Tod im Gewitter
Der Regen hatte aufgehört, aber die Dachrinnen der Villa Sax arbeiteten noch. Wasser lief in dünnen Schnüren auf den Kiesweg, sammelte sich an den Absätzen der Spurensicherer und zog dunkle Ränder um ihre Überschuhe.
Nora blieb im Wintergarten stehen. Sie mochte Tatorte mit klaren Linien. Ein Stuhl lag dort, wo jemand ihn umgestoßen hatte. Ein Glas stand dort, wo jemand es abgestellt hatte. Blut, Asche, Schlamm, alles nahm Platz ein. Sie mochte Listen, Skizzen, Zahlen in Kästchen. Und doch sah sie bei Gewitterfällen genauer hin als bei jedem anderen. Der Himmel durfte nicht alles erklären, nur weil er lauter gewesen war.
Auf dem Marmorboden lag Adrian Sax, Kunsthändler, sechsundfünfzig, teuer gekleidet und barfuß in weichen Lederloafers. Der Notarzt hatte nichts mehr zu tun gehabt. Zwei Sanitäter standen draußen unter dem Vordach und sprachen leise über den Einschlag in die alte Linde.
Die Terrassentür stand offen. Ihr Messinggriff zeigte eine schwarze Spur, breit wie ein Daumen. Neben der Tür lag ein Regenschirmständer aus Bronze, leer, bis auf einen schwarzen Stockschirm mit silbernem Knauf. Auf dem Boden, zwei Meter vom Türrahmen entfernt, lag Sax auf dem Rücken. Seine Füße zeigten nicht zur offenen Tür. Sie zeigten zum Salon.
Nora kniete sich nicht hin. Noch nicht. Sie sah auf seine Schultern, auf die Kante des Teppichs, auf die gerade Linie seiner Absätze. Beide Hacken berührten dieselbe Fuge im Marmor. Wie abgestellt.
Hauptkommissar Brandt kam mit nassem Haar herein. „Der Blitz hat in die Linde eingeschlagen, ist über die Regenrinne rein. Elektrik tot. Der Mann stand offenbar an der Tür.“
„Offenbar“, sagte Nora.
Brandt rieb sich mit zwei Fingern über den Nasenrücken. „Die Witwe sagt, er wollte nach dem Wasser im Atelier sehen. Passt.“
Nora sah auf Sax’ rechte Hand. Sie lag unter seinem Oberschenkel, Handfläche nach oben. Der Ringfinger steckte schief, als hätte der Ehering beim Ziehen gehakt.
„Wenn er an der Tür stand“, sagte sie, „warum liegen seine Füße zum Zimmer?“
Brandt hob die Schultern. „Blitz macht keine Choreografie.“
„Nein.“ Nora beugte sich nun doch vor. „Aber Menschen schon.“
Frau Sax wartete im Salon. Sie saß auf einem hellen Sofa, auf dem niemand mit nasser Kleidung hätte sitzen dürfen. Ihr Leinenkleid hatte keine Falte am Schoß. Neben ihr stand eine Tasse Tee. Der Tee war unberührt, aber ein dünner brauner Rand klebte schon an der Porzellanwand.
„Es tut mir leid“, sagte Nora.
Frau Sax nickte, einmal. „Er hat Gewitter geliebt. Er sagte immer, Gemälde sehen bei Gewitter ehrlicher aus.“
Ihre Stimme glitt über den Satz, ohne irgendwo hängen zu bleiben.
„Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?“
„Um neun Uhr siebenundvierzig. Der Strom fiel aus. Ich sah auf die Uhr, bevor sie stehen blieb.“
Zu glatt. Nora schrieb die Zeit dennoch auf. „Sie waren hier?“
„Im Salon. Ich telefoniere bei Gewitter nicht. Ich lese dann.“
Auf dem Beistelltisch lag ein Buch mit dem Rücken nach oben. Seite 112. Kein Lesezeichen. Keine Brille daneben.
„Haben Sie Ihren Mann rufen hören?“
„Der Donner war sehr laut.“
„Das war keine Antwort.“
Frau Sax legte beide Hände auf die Knie. Ihre Finger waren schmal, die Nägel kurz und blank. „Nein. Ich habe ihn nicht rufen hören.“
Nora ließ den Blick durch den Salon gehen. An der Wand hing ein kleiner Kirchner, daneben ein leerer heller Fleck im Staub, rechteckig, auf Augenhöhe. Ein Bild hatte dort gehangen, lange genug, um die Tapete zu schützen.
„Fehlt ein Bild?“
„Mein Mann hängte oft um.“ Frau Sax sah nicht zur Wand. „Er mochte Bewegung.“
Wieder zu glatt.
Clem, der Assistent, kam aus dem Flur, als hätte ihn jemand in die Villa gestellt und vergessen. Er war Anfang dreißig, trug ein schwarzes Hemd, dessen Kragen an seinem Hals klebte, und hielt ein Klemmbrett so fest, dass das Papier sich bog.
„Sie arbeiten für Herrn Sax?“ fragte Nora.
„Seit sechs Jahren.“
„Waren Sie heute Abend hier?“
„Bis acht. Dann bin ich ins Nebengebäude. Inventarlisten.“ Er nickte zum Fenster. Hinter der nassen Scheibe stand ein schmales Kutscherhaus. „Ich habe den Einschlag gesehen. Nicht direkt. Nur hell.“
„Und vorher?“
Clem dachte zu lange über eine einfache Frage nach. „Frau Sax ging durch den Wintergarten. Mit einem Handtuch.“
Frau Sax sah ihn an.
Er wurde blass an den Ohren. „Ich meine, es regnete rein. Die Tür war wohl undicht.“
Nora notierte: Handtuch.
„Noch etwas?“
„Der Nachbar war da.“ Clem sah auf sein Klemmbrett. „Herr Rohleder. Gegen halb neun. Sie haben gestritten.“
Brandt, der in der Tür stand, richtete sich auf. „Worüber?“
„Über ein Bild. Ich habe nicht alles gehört. Herr Rohleder sagte: ‚Du verkaufst nichts Echtes mehr, Adrian.‘ Dann knallte die Tür.“
Der Nachbar wohnte hinter einer Buchsbaumhecke, achtzig Meter weiter. Nora fand ihn in einem Wintergarten, der kleiner war und nach seinem Besitzer aussah: sauber, teuer, unbewohnt. Rohleder trug einen Bademantel über Hemd und Hose. Seine Hände zitterten, als er Nora einen Stuhl anbot.
„Sie haben mit Sax gestritten.“
„Wir diskutierten.“
„Laut.“
„Gewitter macht Menschen laut.“
Er lächelte, zu spät.
Auf seinem Tisch lag ein Umschlag. Nora sah den Namen einer Schweizer Galerie, bevor Rohleder eine Zeitung darüber schob.
„Worum ging es?“
„Geld.“
„Für ein Bild?“
„Für einen Fehler.“
Er presste die Lippen zusammen. Dann sagte er, als spucke er einen Kern aus: „Sax hat mir eine Fälschung verkauft. Ich wollte mein Geld zurück. Er lachte. Das war alles.“
„Wo waren Sie um neun Uhr siebenundvierzig?“
„Hier.“
„Allein?“
„Meine Haushälterin schläft im Erdgeschoss. Sie hört schlecht, aber sie lügt nicht.“
Das Alibi hielt bis Mitternacht. Die Haushälterin hatte ihn fluchen hören, ein Glas zerbrechen, dann seine Schritte über ihr Zimmer, hin und her. Rohleder hatte Grund gehabt, Sax zu hassen. Er hatte keinen Weg durch den Regen genommen. Der Kies zwischen den Häusern lag unberührt, glatt gewaschen, ohne frische Spur an den Rändern.
Nora kehrte in die Villa zurück. Das Kriminalteam packte schon Teile der Ausrüstung zusammen. Brandt telefonierte mit der Staatsanwaltschaft und benutzte die Worte „tragischer Unfall“. Im Wintergarten blinkte eine Pfütze im Licht der mobilen Lampe.
Der Regenschirmständer stand nun zehn Zentimeter weiter links.
Nora sah Clem an. Er hatte ihn bewegt, um an eine Steckdose zu kommen. „Stellen Sie ihn zurück.“
„Entschuldigung.“ Er schob ihn zurück. Metall schabte über Marmor. Darunter blieb ein trockener Halbmond, hell und staubig. Um den Halbmond herum glänzte der Boden.
Nora ging in die Hocke.
„Was ist?“ fragte Brandt.
„Der Boden wurde gewischt.“
„Es hat reingeregnet.“
„Unter dem Ständer nicht.“
Sie zeigte auf den trockenen Rand. Daneben lag ein einzelner schwarzer Faden, kaum länger als ein Fingernagel. Kein Stofffaden. Gummi, dünn, auf einer Seite blank.
Im Sicherungskasten fanden sie später eine geschmolzene Klemme. Der Elektriker sagte, so etwas passiere bei Überspannung. Bei Blitzschlag sowieso. Er sagte es, während er die Schultern hochzog, als entschuldige er sich bei der Physik.
Nora ging mit Clem durch das Atelier. Hier roch nichts mehr nach Gewitter. Nur Papier und alter Leim. Auf einem Tisch lagen Rahmenleisten, ein Lupenlicht, Baumwollhandschuhe. An der Wand fehlte ein Kabel. Man sah es an den zwei leeren Nägeln und an der Staublinie, die dazwischen hing.
„Was hing hier?“
Clem blickte hin, dann weg. „Eine Prüflampe. Herr Sax benutzte sie für Firnis.“
„Wo ist sie?“
„Vielleicht im Wintergarten.“
„Vielleicht?“
Er schluckte. „Frau Sax trug etwas nach dem Einschlag. Ich dachte, es sei der schwarze Schirm. Lang. Mit Kabel vielleicht. Ich war draußen im Kutscherhaus. Es war dunkel.“
„Warum sagten Sie das nicht?“
„Weil alle vom Blitz sprachen.“
Das war der ehrlichste Satz des Abends.
Frau Sax stand im Türrahmen, als sie zurück in den Salon kamen. Sie hatte den Tee nicht getrunken. Der braune Rand in der Tasse war breiter geworden.
„Haben Sie die Prüflampe Ihres Mannes gesehen?“ fragte Nora.
„Nein.“
„Clem sah Sie mit etwas Langem.“
„Ein Schirm. Es regnete.“
„Der schwarze Schirm steht im Wintergarten.“
Frau Sax sah an Nora vorbei. „Dann war es ein anderer.“
„Wie viele Schirme brauchen zwei Menschen an einem Abend im Haus?“
„Bei diesem Wetter?“ Frau Sax lächelte kaum. „Mehr, als man denkt.“
Nora trat näher an die Wand mit dem leeren hellen Fleck. „Ihr Mann wollte Rohleder morgen die Echtheitsunterlagen zeigen. Clem hatte sie vorbereitet.“
„Adrian bereitete ständig etwas vor.“
„Er wollte auch die Versicherung ändern. Das Formular liegt im Schreibtisch. Ohne Unterschrift.“
Nun bewegte Frau Sax die Hände. Nur einmal, ein kurzes Reiben der Daumenkuppen. Dann lagen sie wieder still.
Brandt fand die Prüflampe nicht. Die Mülltonnen waren leer. Der Regen hatte die Terrasse sauber gezogen, die Rinnen gespült, den Kies geglättet. In der Linde klaffte ein heller Streifen bis zum Stammfuß. Der Himmel hatte eine sichtbare Wunde hinterlassen. Im Haus blieben nur kleine Dinge: der trockene Halbmond unter Bronze, der Gummifaden, die Absätze auf einer Fuge, die Hand unter dem Oberschenkel.
Am nächsten Morgen zeigte die Obduktion Strommarken, aber keine klare Antwort auf die Herkunft. Der Rechtsmediziner sprach von „vereinbar mit Blitzwirkung“ und sah dabei auf seine Kaffeetasse. Die Versicherung schickte einen Gutachter. Die Zeitung schrieb: Kunsthändler stirbt bei Sommergewitter.
Nora legte die Fotos in Reihen. Tür. Leiche. Ständer. Fuge. Hand. Sie schob sie nicht durcheinander, obwohl der Fall sie dazu reizte. Ordnung zuerst. Dann das, was sich dagegen stemmte.
Sie sah, wie es gewesen war.
Die Lampe aus dem Atelier. Ein beschädigtes Kabel, dünn genug, um hinter dem Bronzeständer zu verschwinden. Ein nasser Marmorboden, weil jemand mit einem Handtuch nicht trocknete, sondern verteilte. Sax barfuß in weichen Schuhen, vor ein Bild gerufen, vielleicht wegen Rohleder, vielleicht wegen eines Echtheitszertifikats. Der Schalter im Salon. Der Donner zur gleichen Zeit. Danach die echte Entladung draußen, die den Sicherungskasten fraß und aus einem Mord eine Wettergeschichte machte.
Frau Sax musste ihn an den Füßen gezogen haben. Nur ein Stück. Weg von der Wand, näher zur Tür. Ihre Kraft reichte nicht für mehr. Deshalb lagen seine Hacken so sauber auf der Fuge. Deshalb steckte die Hand unter dem Bein. Deshalb zeigte der Körper in die falsche Richtung.
Nora konnte es schreiben. Sie konnte es nicht halten.
Ohne Lampe blieb der Gummifaden ein Faden. Ohne Zeuge blieb der Schalter ein Geräusch im Donner. Ohne Geständnis blieb Frau Sax eine Witwe, die sehr ruhig Tee kalt werden ließ.
Am Abend verließ Nora die Villa. Die Luft über dem Garten stand wieder warm. Aus der Rinne tropfte es noch, obwohl seit Stunden kein Regen gefallen war. Im Wintergarten hatte jemand den Bronzeständer fortgetragen. Auf dem Marmor blieb der trockene Halbmond, jetzt ohne Gegenstand darüber.
Nora sah ihn an, bis Brandt am Wagen hupte. Dann stieg sie ein und legte die Akte auf ihre Knie. Auf dem Deckel stand Unfalltod. Sie strich das Wort nicht durch.



