Zwei Brände
Der Alarm kam um 17:42 Uhr, als Kira die Tassen im Spindraum nach Größe sortierte. Draußen drückte der Sommer auf die Fenster. Über dem Wald hing eine Wolke mit einem flachen, grauen Bauch, und irgendwo hinter den Kiefern rollte Donner, noch weit genug entfernt, dass niemand den Kopf hob.
„Blitzschlag, Waldrand Nord, Abteilung sieben“, sagte die Stimme aus dem Funk. „Rauchentwicklung sichtbar. Forsttrupp vor Ort.“
Kira stellte die kleine Tasse in die große. Dann zog sie die Jacke vom Haken. Sie mochte Reihen. Schläuche in Buchten, Kupplungen nach außen, Handschuhe links neben Helm. Im Einsatz suchte sie nach Linien, weil Feuer keine zog. Feuer nahm jede Lücke, die man ihm gab.
Im Fahrzeug saß sie hinter dem Maschinisten und sah durch die Frontscheibe auf die Landstraße. Die ersten Tropfen lagen groß und einzeln auf dem Glas, verdampften auf der Motorhaube aber fast sofort. Links stand ein Weizenfeld, hell und still. Rechts begann der Wald wie eine Wand.
Am Waldrand wartete Bent, der Vorarbeiter des Forstunternehmens. Kira kannte ihn von zwei Sturmschäden im Frühjahr. Breite Schultern, glattes Gesicht, ein Funkgerät am Gürtel. Sein Helm saß sauber, als hätte er ihn erst aus der Verpackung genommen. Neben ihm flatterte ein gelbes Band an einem Eisenstab, den jemand in die Erde getreten hatte.
„Einschlag dort oben“, sagte Bent und zeigte hangaufwärts. Seine Stimme lief ohne Kante. „Wir haben den Bereich geräumt. Kein Mensch mehr drin.“
„Wie viele aus Ihrer Kolonne?“ fragte Kira.
„Alle draußen“, sagte er. „Sieben Mann. Ich habe gezählt.“
Er antwortete so schnell, dass Kira ihren Blick noch auf seiner Hand hatte, als er schon fertig war. Die Hand zeigte weiter in den Wald. Zwischen Zeige- und Mittelfinger klebte grauer Staub.
Der Einsatzleiter teilte die Gruppen. Kira nahm mit zwei Leuten die linke Flanke. Der Boden stieg dort trocken an. Nadeln knirschten unter den Stiefeln. Weiter oben schlugen Flammen niedrig durch Unterholz, nicht hoch, eher flach und gierig, als leckte jemand den Hang ab. Über ihnen krachte es wieder. Nicht nah. Noch nicht.
Kira zog den Schlauch nach, kniete am ersten Glutnest und gab kurze Stöße. Wasser schlug Erde auf, Asche sprang. Sie arbeitete ohne Hast. Drei Sekunden Strahl. Warten. Noch einmal. Dann den Blick heben.
Die Kiefer mit dem Blitzschaden stand am Rand einer kleinen Schneise. Ein heller Riss lief vom Wipfel bis zur Wurzel, gerade und frisch, als hätte jemand den Stamm mit einem Messer geöffnet. Rinde lag in Streifen im Farn. Um den Stamm herum fraß das Feuer nach Osten, mit dem Wind, der warm von Westen kam.
Das passte. Kira nickte nicht. Sie merkte es sich.
Sie hatte keinen Block. Papier starb im Löschwasser. Also schrieb sie mit dem Fingernagel in den Ruß auf dem Handrücken ihres linken Handschuhs: B-Kiefer, Ostlauf, 17:58. Der Ruß nahm die Linien hell an. Neben der Uhrzeit blieb ein kleiner Tropfen stehen und machte aus der Acht einen Fleck.
„Kira, Flanke schließen“, rief ihr Gruppenführer.
Sie zog weiter. Das Feuer sprang an einer Stelle über einen alten Rückeweg. Kein großes Springen, nur Funken, die in trockenem Gras Fuß fanden. Sie trat die Ränder frei, ließ Wasser laufen, ließ es nicht laufen, wenn der Strahl nur Dampf machte. Über Funk kamen kurze Sätze. Pumpe stabil. Tankwagen auf Anfahrt. Gewitter zieht nordost.
Am Rückeweg sah sie das gelbe Band wieder. Nicht das am Einsatzrand. Ein schmaler Rest hing an einem Brombeerzweig, halb geschmolzen, die schwarze Kante rund gezogen. Dahinter lag ein Holzpolter aus gefällten Fichtenstämmen, ordentlich gestapelt. Vor dem Polter war der Boden schwarz, aber nicht in Zungen. Ein Kreis, fast sauber. In der Mitte stand ein Metallkanister ohne Deckel.
Kira blieb stehen.
Zwischen dem Blitzbaum und diesem Kreis lag ein Streifen grünes Gras, drei Schritte breit. Nicht nur weniger verbrannt. Grün. Die Halme lehnten vom Wind in dieselbe Richtung wie die Aschefahnen oben am Hang.
„Wasser her“, sagte sie.
Ihr Truppmann flutete den Rand. Kira ging in die Hocke, so weit es der Atemschutz zuließ. Der Kreis vor dem Polter hatte eine dunklere Mitte und helle Ränder. Ein Feuer, das von außen kam, ließ keine helle Kante stehen. Sie zog den Handschuh über den Kanister, ohne ihn zu berühren, und schrieb: Polter, Kreis, Grasstreifen, 18:07.
Bent kam den Rückeweg herunter, ohne zu stolpern. Er blieb gerade außerhalb des nassen Bereichs stehen.
„Der Blitz kann springen“, sagte er.
Kira sah ihn an. „Von dort oben bis hier runter?“
„Bei Gewitter macht Strom saubere Sachen dreckig“, sagte Bent. „Wir hatten mal eine Maschine, da war die Batterie tot, obwohl sie zwanzig Meter weg stand.“
Die Antwort lag glatt zwischen ihnen. Kira hörte das Wasser auf Holz schlagen. Bent sah nicht zum Kanister. Er sah auf ihren Handschuh.
„Wem gehört der Kanister?“ fragte sie.
„Altbestand“, sagte er. „Liegt hier öfter Müll. Leute grillen, kippen Zeug weg. Sommer eben.“
„Mitten im Arbeitsbereich?“
„Wir räumen nicht jeden Mist sofort weg.“ Er lächelte kurz, ohne die Zähne zu zeigen. „Heute hatten wir anderes zu tun.“
Kira richtete sich auf. Der Atemschutz zog an ihren Schultern. Sie zählte die Stämme im Polter, nicht weil die Zahl half, sondern weil Zahlen den Blick festhielten. Zwölf in der unteren Lage, elf darüber. Am dritten Stamm von links klebte Harz in einer bernsteinfarbenen Nase. Darunter hatte die Hitze die Rinde nicht erreicht.
„Hier war schon Feuer, bevor die Flanke kam“, sagte sie.
Bent hob beide Hände. „Sie sind die Feuerwehr.“
Wieder glatt. Kein Widerspruch. Keine Frage.
Der Funk knackte. „Kira, Lage?“
Sie drückte die Sprechtaste. „Zweite Heißstelle am Polter, Rückeweg Süd. Löschen läuft. Ich brauche später Fotos, bevor hier jemand räumt.“
Eine Pause. Dann: „Verstanden. Erst sichern.“
Erst sichern hieß: keine Diskussion. Das Feuer nahm inzwischen den Hang oberhalb. Der Wind drehte in Böen, als das Gewitter näherkam. Rauch schob tief durch die Schneise. Kira sah weniger. Dafür schärfer. Den grünen Grasstreifen. Den Kanister. Bents Stiefel, sauber an den Sohlenrändern, obwohl er angeblich aus dem Wald kam.
Sie löschten den Kreis. Nicht zu viel, nur genug, damit die Glut nicht weitergriff. Kira bat ihren Truppmann um ein Handyfoto. Er zog die Hülle mit nassen Fingern auf, fluchte leise und machte drei Bilder. Kira stellte sich so, dass ihr Stiefel als Maß im Bild lag. Dann zog sie mit dem Strahl eine dünne Linie um den Rand, wie um eine Stelle zu behalten, die das Wasser sonst wegnehmen wollte.
Der Einsatz zog sich. Der Tankwagen kam, die zweite Wehr schloss von Norden, und Regen fiel fünf Minuten lang so hart, dass die Tropfen kleine Krater in die Asche schlugen. Danach hörte er wieder auf. Das Gewitter zog vorbei, ohne den Wald ganz zu waschen.
Ein junger Mann aus Bents Kolonne saß am Rand des Weizenfelds auf einem Stamm. Er hatte die Handschuhe ausgezogen. Seine Fingerkuppen waren schwarz.
„Sie waren oben beim Einschlag?“ fragte Kira.
Er sah zu Bent, der zwanzig Meter entfernt mit dem Einsatzleiter sprach. „Ja.“
„Alle sieben?“
„Wir waren verteilt.“
„Wer war am Polter?“
Der junge Mann rieb den Daumen über den Zeigefinger. „Keine Ahnung.“
Bent trat näher, als hätte er nur auf eine freie Stelle im Gespräch gewartet. „Milan hat die Motorsäge getragen“, sagte er. „Der war nicht am Polter. Ich habe die Leute rausgeführt.“
„Ich habe ihn gefragt“, sagte Kira.
„Natürlich.“ Bent nickte. „Ich helfe nur, damit es schneller geht.“
Milan sah auf seine schwarzen Finger. Am Ringfinger lief ein heller Streifen, wo ein Handschuh gerissen sein musste. Kira fragte nichts mehr. Nicht dort. Nicht neben Bent.
Um 20:11 Uhr meldete der Einsatzleiter Feuer unter Kontrolle. Die Kiefer mit dem Blitzriss rauchte noch am Fuß. Der Riss im Stamm hatte sich dunkler gefärbt. Oben hing ein Streifen Rinde lose und klopfte bei jeder Bö gegen das Holz. Kira ging noch einmal den Weg vom Blitzbaum zum Polter. Sie setzte die Stiefel langsam. Vierundsechzig Schritte. Dazwischen der grüne Streifen, jetzt mit Aschepunkten vom Regen gesprenkelt.
Am Brombeerzweig hing der Rest gelbes Band nicht mehr. Kira fand ihn zwei Meter weiter im Schlamm, zusammengeklebt, wie eine kleine gelbe Zunge. Niemand hätte ihn beachten müssen. Sie hob ihn nicht auf. Sie fotografierte ihn.
„Das ist Absperrband von uns“, sagte Bent hinter ihr.
Kira drehte sich nicht sofort um. „Unseres hängt vorn am Einsatzrand.“
„Dann hat der Wind es hergetragen.“
Der Wind kam von Westen. Das Band lag westlich vom Einsatzrand, nicht östlich. Kira sah auf die Grashalme. Sie zeigten immer noch zum Polter.
„Ja“, sagte sie.
Bent wartete. Seine Jacke war an der Brust nass. An der rechten Manschette klebte ein heller Harzpunkt, bernsteinfarben, so klein wie ein Samen.
„Sie schreiben viel auf“, sagte er.
„Wenn ich nichts schreibe, vergesse ich das Falsche.“
Er sah zum Wald. „Am Ende steht im Bericht Blitzschlag.“
„Am Anfang vielleicht.“
Diesmal lächelte er nicht.
Später, als die Schläuche in Buchten zurück auf dem Fahrzeug lagen und der Himmel hinter dem Wald gelb wurde, setzte Kira sich auf die Trittstufe. Ihre Knie zitterten erst, als sie stillhielt. Sie zog den linken Handschuh aus. Die Notizen auf dem Ruß waren verwischt, aber nicht weg: B-Kiefer. Ostlauf. Polter. Kreis. Grasstreifen. Die Acht bei 18:07 war nur noch ein dunkler Knoten.
Der Einsatzleiter kam mit einer Flasche Wasser. „Du willst das melden.“
„Ja.“
„Blitzschlag ist bequem.“
Kira trank. Das Wasser war warm. „Bequem löscht nicht.“
Er sah zum Polter, wo zwei Kameraden die letzten Glutnester prüften. „Dann sauber. Fotos sichern. Fundstelle nicht betreten. Polizei informieren. Keine großen Worte.“
„Keine großen Worte“, sagte Kira.
Als die Streife kam, gab sie die Zeiten, die Fotos, die Richtung des Windes und die Entfernung in Schritten weiter. Sie sagte nicht, was sie glaubte. Sie sagte, was dort lag. Ein Blitzbaum mit Ostlauf. Ein Brandkreis am Polter. Ein grüner Streifen dazwischen. Ein Kanister ohne Deckel. Ein Stück gelbes Band im Schlamm.
Die Polizistin schrieb mit. Bent stand beim Weizenfeld und telefonierte. Er sprach leise. Einmal drehte er sich um und hob die freie Hand, als wolle er zeigen, dass er nichts darin hielt.
„Herr Bent sagt, der Kanister sei Müll“, sagte die Polizistin.
„Das hat er gesagt.“
„Und das Band?“
„Wind“, sagte Kira.
Die Polizistin sah kurz auf. Kira zeigte mit zwei Fingern die Richtung der Halme. Mehr nicht.
Der Wald knackte, wo nasses Holz nachgab. Auf dem Rückeweg glänzten Pfützen schwarz. In einer davon lag der Harztropfen vom dritten Stamm nicht mehr am Holz, sondern auf dem Wasser, als kleiner heller Punkt, der langsam zum Rand trieb.
Kira unterschrieb ihre erste Meldung auf der Motorhaube des Einsatzleitwagens. Der Kugelschreiber riss im feuchten Papier. Sie setzte die Buchstaben noch einmal darüber. Bent ging an ihr vorbei zum Auto des Forstunternehmens.
„Guter Blick“, sagte er.
Sie sah auf seine Manschette. Der Harzpunkt fehlte.
„Gute Nacht“, sagte Kira.
Er stieg ein. Der Wagen rollte langsam über den Feldweg, ohne Licht, bis er die Kurve erreichte. Dann gingen die Scheinwerfer an.
Kira blieb bei der Motorhaube stehen, bis die Polizistin den Umschlag mit den Fotos schloss. Hinter ihr flatterte das gelbe Band am Eisenstab. Es zeigte in den Wald hinein, obwohl der Wind vom Wald kam. Kira legte den nassen Handschuh daneben. Auf dem Ruß stand noch ein halbes Wort. Polt. Mehr hatte das Wasser gelassen.



