Die Ernte retten
Sofia stellte den rechten Stiefel auf die erste Furche und blieb stehen. Der Boden gab nicht nach. Im Mai hatte er noch unter ihrem Gewicht nachgegeben, dunkel an den Rändern, schwer genug, dass er an der Sohle klebte. Jetzt lag er in Platten da. Die Risse liefen quer zur Reihe, als hätte jemand mit einem Messer Linien gezogen und dann alles liegen lassen.
Sie bückte sich. Die Hand passte flach in einen Spalt. Sie zog einen Klumpen heraus, drückte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, und er zerbrach ohne Widerstand. Kein Krümeln. Kein Leben darin. Nur Staub auf der Haut.
Vor ihr standen die Zuckerrüben auf Feld Drei. Sie standen nicht mehr richtig. Die Blätter hingen seitlich, als hätte jede Pflanze ihre eigene Last bekommen. Sofia ging die Reihe entlang, zählte nicht laut, aber ihre Lippen bewegten sich. Jede zehnte Pflanze zog sie leicht am Blatt. Wenn sie zu schnell nachgab, machte sie mit dem Stiefel eine Markierung in den Boden.
Nach zwanzig Metern hörte sie auf. Sie sah zurück. Die Spuren ihrer Stiefel blieben kaum sichtbar. Selbst ihr Gewicht reichte nicht mehr, um ein Zeichen zu setzen.
Der Sommer hatte die Geräusche vom Hof genommen. Keine Reifen im weichen Lehm. Kein Wasser in der Rinne hinter dem Stall. Nur das Knacken unter ihren Sohlen, wenn sie weiterging. Sie kannte jeden Schlag mit dem Körper. Feld Eins zog leicht an der Wade, weil es zum Bach hin abfiel. Feld Zwei lag offen und nahm den Wind zuerst. Feld Fünf hielt sonst lange Feuchte, schwerer Boden, geduldig. In diesem Jahr fühlten sich alle Felder gleich an: hart, abweisend, älter als sie.
In der Küche legte sie den Hut auf den Stuhl, nicht an den Haken. Das tat sie nur, wenn sie wieder hinauswollte, bevor sie richtig angekommen war. Auf dem Tisch lagen die Bewässerungspläne, der Brief der Bank, drei Rechnungen und die Karte des Hofes. Sie hatte die Karte am Morgen zweimal geöffnet und wieder gefaltet.
Jetzt öffnete sie sie zum dritten Mal.
Die Ecken standen hoch. Sofia stellte eine Tasse darauf, dann das Taschenmesser ihres Vaters auf die andere Seite. Sie nahm den Bleistift aus der Schublade. Der Stift war kurz. Sie hatte ihn den ganzen Juni benutzt, um Wasserstunden einzutragen, immer kleinere Zahlen in immer engere Spalten.
Sie zog eine Linie um Feld Drei. Dann um Feld Fünf. Dann legte sie den Stift hin.
Der alte Gedanke kam sofort, nicht als Satz, eher als Gewicht in den Fingern. Warum sie das tat. Warum sie noch rechnete, wenn der Regen nicht kam. Warum sie so tat, als gäbe es eine gute Reihenfolge für das Austrocknen.
Sie schob den Brief der Bank zur Seite. Darunter lag die Liste der Genossenschaft. Wasserzuteilung Juli. Jeder Betrieb hatte Stunden bekommen, weniger als im Vorjahr, weniger als im Mai versprochen. Der Vorstand hatte die Zahlen mit rotem Stift geändert. Sofia hatte daneben geschrieben: reicht nicht. Dann hatte sie den Stift so fest aufgedrückt, dass die Spitze brach.
Am Nachmittag fuhr sie zur Genossenschaft. Der Innenraum des alten Saals stand voll mit Stühlen, aber niemand rückte sie zurecht. Alle blieben in kleinen Gruppen stehen. Männer mit Nacken, die zu lange in der Sonne gewesen waren. Frauen mit Mappen unter dem Arm. Ein Ventilator drehte an der Wand und schob warme Luft von einer Ecke in die andere.
Sofia setzte sich in die zweite Reihe. Sie legte ihre Karte auf die Knie und hielt sie mit beiden Händen fest. Neben ihr saß Marek, der am unteren Lauf des Kanals wirtschaftete. Seine Maisfelder lagen hinter ihren. Er nickte ihr zu, sah aber nicht lange hin.
Der Vorsitzende begann mit den Pegelständen. Seine Stimme blieb gleich, auch als die Zahlen sanken. Zwölf Prozent unter dem Tiefstand von 1976. Keine Freigabe aus dem Kreis vor Montag. Pumpzeiten nur nachts. Wer außerhalb der Zeit entnimmt, verliert die nächste Zuteilung.
Ein Mann aus der dritten Reihe schlug mit der flachen Hand auf den Stuhl vor sich. Das reicht nicht einmal für die Hälfte.
Der Vorsitzende sah in seine Mappe. Für die Hälfte reicht es nicht.
Dann sprachen alle durcheinander.
Sofia klappte die Karte nicht auf. Ihre Daumen drückten die Falz so fest, dass das Papier weich wurde. Sie hatte den Plan. Sie glaubte an den Plan, weil die Zahlen nichts anderes zuließen. Feld Drei und Feld Zwei aufgeben. Wasser auf Feld Fünf und die jungen Kartoffeln hinter dem Hof. Den Brunnen nachts laufen lassen, die Schläuche umlegen, keine Tropfen auf den schwächsten Schlägen verschwenden. Nicht verteilen. Schneiden.
Sie glaubte an den Schnitt. Sie traute der Hand nicht, die ihn setzen musste.
Als sie aufstand, kratzten die Stuhlbeine über den Boden. Das Geräusch machte den Saal kleiner.
Ich will meine Zuteilung bündeln, sagte sie. Feld Drei und Feld Zwei bekommen ab heute kein Wasser mehr. Ich lege alles auf Feld Fünf und die Kartoffeln.
Es wurde nicht still. Es wurde enger. Marek drehte den Kopf.
Wenn du Feld Zwei austrocknen lässt, sagte er, trägt der Wind den Boden zu mir runter. Du weißt das.
Sofia nickte. Sie wusste es. Feld Zwei lag offen. Im August konnte ein starker Wind die obere Schicht heben und über den Weg tragen. Sie hatte als Kind gesehen, wie ihr Vater danach mit dem Besen Erde aus der Scheune holte.
Ich lasse die Stoppeln stehen, sagte sie. Ich fahre nicht mehr drüber. Ich lege Strohreste auf die Kante zum Weg.
Das hält nicht alles, sagte Marek.
Nein, sagte Sofia.
Darauf hatte sie keine Antwort, die sauber blieb.
Eine Frau vom Milchhof hob die Hand. Wenn wir alle anfangen, Felder aufzugeben, kippen die Verträge. Die Genossenschaft hat Mengen zugesagt. Die Abnehmer kommen nächstes Jahr nicht zurück, nur weil wir ihnen erklären, dass wir klug gespart haben.
Der Vorsitzende sah Sofia an. Er sagte nichts. Das wog mehr als ein Einwand.
Sofia zog die Karte auf. Die erste Falte riss einen Zentimeter ein. Sie strich sie nicht glatt. Sie zeigte mit dem kurzen Bleistift auf Feld Drei.
Hier verliere ich sowieso, sagte sie. Mit Wasser in kleinen Mengen verliere ich langsamer. Aber ich verliere. Feld Fünf hat noch Wurzelraum. Die Kartoffeln sind jung genug. Wenn ich streue, sterben alle gleichmäßig.
Der Mann aus der dritten Reihe schnaubte. Und wenn Feld Fünf trotz allem kippt?
Sofia sah auf die Karte. Die Linie um Feld Fünf war schief. Ihr Bleistift war am Morgen über einen Riss im Papier gesprungen.
Dann habe ich Feld Drei umsonst aufgegeben, sagte sie.
Keiner sprach sofort weiter.
Das war der Satz, der im Raum blieb. Er stellte sich nicht auf ihre Seite. Er machte nichts leichter. Er nahm ihr nur die Möglichkeit, so zu tun, als sei der Plan sicher.
Der Vorsitzende lehnte sich zurück. Du brauchst Helfer, wenn du die Leitungen in einer Nacht umlegst.
Sofia faltete die Karte nicht. Ich brauche zwei Leute und den alten Verteiler aus Halle B.
Der gehört der Genossenschaft, sagte der Vorsitzende.
Ich weiß.
Er sah zu Marek. Marek rieb mit dem Daumen über seine Handfläche, dort wo Schwielen aufgerissen waren. Dann sagte er: Ich komme nach dem Melken. Aber ich will die Strohballen an der Kante sehen.
Sofia nickte. Nicht aus Dank. Als Eintrag.
Am Abend fuhr sie langsam über den Hof. Sie lud zwölf Strohballen auf den Anhänger. Jeder Ballen kratzte über das Holz, als sie ihn schob. Sie arbeitete ohne Pause, bis ihr Hemd am Rücken klebte und die Arme nicht mehr sauber hoben. An Feld Zwei schnitt sie die Schnüre auf, zog das Stroh auseinander und legte es in flachen Streifen an die gefährdete Kante.
Das Feld lag vor ihr, breit und hell. Sie hatte dort im März gestanden und die Saat kontrolliert. Sie hatte eine Reihe nachgesetzt, weil die Maschine am Rand zu spät geöffnet hatte. Jetzt ging sie genau zu dieser Stelle. Die Pflanzen standen dünn. Sie kniete nicht. Sie blieb stehen und trat die Erde um die Reihe leicht an, nicht um sie zu retten, nur damit sie nicht lose lag.
Als sie zurückkam, warteten Marek und Leila vom Milchhof am Brunnen. Leila hatte Handschuhe in der Gesäßtasche. Marek hatte zwei Rohrzangen mitgebracht. Keiner sagte, dass es spät war.
Sie holten den alten Verteiler aus Halle B. Der Gummi an einer Dichtung war hart. Sofia hielt die Taschenlampe, während Marek mit dem Messer die Kante säuberte. Leila kniete im Staub und zog die Schelle fest. Der erste Schlauch sprang ab, als sie Druck gaben. Wasser schlug auf den Boden, dunkel und schnell.
Sofia drehte den Hahn zu. Nicht fluchen. Nicht reden. Sie setzte die Schelle neu, diesmal zwei Fingerbreit weiter hinten. Ihre Hände zitterten nach der dritten Umdrehung, aber sie hörte nicht auf. Beim zweiten Versuch hielt der Schlauch.
Um Mitternacht lief die Leitung nach Feld Fünf.
Sie gingen nebeneinander am Schlauch entlang und prüften jede Verbindung. Der Mond zeigte genug, um die weißen Kanten der Rohre zu sehen. Sofia stellte den Fuß auf ein Anschlussstück, beugte sich hinunter, zog nach. Dort, wo Wasser austrat, markierte sie den Boden mit einem Stein. Später würde sie zurückkommen.
Feld Fünf nahm das Wasser nicht gierig. Der harte Boden ließ es erst stehen. Kleine Pfützen bildeten sich zwischen den Reihen. Sofia stellte die Tropfer niedriger ein. Weniger Druck. Länger laufen. Sie hatte im Juni gelernt, dass zu viel auf einmal wie Verschwendung aussah, nur langsamer.
Leila setzte sich auf eine leere Kiste. Deine Rüben auf Drei, sagte sie.
Sofia blickte nicht hinüber. Ja.
Mein Vater hätte gesagt, man lässt kein Feld sterben.
Meiner auch, sagte Sofia.
Dann gingen sie die nächste Leitung ab.
In den folgenden Tagen stand Sofia vor vier Uhr auf. Sie schrieb die Pumpzeiten auf die Rückseite der Bankbriefe, weil dort noch Platz war. 3:40 an. 5:10 Druckabfall. 5:25 Schelle ersetzt. 6:00 aus. Sie aß im Stehen ein Stück Brot und trank lauwarmen Kaffee. Danach ging sie nach Feld Drei, nicht jeden Tag, aber oft genug, um nicht zu lügen.
Die Rüben dort wurden kleiner, ohne sich zu bewegen. Die Blätter lagen flach auf dem Boden. Zwischen den Reihen zeigten die Risse Schatten, selbst am Vormittag. Sofia zog keine Pflanzen mehr heraus. Sie setzte nur an drei Stellen Holzpflöcke, damit sie später sehen konnte, wie weit der Schaden ging.
Einmal hob sie den Schlauch an, der früher nach Feld Drei geführt hatte. Er lag leer am Rand, leicht wie ein Seil. Sie legte ihn nicht zurück in Richtung Feld. Sie trug ihn zum Hof und rollte ihn auf. Der Kreis wurde unordentlich. Sie begann von vorn.
Am Donnerstag kam der Vorsitzende mit dem Wagen. Er stieg nicht aus, bis Sofia die Pumpe abgestellt hatte. Dann gingen sie zu Feld Fünf. Die Kartoffelpflanzen standen noch niedrig, aber die Blätter hielten sich. Nicht stark. Nur aufrecht.
Er zog eine Pflanze am Rand vorsichtig aus der Erde. Kleine Knollen hingen an den Wurzeln, hell und fest. Er legte sie in Sofias Hand.
Das ist keine Menge, sagte er.
Noch nicht, sagte Sofia.
Er sah über den Weg zu Feld Drei. Dort lag der andere Teil der Rechnung. Braun, still, nicht mehr verhandelbar.
Die Abnehmer werden fragen, sagte er.
Ich schreibe die Ausfälle auf, sagte Sofia. Schlag für Schlag. Nicht schöner.
Er nickte. Wir brauchen deine Zahlen für die Sitzung.
Früher hätte sie gefragt, warum ausgerechnet sie. Sie hätte den Hut abgenommen, die Stirn gerieben, eine Antwort gesucht, die niemand verlangen konnte. Jetzt nahm sie den Bleistift aus der Brusttasche und schrieb auf die Karte: Donnerstag, Feld Fünf, Randreihe, Knollenansatz. Dann unterstrich sie das Datum.
Der Vorsitzende wartete.
Ich bringe sie morgen, sagte sie.
Am nächsten Abend saßen sie wieder im Saal. Weniger Leute sprachen durcheinander. Nicht weil die Lage besser war. Weil jeder einen Zettel vor sich hatte. Sofia legte ihre Karte auf den Tisch des Vorstands. Daneben die Pumpzeiten, die Leckstellen, die Strohlinie an Feld Zwei, die verlorenen Reihen von Feld Drei.
Marek beugte sich über die Karte. Hier, sagte er und tippte auf den Weg zwischen ihren Flächen. Wenn wir dort noch zwei Ballen legen, hält es besser.
Leila schrieb mit. Der Milchhof hatte alte Silofolie. Jemand schlug vor, sie als Windbremse an die schlimmste Kante zu legen. Der Mann aus der dritten Reihe rechnete, wie viele Nachtstunden frei wurden, wenn drei Betriebe ihre schwächsten Schläge aus der Bewässerung nahmen. Niemand nannte es Erfolg. Sie strichen, schoben, rechneten.
Sofia saß mit den Händen auf der Karte. Die Frage lag nicht mehr schwer auf Warum. Sie lag auf der nächsten Zeile. Welche Leitung. Welche Stunde. Welcher Rand.
Im August kam zweimal Regen. Nicht genug für die Dürre. Genug, um Staub an den Fenstern in Streifen zu ziehen. Feld Drei erholte sich nicht. Sofia fuhr nicht mit dem Traktor hinein. Sie ließ die toten Pflanzen stehen, bis der Wind ruhiger wurde. An der Kante zum Weg lagen Stroh, Silofolie und Steine. Mareks Mais bekam trotzdem Staub ab, aber weniger als befürchtet. Er sagte es ihr am Zaun und zeigte mit zwei Fingern die Höhe, nicht mehr.
Feld Fünf blieb ungleich. In der Mitte standen die Kartoffeln besser als am Rand. Sofia ging alle zwei Tage die Reihen ab und markierte Stellen, an denen sie zuerst roden würde. Sie zog eine Pflanze, wog die Knollen in der Hand und legte sie in die Kiste. Keine große Ernte. Eine echte.
Am Morgen der ersten Rodung hielt sie den Traktor vor Feld Drei an. Der Motor lief. Sie sah über die trockenen Reihen. Dann stieg sie ab, nahm einen der Holzpflöcke heraus und legte ihn auf den Beifahrersitz. Nicht als Andenken. Als Maß.
Sie fuhr weiter zu Feld Fünf. Die Maschine setzte an. Erde lief über das Sieb, trocken an den Rändern, dunkler darunter. Die ersten Kartoffeln fielen in die Kiste. Sofia stellte den Motor niedriger, stieg ab und hob eine Knolle auf. Sie wischte mit dem Daumen Erde von der Schale.
Hinter ihr lag Feld Drei. Vor ihr füllte sich die erste Kiste langsam.




