Die Windmagierin
Der Sommer lag schwer auf der Küste. Die Wolken hingen tief über dem Wasser. Grau auf grau. Kein Möwenschrei zerriss sie. Kein Segel schlug.
Vael stand auf der obersten Plattform des Windturms und wartete auf den ersten Fehler der Luft. Er kam nicht.
Der Turm kannte Wind. Seine Steine trugen Rinnen von Salz und Sand. Jede Stufe in der Wendeltreppe hatte in der Mitte eine Mulde. Sieben Lehrmeister hatten ihre Füße dort gesetzt. Drei hatten ihre Namen in die Wand geritzt und später wieder ausgekratzt. Über dem Eingang lag der Schwellenstein der alten Sturmkapelle. Er zeigte noch den Abdruck von Knien.
Heute hing das Warnseil an der Brüstung gerade herab. Die Bronzeglocke drehte sich nicht. Ihr Klöppel lag an einer Seite und berührte das Metall. Er gab keinen Laut.
Vael nahm eine Prise Salz aus der Schale. Sie legte es unter die Zunge. Das Salz schmeckte alt. Es stammte aus dem Becken unter dem Turm, wo die ersten Windrufer ihre toten Vögel gewaschen hatten. Ein Lehrling hatte die Schale einmal zerbrochen. Orn hatte die Stücke mit Fischleim geflickt. Die Risse liefen wie Flüsse durch das weiße Tonzeug.
Sie hob die rechte Hand. Drei Finger waren krumm. Der Nordsturm hatte sie vor neun Jahren gebissen. Seitdem schlossen sie sich nicht mehr ganz. Bei einem Ruf zogen sie sonst an, als hielte etwas unsichtbar die Gelenke fest.
Nichts zog.
Unten am Kai warteten die Leute. Sie standen nicht dicht beisammen. Der Sommer hatte die Brunnen flach gemacht. Er hatte die Netze süß faulen lassen. Seit zwei Tagen lag ein Handelsschiff vor der Sandbank. Es führte gelbe Tücher am Mast. Gelb für Fieber. Gelb für keine Hände an Bord. Der Hafenmeister hatte drei Kerben in seinen Stab geschnitten und Vael geschickt. Ein Sturm sollte das Schiff forttreiben. Ein Sturm sollte auch die Fischerboote treffen, die noch draußen lagen, weil Hunger keine Zeichen liest.
Vael hatte den Auftrag angenommen. Sie hatte nicht hinuntergesehen, als die Frau des Netzmachers ihren Namen rief. Sie hatte den Schlüssel zum Turm genommen. Sie brauchte den Sturm. Sie wollte ihn nicht.
Lehrmeister Orn stand im Schatten des Treppenhauses. Er war nicht mehr ihr Meister. Er trug den Titel weiter, weil die Stadt alte Wörter mochte. Sein Bart war kurz und weiß. Salz hatte die Haut an seinem Hals aufgerissen. In seiner linken Ohrmuschel fehlte ein Stück. Ein Sturm nahm kein Blut und gab nichts zurück.
Er sagte: „Noch einmal.“
Vael kniete an der Windplatte. Der runde Stein lag in die Plattform eingelassen. Er war schwarz vom Fett vieler Hände. Vierunddreißig Sturmzeichen umkreisten seine Mitte. Einige gehörten Königreichen, die keine Mauern mehr hatten. Neben dem Zeichen des Weststurms steckte noch ein Pfeilkopf im Stein. Er stammte aus der Belagerung der Krebsmünder. Niemand hatte ihn herausziehen können. Er rostete nicht.
Vael legte die Handfläche auf den Stein. Sie sprach den Küstennamen. Dann den hohen Namen. Dann den Namen, den man nur mit Salz unter der Zunge formen konnte.
Ihre Zähne blieben ruhig.
Sonst knackten die Backenzähne beim dritten Namen. Sonst lief ein dünner Schmerz vom Gaumen in die Ohren. Sonst erwachte die Luft wie ein Tier unter einer Decke.
Die Luft blieb Luft.
Orn betrachtete die Glocke.
„Du siehst mich an“, sagte Vael.
„Ich sehe die Glocke.“
„Du wartest darauf, dass ich falsch rufe.“
„Nein.“
Er sagte es ohne Trost. Darum glaubte sie ihm beinahe.
Vael stand auf. Die Hitze klebte an ihrem Rücken. Kein Hauch nahm sie fort. Ihre Haare lagen schwer in dem Lederband. Ein einziger Strang hatte sich gelöst und klebte an ihrer Wange. Sie ließ ihn dort.
Sie ging zum Nordpfosten. Dort hingen die Sturmketten. Alte Glieder aus Eisen, Silber, Walknochen. Jedes Glied trug einen Schnitt. Jede Windmagierin fügte einen hinzu, wenn sie einen Sturm brach oder rief. Vael hatte sieben Schnitte gemacht. Der achte wartete blank.
Sie nahm die Kette aus Walknochen. Sie legte sie um das Handgelenk. Die Kette war sonst kalt. Heute war sie warm.
Orn sah nicht hin.
Vael zog die Kette fest. Knochen rieb über Haut. Sie hob den Arm gegen die Wolken. Das gelbe Schiff lag draußen wie ein Stück Wachs auf Wasser. Kein Tau bewegte sich an seinem Mast. Auf dem Kai trat der Hafenmeister von einem Fuß auf den anderen. Er hielt den Stab mit den Kerben quer vor dem Bauch.
Vael schnitt sich in die Hand. Nicht tief. Tief genug. Blut füllte die Linie und blieb dort stehen. Es lief nicht zur Seite.
Der Wind hätte es nehmen müssen.
Sie drückte die blutige Hand auf die Platte. Sie sprach den vierten Namen. Den Namen ohne Bitte.
Ein Schmerz stieg in ihren Arm. Nicht wie Wind. Wie ein Nagel, den jemand langsam in den Knochen drehte. Ihr Ringfinger sprang auf. Die alte Bruchstelle in ihrem Handgelenk gab einen leisen Ton von sich.
Der Himmel schwieg.
Vael zog die Hand zurück. Blut blieb als Abdruck auf dem Stein. Die Fingerlinien standen scharf. Kein Rand zerfloss.
„Er verweigert sich“, sagte sie.
Orn antwortete nicht.
„Der Wind verweigert sich nicht.“
„Heute tut er es.“
Sie wandte sich zu ihm. „Du wusstest es.“
Orn strich mit dem Daumen über die Kante der Tür. Die Tür führte zum kleinen Gerätehaus auf der Plattform. Ihr Holz kam von einem Schiff, das vor achtzig Jahren ohne Besatzung angetrieben war. Noch immer roch es bei Regen nach Teer. Heute roch es nach nichts.
„Ich habe gestern die Spinnen am Ostfenster gesehen“, sagte Orn.
„Spinnen sitzen, wo sie wollen.“
„Nicht in einem Windturm.“
Vael ging zum Ostfenster. Es war nur ein schmaler Schlitz in der Mauer. Drei Spinnen saßen im Rahmen. Ihre Netze hingen ganz. Eine tote Fliege klebte darin. Sie drehte sich nicht.
Vael berührte das Netz mit dem Messer. Der Faden riss nicht. Er bog sich um die Klinge und blieb kleben.
„Das ist keine Stille“, sagte sie.
Orn nickte.
Vael hasste das Nicken. Es gab ihr recht und nahm ihr den Halt.
Sie ging zurück zur Schale. Das Salz unter ihrer Zunge hatte sich nicht gelöst. Es lag dort wie ein kleiner Stein. Sie spuckte es in die Hand. Die Körner waren trocken.
Unten rief jemand. Der Ruf kam dünn herauf und brach an der Turmmauer ab. Der Hafenmeister hob den Stab. Die drei Kerben zeigten zum Himmel. Neben ihm stand die Frau des Netzmachers. Sie trug kein Kopftuch. Ihr Haar klebte an den Schläfen. Sie sah nicht zum gelben Schiff. Sie sah aufs Meer dahinter.
Vael kannte die Stelle. Dort lagen die kleinen Boote bei Westgrund. Dort stand abends der Fisch, wenn die Hitze ihn nach oben trieb. Dort war ihr Bruder ertrunken, bevor sie den ersten Namen gelernt hatte.
Sie nahm die Eisennadel aus dem Gürtel. Orn trat einen Schritt aus dem Schatten.
„Nicht die alte Naht“, sagte er.
Vael sah ihn an.
Er hatte zum ersten Mal nicht die Glocke betrachtet.
Die alte Naht lief an ihrer Seite vom Rippenbogen bis zur Hüfte. Sie stammte vom Sturm der Bienenklippen. Vael hatte damals zu lange gehalten. Die Haut dort fühlte im Winter nichts. Im Sommer brannte sie. In der Tiefe arbeitete etwas Hartes, wenn ein großer Wind nahe war.
Heute arbeitete nichts.
Sie setzte die Nadel an.
„Wenn ich nicht rufe, legt das Schiff an.“
„Vielleicht.“
„Wenn ich rufe, sterben Boote.“
„Vielleicht.“
„Du hast mir nie eine Kunst für Vielleicht gegeben.“
Orn schloss den Mund. Das stand ihm schlecht. Er hatte ihr alles beigebracht, was sich schneiden, zählen und binden ließ. Er hatte ihr nicht beigebracht, wie man untätig blieb, ohne feige zu werden.
Vael stach die Nadel in die Narbe.
Der Schmerz fand sofort die Zähne. Er biss von innen. Ihr Mund füllte sich mit Metall. Sie blieb auf den Füßen. Sie führte die Nadel unter der Haut einen Fingerbreit weiter. Die Narbe öffnete sich nicht. Sie hob sich nur, weiß und hart.
Die Glocke klang.
Nicht laut. Ein einziger dumpfer Schlag. Der Klöppel hatte sich nicht bewegt.
Orn atmete aus.
Vael zog die Nadel heraus. Blut trat an der Spitze aus der Haut. Es floss aufwärts. Einen Fingerbreit. Dann blieb es stehen.
Sie lachte nicht. Sie hätte es vor Jahren getan. Heute wischte sie das Blut mit dem Daumen ab und sah zur Glocke.
„Wer hält ihn?“
Orn ging zur Brüstung. Er legte die Hand auf das Warnseil. Das Seil war aus Haaren geflochten. Witwenhaar, Lehrlingshaar, einmal Pferdehaar aus dem Krieg der Salzbarone. Es hing seit der Gründung des Turms. Niemand schnitt es. Niemand wusch es.
„Niemand hält Wind“, sagte Orn.
Vael trat neben ihn. „Dann hält jemand uns.“
Der alte Mann sah hinunter. Auf dem Kai hatte sich die Menge geteilt. Ein Karren stand dort. Zwei Männer zogen eine Plane zurück. Darunter lagen Krüge mit schwarzem Siegel. Pechkrüge. Feuer gegen das gelbe Schiff. Der Hafenmeister hatte nicht nur sie gerufen.
Die Frau des Netzmachers hielt einen Stein in der Hand.
Vael begriff einen Teil. Nicht alles. Das reichte.
„Du wolltest, dass der Wind ausbleibt“, sagte sie.
Orn nahm die Hand vom Seil. In seiner Handfläche blieb ein Abdruck, rot und tief. „Ich wollte sehen, was du tust, wenn er nicht kommt.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist die Antwort, die alte Leute haben.“
Vael packte das Seil. Es fühlte sich trocken an. Zu trocken. Haar wird feucht am Meer. Haar nimmt Salz. Dieses Seil knirschte wie Stroh.
Sie zog.
Die Glocke schlug nicht.
Unten hob der Hafenmeister die Hand. Die Männer am Karren nahmen die ersten Krüge. Weit draußen schaukelte das gelbe Schiff nicht. Die Fischerboote am Westgrund zeigten kleine dunkle Masten, dünn wie Nadeln.
Vael ließ das Seil los. Sie ging nicht zur Windplatte zurück. Sie ging zur Tür des Gerätehauses.
Orn folgte ihr nicht.
Im Gerätehaus standen die alten Dinge. Ein Kupferbecken mit grünem Rand. Sieben Flöten aus Vogelknochen. Ein Mantel aus Segeltuch, den niemand trug, seit seine Besitzerin mit trockenem Haar aus dem Meer gezogen worden war. In der Ecke lag der Blasebalg der ersten Schule. Man hatte damit Kindern gezeigt, dass Luft eine Hand haben kann.
Vael suchte nicht nach dem stärksten Werkzeug. Sie suchte nach dem fehlenden.
Das wollte sie nicht finden.
Unter dem Regal mit den Sturmgläsern lag Staub. In einem Windturm lag kein Staub. Vael kniete. Ihre Seite brannte. Sie schob die Hand unter das Regal und tastete.
Ihre Finger fanden einen Knoten.
Er bestand aus Haar, Salz und einem Streifen alter Haut. Ein Lehrmeisterknoten. Nicht stark. Genau. Er band keinen Wind. Er band den Ruf.
Vael zog ihn hervor.
Orn stand in der Tür.
Der Knoten lag in ihrer Hand wie ein kleines totes Tier.
„Du hast es getan“, sagte sie.
„Ja.“
„Für die Boote.“
„Für die Stadt.“
„Die Stadt wird das Schiff verbrennen.“
„Vielleicht trifft sie.“
„Vielleicht brennt das Wasser.“
„Ja.“
Er log nicht. Das machte es schwerer.
Vael sah auf den Knoten. Ein Stück Haut darin trug eine alte blaue Tätowierung. Das Zeichen der Bienenklippen. Ihre Narbe zog sich zusammen. Orn hatte die Haut von ihr genommen, als sie fieberte. Er hatte gesagt, er brauche sie für eine Salbe.
Sie hielt den Knoten über das Kupferbecken.
Orn sagte nichts.
Vael konnte ihn lösen. Sie konnte den vierten Namen sprechen. Der Sturm würde kommen oder nicht. Die Boote würden zahlen. Das Schiff würde zahlen. Die Stadt würde später einen Grund finden, warum sie recht gehabt hatte.
Sie nahm das Messer.
Sie schnitt nicht den Knoten auf. Sie schnitt das Warnseil an der Tür. Ein kurzer Schnitt. Das Haar gab ohne Klang nach.
Auf der Plattform fiel die Bronzeglocke schief. Sie schlug einmal an den Pfosten. Unten schrien Menschen. Vael hörte den Hafenmeister nicht mehr heraus.
Orn trat zur Seite. Sein Gesicht blieb leer. Nur seine Hand suchte die Tür und fand sie nicht.
Vael ging zurück zur Brüstung. Das freie Ende des Warnseils lag auf den Steinen. Es zuckte nicht. Die Glocke hing schief. Der Klöppel berührte noch immer dieselbe Stelle.
Sie legte den Knoten auf die Windplatte. Dann nahm sie das trockene Salz aus ihrer Hand und streute es darüber.
„Kein Ruf“, sagte Orn.
„Nein.“
Sie setzte sich auf die Platte. Der Stein war warm. Ihre blutige Seite klebte am Kleid. Sie legte beide Hände flach auf die Knie. Sie sprach keinen Namen. Sie hielt den Mund geschlossen. Sie ließ den Schmerz arbeiten.
Die Wolken blieben grau. Das Meer blieb glatt. Unten warf der erste Mann einen Pechkrug. Er fiel kurz vor dem Wasser und zerbrach auf dem Kai. Schwarze Flüssigkeit lief zwischen die Steine.
Vael schloss nicht die Augen. Sie sah das gelbe Schiff. Sie sah die kleinen Masten am Westgrund. Sie sah Orn, der neben der schiefen Glocke stand wie ein Mann, den niemand gerufen hatte.
Die Spinne am Ostfenster verließ ihr Netz.
Das Salz auf dem Knoten dunkelte.
In Vaels rechter Hand sprang der krumme Ringfinger auf und blieb gerade.
Kein Wind strich über ihr Gesicht. Kein Segel schlug. Die Glocke hing still.
Am Fuß der Windplatte rollte ein einzelnes Salzkorn bergauf.




