Der Marathon im August
Lena stellte den Wecker auf 4:40 Uhr und wachte um 4:12 Uhr auf. Das Zimmer war dunkel, aber die Wärme stand schon darin. Sie lag auf dem Rücken, die Hände auf dem Bauch, und zählte nicht die Stunden Schlaf. Sie zählte die Kilometer, die sie kannte, und die, die sie nicht kannte. Vierzehn Trainingsläufe über zwanzig Kilometer. Drei lange Läufe über dreißig. Kein Lauf bei achtunddreißig Grad.
Auf dem Stuhl lagen ihre Sachen in einer Reihe. Schwarze Shorts. Weißes Shirt. Startnummer 4317. Dünne Socken. Schuhe mit 612 Kilometern in der Sohle. Sie nahm die Nummer und strich mit dem Daumen über die Sicherheitsnadeln. Gestern hatte sie die Zielzeit auf dem Zettel neben der Kaffeemaschine durchgestrichen. Erst vier Stunden dreißig. Dann fünf Stunden. Am Ende stand dort nur noch: Ziel.
Sie glaubte an Zahlen. Sie hatte Trainingspläne in Farben markiert und jede Einheit in eine App geladen. Wenn jemand beim Essen sagte, es gehe nur ums Ankommen, nickte sie und rechnete trotzdem Splits. Sie war sechsunddreißig, nicht alt, nicht jung, alt genug für einen Körper, der morgens länger brauchte, jung genug für den Trotz, ihn nicht zu schonen. Heute wollte sie nicht gewinnen. Sie wusste das. Trotzdem zog sie die Uhr fest, bis das Band eine helle Spur auf der Haut ließ.
Vor dem Start roch die Stadt nach warmem Stein. Die Straßen glänzten matt, als hätten sie die Nacht nicht abgekühlt. Absperrgitter zogen Linien durch die breiten Alleen. Menschen standen in Blöcken, rieben Sonnencreme auf Schultern, schüttelten Arme aus, klopften an ihre Uhren. Lena stellte sich hinten ein. Nicht ganz hinten zuerst. Dann sah sie die Läufer mit den Ballons für fünf Stunden, hörte ihr lockeres Reden, und machte drei Schritte zurück. Eine Frau mit grauem Zopf lächelte ihr zu. Lena nickte, sah aber auf ihre Schuhe.
Der Startschuss kam trocken und klein. Vorne liefen sie los. Hinten gingen sie erst, dann trabten sie, dann löste sich die Menge. Lena überquerte die Matte und drückte auf Start. Die Uhr vibrierte. Der erste Kilometer war zu schnell. Sie sah die Zahl und hob den Fuß kürzer. Der zweite Kilometer war noch zu schnell. Sie bremste. Menschen überholten sie links und rechts. Einer rief, das sei ja heute ein Backofen. Lena zog die Kappe tiefer und suchte den Schatten der Häuser.
Bei Kilometer fünf trank sie zu früh. Sie wusste es und tat es trotzdem. Ein Becher Wasser in den Mund, ein Becher über den Nacken. Das Wasser lief unter das Shirt und sammelte sich am Bund der Shorts. Ihre Haut klebte. Die Uhr zeigte einen Puls, der nicht zum Tempo passte. Sie klopfte zweimal gegen das Display, als hätte die Zahl sich vertan. Die Zahl blieb. Sie verlangsamte den Schritt und ließ eine Gruppe in roten Vereinshemden ziehen.
Am Rand standen Leute mit Schildern, aber die Buchstaben verschwammen in der Helligkeit. Lena hörte nur einzelne Dinge. Eine Trommel. Einen Hund. Das Klatschen von Händen gegen Pappe. Die Stadt wurde nicht größer durch den Lauf. Sie wurde enger. Bordstein. Gullydeckel. Gelbe Linie. Schattenstück. Nächste Kurve. Sie nahm ein Gel aus der Tasche, riss es mit den Zähnen auf und drückte die Hälfte hinein. Süß und dick. Ihr Magen nahm es nicht sofort an.
Bei Kilometer zehn zeigte die Uhr eine Zeit, die sie früher geärgert hätte. Heute steckte sie die Uhr unter den Ärmel. Sie sah nur noch auf, wenn die Strecke abbog. Neben ihr lief ein Mann mit blauem Stirnband. Er schnaufte hart, blieb an einer Wasserstelle stehen und winkte ab. Lena lief weiter. Zwanzig Meter später ging sie auch. Nicht wegen ihm. Wegen der Hitze, die nicht wie Wetter wirkte, sondern wie ein Gewicht auf beiden Schultern.
Bei Kilometer fünfzehn begann ihr Körper, einfache Aufgaben zu verhandeln. Der rechte Fuß setzte nicht mehr sauber auf. Die Waden zogen sich zusammen und ließen wieder los, aber langsamer als vorher. Unter der Kappe staute sich die Wärme. Ihr Gesicht spannte. Salz brannte an den Lippen. Sie blieb an der nächsten Station stehen, nahm zwei Becher, verfehlte mit dem ersten den Mund und kippte Wasser auf das Pflaster. Ihre Hand zitterte nicht stark. Nur genug, um die Sache ernst zu machen.
Ein Sanitäter stand im Schatten eines Transporters. Er sah auf ihre Nummer, dann auf ihr Gesicht. Er sagte ruhig, sie solle sich setzen, wenn ihr schwindlig sei. Heute würden viele aussteigen. Bei der Temperatur müsse niemand etwas beweisen. Der Satz traf nicht hart. Er traf genau. Lena konnte ihn nicht widerlegen. Sie hatte bei kühlen Morgenläufen trainiert, nicht auf dieser Straße, nicht unter diesem Himmel, nicht mit einem Puls, der beim Gehen hoch blieb. Sie nickte und hielt den Becher mit beiden Händen.
Hinter ihr fuhr ein Besenwagen langsam durch die Kurve. Noch weit genug weg. Nah genug, um seine Warnblinker zu sehen. Lena stellte sich an den Rand, zog die Kappe ab und drückte sie gegen den Oberschenkel. In ihrem Kopf lag eine Frage, die den ganzen Morgen größer geworden war: Warum machst du das? Sie fand keine Antwort, die stark genug war. Nicht der Trainingsplan. Nicht der Satz vom Ziel. Nicht die Monate, in denen sie nach der Arbeit noch gelaufen war, während andere schon aßen.
Sie setzte sich nicht. Sie nahm den Schwamm aus einer Wanne, presste ihn über dem Nacken aus und zählte die Tropfen nicht. Dann sah sie auf die Strecke vor sich. Die nächsten hundert Meter führten bis zu einem Baum, der kaum Schatten machte. Hundert Meter waren keine Erklärung. Hundert Meter brauchten keine Geschichte. Sie setzte die Kappe wieder auf, schob den Ärmel von der Uhr und drückte eine neue Runde. Nicht für die Zeit. Für ein kleines Stück, das sie sehen konnte.
Sie lief bis zum Baum. Dann ging sie bis zum Schild einer Apotheke. Dann lief sie bis zu einer weißen Markierung im Asphalt. Ihre Schritte hatten keinen Rhythmus mehr, aber sie hatten eine Reihenfolge. Linker Fuß. Rechter Fuß. Arm locker. Mund schließen. Mund öffnen. An der nächsten Wasserstelle nahm sie Salz, kaute langsam und wartete, bis der bittere Rand auf der Zunge verschwand. Eine Helferin fragte, ob alles in Ordnung sei. Lena hob den Daumen nicht. Sie sagte: Weiter.
Nach Kilometer zwanzig leerte sich die Strecke. Die schnellen Läufer waren längst weg, die mittleren auch. Die Stadt räumte sich hinter ihr auf. Helfer stapelten Becher. Ein Mann löste ein Absperrband und hielt es wieder hoch, als er Lena kommen sah. Sie bedankte sich mit einem kurzen Nicken. Der Besenwagen blieb hinter der nächsten Kurve. Sie hörte ihn nicht immer, aber sie wusste, dass er da war. Das reichte. Es drückte zwischen die Schulterblätter.
Bei Halbmarathon blieb sie fünf Sekunden auf der Matte stehen. Die Uhr piepte. Sie sah die Zahl nicht an. Halb war kein Trost. Halb bedeutete, dass der gleiche Weg noch einmal wartete, nur mit weniger Körper. Sie beugte sich vor, stützte die Hände auf die Knie und betrachtete einen dunklen Fleck auf dem Asphalt. Ein Tropfen fiel von ihrer Kappe. Dann noch einer. Sie richtete sich auf, nahm das nächste Gel aus der Tasche und lief an.
Der Sommermittag legte die Schatten flach. Straßenbahnschienen schnitten die Straße. Lena hob die Füße höher, um nicht hängen zu bleiben. Bei Kilometer fünfundzwanzig überholte sie niemand mehr. Bei Kilometer sechsundzwanzig überholte sie einen Mann, der am Rand saß und beide Schuhe ausgezogen hatte. Er sagte nichts. Sie sagte auch nichts. Sein Blick blieb auf seinen Zehen. Der Sanitäter von Kilometer fünfzehn hatte recht. Niemand musste das beweisen. Der Satz ging mit ihr weiter und verlor nicht an Gewicht.
Sie suchte keinen Gegenbeweis mehr. Sie suchte Wasser, Schatten, die nächste Markierung. Warum hatte zu viele Türen geöffnet. Wie machte eine zu. Wie bis zur Ampel. Wie durch die Kurve. Wie den Becher greifen, ohne stehen zu bleiben. Wie den Kopf unter den Schlauch halten und dann nicht zu lange dort bleiben. Bei Kilometer dreißig schrieb jemand mit Kreide auf den Boden: Noch zwölf. Lena sah die Zahl, zog eine Linie daraus und teilte sie in Stücke.
Die Konkurrenz blieb, aber sie wechselte die Form. Nicht mehr gegen andere. Nicht mehr gegen die Uhr. Gegen den Wunsch, sauber auszusteigen. Gegen die vernünftige Stimme, die sagte, ein erster Marathon bei achtunddreißig Grad sei kein Maßstab. Diese Stimme log nicht. Lena ging einen ganzen Kilometer. Sie schämte sich nicht sofort. Dafür fehlte die Kraft. Sie hielt die Schultern tief, ließ die Arme hängen und achtete darauf, dass der Atem nicht stolperte.
Bei Kilometer dreiunddreißig rief ein Helfer ihren Namen von der Startnummer. Er rief ihn falsch. Sie verbesserte ihn nicht. Der Becher in ihrer Hand knickte ein, bevor sie trank. Sie nahm einen zweiten. Ein Kind hielt eine Orange hin. Lena griff zu, biss hinein und spuckte die Fasern in die Handfläche, weil der Magen sich hob. Sie warf alles in einen Sack, wischte die Hand an der Shorts ab und setzte den ersten Schritt wieder vorsichtig, als prüfe sie dünnes Eis.
Die letzten neun Kilometer hatten keine Form. Sie bestanden aus Laternen, Kurven, Matten über Kabeln und den weißen Pfeilen auf blauem Grund. Ein Polizist an einer Kreuzung fragte über Funk, wie viele noch kämen. Lena hörte die Antwort nicht. Sie wusste genug. Hinter ihr kamen wenige oder keine. Vor ihr sah sie niemanden. Der letzte Platz schlich nicht neben ihr. Er ging offen vor ihr her und drehte sich nicht um.
Bei Kilometer achtunddreißig zog ein Krampf in den linken Oberschenkel. Lena blieb stehen, griff an ein Geländer und streckte das Bein zurück. Die Straße flimmerte vor dem Bordstein. Sie zählte bis zwanzig. Bei achtzehn setzte der Schmerz nach, bei zwanzig kam er wieder. Sie ließ los, ging fünf Schritte, lief drei, ging wieder. Eine Frau auf einem Balkon klatschte langsam. Nicht laut. Nur so, dass Lena es hörte. Lena hob zwei Finger und sah weiter auf den Boden.
Der Zielbereich begann früher, als sie dachte. Gitter. Kabel. Banner. Leere Becher. Ein paar Zuschauer im Schatten, müde vom Warten. Die Musik lief noch, aber dünner. Ein Moderator sagte etwas in ein Mikrofon und suchte dann ihre Nummer. Lena hörte ihren Namen diesmal richtig. Er hing kurz über der Straße und fiel hinter sie. Sie schaute nicht zur Seite. Die Ziellinie lag quer über dem Asphalt. Breiter als jede Markierung vorher. Flacher auch.
Sie lief die letzten Meter nicht schneller. Dafür war nichts übrig. Sie setzte die Füße gerade, weil sie nicht auf dem Foto fallen wollte, und drückte die Uhr erst nach der Linie. Kein Blick auf die Zeit. Eine Helferin legte ihr eine Medaille über den Kopf. Das Band klebte sofort am nassen Hals. Lena nahm es in die Hand, damit es nicht zog. Der Besenwagen rollte hinter dem Ziel aus und blieb stehen.
Lena ging bis zum nächsten Bordstein. Dort setzte sie sich langsam hin. Beide Hände lagen auf den Knien. Die Medaille ruhte in der rechten Handfläche, schwerer als erwartet, kleiner als gedacht. Jemand fragte, ob sie Hilfe brauche. Sie schüttelte den Kopf einmal. Der Gedanke kam ohne Satz davor und ohne Antwort danach. Angekommen. Dann beugte sie sich vor und löste die Schnürsenkel, einen nach dem anderen.




