Zu schwül zum Schlafen
In Mias Zimmer steht die Sommernacht im Fenster.
Sie kommt nicht herein wie eine kühle Nacht. Sie bleibt einfach da, breit und warm, als hätte sie sich an die Wand gelehnt. Das Laken liegt auf Mias Beinen und klebt ein wenig, ohne nass zu sein. Es klebt an der Kniekehle. Es klebt an der kleinen Stelle zwischen Hals und Kissen.
Mia dreht den Kopf nach links. Dann dreht sie den Kopf nach rechts. Ihr Haar bleibt kurz an der Wange hängen. Die Luft riecht nach Regen, nach Regen, der irgendwo wartet, aber nicht hier. Noch nicht hier. Vielleicht gar nicht hier.
Das Fenster ist offen. Draußen hatten die Bäume den ganzen Tag in der Sonne gestanden. Jetzt stehen sie im Dunkeln und halten ihre Blätter still. Kein Donner rollt. Kein Blitz zeigt den Himmel. Nur die schwere Wärme liegt über den Gärten und über den Dächern und über Mias kleinem Bett.
Mia hält die Augen groß. So groß, wie sie nur kann. Ihre Finger fassen den Rand der Decke, als müssten sie noch etwas festhalten. Aber die Hände werden langsam weich. Die Finger bleiben liegen. Die Decke bleibt liegen. Mia dreht sich wieder um.
Die Tür öffnet sich einen Spalt.
Mama kommt herein. Nicht lange. Nur kurz. Ihre Füße machen kaum ein Geräusch auf dem Boden. Sie geht zum Fenster und schiebt es weiter auf, so weit es geht. Dann bleibt sie einen Atem lang stehen. Sie sagt nichts. Mia sagt auch nichts. Mama streicht nicht über Mias Stirn, denn die Nacht ist schon warm genug. Sie geht wieder hinaus, und die Tür lehnt sich fast zu.
Jetzt ist das Fenster weiter offen.
Aber die Luft bewegt sich kaum.
Mia sieht das helle Viereck des Fensters. Es ist nicht richtig hell. Es ist nur heller als der Rest. Der Vorhang hängt gerade nach unten. Er wartet auch. Das Zimmer wartet. Das Kissen wartet. Mias Augen wollen noch wachen, doch die Lider sinken ein kleines Stück, als hätten sie ihre eigene leise Meinung.
Draußen kommt ein Wind.
Nicht viel Wind. Nur ein dünner Wind, der die Blätter anfasst und gleich wieder loslässt. Erst raschelt es im Baum vor dem Haus. Dann raschelt es im Baum weiter weg. Dann hört Mia ein Blatt allein, ganz kurz, wie ein kleines Papier.
Dann ist es wieder warm.
Mia zieht ein Bein aus dem Laken. Das Bein findet keine Kühle. Es findet nur die Nacht. Sie legt das Bein wieder darunter. Das Laken klebt weniger, wenn sie ganz still liegt. Also liegt sie ganz still. Nur die Zehen bewegen sich noch, ganz wenig. Dann nicht mehr.
Ein Auto fährt irgendwo auf der Straße vorbei.
Erst hört Mia es deutlich. Die Reifen rollen über den warmen Asphalt. Dann klingt es kleiner. Dann klingt es wie ein Summen. Dann ist es hinter den Häusern. Dann ist nur noch der Platz da, an dem es gewesen war.
Kein Gewitter kommt.
Der Regen riecht immer noch fern. Er findet die Straße nicht. Er findet den Garten nicht. Er findet Mias Fenster nicht. Er bleibt hinter der Nacht, wo Mia ihn nicht sehen muss und nicht hören muss. Ihre Gedanken fangen an zu laufen, aber sie laufen nicht weit.
Sie zählt nicht.
Sie wartet nicht richtig.
Ihre Hand liegt offen auf dem Laken.
Der Wind kommt noch einmal.
Der Vorhang hebt sich kaum.
Ein Blatt sagt etwas.
Dann nichts.
Mias Augen öffnen sich noch ein kleines Stück.
Das Fenster ist nur noch ein heller Fleck.
Der Fleck wird weich.
Das Zimmer rückt weg.
Das Bett bleibt.
Das Laken bleibt.
Die Wärme bleibt.
Mias Atem geht hinein.
Mias Atem geht hinaus.
Der Wind berührt das Zimmer noch einmal, leicht und warm.
Ein Atem kommt.
Ein Atem geht.
Warm.



