Schwüler Nachmittag am See
Thomas kommt mit dem Handtuch über der Schulter und dem festen kleinen Plan im Brustkorb, der sich schon auf dem Weg hierher wie eine glatte, einfache Sache angefühlt hat: ankommen, ausziehen, ins Wasser gehen, ein paar Züge machen, den Kopf untertauchen, wieder auftauchen, leichter sein.
Jetzt steht er am Rand der Liegewiese, und der Plan bleibt in ihm stehen, nicht draußen, sondern innen, knapp unter dem Brustbein, wo etwas Hartes nicht weiter will. Seine rechte Hand hält den Riemen der Tasche zu fest. Der Daumen drückt gegen die Naht. Im Nacken liegt eine feuchte Wärme, die nicht abfließt. Sein Hemd klebt an einer Stelle zwischen den Schulterblättern, klein und genau, als hätte dort jemand einen warmen Finger liegen lassen.
Noch gehen. Einfach wieder gehen.
Der Gedanke hat keinen ganzen Satz. Er kommt, zieht an den Muskeln über den Hüften, macht die Knie bereit, sich umzudrehen. Thomas spürt diese Bereitschaft deutlicher als den Grund dafür. Es ist ein Vorlehnen nach rückwärts, ein inneres Packen, obwohl nichts mehr zu packen ist. Er hat den Autoschlüssel in der Tasche. Das Handtuch riecht nicht hierher, denkt er, und lässt den Gedanken fallen, bevor er fertig wird.
Er setzt sich nicht sofort. Erst stellt er die Tasche ab, und in diesem Abstellen ist schon ein kleiner Widerspruch, denn wer die Tasche abstellt, geht nicht gleich. Seine Finger öffnen sich langsam vom Riemen, einer nach dem anderen, und die Haut in der Handfläche bleibt für einen Moment gerillt. Die gerillte Stelle pocht. Thomas schaut nicht darauf. Er spürt sie nur, als hätte das Festhalten einen Abdruck hinterlassen, der länger bleibt als das Festhalten selbst.
Er zieht die Schuhe aus. Der linke Fuß findet das Gras, und die kühle Feuchtigkeit darin ist kaum kühl genug, um gegen die Schwere des Nachmittags anzukommen. Die Zehen spreizen sich, ohne dass er es ihnen sagt. Der rechte Fuß folgt langsamer. Unter der Fußsohle sind kleine Unebenheiten, Halme, Erde, eine winzige harte Kante, vielleicht ein Stängel, vielleicht etwas anderes, und der Körper sortiert das alles, ohne Worte dafür zu brauchen.
Schwimmen. Nur kurz. Wenn es noch geht.
Sein Bauch zieht sich bei dem Wenn zusammen. Nicht stark. Nur so, dass der Atem einen flacheren Weg nimmt und oben bleibt, in den Rippen, wo er nichts löst. Thomas steht da, barfuß, mit der Badehose noch in der Tasche, und merkt, wie sein Kopf rechnet. Entfernung zum Steg. Zeit bis zum Regen. Weg zurück zum Auto. Ob es gefährlich ist. Ob andere noch ins Wasser gehen. Ob er lächerlich ist, wenn er bleibt, ohne zu schwimmen.
Die Rechnungen sind schnell. Sein Körper ist langsamer. Das merkt er daran, dass der Atem nicht mitkommt.
Er nimmt das Handtuch von der Schulter, breitet es aus und setzt sich darauf. Die Bewegung hat etwas Unentschiedenes, aber sobald sein Gewicht unten ist, sobald die Sitzknochen durch den Stoff auf den Boden antworten, gibt es eine andere Art von Wirklichkeit. Nicht gut. Nicht schlecht. Nur Gewicht. Sein Becken sinkt ein wenig. Die Oberschenkel werden breit. Die Knie zeigen nach außen, als hätten sie schon länger darauf gewartet, nicht mehr nützlich sein zu müssen.
Er stützt die Hände hinter sich ab. Die Arme sind gestreckt, zu gestreckt, und in den Schultern bleibt die Arbeit hängen. Thomas bemerkt sie, diese unnötige Anspannung, die tut, als müsste sie ihn halten, obwohl der Boden ihn hält. Er lässt sie nicht sofort los. Erst spürt er sie. Ein dünnes Ziehen vom Hals in den oberen Rücken. Ein harter Rand im Kiefer. Die Zunge liegt breit und trocken im Mund, und er schluckt, obwohl nichts hinunter muss.
Der Nachmittag liegt schwer auf ihm, nicht als Bild, sondern als Druck. Die Wärme sammelt sich auf den Unterarmen, dort, wo die Haut frei ist. Sie liegt auf den Knien. Sie steht unter dem Hemd. In den Achseln bleibt sie gefangen. Zwischen den Rippen fühlt sich alles enger an, als wäre der Körper ein Raum, dessen Fenster geschlossen sind.
Ich hätte früher losfahren sollen.
Der Satz ist da, kurz, alt, vertraut. Er hat den Ton vieler anderer Sätze, die nichts ändern. Thomas merkt, wie der Magen darauf antwortet, mit einer kleinen Falte, nicht mit Schmerz. Nur mit Zustimmung zu einem Ärger, der müde ist. Er atmet ein, nicht tief, eher prüfend, und der Brustkorb hebt sich gegen das Hemd. Beim Ausatmen bleibt noch etwas oben. Der Rest hält fest.
Eine Weile sitzt er so, mit gestreckten Armen und einem Körper, der noch nicht weiß, ob er bleiben darf. Dann beugt er die Ellbogen, legt die Unterarme auf die Oberschenkel und lässt den Rücken rund werden. Sofort verschiebt sich die Wärme. Sie sammelt sich nicht mehr im Nacken, sondern breitet sich über den Rücken aus, schwer und gleichmäßiger. Der Kopf hängt ein wenig nach vorn. Die Haut am Bauch faltet sich weich über dem Bund der Hose.
Nicht schön sitzen.
Der Gedanke hat etwas Befreiendes, gerade weil er nicht groß ist. Thomas lässt die Schultern sinken, nur ein kleines Stück. Es reicht, damit der Atem tiefer kommt, bis in den Bereich unter den Rippen, wo vorher der Plan gelegen hat. Dort ist noch immer Härte, aber sie ist nicht mehr glatt. Sie hat Ränder. Sie kann gespürt werden.
Er hebt den Blick.
Jetzt ist da nur Sehen. Der See liegt vor ihm, und das Licht hat sich verändert, ohne ihn zu fragen. Es ist nicht mehr hell im einfachen Sinn. Es ist gelblicher geworden, dichter, wie durch etwas Dünnes hindurch. Die Flächen auf dem Wasser wirken flacher, und die hellen Stellen haben eine matte Kante. Auf der Liegewiese liegen Schatten, die schärfer sind als eben, dunkle Formen mit festen Rändern, als wären sie ausgeschnitten und auf das Gras gelegt.
Thomas betrachtet das, und seine Augen müssen weniger arbeiten, als er gedacht hätte. Sie gehen nicht weit. Sie bleiben an einer hellen Stelle hängen, dann an einer dunkleren, dann an dem Übergang dazwischen. Das Licht bewegt sich nicht schnell. Es kippt eher, fast unmerklich, als würde jemand sehr langsam eine Hand über eine Lampe legen.
Vielleicht noch zehn Minuten.
Er zählt nicht weiter. Die Zahl bleibt offen, ein Stück Papier im Kopf. Seine Augen folgen dem Rand eines Schattens, der neben seiner Tasche liegt. Der Rand ist klar. Zu klar für diesen warmen Nachmittag. Das Gelbliche macht die Farben müde und zugleich genauer. Der Stoff seiner Tasche sieht dunkler aus. Das Handtuch vor seinen Knien hat einen Ton, den es zu Hause nicht hat.
Er merkt, dass er die Stirn zusammenzieht, um genauer zu sehen. Dann merkt er, dass Genauigkeit nicht nötig ist. Die Stirn darf aufhören. Die Haut über den Augen löst sich kaum sichtbar. Innen fühlt es sich an, als würde ein schmaler Faden nachgeben. Die Augen werden schwerer in ihren Höhlen. Nicht müde, nur weniger nach vorn gerichtet.
Wieder senkt er den Blick ein wenig. Nicht ganz. Nur so weit, dass die Welt kleiner wird und aus Lichtflächen besteht. Gelblich. Dunkler. Hell am Rand. Schatten unter den Dingen. Er benennt es nicht mehr vollständig. Es reicht, dass es da ist und dass sein Blick daran ruhen kann, ohne etwas daraus zu machen.
Dann spürt er den Wind, weil er aufhört.
Vorher war da ein kaum bemerkbares Streichen an den feuchten Stellen der Haut gewesen, am Hals, am Unterarm, hinter den Knien. Jetzt fehlt es. Das Fehlen hat Gewicht. Die Luft berührt ihn nicht mehr in Bewegung, sondern steht an ihm, dicht und warm. Sofort wird die Haut auf den Unterarmen klebriger. Das Hemd am Rücken legt sich enger an. Ein Tropfen Schweiß löst sich an der Seite und kriecht langsam nach unten, unterbrochen von einer Falte im Stoff.
Thomas hält den Atem an, ohne es zu wollen. Der Körper lauscht nicht nach außen, sondern nach innen, in diese unbewegte Luft hinein. Der Bauch bleibt rund und still. Die Schultern heben sich kaum. Erst als er merkt, dass er hält, kommt ein Ausatmen, länger als nötig, durch den leicht geöffneten Mund. Danach entsteht Platz. Nicht viel. Genug für den nächsten Atemzug.
Jetzt wäre es dumm.
Damit meint er das Wasser, das Schwimmen, das Hineingehen. Aber der Satz hat keinen Druck mehr. Er ist eine Feststellung, die an ihm vorbeigleitet. Der erste Impuls, aufzustehen, ist noch da, doch er ist nicht mehr vorn. Er liegt irgendwo in den Oberschenkeln, in einer alten Bereitschaft, die keinen Befehl bekommt.
Thomas legt sich nicht hin. Er bleibt sitzen. Die Füße stehen im Gras, die Zehen ein wenig gekrümmt, als hielten sie sich an der Erde fest. Er bemerkt das und lässt auch sie los. Nicht ganz. Nur so weit, dass die Sohlen breiter werden. Der Boden ist ungleichmäßig, und diese Ungleichmäßigkeit verteilt sein Gewicht. Linke Ferse. Rechter Ballen. Die Außenkante des linken Fußes. Kleine Punkte, die ihn tragen.
Die Zeit verliert ihre Kanten dort, wo er sitzt. Nicht weil sie verschwindet, sondern weil sie im Körper nicht mehr als Strecke auftaucht. Kein Noch. Kein Gleich. Nur Atemzüge, die unterschiedlich lang sind. Einer bleibt oben. Einer sinkt tiefer. Einer stockt an einer Stelle, an der der Bauch noch nicht weich ist. Einer fließt bis unter den Nabel und macht die Hose dort für einen Moment enger.
Thomas denkt an die Badehose in der Tasche.
Umsonst mitgenommen.
Dann spürt er den rechten Daumen, der über die Kante des Handtuchs streicht. Der Stoff ist rau. Eine winzige Bewegung, vor und zurück, vor und zurück. Der Daumen macht das von allein, als wollte er eine kleine Tür im Körper öffnen. Thomas lässt ihn. Das Raue gibt dem Kopf etwas Einfaches. Keine Frage. Keine Entscheidung. Nur eine Kante, eine Wiederholung, ein Kontakt.
In seinem Kiefer sitzt noch ein Rest. Er findet ihn, weil die Zähne einander berühren. Nicht fest, aber zu oft. Er öffnet den Mund ein wenig. Die Lippen bleiben geschlossen, doch zwischen den Zähnen entsteht ein schmaler Abstand. Mit diesem Abstand verändert sich etwas bis in den Hals. Der Schluckreflex kommt und geht. Die Zunge zieht sich zurück und ruht dann schwerer. Der Nacken wird länger, ohne dass er sich aufrichtet.
Vielleicht ist Bleiben auch etwas, das man nicht beschließt.
Der Gedanke beginnt und wird nicht vollendet. Thomas folgt wieder dem Atem. Nicht absichtlich. Eher weil sonst nichts Dringendes genug ist. Beim Einatmen hebt sich der Bauch gegen die Unterarme. Beim Ausatmen sinkt er zurück, und die Unterarme sinken mit. So entsteht eine kleine Welle zwischen Körperteilen, die sonst getrennt arbeiten: Bauch, Arme, Schultern, Rücken, Boden.
Das Licht verändert sich weiter.
Er sieht es an den Rändern der Dinge. Die Tasche verliert ihre Härte. Das Gras vor ihm wird dunkler, aber an einzelnen Halmen bleibt noch ein gelber Saum. Der See zieht das Helle zusammen, als würde es an wenigen Stellen bleiben wollen. Darüber wächst eine breite, graue Fläche, nicht als Ereignis, eher als langsames Zudecken. Thomas blinzelt. Danach wirkt alles näher.
Seine Gedanken versuchen noch einmal, Ordnung zu machen. Heimfahren, duschen, Wäsche, Nachrichten, vielleicht später noch einkaufen. Jeder Punkt berührt kurz eine Stelle im Körper. Heimfahren sitzt in den Knien. Duschen im Nacken. Wäsche in der linken Schläfe. Nachrichten als kleines Ziehen hinter dem Brustbein. Einkaufen bleibt gar nicht erst. Es fällt weg, bevor es Form annimmt.
Er atmet aus.
Die Ausatmung ist länger geworden. Nicht besonders tief, nicht besonders schön. Nur länger. Am Ende gibt es einen kleinen Moment, in dem nichts nachgeholt werden muss. Der Körper wartet nicht auf den nächsten Atemzug wie auf eine Aufgabe. Er wartet einfach. Dann kommt der Atem von selbst, niedrig, warm, mit einer sanften Ausdehnung zur Seite.
Thomas sitzt da, und das Nichtschwimmen ist nicht mehr nur ein Mangel. Es ist Stoff unter seinen Händen. Feuchtigkeit an der Haut. Gewicht im Becken. Ein Plan, der sich nicht erfüllt und deshalb nicht weitergetragen werden muss. Der Kopf arbeitet noch. Er wirft kleine Zettel hoch. Zu spät. Falsch geplant. Hättest du. Sollte man. Doch die Zettel fallen langsamer, und keiner bleibt lange genug oben, um gelesen zu werden.
Der erste Donner ist für ihn kein Klang, sondern ein Zittern im Brustkorb, so fern, dass er erst nicht weiß, ob es von außen kommt oder aus ihm. Die Rippen nehmen es auf. Der Bauch wird kurz fest. Dann löst er sich wieder, vorsichtig, als prüfe er, ob er darf. Thomas richtet sich auf. Nicht schnell. Die Wirbel finden nacheinander ihre Höhe, und in den Schultern ist noch die Schwere des Sitzens.
Er faltet das Handtuch zusammen. Der Stoff klebt an einer Ecke an seinem Oberschenkel, bevor er sich löst. Seine Finger arbeiten langsamer als sonst. Kante auf Kante. Dann noch einmal. Die Tasche nimmt das Handtuch auf. Die Badehose bleibt trocken darin, ein kleines unbenutztes Gewicht.
Als die ersten Tropfen kommen, spürt er sie einzeln auf den Unterarmen. Kühl, rund, kurz. Einer trifft den Handrücken. Einer den Hals. Einer bleibt in der Armbeuge und läuft nicht weiter. Thomas steckt die Füße in die Schuhe, ohne die Halme von der Haut zu wischen. Er hebt die Tasche an, und der Riemen legt sich wieder in die Handfläche, doch diesmal drücken die Finger nicht so fest.
Der Weg zum Auto liegt vor ihm als Abfolge von Sohlen und Boden. Linker Fuß, weiche Stelle. Rechter Fuß, fester Rand. Die Tasche schlägt leicht gegen seine Hüfte. Der Regen wird dichter auf seinen Armen. Thomas geht langsamer, als er gekommen ist, und unter dem nassen Stoff seiner Schulter bleibt ein kleiner warmer Fleck.




