie im Innenhof auf einer niedrigen Bank sitzt, lehnt ihr Rücken an einer Wand, die noch Wärme hält, obwohl sie nicht weiß, von wann.
Einchecken. Wasser. Nachricht schreiben. Der Kopf legt seine Liste ab wie Perlen auf eine Schnur, eine nach der anderen, und der Körper sitzt darunter und wartet, mit einem Atem, der oben in der Brust hängen bleibt. Julia merkt, wie sie die Zähne aufeinanderlegt. Nicht fest. Nur genug, um zu merken, dass sie es tut. In ihrem Bauch ist eine gespannte Fläche, glatt und wach, als müsste sie jeden Moment erklären, warum sie hier ist, warum allein, warum im Hochsommer, warum eine Woche.
Die Frau im Riad sagt Hammam, und Julia nickt, noch bevor sie nach der Uhrzeit fragt. Ihr Zeigefinger bewegt sich über den Rand eines Glases, sucht eine Kante, etwas Messbares. Wie lange dauert es. Welche Temperatur. Was soll sie mitbringen. Der Körper zieht sich bei jeder Frage ein wenig zusammen, nicht aus Angst, eher aus Gewohnheit, aus dem alten Wunsch, vor dem Eintreten schon zu wissen, wie der Raum von innen sein wird. Wenn ich es plane, wird es ruhig. Dann bleibt der Satz liegen.
Am Nachmittag findet sie den Eingang nicht sofort. Die Hitze drückt auf ihren Scheitel, wandert in den Nacken, bleibt dort als stumpfer Daumen liegen. In den Souks ist das Gedränge für sie kein Bild, sondern eine Enge an den Oberarmen, ein Ausweichen in den Hüften, ein kurzer Kontakt an der Schulter, der noch nachwirkt, wenn die Haut schon frei ist. Sie hält die Tasche enger an den Körper, und der Riemen schneidet eine schmale Linie über die Brust. Nicht verlieren. Nicht zu spät. Nicht falsch.
Im Hammam nimmt ihr eine Fremde die Reihenfolge ab. Schuhe. Kleid. Tuch. Eine Geste, eine Handfläche, ein Nicken. Julia folgt, und jedes abgelegte Stück Stoff verändert die Luft an ihrer Haut. Erst kühler an den Oberschenkeln, dann wärmer an den Rippen, dann die merkwürdige Schutzlosigkeit des Rückens, der nichts mehr trägt. Sie möchte etwas fragen, doch im Mund sammelt sich Trockenheit, und die Frage bleibt unter der Zunge, klein und unfertig. Die Frau zeigt auf eine Tür. Dahinter wartet Dampf, nicht als Nebel, sondern als Gewicht.
Der erste Atemzug im warmen Raum ist zu kurz. Er stößt gegen die Feuchte, als hätte die Luft eine weiche Wand. Julias Brust hebt sich, hält, gibt nicht ganz nach. Der Dampf legt sich in die Nase, in den Hals, dann tiefer, langsam, und ihr Körper prüft ihn, misstrauisch, wie man Wasser mit dem Fuß prüft, bevor man hineinsteigt. Die Kacheln unter ihren Sohlen sind kühl, trotz allem. Diese Kühle steigt nicht weit, nur bis in die Fußgewölbe, aber dort bleibt sie, ein kleiner Widerstand gegen die große Wärme.
Sie setzt sich auf den Stein. Die Hitze kommt von allen Seiten, ohne Richtung, und genau das macht sie schwer zu ordnen. Julia sucht nach einer Mitte, nach einem Anfang, nach einer Zahl. Fünf Minuten. Zehn. Ihr Kopf hält die Zeit wie ein dünnes Band zwischen den Fingern, und der Körper schwitzt darunter, zuerst an der Oberlippe, dann in der Vertiefung unter der Brust, dann am Rücken, wo einzelne Linien nach unten laufen und sich in der Taille verlieren. Wie lange noch. Der Gedanke löst sich nicht. Er klebt.
Eine Hand legt Wasser über ihre Schulter. Nicht zögernd, nicht erklärend. Das Wasser trifft die Haut als kurze Schwere und läuft warm über den Arm, sammelt sich am Ellbogen, fällt weiter. Julia spannt sich an, weil sie nicht weiß, was als Nächstes kommt. Die Muskeln zwischen ihren Schulterblättern ziehen sich zusammen, fein und schnell, und die Frau wartet nicht auf Erlaubnis, aber sie drängt auch nicht. Sie ist einfach da, mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Platz für Julias Kontrolle lässt. Ich müsste sagen, wenn… Der Rest verschwindet im nächsten Atem.
Schwarze Seife wird auf ihrer Haut verteilt. Julia riecht sie nicht, sie fühlt sie nur, glatt und dicht, wie eine zweite Oberfläche, die den Körper weniger persönlich macht. Die Hände der Frau fahren über Unterarme, Schultern, Rücken, Bauch, Oberschenkel, nicht zart, nicht hart, sondern sachlich, als wäre der Körper etwas, das keine Geschichte erzählen muss. Julia merkt, wie der Bauch sich bei der Berührung hebt und sofort wieder fest wird. Ein kleiner Schutz, alt und schnell. Die Hand geht darüber hinweg, ohne Kommentar. Das macht es schwerer, festzuhalten.
Später, oder früher, sie kann es nicht mehr genau setzen, liegt Julia auf warmem Stein. Ihr rechter Arm ist neben dem Kopf abgelegt, der linke an der Seite, und in der Achselhöhle sammelt sich Hitze, die nicht unangenehm ist, nur sehr nah. Der Peelinghandschuh beginnt am Fuß. Rauheit, Kreis, Druck. Die Ferse, die Wade, die Kniekehle. Der Körper antwortet erst mit Widerstand, ein unwillkürliches Zusammenziehen der Zehen, ein Festwerden im Becken. Dann, nach einigen langen Zügen, bleibt die Ferse liegen. Nur das.
Die Frau arbeitet sich über den Körper, und Julia verliert die Reihenfolge. Nicht weil sie schläfrig ist, sondern weil die Berührungen den Plan im Kopf aufreiben. Außenarm. Schulter. Rippen. Rücken. Zwischen den Schulterblättern findet der Handschuh eine Stelle, die Julia den ganzen Frühling nicht bemerkt hat und die doch die ganze Zeit gewartet haben muss, flach, hart, wie eine zusammengefaltete Nachricht. Der Druck geht darüber, wieder und wieder. Julias Atem stockt. Das Projekt. Die Mail. Montag. Der Stein trägt weiter.
Am zweiten Tag geht sie wieder hin. Nicht weil sie beschlossen hat, etwas zu lernen, sondern weil ihr Körper am Morgen eine Müdigkeit zeigt, die nicht nach Schlaf fragt, sondern nach Wärme. Der Weg durch die Gassen liegt wieder in den Füßen, doch sie zählt die Abzweigungen weniger. Im Hammam ist die erste Enge in der Brust noch da, aber sie kennt ihre Form. Sie weiß, wo sie sitzt: unter dem Brustbein, leicht links, wie eine kleine Faust. Als der Dampf kommt, macht die Faust nicht auf. Sie wird nur wärmer.
Am dritten Tag gibt Julia die Frage nach der Dauer später auf. Sie fragt sie noch, innen, aber leiser. Die Kacheln nehmen die Hitze von ihren Sohlen und geben Kühle zurück, und sie bleibt einen Moment länger stehen, nur um dieses kühle Gewicht von unten zu spüren. Ihr Kopf sucht nach der Uhr. Ihr Handgelenk ist nackt. Dort, wo sonst das Band sitzt, liegt nur ein blasser Streifen Haut, und dieser Streifen fühlt sich seltsam unbewacht an. Ich könnte nachsehen. Keine Bewegung folgt.
In der Mitte der Woche wird der Dampf nicht leichter, aber Julias Widerstand bekommt Risse. Sie sitzt auf dem Stein, die Knie angewinkelt, die Hände lose darum gelegt, und der Atem sinkt zum ersten Mal unter die Rippen, nicht tief, nicht feierlich, nur tiefer als vorher. Der Bauch hebt sich gegen die Oberschenkel. Es ist ihr kurz unangenehm, diese Weichheit, dieses Sichtbare, obwohl niemand hinsieht, wie sie zu Hause angeschaut wird. Die Frauen bewegen sich um sie, und ihre Körper haben keine Eile, sich zu entschuldigen.
So also. Mehr nicht. Der Satz bleibt ohne Ende. Eine Fremde gießt Wasser über Julias Rücken, und das Wasser findet Wege, die Julia nicht steuern kann. Es läuft entlang der Wirbelsäule, teilt sich über dem Kreuzbein, zieht in warmen Linien über die Hüften. Ihr Nacken will sich heben, will prüfen, will danken, will etwas richtig machen. Dann sinkt der Kopf wieder. Nicht aus Einsicht. Aus Gewicht. Die Stirn liegt auf den verschränkten Unterarmen, und in den Unterarmen pulst es langsam, als hätte der Körper dort eine eigene Uhr.
Am fünften Tag ist das Hammam nicht mehr neu, und gerade deshalb nimmt es ihr mehr ab. Julia kommt mit einer Liste hinein, die unterwegs wieder gewachsen ist. Flug bestätigen. Rechnung. Mutter anrufen. Sonnencreme kaufen. Sie spürt die Liste als flache Unruhe in den Handflächen, als winzige Bewegungen der Finger, die greifen möchten, obwohl es nichts zu greifen gibt. Als die Frau ihre Hände nimmt und die Seife bis in die Fingerzwischenräume streicht, wird dieses Greifen lächerlich klein. Die Finger spreizen sich. Dann bleiben sie offen.
Die Massage danach hat keine Frage in sich. Da sind Hände auf ihren Schultern, Daumen neben der Wirbelsäule, Handballen über dem unteren Rücken. Julia merkt, wie ihr Körper zuerst übersetzt: zu stark, zu nah, zu lange. Dann hört das Übersetzen für einige Atemzüge auf. Druck ist nur Druck. Wärme ist nur Wärme. Die Hüfte sinkt schwerer in die Matte. Ein Bein rollt ein wenig nach außen, ohne dass sie es entscheidet. In der Kehle sitzt ein leiser Rest von Anspannung, wie ein Wort, das nicht ausgesprochen werden will.
Am sechsten Tag bleibt sie nach dem Waschen liegen. Nicht lange, denkt sie, und genau dieser Gedanke zeigt ihr, dass noch etwas in ihr zählt. Der Rücken berührt die Matte an mehreren Stellen zugleich: Schulterblätter, Kreuzbein, Fersen. Dazwischen kleine Bögen, kleine Luft. Sie spürt, wie die Matte nicht nach ihr fragt, nicht nach Zweck, nicht nach Leistung, nicht nach der richtigen Art, sich zu erholen. Die Wärme hängt in den Kniekehlen. Der Atem kommt und geht, manchmal flach, manchmal breiter. Vielleicht nur noch… Der Satz trocknet aus.
In der Nacht im Riad liegt die Hitze im Zimmer anders. Nicht als Wand, sondern als Tuch über Bauch und Oberschenkeln. Julia dreht sich nicht sofort, obwohl der Körper es vorschlägt. Sie bleibt auf dem Rücken und spürt den eigenen Puls im Hals, eine kleine Bewegung gegen die Haut. Von draußen kommt das Leben der Stadt nur noch als fernes Drängen an ihren Körper, als Erinnerung an Enge in den Schultern, an Schritte in den Fußsohlen. Sie muss es nicht ordnen. Der Innenhof hält die Wärme, und sie hält nichts dagegen.
Am letzten Tag geht Julia ohne Uhr. Das merkt sie erst, als die Hand am leeren Gelenk ankommt. Die Finger tasten über den blassen Streifen, und für einen Moment zieht sich der Bauch wieder zusammen, als hätte sie etwas Wichtiges vergessen. Zu spät. Zu wenig. Zurück. Dann hebt sich ihr Brustkorb, der Atem findet den Dampf, und der Dampf findet den Atem. Kein großes Nachgeben, eher ein langsames Durchweichen der Kanten. Die Schultern sinken nicht auf einmal. Sie werden nur weniger gehalten.
Die Frau wäscht ihr die Haare. Julias Kopf liegt in einer Schale aus Händen, und das Wasser läuft über die Kopfhaut, warm, stetig, ohne Eile. Unter den Fingern der Fremden wird die Stirn schwer. Die kleinen Muskeln um die Augen lassen nach, als hätten sie lange an einem Faden gezogen. Julia merkt, dass sie nicht weiß, welches Gesicht sie gerade macht. Es ist egal, oder es wird egal, Körperstelle für Körperstelle. Der Kiefer öffnet sich einen Spalt. Die Zunge liegt breit im Mund.
Danach legt Julia sich auf die Matte. Eine Woche ist ein Wort, das nicht mehr richtig an den Körper passt. Hochsommer ist ein Wort. Urlaub ist ein Wort. Marrakesch auch. In ihr gibt es nur noch Flächen und Gewichte: die warme Haut an den Oberschenkeln, das nachgiebige Kreuz, die feuchten Haare im Nacken, den Atem, der nicht mehr nach Erlaubnis fragt. Draußen sind die Souks, irgendwo. Sie hört sie kaum. Ihr linker Fuß kippt zur Seite, und zwischen den Zehen bleibt ein kühler Tropfen stehen.




