Finn und Leni und die Inselhütte
Finn reißt die Zehen aus dem Sand. Das Wasser kräuselt. Die Insel schwimmt im Licht, nur Schilf murmelt ringsum. Neben ihm kniet Leni, die Knie mit Sandkrümeln besprenkelt. Finn zischt: „Wasser ist kalt.“ Aber Leni zieht schon die Shorts hoch.
Hinein oder warten? Finns Herz klopft. Er steht – er geht. Der See beißt erst, wird dann weich um die Beine. Leni taucht voran. Sie atmet laut, gluckst, nimmt ihn beim Arm.
Sie sehen: Das Schilf wiegt. Die Insel wächst. Wie groß ist die Hütte wirklich?
Finns Haut prickelt. Riecht der Wind nach Holz von dort drüben?
Ein Holzsteg zeigt sich nur halb, vermoost, eine Latte fehlt. Die Insel fängt sie an den Füßen mit Matsch, der süß riecht. Die Stimmen werden klein, als das Schilf drängt. Niemand ruft vom Ufer.
Leni stößt voraus, schiebt Halme weg. Da – eine Wand, Fenster, alt. Finn schnappt Luft. Die Hütte duckt sich hinter wildem Gras, die Scheiben angestaubt. Wer wohnt hier? Das Dach ist krumm. Finn zieht die Finger übers Holz – rau, splittrig, kann man schieben? Er drückt. Die Tür klemmt. Leni kriecht an das Seitenfenster. Sie schirmt die Augen ab. „Da ist was auf dem Tisch.“
Finn zieht. Die Tür rührt sich nicht. Seine Füße sind kühl und kleben voller Schlamm. Wie kommt man herein?
Leni ruft: „Fenster offen! Aber Spinnweben…“ Finn schielt, sieht nur Blätter, Licht und Staub. Zwei Wege: Drücken, bis die Finger wehtun? Oder Leni helfen? Finn wählt Leni. Sie winkt. Er stakst durchs Gras, stößt mit der Schulter gegen das Holz. Das Fenster klemmt, der Rahmen splittert. Leni schnippt Spinnfäden weg, presst das Gesicht ans Glas. Drinnen steht eine Tasse. Ein Fetzen Papier. Was steht darauf?
Sie schaffen es, das Fenster knarzt, Leni rutscht voran, Federn im Haar, Finn zwängt sich nach – sein Knie stößt gegen die Bank, Staub zischt auf. Sie riechen: Es muffelt nach altem Holz. Die Luft drin ist schwer. Ihr Blick gräbt: Ein Stuhl, ein Löffel, Spuren von Schuhen im Staub, groß und alt.
Leni hebt die Tasse. Sie klappert. Darin: Muscheln, winzige Steine, ein Cent. Hat das hier jemand gesammelt? Finn liest den Zettel, er klebt. Die Schrift krakelt: „Bleibt neugierig. Findet, was fehlt.“
Findet, was fehlt? Finn stockt. Die Bank knarrt, Leni winkt ihn zu sich. Sie hebt ein Boot aus Papier auf. Worte darauf: „Zurück, wenn der See warm ist.“
Wann war das?
Sie suchen. In jeder Ecke glitzert feiner Staub. Eine Spule blauer Faden klebt am Regal. Hat ein Kind hier gebaut? Finn legt Ohr auf den Tisch, hört das Holz knacken. Leni trommelt, horcht hinaus. Schritte? Nichts als Wind. Aber einer hatte viel gesammelt. Warum stehen die Stiefel am Ofen? Sie sind viel zu groß für Kinder. Finn schiebt die Zehen in den Rand, rutscht beinahe aus. Leni kichert und klopft leicht. „Die haben hier Verstecken gespielt.“ Finn nickt – oder gewartet.
Noch eine Schachtel: leer. Nur Mull und ein alter Fotoeckenrest.
„Fehlt was. Die nehmen Sachen mit, wenn sie gehen.“ Leni flüstert. Finn sucht weiter. Fingert über Schatten. Warum war alles so bereit gelassen?
Ein Windstoß. Das Fenster will schlagen, Finn hält es. Sie rücken hinaus, rollen von der Bank, schlüpfen durchs Fenster wie Katzen. Das Licht draußen blendet. Schilf rauscht. Sand klebt am Bauch, Wasser tropft von den Haaren.
Sie sehen zurück: Die Hütte wirkt kleiner. Die Tür ungerührt. Was fehlt, was bleibt?
Nichts antwortet. Im Sand am Rand: Die eigenen nassen Fußabdrücke definieren einen neuen Weg.




