Die Schatzsuche im Nebel
Emma hatte die Karte nicht gesucht. Sie hatte nur Kastanien in Opas Holzschuppen sammeln wollen. Doch unter dem leeren Apfelkorb lag ein Blatt, braun wie ein trockenes Ahornblatt, mit einer roten Linie darauf.
Finn beugte sich so nah darüber, dass seine Mütze die Ecke verdeckte. „Das ist keine echte Schatzkarte.“
Emma steckte die Kastanie in ihre Jackentasche. Ihre Finger zitterten an der Karte. Trotzdem lief sie schon zum Gartentor. „Dann finden wir eben den unechten Schatz.“
Draußen hatte der Herbstwald den Weg verschluckt. Nebel hing zwischen den Stämmen. Der Zaunpfahl am Waldrand sah aus wie ein Mann mit Hut, bis Emma blinzelte und er wieder nur Holz war. Irgendwo knackte ein Ast. Es klang nah. Dann weit weg. Dann wieder nah.
Finn blieb am ersten Baum stehen. „Wir sehen ja kaum den nächsten Schritt.“
Emma faltete die Karte auf. Die rote Linie begann bei einer Eiche mit zwei tiefen Rissen. Vor ihnen stand genau so eine Eiche. In einem Riss klemmte ein gelbes Blatt, obwohl kein gelber Baum darüber hing.
„Die Karte weiß, wo wir sind“, sagte Emma.
Finn zog seine Mütze tiefer. „Oder der Baum tut nur so.“
Emma ging los. Ihre Knie stießen einmal gegeneinander, aber ihre Stiefel blieben nicht stehen.
Die Karte führte erst geradeaus. Dann sollte der Weg sich teilen. Doch im Nebel gab es drei helle Lücken zwischen den Bäumen. Links knackte es. Rechts tropfte etwas. Geradeaus lagen Blätter, platt gedrückt wie von vielen Füßen.
„Da sind Leute gegangen“, sagte Finn und zeigte geradeaus. „Menschen wissen meistens besser als Linien.“
Emma sah auf die Karte. An der Teilung war ein kleiner Kreis gemalt. Vielleicht ein Stein. Vielleicht ein Loch. Vielleicht ein Auge.
„Wir nehmen den Weg mit den Spuren“, sagte sie. „Aber nur bis zum Kreis.“
Sie liefen schneller. Der Nebel machte den Wald kurz. Alles endete nach drei Schritten. Ein schwarzer Ast wurde zu einem Hirschgeweih, dann zu gar nichts. Finn trat auf einen Zweig. Das Knacken sprang von Baum zu Baum.
Der Weg mit den Spuren endete an Dornen.
Nicht an einem Pfad. Nicht an einem Stein. An Dornen, die quer über den Boden wuchsen. In den Zweigen hing ein Stück grauer Stoff.
Finn fasste es nicht an. „Das ist von jemandem, der auch falsch gegangen ist.“
Emma hob die Karte. Die rote Linie hatte keine Dornen. Aber der kleine Kreis an der Teilung war nicht leer. Ein winziger Punkt saß unten im Kreis, fast am Rand.
Sie hockte sich hin. Die Blätter klebten an ihren Knien. Unter den platt gedrückten Spuren sah sie etwas Hartes: einen runden Stein, halb im Laub. Darauf war ein Pfeil eingeritzt. Er zeigte nicht geradeaus. Er zeigte links.
Emma grinste nicht. Sie sprang nur auf. „Der Kreis war der Stein. Wir haben zu hoch gesucht.“
„Und zu sehr auf Füße gehört“, murmelte Finn.
Sie gingen zurück. Diesmal langsam. Bei der Teilung kniete Finn als Erster hin und schob Blätter weg. Ein zweiter kleiner Pfeil kam zum Vorschein. Links. Der Wald gab ihnen keinen Weg, nur eine Richtung.
Links wurde der Nebel dichter. Die Bäume standen nicht mehr wie Bäume. Sie standen wie graue Beine. Emma hielt die Karte mit beiden Händen, damit sie nicht flatterte. Finn ging neben ihr und zählte leise Schritte.
„Zwanzig bis zur Wurzel“, sagte er. „Dann acht bis zum Bach. So steht es da.“
Bei Schritt zwanzig stolperte Emma. Eine Wurzel zog sich über den Boden wie ein schlafender Drache. Genau auf der Karte war an dieser Stelle eine krumme Linie.
Bei Schritt acht hörten sie Wasser. Nicht vor ihnen. Nicht hinter ihnen. Überall.
Finn drehte sich. „Der Bach ist im Nebel überall.“
Emma blieb stehen. Ihr Atem machte kleine Wolken vor ihrem Gesicht, die sofort verschwanden. Auf der Karte stand neben dem Bach ein Zeichen: drei kurze Striche. Emma hob den Kopf. Der Wasserklang hatte Pausen. Tropf. Tropf. Rauschen. Tropf. Rauschen.
„Es ist nicht der Bach“, sagte sie. „Es sind Blätter.“
Sie zog Finn einen Schritt weiter. Das Rauschen wurde tiefer. Jetzt lief Wasser wirklich. Ein dunkler Streifen schnitt durch das Weiß, so schmal, dass man ihn erst sah, als Emma fast hineingetreten wäre.
Keine Brücke.
Finn schluckte. „Die Karte hat gelogen.“
Emma zeigte auf die rote Linie. Sie hörte am Bach nicht auf. Sie ging darüber. Daneben war ein Bogen gemalt, grau und klein.
„Die Brücke muss hier sein.“
„Ich sehe keine.“
Emma auch nicht. Sie trat nach rechts. Der Boden wurde weich. Sie rutschte mit einem Stiefel in Matsch und zog ihn mit einem schmatzenden Geräusch wieder heraus. Auf der Karte war rechts kein Matsch. Links standen drei schwarze Punkte.
„Die Punkte“, sagte sie. „Vielleicht Steine.“
Sie gingen links am Bach entlang. Drei runde Steine lagen am Rand, nass und dunkel. Hinter dem dritten Stein fehlte der Boden.
Finn packte Emmas Ärmel. Vor ihnen wuchs etwas aus dem Nebel. Erst nur eine graue Kante. Dann ein Bogen. Dann noch einer.
Die alte Steinbrücke hatte keine Geländer. Moos saß zwischen den Steinen wie grüne Finger. In der Mitte fehlte ein Stück Rand, gerade groß genug für einen Fuß, der nicht aufpasst.
Finn wich zurück. „Da gehen wir nicht drüber.“
Emma faltete die Karte kleiner. Ihre Hand drückte sie so fest, dass das Papier knisterte. Dann setzte sie den ersten Fuß auf die Brücke.
„Wir gehen in der Mitte“, sagte sie. „Nicht am Rand.“
Der erste Schritt hielt. Der zweite auch. Beim dritten rollte ein Kiesel in das Loch am Rand und fiel lange, bevor er unten klackte.
Finn machte kein Geräusch. Er sah auf Emmas Stiefel, nicht in die Tiefe. Schritt für Schritt schoben sie sich über die Brücke. Der Nebel lag auf der anderen Seite so dicht, als hätte jemand ein weißes Tuch aufgehängt.
Emma streckte die Karte hinein. „Nach der Brücke: sieben Schritte bis zum Baum ohne Krone.“
Sie zählte laut. „Eins. Zwei. Drei.“
Bei fünf stieß Finn gegen sie. „Da ist nichts.“
Bei sieben stand ein Stamm vor ihnen. Oben brach er im Nebel ab. Kein Ast, keine Krone. In die Rinde war ein X geschnitten, aber es war alt und fast zugewachsen.
Unter dem X zeigte die Karte eine kleine Schaufel.
Sie hatten keine Schaufel.
Finn hob beide Hände. „Jetzt ist es vorbei.“
Emma steckte die Karte unter den Arm und grub mit einem Stock. Der Stock brach nach drei Stichen. Der Boden war hart. Der erste Versuch brachte nur nasse Blätter und einen Wurm, der sich beleidigt kringelte.
Finn nahm den abgebrochenen Stock. „Zu stumpf.“
Er suchte am Stamm. Unter einer Wurzel lag ein flacher Stein, dünn wie ein Teller. Emma schob ihn in die Erde. Der Stein schnitt besser als der Stock. Finn hebelte. Emma scharrte. Die Erde gab kleine Brocken frei.
Dann stieß der Stein auf Holz.
Beide erstarrten.
Emma wischte Erde weg. Eine kleine Kiste lag dort, dunkel und schmal. Kein Schloss. Nur ein Lederband. Finn zog daran. Es riss nicht. Emma drehte die Kiste um. Auf der Unterseite steckte ein Dorn durch das Band.
„Nicht ziehen“, sagte sie. „Schieben.“
Sie drückte den Dorn zurück. Das Band löste sich.
In der Kiste lagen keine Goldstücke. Darin lagen fünf glänzende Kastanien, ein rostiger Schlüssel und ein Zettel. Auf dem Zettel stand: Für Kinder, die auch weitergehen, wenn der Wald nichts zeigt.
Finn nahm den Schlüssel. „Wofür ist der?“
Emma sah zurück zur Brücke. Der Nebel hob sich genau dort, als hätte der Wald die Frage gehört. Zwischen den grauen Stämmen erschien die Lichtung. Hellbraunes Gras. Ein alter Apfelbaum. An seinem Stamm hing eine kleine Holztür mit einem Schlüsselloch.
Finn hielt den Schlüssel fester. Emma faltete die Karte nicht ein.
Über der Brücke tropfte ein Blatt ins Wasser, und diesmal klang es nur wie ein Blatt.




