Die Windmagierin
Die grauen Wolken standen über der Küste. Sie lagen tief genug, dass der Windturm ihre Bäuche hätte schneiden müssen. Kein Segel draußen auf dem Wasser schlug. Kein Gras an der Klippe neigte sich. Der Sommer roch nach warmem Teer und altem Salz.
Am oberen Fenster hing der Prüfungsfaden aus Pferdehaar waagerecht.
Vael sah ihn an. Der Faden blieb starr. Er zeigte nach Norden, gerade wie ein gespannter Draht. Es gab keinen Wind.
Unten auf dem Hof warteten die Leute der Küste. Sie warteten nicht laut. Fischer mit rissigen Händen. Zwei Frauen vom Zisternenhaus. Ein Junge mit einer Schüssel voll toter Silberlinge, die seit drei Tagen an der Oberfläche trieben. Die Sommerhitze hatte die Brunnen flach geleckt. In den niedrigen Gassen lag Fieber. Der Sturm hätte gestern kommen sollen. Vael hatte ihn für heute versprochen.
Lehrmeister Orn stand neben der Tür zur Spindelstiege. Er trug den grauen Mantel der alten Schule, obwohl niemand ihn dazu zwang. Der Saum hatte schwarze Flecken von Rauch. An seiner Brust hing der Schlüssel aus Walbein. Er hielt beide Hände ruhig. Er beobachtete den Faden. Er beobachtete Vael.
Sie trat über die Schwelle. Der Stein dort war so dünn getreten, dass die Namen der ersten Windrufer nur noch Kerben bildeten. Drei Könige hatten ihre Siegel in die Mauer schlagen lassen. Zwei Siegel hatte Salz zerfressen. Das dritte zeigte einen Greif ohne Kopf. Im Treppenauge hingen alte Glockenseile, geflochten aus Haaren, Hanf und den Leinen der versunkenen Nordflotte. Sie bewegten sich nicht.
Vael legte ihre Werkzeuge auf den Rundtisch. Eine Schale grobes Salz. Drei Knochenpfeifen. Ein Kupferplättchen mit ihrem Namen. Ein Messer mit stumpfem Griff. Sie hatte diese Dinge mit zwölf Jahren gelernt. Sie hatte mit sechzehn den ersten Herbststurm gebrochen. Sie hatte mit neunzehn den Nordwind vor den Pestkähnen gehalten, bis ihre linke Ohrmuschel blutete. Seitdem hörte sie nachts die Tide, auch wenn sie im Landesinneren schlief.
Heute blieb das Kupferplättchen kalt.
Vael nahm es zwischen zwei Finger. Sonst wärmte es sich vor dem Ruf. Sonst zog der Rand an ihrer Haut. Heute lag es wie eine Münze aus einem Grab.
Orn sagte: Ruf sauber.
Sie antwortete nicht. Sie zweifelte an ihrer Stimme. Nicht an dem, was Stimmen taten, wenn sie richtig geführt wurden.
Sie band den ersten Knoten in das rote Band. See zu Himmel. Sie band den zweiten. Höhe zu Tiefe. Sie band den dritten mit den Zähnen. Schuld zu Schuld. Dann hob sie die erste Knochenpfeife an den Mund. Der Knochen stammte aus einem Albatros, der vor fünfzig Sommern gegen die Turmkrone geschlagen war. Orn hatte ihr die Geschichte nicht erzählt. Er hatte ihr den Fleck am Stein gezeigt.
Vael blies.
Kein Ton kam heraus.
Ihre Lippen formten den Ruf. Ihre Brust drückte. Die Pfeife blieb trocken. Nicht verstopft. Nicht gebrochen. Trocken. Der Faden am Fenster hielt weiter nach Norden. Unten auf dem Hof hustete jemand. Der Laut stieg nicht bis zum Tisch.
Vael legte die Pfeife ab. Sie nahm die zweite. Diesmal schnitt sie sich in den Handballen, flach und sicher. Blut tropfte in das Salz. Der Preis gehörte dazu. Kleine Preise verhinderten größere. Orn hatte das gesagt, als sie ein Kind gewesen war und ihre erste Ader öffnen musste. Damals hatte er ihr Honig gegeben. Danach hatte er sie den ganzen Nachmittag die Schale reinigen lassen.
Das Blut verschwand nicht im Salz. Es blieb oben liegen. Drei rote Tropfen. Rund. Unbewegt.
Orn trat nicht näher.
Vael presste die Hand zusammen. Ihre Nägel waren an zwei Fingern schwarz von dem Wintersturm im Jahr der mageren Robben. Sie spürte den alten Schmerz unter den Nagelbetten. Er meldete sich bei jedem Ruf. Heute meldete er sich nicht.
Das machte ihr mehr Angst als der ausbleibende Wind.
Sie griff nach der dritten Pfeife.
Orn sagte: Nicht lauter.
Vael sah zu ihm. Sein Gesicht hatte die Farbe von getrocknetem Treibholz. Die Augen blieben klar. Er hatte nie viel erklärt. Er erklärte erst, wenn eine Schülerin den Fehler schon begangen hatte. Manchmal rettete das Leben. Manchmal kostete es Finger.
Draußen lagen die Wolken weiter über dem Meer. Kein Rand zerfaserte. Kein Vogel stieg. Auf der Turmspitze stand die eiserne Möwe, das alte Windzeichen der Küstenmark. Sie zeigte landeinwärts. Sie hatte seit Vaels Geburt immer zum Wasser gezeigt.
Vael nahm das Messer und schnitt eine Strähne ihres schwarzen Haares ab. Orn atmete durch die Nase aus. Das war alles.
Sie wickelte das Haar um das Kupferplättchen. Sie legte beides in die Schale. Sie sprach den tiefen Ruf, den man nicht auf Märkten sagte und nicht vor Kindern. Die Worte stammten aus der Zeit vor der Schule, vor den Zinnen, vor den geschuppten Münzen der Seefürsten. Ihre Großmutter hatte eines dieser Worte mit einem Nagel in die Innenseite ihrer Truhe geritzt. Der Nagel steckte noch darin. Niemand zog ihn heraus.
Die Schale knackte.
Nicht laut. Ein dünner Sprung lief durch das gebrannte Ton. Das Salz lag noch darin. Die drei Blutstropfen lagen noch darin. Das Haar bewegte sich nicht.
Vael setzte beide Hände auf den Tisch. Der Stein unter ihren Handflächen blieb warm vom Tag. Im Sommer kühlte der Windturm sonst vor allen Häusern ab. Heute hielt er die Hitze fest wie ein Tier mit den Zähnen.
Unten schlug jemand gegen das Tor. Einmal. Dann nicht mehr.
Orn sagte: Die Boote von Marrem sind noch draußen.
Vael kannte die Boote. Fünf kleine Rümpfe. Graue Segel. Männer, die im Frühjahr ihren Anteil am Turmsalz nicht gezahlt hatten. Eine Frau auf dem zweiten Boot hatte Vael im letzten Winter einen Korb Aale gebracht, als Vael drei Tage lang nicht sprechen konnte. Wenn der Sturm kam, würden einige nicht heimfinden. Wenn er nicht kam, würden die Zisternen leer bleiben. Das Fieber im unteren Viertel mochte Kinder lieber als alte Leute.
Vael nahm das rote Band wieder auf. Ihre Finger zitterten jetzt. Sie hasste das. Nicht das Zittern. Dass Orn es sah.
Er sagte: Du suchst die falsche Stelle.
Sie lachte einmal. Der Laut kratzte. Im Turm gab es keinen Platz für Lachen.
Sie sagte: Dann zeig mir die richtige.
Orn legte die Hand auf den Schlüssel aus Walbein. Er tat es langsam. Der Schlüssel hatte einen Riss entlang des Bartes. Vael hatte ihn als Kind oft angesehen. Orn trug ihn beim Essen. Beim Schlafen. Bei Begräbnissen. Einmal hatte ein Ratsherr danach gegriffen. Orn hatte ihm zwei Finger gebrochen.
Er sagte: Unten.
Vael wusste, welche Tür er meinte. Niemand ging durch die Tür unter der Spindelstiege. Dort lagerte kein Korn. Kein Öl. Keine alten Segel. Die Lehrlinge mussten die Stufen davor schrubben und durften den Griff nicht berühren. Auf dem Holz klebten sieben Wachssiegel. Eines trug noch den Abdruck der ertrunkenen Königin. Eines zeigte die Zange der Sturmzunft. Eines hatte kein Zeichen. Nur einen Daumen.
Vael wollte nicht hinunter.
Sie nahm die dritte Pfeife und hob sie an den Mund.
Orn wartete.
Vael senkte die Pfeife.
Sie ging zur Stiege. Orn folgte ihr. Seine Schritte blieben eine Stufe hinter ihren. Im Turm roch es nach Stein und kaltem Ruß. Der Ruß stammte von den Signalfeuern des Aschenkriegs. Man hatte die Feuer achtunddreißig Nächte lang brennen lassen. Danach sprach niemand mehr vom Sieg. Die Wand trug noch die Handabdrücke der Männer, die Ölkrüge hinaufgeschleppt hatten.
Vor der unteren Tür blieb Vael stehen. Der Griff war aus grünem Kupfer. Er schwitzte nicht. Alles andere im Turm schwitzte.
Orn löste den Schlüssel von seiner Brust.
Vael sagte: Was hast du gehalten?
Er schob den Schlüssel ins Schloss. Er drehte ihn nicht sofort.
Er sagte: Einen Sommer.
Das war keine Antwort. Es war genug Antwort.
Vael erinnerte sich an den Hunger vor elf Jahren. Leere Netze. Brot aus Seetangmehl. Kinder mit Bäuchen wie kleine Trommeln. Dann kamen die Kornschiffe aus dem Süden. Der Rat hatte gesagt, die Seefürsten hätten Mitleid gezeigt. Orn hatte drei Monate lang nicht unterrichtet. Sein Haar war danach weiß gewesen. Niemand hatte gefragt.
Vael sah auf seine Hände. Zwei Fingergelenke fehlten an der linken Hand. Sie hatte das immer dem Eissturm zugeschrieben.
Orn drehte den Schlüssel.
Die Tür öffnete nach innen.
Die Angeln saßen außen.
Vael trat nicht zurück. Sie merkte sich das. Der Turm merkte sich auch Dinge.
Hinter der Tür lag ein runder Raum ohne Fenster. In der Mitte saß ein eiserner Ring im Boden. Durch den Ring liefen zwölf Seile nach unten in den Fels. Jedes Seil trug Knoten, Knochenmarken, Haare, kleine Beutel aus Kinderhemdstoff. Einige waren alt. Einige nicht.
Das rote Band an Vaels Hand zog zur Erde.
Orn sagte: Wir rufen nicht alles. Manches binden wir, bis jemand den Preis anders zahlt.
Vael ging zu dem Ring. Der Stein um ihn herum war rissig. In einem Riss lag weißes Salz. Nicht gestreut. Gewachsen.
Sie sagte: Der Sturm von heute gehört hier hinein?
Orn schüttelte den Kopf.
Sein Blick ging zur Decke. Dort hingen alte Namen eingeritzt, dicht wie Fischgräten. Vael fand den Namen seiner Frau. Sie kannte die Schrift von einem Grabstein über dem Osthang.
Orn sagte: Der Sturm von heute findet hier keinen Weg vorbei.
Vael verstand nicht alles. Sie musste nicht alles verstehen. Vor ihr lag etwas, das der Turm festhielt. Draußen warteten Menschen, die sie verfluchen würden, egal welche Tür sie öffnete.
Sie kniete sich neben den Ring. Der Stein war heiß. Zu heiß für einen Raum unter der Erde. Ihre geschnittene Hand tropfte auf eines der Seile. Das Seil nahm das Blut diesmal an. Es dunkelte. Ein Knoten zog sich enger.
Orn griff nach ihrem Handgelenk.
Vael sah ihn an.
Er ließ los.
Sie sagte: Du hast die Stadt gerettet.
Er sagte: Ja.
Sie sagte: Du hast etwas anderes verhungern lassen.
Er sagte: Ja.
Mehr gab es nicht.
Vael suchte mit den Fingern den ältesten Knoten. Sie fand ihn an einem Seil, das sich nicht wie Hanf anfühlte. Es fühlte sich an wie eine Narbe. Der Knoten trug eine Knochenmarke ohne Zeichen. Nur einen Daumenabdruck. Sie wusste, wem er gehörte, ohne es zu wissen.
Sie zog das Messer.
Orn sagte: Wenn du schneidest, kommt vielleicht nichts.
Sie setzte die Klinge an.
Er sagte: Wenn etwas kommt, fragt es nicht nach Booten.
Vael dachte an die Schüssel mit den toten Silberlingen. An die Frau mit den Aalen. An die Kinder im unteren Viertel. An ihre eigene Stimme, die von Jahr zu Jahr dünner wurde. Sie wollte den Sturm. Sie wollte ihn nicht.
Sie schnitt nicht.
Sie öffnete den Knoten mit den Nägeln.
Das dauerte lange. Der alte Strick biss in ihre Haut. Blut lief bis zum Ellbogen. Orn setzte sich auf die unterste Stufe. Er sah alt aus. Nicht schwach. Alt. Der Walbeinschlüssel lag auf seinem Knie.
Als der Knoten nachgab, verlor Vael einen Zahn.
Er fiel ihr in den Mund. Sie spuckte ihn in die Hand. Ein kleiner Backenzahn. Gesund. Die Wurzel hing daran wie eine bleiche Made. Sie legte ihn auf den Stein neben das Salz.
Kein Wind kam.
Der Prüfungsfaden oben blieb unsichtbar von hier. Die Leute draußen blieben stumm. Im runden Raum lockerte sich ein zweiter Knoten von selbst. Dann hielt er.
Vael stand auf. Ihr Knie knackte. Ihre Hand blutete. Ihre Zunge suchte die neue Lücke.
Orn sagte: Das ist keine Beschwörung.
Vael nahm das rote Band von ihrem Handgelenk. Sie legte es durch den Eisenring. Sie band keinen Knoten hinein.
Sie sagte: Nein.
Sie stieg nach oben. Orn blieb eine Weile unten. Dann folgte er. Auf der Treppe strich sein Mantel über den Ruß. Ein schwarzer Streifen blieb am Saum hängen.
Im oberen Raum stand die Schale auf dem Tisch. Der Sprung im Ton hatte sich verzweigt. Das Salz lag in zwei Hälften. Die drei Blutstropfen waren fort. Das Haar um das Kupferplättchen hatte sich gelöst. Das Plättchen war warm.
Vael nahm es nicht.
Sie trat ans Fenster. Unten im Hof sahen die Leute zu ihr hinauf. Ihre Gesichter wirkten flach unter den grauen Wolken. Die eiserne Möwe auf der Spitze zeigte noch immer landeinwärts.
Der Prüfungsfaden hing jetzt senkrecht.
Vael legte die blutige Hand auf den Fensterstein. Sie rief nicht. Sie pfiff nicht. Sie sprach keinen Namen. Ihre Brust hob sich. Ihre linke Ohrmuschel füllte sich mit dem alten Tidenrauschen. Dann schwieg auch das.
Weit draußen auf dem Wasser stand ein einziges graues Segel. Es bewegte sich nicht.
Im Hof hob sich Staub vom Boden. Ein Körnchen. Dann ein zweites. Sie blieben in der Luft stehen.




