Das Ferienhaus vor dem Gewitter
Die Gewitterwarnung bleibt in Stefan nicht als Satz zurück, sondern als ein kleiner fester Punkt zwischen den Schulterblättern. Er steht in dem kleinen Ferienhaus, barfuß auf dem warmen Boden, und merkt, wie seine Zehen sich einen Augenblick zu stark gegen die Dielen drücken, als müssten sie prüfen, ob hier unten noch alles hält. Sommerwärme liegt in seinen Unterarmen, in der Haut über den Knöcheln, in dem dünnen Film auf seiner Stirn. Er ist fünfundvierzig, allein, und allein heißt an diesem Nachmittag nicht leer, sondern weit genug, dass jeder Handgriff in ihm ankommt.
Er geht zur Terrassentür. Nicht eilig. Der Griff ist glatt in seiner Hand, die Kante kühl an der Innenseite der Finger. Er zieht die Tür zu, und der Zug in seinem Rücken antwortet, als hätte er schon vorher gewusst, was zu tun ist. Schließen. Prüfen. Noch einmal drücken. Seine rechte Schulter hebt sich dabei ein wenig, zu hoch, zu gewohnheitsmäßig. Er merkt es erst, als der Muskel am Hals sich meldet, hart und kurz. Noch das Fenster im Schlafzimmer. Noch die Markise. Noch der Liegestuhl. Ein Rest von Liste, ohne ganze Worte.
Auf der Terrasse klappt er den Liegestuhl zusammen. Das Gestell gibt in seinen Händen nach, nicht schwer, aber mit einer kleinen Widerspenstigkeit, die bis in seine Handballen wandert. Die Finger greifen fester, als nötig wäre. Metall gegen Haut, ein schmales Drücken an den Gelenken. Er stellt den Stuhl an die Wand, hebt das Kissen hoch, spürt die aufgestaute Wärme darin, die sich gegen seine Brust legt, als wolle sie nicht mit hinein. Für einen Moment bleibt er mit dem Kissen vor dem Körper stehen, und sein Atem stößt daran an. Später wieder raus. Vielleicht.
Er holt die zwei Gläser vom kleinen Tisch, den Aschenbecher, obwohl niemand geraucht hat, ein Buch, das mit dem Rücken nach oben gelegen hat. Alles kommt in seine Hände und durch seine Hände ins Haus. Er macht es routiniert, fast ruhig, und gerade deshalb fällt auf, dass sein Kiefer nicht mitmacht. Die Zähne berühren sich. Nicht fest, aber dauernd. Sein Mund hat vergessen, dass er nichts halten muss. Er stellt die Gläser ab, und die Zunge löst sich langsam vom Gaumen. Nur kurz. Dann wieder diese innere Klammer.
Noch ein Fenster. Der Rahmen sitzt etwas schief, wie jedes Jahr. Stefan kennt die Stelle, an der man drücken muss, mit dem unteren Teil der Hand, nicht mit den Fingern. Der Druck wandert durch den Arm bis zum Ellenbogen, und als der Riegel einrastet, geht durch seinen Brustkorb ein winziger Nachhall. Fertig. Nein. Küche. Bad. Terrassentisch. Die Gedanken kommen wie kleine angefangene Bewegungen. Wenn der Strom… Die Kerze liegt… Das Auto steht… Keiner dieser Sätze endet. Sie setzen im Bauch an und verschwinden irgendwo hinter den Rippen.
Im Bad zieht er das schmale Fenster zu. Dort ist die Luft enger, und seine Haut merkt sofort, dass sie nicht mehr ausweichen kann. Feuchtigkeit sammelt sich in der Beuge des linken Arms. Er wischt nicht darüber. Er lässt sie da. Der Körper weiß, dass Sommer nicht verschwindet, nur weil draußen etwas aufzieht. Sein Rücken ist warm, sein Nacken nicht. Dort sitzt ein kühler Streifen, kaum mehr als ein Gedanke der Haut. Er bleibt einen Atemzug zu lange im Türrahmen stehen. Nicht, weil es etwas zu sehen gäbe. Nur weil sein Gewicht sich nicht gleich weiterbewegen will.
Dann geht er noch einmal hinaus auf die Terrasse, nur bis unter den Dachvorsprung. Jetzt ist es der Geruch, der zu ihm kommt, nicht als Bild der Landschaft, sondern als etwas, das oben in der Nase stehen bleibt und hinten im Rachen eine feine Kante hinterlässt. Erde vor dem Regen. Warmes Holz, das schon weiß, dass es gleich dunkler werden wird. Eine metallische Spur, sehr dünn. Stefan atmet ein, und der Atem endet früher als sonst, als hätte der Körper vorsichtig probiert und dann beschlossen, nicht zu viel auf einmal zu nehmen. Regen noch nicht. Aber die Luft hat angefangen, sich vorzubereiten.
Er nimmt die letzten Klammern vom Geländer, rollt das Tuch ein, legt es über den Arm. Das Tuch streift die Innenseite des Handgelenks, und diese kleine Berührung bleibt seltsam lange da. Vielleicht, weil sonst nichts mehr zu tun ist. Vielleicht, weil sein Kopf noch nach Arbeit sucht. Er steht vor der geschlossenen Terrassentür und prüft den Riegel. Einmal. Dann noch einmal. Die Hand bleibt auf dem Griff liegen, obwohl der Griff nichts mehr verlangt. Er spürt die eigene Handfläche daran wärmer werden. Genug. Das Wort kommt ohne Stimme. Genug.
Im Wohnraum ist die Wärme anders. Nicht weniger, nur gesammelt. Sie liegt tiefer, nahe am Boden, und steigt an seinen Waden hoch, während er zur kleinen Holzbank neben dem Tisch geht. Stefan setzt sich nicht sofort. Er stellt das Buch auf den Tisch, richtet es gerade, obwohl das keine Bedeutung hat, schiebt ein Glas einen Fingerbreit zur Seite. Kleine Korrekturen, hinter denen noch Bewegung versteckt ist. Erst als seine Knie ein leichtes Ziehen melden, lässt er sich auf den Stuhl sinken. Das Holz nimmt sein Gewicht an. Seine Oberschenkel werden breit. Der Bauch gibt ein wenig nach.
Da sitzt er. Die Vorbereitung ist abgeschlossen, aber der Körper hat es noch nicht ganz empfangen. In den Schultern steckt noch das Schließen der Fenster. In den Fingern steckt noch der Riegel. In der Stirn eine schmale Spannung, die sich quer über die Augenbrauen zieht. Stefan legt die Hände auf die Oberschenkel, Handflächen nach unten. Der Stoff seiner Hose ist trocken, rau genug, um da zu sein. Der Daumen der rechten Hand zuckt einmal, als wolle er noch etwas antippen, bestätigen, nachsehen. Keine Nachricht. Kein Blick. Der Daumen bleibt liegen.
Sein Atem ist zuerst nicht ruhig. Er ist nur da, etwas kurz, etwas oben. Die Rippen heben sich mehr als der Bauch, und am Ende jedes Ausatmens bleibt eine kleine offene Stelle, ein winziger Rest von Bereitmachen. Stefan tut nichts dagegen. Er sitzt und bemerkt, wie die Luft in ihm ein- und ausgeht, ohne dass sie ihn fragt. Einatmen, eng unter dem Brustbein. Ausatmen, die Wärme im Bauch breitet sich kaum merklich. Noch einmal. Nicht zählen. Wenn es jetzt… Dann bricht der Satz ab, weil der nächste Atemzug kommt.
Die Stille ist nicht zuerst draußen. Sie beginnt in ihm als Ausfall von Tätigkeit. Ein Muskel am linken Unterarm sucht nach einer Aufgabe und findet keine. Die Finger werden schwerer. Der Kiefer öffnet sich um einen kaum sichtbaren Spalt, und die Zunge liegt weicher. Sein Nacken hält noch. Dort oben arbeitet etwas weiter, eine kleine Maschine ohne Auftrag. Dachrinne frei? Fenster wirklich zu? Er spürt die Fragen nicht als Worte, eher als kurze Verhärtungen unter der Haut. Jede Verhärtung kommt, bleibt einen Moment, und verliert dann den Rand.
Er lehnt sich zurück. Nicht weit. Nur so, dass die Rückenlehne eine Linie zwischen den Schulterblättern berührt. Der feste Punkt, der seit der Warnung dort sitzt, wird dadurch nicht weggenommen. Er wird spürbarer. Rund, klein, geduldig. Stefan lässt die Schultern nicht fallen, weil Fallen zu viel wäre. Sie sinken nur um ein paar Millimeter, und diese wenigen Millimeter haben ihr eigenes Gewicht. Der Brustkorb bekommt Platz an den Seiten. Die Arme hängen nicht, sie ruhen. Ein Teil von ihm wartet noch auf das Zeichen, loszuspringen. Ein anderer Teil hat sich schon hingesetzt.
Nun hört er. Erst nur das Haus, das nicht ganz schweigt. Ein leises Arbeiten im Holz, ein kaum wahrnehmbares Nachgeben irgendwo im Dach, das ferne Rauschen in der eigenen Ohrmuschel, wenn man lange genug still bleibt. Die Vögel, die vorhin noch in den Rand des Nachmittags gehört haben, fehlen jetzt als kleine Lücken, und diese Lücken machen den Raum größer, ohne ihn zu füllen. Stefan hebt den Kopf nicht. Das Hören reicht in ihn hinein. Es legt sich an die Schläfen, an den Hals, an die Brust, die bei jedem Atemzug von innen gegen das Hemd kommt.
Es gibt nichts zu entscheiden. Gerade das macht den Kopf unruhig. Er will ein Häkchen setzen, eine Reihenfolge bilden, eine Ursache finden. Gewitterwarnung, Fenster, Stuhl, Strom, Regen. Eine ordentliche Kette. Doch der Körper sitzt quer dazu. Die Fersen stehen fest auf dem Boden. In den Knien ist Wärme. Unter der linken Schulter löst sich eine feine Linie, fast unbemerkt, und erst danach merkt Stefan, wie lange sie gehalten hat. Der nächste Atemzug reicht tiefer, nicht weil er sich Mühe gibt, sondern weil unten Platz entstanden ist.
Eine Weile misst er keine Zeit. Er erkennt es daran, dass die Gedanken ihren Takt verlieren. Nicht langsamer, eher kürzer. Der Grill müsste… Morgen einkaufen… Der Schlüssel… Dann nur noch einzelne Stücke, die aufsteigen und wieder sinken. Sein Bauch bewegt sich unter den Händen nicht, denn die Hände liegen auf den Beinen, aber er spürt die Bewegung trotzdem, innen, rund und zurückhaltend. Der Körper wartet anders als der Kopf. Der Kopf wartet nach vorne. Der Körper wartet nach unten. In das Sitzbein, in die Fußsohlen, in die warme Schwere der Oberschenkel.
Der erste ferne Donner ist kein Bild am Himmel. Er ist ein tiefer, matter Druck, der durch die geschlossene Hülle des Hauses kommt und sich unter Stefans Brustbein sammelt. Nicht laut genug, um ihn aufzurichten. Nur groß genug, dass sein Atem für einen halben Moment flacher wird. Dann geht er weiter. Seine Hände bleiben liegen. Der Daumen zuckt nicht mehr. Im Hals löst sich ein Schlucken, langsam, wie etwas, das den Weg erst wiederfinden muss. Danach ist da mehr Raum im Mund. Mehr Raum im Nacken. Nicht leer. Nur weniger fest.
Wieder Warten. Stefan sitzt, und das Ferienhaus sitzt mit ihm. Die geschlossenen Fenster halten nicht alles draußen; sie geben dem Warten nur eine Form. Jede Fuge scheint nun eine Grenze zu sein, die der Körper mitspürt. Haut, Hemd, Luft, Wand. Schichten, die nicht getrennt werden müssen. Er atmet, und sein Rücken berührt die Lehne bei jedem Einatmen etwas anders. Mal oben. Mal weiter unten. Der feste Punkt zwischen den Schulterblättern wird breiter, als hätte er aufgehört, ein Punkt sein zu wollen. Er verteilt sich in Wärme.
Dann kommen die ersten Tropfen noch nicht als Regen. Sie kommen als einzelne kleine Laute auf dem Dach, weit voneinander entfernt, so dass zwischen ihnen genug Platz bleibt, um den eigenen Atem zu hören. Ein Tropfen. Eine Pause, in der Stefans Brustkorb sich hebt. Noch einer. Die Handflächen werden schwer auf den Oberschenkeln. Sein Kopf wartet auf den nächsten Laut und findet dabei keinen Satz mehr, der sich lohnt. Das Dach nimmt den Regen an, Tropfen für Tropfen. Stefan sitzt da und hört zu.
Ein kühler Atemzug liegt an der Innenseite seiner Unterarme.




