Omas Gewitterlied
Der Sommerabend lag schwer vor Omas Fenster.
Draußen hing der Himmel tief und grau, als hätte jemand eine große Decke über die Häuser gezogen. Kein Blitz stand darin. Kein Regen lief an der Scheibe hinunter. Nur Wolken. Runde, dunkle Wolken, die langsam über den Abend schoben.
Drinnen war es warm.
Omas Wohnzimmer roch nach dem langen Tag, nach Sofa, nach weichem Kissen, nach der kleinen Decke, die immer über der Lehne lag. Emma saß auf dem Sofa, ganz nah bei Oma. Ihre nackten Füße verschwanden unter der Decke und kamen wieder hervor. Verschwanden. Kamen wieder hervor.
„Kommt heute ein Gewitter?“, fragte Emma.
Oma sah zum Fenster. Ihre Brille rutschte ein kleines Stück auf der Nase hinunter.
„Heute wohl nicht“, sagte sie. „Die Wolken schauen nur vorbei.“
Emma schaute auch. Sie schaute lange. Sie wollte noch sehen, ob eine Wolke vielleicht doch dunkel genug wurde. Ihr Kopf blieb oben. Ihre Augen blieben offen. Ihr Mund aber machte ein kleines Gähnen, ganz von selbst, als hätte er etwas vergessen zu fragen.
„Ich bin noch wach“, sagte Emma.
Oma nickte, als wüsste sie das schon.
Emmas Finger suchten die Kante der Decke. Sie rollten sie ein. Sie ließen sie wieder los. Ein Knie sank gegen Omas Bein. Emma zog es zurück. Dann sank es wieder hin.
Früher, wenn das Gewitter gekommen war, hatte Oma immer gesungen. Nicht laut. Nie laut. Das alte Lied war kein Lied zum Aufwecken. Es war ein Lied, das den Donner kleiner machte. Es hatte Wörter, die Emma nicht alle kannte. Es hatte Stellen, an denen Oma mehr summte als sang. Es ging auf und ab. Auf und ab. Wie ein Stuhl, der ganz langsam schaukelt.
Heute kam kein Donner.
Oma sang trotzdem.
Ihre Stimme begann so leise, dass Emma erst nur den Anfang fühlte. Ein weicher Ton. Dann noch einer. Die Töne gingen dicht nebeneinander her. Sie drängten nicht. Sie fragten nicht. Sie blieben einfach da.
Emma sah weiter zum Fenster. Die Wolken hatten keine scharfen Ränder mehr. Das Glas zeigte ein dunkles Blau und ein graues Grau und dazwischen kaum etwas. Der Vorhang bewegte sich nicht. Die Luft draußen war schwül. Die Wärme drinnen lag näher.
Omas Stimme ging auf.
Omas Stimme ging ab.
Das Lied kannte den Weg.
Unten auf der Straße rollte einmal ein Fahrrad vorbei. Die Klingel machte einen hellen kleinen Ton. Danach hörte Emma sie nicht mehr. Ein Auto fuhr weit weg um die Ecke. Danach war die Ecke weit weg. Im Haus knackte irgendwo ein Brett. Danach blieb nur Omas Lied.
Emma hielt die Augen offen, weil sie noch sehen wollte, ob der Regen kam.
Ihre Wimpern wurden schwerer, als Wimpern am Tag jemals waren.
Sie blinzelte.
Die Wolken blinzelten mit.
Oma sang das alte Gewitterlied, obwohl kein Gewitter kam. Ihre Hand lag auf Emmas Rücken. Nicht fest. Nur da. Bei jedem Atemzug hob sich die Hand ein wenig. Bei jedem Atemzug sank sie ein wenig. Omas Stimme passte dazu. Heben. Sinken. Heben. Sinken.
Emma dachte an Donner, der sonst hinter den Wolken brummte. Heute brummte nichts. Nur Omas tiefer Ton blieb. Er war rund. Er war warm. Er machte aus dem großen Himmel einen kleinen Himmel. Er machte aus dem Wohnzimmer ein Nest. Er machte aus dem Sofa den sichersten Ort der Welt.
Emma wollte noch etwas sagen.
Ihr Mund fand nur Luft.
Omas Lied ging weiter.
Ein Wort kam.
Ein Summen kam.
Noch ein Wort.
Noch ein Summen.
Die Lampe wurde weich an den Rändern.
Das Fenster wurde weich an den Rändern.
Omas Gesicht wurde weich an den Rändern.
Nur ihre Stimme blieb nah.
Emma hörte nicht mehr, ob draußen ein Vogel rief.
Emma hörte nicht mehr, ob das Haus atmete.
Emma hörte nur das alte Lied.
Dann hörte sie nur noch den Rhythmus.
Auf.
Ab.
Auf.
Ab.
Die Decke lag schwer in einer guten Weise.
Emmas Hand hörte auf, die Kante zu suchen.
Ihr Knie blieb bei Oma.
Ihre Wange blieb am Kissen.
Das Gewitter kam nicht.
Das Lied kam.
Omas Stimme wurde kleiner.
Der Abend wurde kleiner.
Das Zimmer wurde kleiner.
Nur das Sofa blieb.
Nur Oma blieb.
Nur Wärme blieb.
Ein letzter Ton lag zwischen ihnen.
Oma summte noch einen Takt.
Emmas Atem ging warm hinein.
Und warm wieder hinaus.



