Kathrin steht vor der Tür des kleinen Zimmers und hält den Schlüssel noch in der Hand, obwohl die Tür längst offen ist. Das Metall liegt warm in ihrer Handfläche, nicht heiß, nur warm genug, um ihr zu sagen, dass der Tag schon länger auf den Mauern gelegen hat als sie selbst hier ist. Zwischen Daumen und Zeigefinger spürt sie die gezackte Kante, und diese kleine Kante hält sie fest, als könne man an so etwas einen Plan befestigen.
Einchecken. Tasche abstellen. Kurz duschen. Dann hinaus.
Der Gedanke läuft nicht ganz zu Ende, aber ihr Bauch zieht sich schon zusammen, als müsse er ihn trotzdem ausführen. In den Schultern sitzt die Reise noch wie ein zu enger Riemen. Der Nacken trägt etwas, das nicht Gepäck ist, eher eine unsichtbare Liste, die sich mit jeder Minute weiter aufrichtet. Sie ist einundvierzig, sie ist im Urlaub, und ihr Körper fühlt sich an, als wartete irgendwo jemand auf eine Antwort.
Siesta, hat die Frau unten gesagt, mit einer Handbewegung, die leicht gewesen ist, fast nachgiebig. Zwischen zwei und fünf. Die Läden zu. Ruhen. Später wieder.
Ineffizient.
Das Wort kommt trocken. Es bleibt nicht lange. Es hinterlässt nur eine Spannung hinter den Augen und ein kleines Heben im Brustkorb, als hätte sie innerlich widersprochen, ohne den Mund zu öffnen.
Sie stellt die Tasche neben das Bett. Ihre Finger lösen den Griff nicht sofort. Die Innenflächen kleben ein wenig am Leder, und als sie endlich loslassen, bleibt ein Abdruck, eine helle Weichheit in der Haut. Sie richtet sich auf. In den Knien liegt ein dumpfes Ziehen. Nicht schlimm. Nur da. Als sei der Körper schon angekommen und warte nun darauf, dass der Kopf es bemerkt.
Aber Kathrin geht wieder hinaus.
Draußen legt sich die Hitze ohne Abstand auf sie. Nicht als Wetter, nicht als Bild, sondern als Gewicht. Sie trifft zuerst den Scheitel, sinkt dann über die Stirn, sammelt sich über den Brauen, drückt dort eine schmale Linie in die Haut. Auf dem linken Schulterblatt sitzt ein warmer Fleck, der mit jedem Schritt breiter wird. Der Stoff ihres Kleides klebt an der Wirbelsäule, löst sich, klebt wieder, und darunter beginnt ein feines Rinnen, langsam, geduldig, als schreibe der Körper seine eigene Sprache.
Ich bin nicht müde.
Ihr Schritt wird schneller, vielleicht um diesen Satz zu beweisen. Die Oberschenkel arbeiten gegen eine Luft, die nicht ausweicht. In den Waden entsteht ein zäher Druck, als müssten sie durch Wasser gehen, das nicht kühlt. Ihre Lippen werden trocken. Sie presst sie zusammen, und das Pressen wandert bis in den Kiefer. Dort bleibt es. Ein kleiner Trotz aus Knochen.
Sie denkt an geöffnete Geschäfte, an Kaffee, an eine Karte, an ein Museum, an irgendeinen Ort, an dem ein Tag eine Form bekommt. Aber die Formen ziehen sich zurück. Was bleibt, ist die Wärme in den Ellenbeugen, die feuchte Linie unter dem Brustband, der Puls am Hals, der deutlicher wird, je weniger sie ihn hören will.
Die verschlossenen Läden begegnen ihr nicht wie Dinge, sondern wie eine Weigerung, die sie im eigenen Brustkorb spürt. Überall dort, wo sie etwas erledigen könnte, antwortet ihr Körper mit Schwere. Vor einem heruntergelassenen Gitter bleibt sie stehen. Ihre Fußsohlen brennen durch die Sandalen hindurch, nicht schmerzhaft, aber bestimmt. Sie verlagert das Gewicht. Rechts. Links. Rechts. Als wäre Stehen eine Arbeit.
Nur ein Stück weiter.
Der Satz kommt kleiner als vorher.
Sie geht ein Stück weiter. Die Hitze bleibt nicht draußen. Sie ist inzwischen in ihr. Im Bauch liegt sie rund und unbeweglich. Unter den Rippen dehnt sie sich aus, und der Atem findet weniger Platz, nicht aus Angst, eher aus einer langsamen Überfüllung. Jeder Einatem hebt den Stoff an der Brust. Jeder Ausatem geht kürzer zurück, als wolle der Körper sparen.
Kathrin bleibt an einer Ecke stehen, und für einen Moment hat sie keinen nächsten Schritt. Das ist fast unangenehm. Kein nächster Schritt. Keine geöffnete Tür. Kein Beweis. Ihre Stirn spannt. Zwischen den Schulterblättern zieht sich etwas zusammen, ein Rest von Aufrichtung, von Ich-kann-doch, von Das-macht-man-doch-nicht-mitten-am-Tag.
Dann dreht sie um.
Auf dem Rückweg wird der Körper lauter, ohne schneller zu werden. Der rechte Fuß setzt schwerer auf als der linke. Die Haut unter den Armen ist empfindlich geworden. In den Händen pocht es weich, als hätten die Finger zu viel festgehalten. Ihr Atem ist kein freies Kommen und Gehen mehr, sondern etwas, das sie begleiten muss. Ein. Aus. Ein wenig warten. Ein.
Vielleicht Wasser.
Vielleicht nur hinsetzen.
Nicht schlafen.
Im Zimmer ist zuerst das Weiß da. Nicht grell, sondern breit, ruhig, an den Wänden, im Laken, an der Decke, in dem kleinen Waschbecken, das in einer Ecke steht. Die halb geschlossenen Jalousien schneiden das Mittagslicht in schmale, matte Streifen, und diese Streifen liegen auf dem Boden, auf dem Stuhl, am Rand des Bettes. Kathrin sieht sie und hat das Gefühl, als sei die Zeit hier nicht weitergelaufen, sondern in flache Bahnen gelegt worden.
Sie schließt die Tür. Der Riegel findet seinen Platz, und gleich danach kommt von unten aus der Gasse ein letztes Rollen, ein letzter Ruf, ein letztes hartes Zuschlagen, das sich entfernt. Dann wird es nicht leer, sondern gedämpft. Ihr Körper reagiert auf diese Dämpfung, bevor sie darüber nachdenken kann. Die Schultern sinken einen Fingerbreit. Die Haut am Hinterkopf prickelt. Der Atem bleibt oben stehen und fällt dann, sehr langsam, tiefer.
Nur kurz.
Sie sagt es nicht laut. Es reicht, dass der Satz irgendwo in ihr auftaucht und eine Erlaubnis vortäuscht, die klein genug ist, um nicht gefährlich zu wirken.
Kathrin zieht die Sandalen aus. Die Füße berühren den Boden, und die Kühle ist so still, dass sie fast wie eine Berührung von innen kommt. Unter den Ballen öffnet sich etwas. Die Zehen spreizen sich ein wenig, unbeholfen, dankbar vielleicht, aber dieses Wort ist schon zu groß. Sie bleibt so stehen, mit nackten Füßen, und merkt, wie das Gewicht aus den Knien nach unten sinkt. Nicht alles. Nur ein Teil. Gerade genug, dass die Beine nicht mehr so tun müssen, als hätten sie ein Ziel.
Das Kleid streift über ihre Haut, als sie es löst, und darunter atmet der Bauch freier. Sie legt sich auf das Bett, auf den Rücken, ohne die Decke zu nehmen. Nur kurz. Der Rücken berührt das Laken zuerst an den Schulterblättern, dann am Becken, dann an einer Stelle der Wirbelsäule, die sie vorher nicht bemerkt hat. Dort liegt eine kleine Härte. Sie wartet. Die Härte bleibt. Dann wird ihr Rand weicher.
Ihr Kopf arbeitet weiter.
Was, wenn sie den Nachmittag verpasst. Was, wenn später alles voll ist. Was, wenn sie nachts nicht schlafen kann. Was, wenn sie zu träge wird. Was, wenn Urlaub gar nicht bedeutet, nichts zu tun, sondern das Richtige zu tun, nur eben anderswo.
Die Gedanken stoßen aneinander, aber sie haben weniger Kraft, weil der Körper nun beginnt, eigene Sätze zu bilden. Der linke Arm wird schwerer als der rechte. Die Handfläche öffnet sich, nicht aus Entscheidung, sondern weil die Finger das Festhalten vergessen. In der Kehle löst sich ein Schlucken, langsam und trocken. Danach ist dort mehr Raum.
Sie könnte aufstehen.
Gleich.
Der Atem senkt sich. Nicht tief, nicht vorbildlich, einfach tiefer als vorher. Die Rippen geben nach, zuerst kaum sichtbar, dann spürbar. Beim Ausatmen entsteht im Bauch eine warme Mulde. Beim Einatmen hebt sie sich wieder, kleiner, weicher. Kathrin legt eine Hand darauf, vielleicht um sich zu beruhigen, vielleicht um zu prüfen, ob sie noch wach ist. Unter der Hand bewegt sich der Bauch gegen die Handfläche, und diese Bewegung braucht nichts von ihr.
Ich sollte…
Der Satz verliert seinen Schluss.
In den Augenlidern sammelt sich Gewicht. Sie öffnet die Augen noch einmal, aber das Weiß des Zimmers bleibt nur eine helle Fläche ohne Aufgabe. Die Jalousienstreifen sind ein wenig verschoben, oder ihr Blick ist müde, oder beides ist nicht wichtig. Sie schließt die Augen wieder, und hinter ihnen bleibt kein Bild, nur ein warmer, rötlicher Druck, der nach und nach dunkler wird.
Die Hitze, die sie draußen geschlagen hat, wird im Zimmer nicht Feind. Sie legt sich um sie, nicht auf sie. In den Ellenbeugen, hinter den Knien, unter dem Haaransatz am Nacken sammelt sie sich und macht die Grenzen des Körpers weich. Kathrin spürt, wo sie aufliegt. Ferse. Wade. Becken. Rücken. Hinterkopf. Punkt für Punkt gibt das Gewicht Antwort.
Sie merkt noch, wie ihr Mund sich ein wenig öffnet. Der Kiefer, der den ganzen Tag einen kleinen inneren Vertrag gehalten hat, löst die Zähne voneinander. Die Zunge sinkt. Ein Atemzug kommt mit einem kaum merklichen Zittern, als müsse er durch einen engen Gang, und der nächste findet schon mehr Breite.
Nur bis…
Es gibt kein Bis.
Zeit wird etwas, das nicht mehr gezählt wird. Kein Vorher, kein Nachher, nur das langsame Einsinken des Rückens in das Laken und das leichte Ziehen der Haut, wenn der Körper sich eine winzige Stelle bequemer sucht. Die Knie kippen unmerklich nach außen. Die Hand auf dem Bauch rutscht zur Seite und bleibt an der Taille liegen. Dort ist die Haut warm und feucht, und unter ihr schlägt ein ruhiger, schwerer Puls.
Manchmal kommt ein Rest von Wachsein zurück. Ein kleiner Ruck im Fuß. Ein halber Gedanke an die Tasche. Ein Bild von einem geschlossenen Laden, das gleich wieder zerfällt, bevor es Form bekommt. Dann wieder der Atem. Ein. Eine Pause, die nicht gemacht wird, sondern entsteht. Aus. Der Körper nimmt den Raum, den der Kopf nicht freigeben wollte.
Sie schläft nicht wie jemand, der besiegt ist. Eher wie jemand, der aufhört, gegen eine Wand zu drücken, die gar nicht nachgeben muss. Der Schlaf kommt ohne Zeichen. Keine Grenze. Nur weniger Stirn. Weniger Kiefer. Weniger Hand. Weniger Kathrin, die etwas plant. Mehr Gewicht, das liegen darf.
Als sie wieder wach wird, ist zuerst ihre Wange da. Sie liegt auf dem Laken, obwohl sie sich nicht daran erinnert, sich gedreht zu haben. Die Haut dort ist warm, leicht feucht, und ein Abdruck zieht fein vom Jochbein bis zum Mundwinkel. Ihr rechter Arm ist unter dem Kissen angewinkelt, schwer und fern, als gehöre er erst nach einigen Atemzügen wieder ganz zu ihr.
Sie bewegt sich nicht sofort. Im Bauch ist eine ungewohnte Leere, nicht Hunger, eher Platz. Die Beine liegen lang, die Füße ein wenig auseinander, und in den Waden ist kein Drängen mehr. Der Kopf hebt keinen Plan. Er versucht es vielleicht, irgendwo ganz hinten, aber der Versuch bleibt weich und ohne Kante.
Von draußen kommt wieder Leben in einzelnen Lauten. Ein Metallrollladen zieht hoch, langsam, und der Ton läuft ihr durch den Brustkorb, ohne ihn zu verengen. Schritte lösen sich voneinander. Eine Stimme steigt auf, fällt ab, verschwindet. Die Stadt beginnt wieder, und in Kathrins Körper antwortet nichts Eiliges.
Sie öffnet die Augen. Das Zimmer ist später geworden. Das Weiß hält weniger fest. Die Streifen der Jalousien liegen tiefer auf der Wand, und Kathrin bleibt noch einen Atemzug lang auf der Seite, mit der Hand lose vor dem Bauch und dem warmen Abdruck des Lakens unter ihrer Wange.




