Der Abendregen der kommt
Nach acht schliesst Miriam die Wohnungstuer hinter sich, und der kleine Widerstand im Handgelenk bleibt noch einen Atemzug lang bestehen, als haette der Griff etwas von ihr festhalten wollen. Die Schwuele des Tages sitzt ihr nicht mehr auf der ganzen Haut, sondern nur noch in Resten, unter dem Haaransatz, zwischen den Schulterblaettern, in der weichen Falte hinter den Knien. Dort haelt sie sich, zaeh und bekannt. Miriam bleibt im Treppenhaus stehen, ohne zu zaehlen, und merkt, wie der erste Atemzug ausserhalb der Wohnung nicht tiefer wird, nur etwas breiter, als bekaeme er an den Rippen mehr Platz.
Sie will Ruhe. Der Satz ist nicht ganz ein Satz. Mehr ein Druck hinter der Stirn. Ruhe, nur kurz. Dann schon die naechste Bewegung im Kopf: morgen die Mail, die Rechnung, der Termin um neun, etwas mit einem Formular, etwas mit einem Namen, der ihr gerade nicht einfaellt. Ihr Kiefer schliesst sich fester, als muesste er die losen Enden halten. Miriam setzt einen Fuss vor den anderen und spùrt, wie die Sohlen in den Sandalen noch die Waerme des Tages annehmen, die aus den Stufen aufsteigt, aus dem Stein, aus allem, was zu lange gehalten hat.
Auf der Strasse ist der Asphalt unter ihr kein heisser Spiegel mehr, sondern ein schwerer Koerper, der langsam abgibt. Durch die duennen Sohlen dringt ein stumpfes Nachgluehen, besonders unter dem Ballen des rechten Fusses, dort, wo sie immer etwas staerker auftritt. Der Boden ist noch warm, aber die Waerme hat ihren Biss verloren. Sie legt sich nicht mehr auf sie, sie kommt von unten, geduldig, und Miriam merkt, dass sie den Bauch eingezogen haelt. Als sie ihn loslaesst, nur ein wenig, sinkt etwas in ihr nach unten, ohne zu fallen.
Sie geht ohne Ziel, und gerade dieses Ohne-Ziel macht ihren Kopf zuerst unruhiger. Er sucht eine Richtung, eine Begruendung, eine kleine Aufgabe, die man spaeter erzaehlen koennte. Park vielleicht. Oder nur bis zur Bruecke. Oder um den Block. Nicht so spaet. Nicht zu weit. Der Koerper antwortet nicht mit Worten. Er antwortet mit einem Ziehen in der linken Wade, mit der engen Stelle unter dem Brustbein, mit einem Atem, der noch zu hoch sitzt. Miriam legt eine Hand kurz auf den Oberbauch, nicht um etwas zu verbessern, nur um zu spueren, dass dort Bewegung ist.
Zwischen den Haeusern beginnt die Luft, sich wieder bewegen zu lassen. Nicht stark, nicht als Wind, eher als ein langsames Umschichten an den Unterarmen. Die Haut, die den ganzen Tag unter einer unsichtbaren Schicht gelegen hat, merkt zuerst die Innenseiten der Ellbogen. Dort streift etwas vorbei, kuehler als erwartet, und die Poren reagieren, bevor Miriam es benennen kann. Ihr Nacken bleibt noch angespannt, doch die Spannung ist nicht mehr eine Platte. Sie wird faserig. Einzelne Straenge lassen nach, andere halten weiter. Genug, denkt sie. Aber wovon genug, bleibt offen.
Der Geruch kommt an der naechsten Ecke. Er ist noch kein Regen. Er ist die Ankuendigung von Regen, genauer als ein Gedanke: aufgeriebener Staub, der sich erinnert, dass er einmal Erde war; warmer Stein, in dem eine metallische Kante liegt; etwas Gruenes aus Ritzen und Baumringen, dunkel und roh; dazu der trockene Belag von Asphalt, der gleich nass werden will, aber noch warten muss. Miriam atmet durch die Nase ein, langsam, und der Geruch geht nicht nur in den Kopf. Er legt sich hinten auf die Zunge, ohne Geschmack zu werden, und in der Brust entsteht ein kurzer, weiter Raum.
Sie bleibt nicht stehen. Der Kopf nutzt jede Luecke. Die Waschmaschine. Der Anruf. Habe ich geantwortet. Warum hat sie so geschaut. Ein Satz vom Nachmittag, der eigentlich laengst vorbei ist, springt in ihr an und endet im selben Moment an der festen Stelle zwischen den Augenbrauen. Miriam bemerkt, dass ihre Schultern wieder oben sind. Nicht viel, kaum sichtbar vielleicht, aber fuer sie deutlich: die Spitzen der Schulterblaetter suchen Schutz. Sie hebt sie einmal bewusst, laesst sie dann sinken, und das Sinken ist kleiner, als sie gehofft hat. Trotzdem ist es ein Sinken.
Der Weg zum Park fuehrt ueber Gehsteine, die ihre Fugen durch die Sohlen melden. Jede schmale Rille ist eine kurze Unterbrechung. Miriam beginnt, sie nicht mehr zu ueberspringen. Der rechte Fuss, dann der linke, ein Absatz, eine Vertiefung, eine glattere Platte. Ihr Becken findet einen langsameren Rhythmus, nicht weil sie ihn sucht, sondern weil es keinen Grund mehr gibt, schneller zu sein. Die Stadt traegt noch die Waerme des Tages in den Mauern, und diese Waerme streicht an ihrer rechten Seite entlang, wenn sie nahe genug daran vorbeigeht. Dann oeffnet sich wieder ein Raum, und die Haut kuehlt nach.
Im Park veraendert sich der Boden unter ihren Schritten. Er gibt minimal nach, nicht weich, nur weniger entschieden. Miriam spùrt es sofort in den Knien. Die Gelenke muessen weniger abfangen, der Fuss darf laenger abrollen. Unter der Ferse liegt fuer einen Moment etwas Koerniges, dann etwas Federndes, dann wieder der festere Weg. Sie kennt diesen Park, aber nicht so, nicht ueber die kleinen Antworten im Koerper. Tagsueber geht sie hier durch und ist schon beim naechsten Ort. Jetzt ist der naechste Ort nur ein weiterer Schritt, und selbst der muss nicht sofort kommen.
Eine Bank steht am Rand des Weges, und Miriam setzt sich, ohne vorher entschieden zu haben, dass sie sitzen will. Das Holz unter ihren Oberschenkeln ist noch warm, doch an den Kanten hat es bereits Kuehle gesammelt. Ihre Haut unterscheidet beides genau. Die Rueckseite der Beine nimmt die Waerme an, die Knie bleiben frei in der abendlichen Luft, und der Bauch, der im Gehen etwas ruhiger geworden ist, zieht sich wieder zusammen, als der Kopf merkt, dass jetzt Platz waere. Platz fuer alles. Fuer Listen. Fuer Saetze. Fuer alte Gesprueche, die niemand mehr fuehrt.
Sie koennte jetzt aufstehen. Sie koennte nach Hause gehen. Sie koennte wenigstens eine Nachricht lesen. Die Hand zuckt in Richtung Tasche, und in diesem kleinen Zucken liegt der ganze Tag, sein heller Druck, seine kleinen Forderungen, die sich in Muskeln verkleidet haben. Miriam laesst die Hand auf dem Oberschenkel liegen. Der Daumen drueckt kurz in den Stoff, dann weniger. Einatmen. Die Rippen heben sich ungleich, links etwas mehr als rechts. Ausatmen. Der untere Ruecken beruehrt die Lehne nicht ganz, als wuerde er noch bereitstehen muessen.
Der Geruch von kommendem Regen wird dichter, waehrend sie sitzt. Er verliert das Staubige nicht, aber darunter oeffnet sich etwas Kuehles, Mineralisches, wie eine Kellerwand nach einem langen Sommertag, wie Stein, der von innen her Feuchtigkeit hervorholt. Da ist auch der scharfe Hauch von trockenen Blättern, bevor sie nass werden, und etwas Suesses, kaum da, aus Erde, die noch versiegelt ist und doch schon antwortet. Miriam atmet ihn ein, und ihre Gedanken werden nicht still. Sie werden nur kuerzer. Morgen. Nein. Spaeter. Vielleicht. Dann wieder der Geruch, der keinen Satz braucht.
Als sie weitergeht, ist der erste Schritt nach dem Sitzen steif. Die Hueften brauchen zwei, drei Bewegungen, bis sie sich erinnern, dass sie tragen koennen. Miriam spùrt die Haut am unteren Ruecken, dort, wo das Kleid am Koerper klebt und sich dann mit jedem Schritt ein wenig loest. Die Schwuele ist nicht weg. Sie hat nur ihre Form veraendert. Sie ist nicht mehr Wand, sondern Schicht. Und diese Schicht bekommt Risse, wenn Luft an die Handgelenke kommt, an die Kehle, an den schmalen Streifen Haut ueber den Schluesselbeinen.
Sie verlaesst den Park an der Seite, die zum Fluss fuehrt. Der Weg faellt kaum merklich ab, aber ihre Waden wissen es. Der Zug verlagert sich. Die Fuesse rollen anders ab, laenger ueber die Ferse, vorsichtiger ueber die Zehen. In Miriams Brust liegt noch immer ein kleiner Motor, der weiterarbeiten will. Er summt ohne Ton, ein inneres Weiter, weiter. Sie legt die Zunge an den Gaumen und merkt erst dann, dass sie sie die ganze Zeit angespannt hat. Als sie loslaesst, sammelt sich Speichel, und der Hals wird weiter.
Die Bruecke kuendigt sich nicht als Bild an, sondern als Veraenderung im Koerper. Der Boden unter ihr wird fester, gleichmaessiger, und die Luft an den Seiten ihrer Arme bekommt mehr Raum. Nichts steht dicht neben ihr. Die Waerme der Haeuser faellt weg. Stattdessen liegt eine breite Kuehle quer ueber ihrer Haut, nicht kalt, nur offen. Miriam geht langsamer. Nicht aus Entscheidung. Eher weil ihre Schritte nicht mehr vor ihr herlaufen. Der Kopf versucht noch einmal, etwas zu ordnen. Wenn ich jetzt heimgehe, dann. Der Satz bleibt auf halber Strecke stehen.
Am Beginn der Bruecke trifft der erste Tropfen ihre linke Hand. Er ist gross genug, um erkannt zu werden, klein genug, um nicht zu erschrecken. Er landet auf dem Knochel des Zeigefingers und laeuft nicht sofort weiter. Miriam bleibt stehen. Ein zweiter Tropfen beruehrt den Unterarm, ein dritter den Nacken, genau dort, wo die Haare feucht vom Tag anliegen. Die Haut zieht sich kurz zusammen, dann gibt sie nach. Der Regen beginnt nicht als Vorhang. Er beginnt als einzelne Entscheidungen auf ihrem Koerper.
Miriam legt beide Haende auf das Gelaender. Das Metall ist kuehl und wird unter ihren Handflaechen feuchter, waehrend sie dort steht. Die Tropfen finden die warmen Stellen zuerst: die Schlaefen, die Innenseiten der Ellenbogen, den Ausschnitt, die Mulde am Hals. Jeder Kontakt ist ein kleiner Punkt, und zwischen den Punkten bleibt noch Sommer. Sie atmet ein, ohne tief sein zu wollen, und beim Ausatmen senkt sich ihr Brustbein kaum sichtbar. Der Kopf arbeitet weiter, aber seine Raender werden nass. Termine loesen sich nicht auf. Sie verlieren nur fuer einen Moment ihre harten Kanten.
Der Regen wird dichter. Stoff klebt an den Schultern, erst in kleinen Kreisen, dann in Flaechen. Am Ruecken laeuft ein schmaler Faden Wasser hinunter und teilt die Waerme der Haut in zwei Seiten. Miriam spùrt, wie ihre Fuesse schwerer werden, weil die Riemen der Sandalen Feuchtigkeit aufnehmen. Sie steht auf der Bruecke und laesst es geschehen. Kein Schutz. Kein Eilen. Nur der Koerper, der nass wird und dabei genauer weiss, wo er endet. Stirn. Kehle. Handgelenk. Kniekehle. Ein Tropfen faellt von ihrem Kinn auf die Brust und verschwindet im Stoff.
Eine Weile misst sie nichts. Nicht die Strecke nach Hause, nicht die Dauer des Regens, nicht die Frage, ob es vernuenftig ist, hier zu stehen. Das Denken kommt noch, in kleinen hellen Stuecken. Die Tasche. Die Schuhe. Morgen frueh. Dann gleitet wieder Wasser ueber den Unterarm, und der Satz verliert seine Mitte. Miriam steht, bis die erste Kuehle unter die Haut will und der Koerper sich von selbst bewegt. Die Finger loesen sich vom Gelaender. In den Handflaechen bleibt seine Form als kalte Linie zurueck.
Dann geht sie. Der erste Schritt von der Bruecke hinunter legt den nassen Saum an ihre Knoechel.




