Der stille Blitz
Leo liegt in seinem Bett und schaut zum Fenster.
Draußen ist Sommernacht. Der Vorhang hängt halb offen, und dahinter leuchtet der Himmel manchmal weiß, ganz kurz, als hätte jemand hinter den Wolken eine Laterne angehoben und wieder gesenkt.
Papa sitzt auf dem Stuhl neben dem Bett. Seine Stimme ist nah. Sie ist nicht laut. Sie bleibt da, wo Leo liegt.
„Das ist ein Blitz“, sagt Papa.
Leo nickt. Er will noch wach bleiben. Seine Finger halten den Rand der Decke fest, als müsste die Decke sonst fort. Seine Augen bleiben offen, sehr offen, doch die Wimpern berühren sich schon öfter, als Leo es ihnen erlaubt hat.
Wieder wird das Fenster hell.
Papa hebt einen Finger. „Jetzt zählen wir.“
„Eins“, sagt Papa.
Leo flüstert: „Zwei.“
Sie warten.
Der Donner kommt nicht.
Papa lächelt, aber nur in seiner Stimme. „Manchmal ist ein Gewitter weit weg. Man sieht, dass es da ist. Aber es ruft nicht bis zu uns herüber.“
Leo schaut zum Fenster. Die hellen Linien sind schon weg. Nur der dunkle Himmel bleibt, weich hinter dem Glas.
„Als ich klein war“, sagt Papa, „hatte ich auch ein Fenster neben dem Bett. Nicht genau so eins. Unser Fenster hatte einen Holzrahmen, und im Sommer klebte die Farbe ein bisschen an den Fingern. Ich lag da und wartete auf Blitze.“
Leo dreht den Kopf ein wenig zu Papa. Nur ein wenig. Der Kopf ist schwerer als vorhin. Das Kissen nimmt ihn an.
„Hattest du Angst?“, fragt Leo.
„Manchmal“, sagt Papa. „Aber nicht bei den stillen Blitzen. Die mochte ich. Ich dachte, der Himmel macht Bilder für Kinder, die noch hinschauen.“
Draußen leuchtet es wieder.
„Eins“, sagt Papa.
Leo öffnet den Mund für „zwei“, aber das Wort bleibt weich in ihm liegen.
Papa zählt weiter. „Zwei. Drei. Vier.“
Nichts rollt über die Dächer. Nichts klopft an die Scheiben. Der Blitz war da, und der Donner hat sich nicht auf den Weg gemacht.
Leo blinzelt. Beim ersten Blinzeln sieht er noch den Fensterrahmen. Beim zweiten sieht er nur noch das helle Viereck. Beim dritten ist alles wieder dunkel, aber nicht ganz. In seinen Augen bleibt ein kleiner heller Rest.
Papa erzählt leise weiter.
„Bei uns stand damals ein Apfelbaum vor dem Haus. Wenn ein Blitz kam, sah ich für einen winzigen Augenblick jeden Ast. Dann war der Baum wieder nur ein Baum in der Nacht. Einmal lag ein Ball im Gras. Bei jedem Blitz war er wieder da. Als würde der Himmel prüfen, ob der Ball noch wartet.“
Leo zieht die Decke ein Stück höher. Er will fragen, welche Farbe der Ball hatte. Seine Lippen bewegen sich. Die Frage geht nicht hinaus.
Papas Hand liegt jetzt auf der Bettkante. Nicht auf Leo, nur nah genug, dass Leo sie finden könnte, wenn seine Hand noch suchen würde.
„Und meine Mutter“, sagt Papa, „zählte mit mir. Eins. Zwei. Drei. Wenn der Donner kam, wusste sie, wie weit das Gewitter war. Wenn keiner kam, sagte sie: Das ist nur Licht auf Reise.“
Wieder wird es hell.
Papa zählt.
„Eins.“
Leo hört die Eins.
„Zwei.“
Leo hört die Zwei.
Dann hört er nicht mehr, ob Papa drei sagt, weil Papas Stimme langsam wird und Leos Atem langsam dazu passt.
Der Vorhang ist nicht mehr wichtig.
Der Fensterrahmen ist nicht mehr wichtig.
Die Ecke mit den Bauklötzen ist nicht mehr wichtig.
Das Zimmer wird kleiner.
Es ist nur noch das Bett.
Es ist nur noch Papas Stimme.
„Manche Blitze“, sagt Papa, „kommen ohne Lärm. Sie wollen nichts wecken. Sie zeigen sich nur. Kurz. Freundlich. Und dann gehen sie weiter.“
Leo hebt noch einmal die Augen.
Das Fenster leuchtet.
Papa wartet.
„Eins“, flüstert er.
Kein Donner kommt.
Leo merkt es nicht mehr ganz.
Seine Hand lässt den Deckenrand los.
Seine Zehen liegen ruhig unter der Decke.
Sein Mund ist ein kleines bisschen offen.
Papas Stimme wird tiefer.
„Als ich klein war, mochte ich genau diese Gewitter“, sagt er. „Nicht die lauten. Nicht die nahen. Die fernen. Die, die nur leuchten. Die, die einem zeigen: Draußen ist noch Welt, aber hier ist Bett.“
Leo hört nur noch einzelne Wörter.
Fern.
Leuchten.
Bett.
Dann sind auch die Wörter weich.
Papa sagt nichts mehr von Bäumen.
Papa sagt nichts mehr von dem Ball.
Papa sagt nur noch: „Ich bin da.“
Der nächste Blitz kommt.
Papa sieht ihn im Fenster.
Er zählt nicht mehr.
Leos Atem geht ein.
Leos Atem geht aus.
Die Decke ist warm.
Papas Hand bleibt nah.
Ein Atem.
Noch ein Atem.


