Das Stück vor dem Regen
Paul legte die flache Hand auf die Tischplatte und schob sie langsam über das Holz. Die Esche gab unter seiner Haut nicht nach. Sie zeigte nur, was noch fehlte. Ein feiner Grat an der Kante. Ein dunkler Strich am Hirnholz. Eine Stelle, an der das Licht anders brach.
Er nahm den Bleistift hinter dem Ohr hervor und setzte drei kleine Kreuze. Nicht mehr. Wenn er mehr markierte, fand er wieder alles falsch. Er kannte diesen Weg. Er hatte ihn in den letzten vier Wochen oft genommen. Erst ein Kreuz, dann fünf, dann zwölf, dann lag das Stück wieder auf den Böcken, als hätte es nie eine Form gehabt.
Es war kein Auftrag. Das machte es schwerer.
Für Kunden baute Paul Türen, Regale, Küchenfronten, gerade und sauber, nach Maß und Skizze. Er wusste, wie lange eine Leimfuge anzog. Er wusste, wie eine Kante unter dem Hobel klang, wenn sie stimmte. Bei fremden Entwürfen arbeiteten seine Hände vor ihm her. Bei diesem Stück hielten sie immer wieder an.
Es war eine schmale Bank, nicht ganz Bank, nicht ganz Tisch. Zwei seitliche Wangen aus Esche, eine Platte mit leichter Rundung, darunter eine flache Lade für Schlüssel, Briefe, Dinge, die man sonst auf die Fensterbank warf. Paul hatte die Form an einem Dienstagabend gezeichnet, nach zehn Stunden Arbeit, auf der Rückseite einer Rechnung. Seitdem lag die Rechnung gefaltet in der Brusttasche seiner Arbeitshose. Er zog sie manchmal heraus, sah sie an, steckte sie wieder weg.
Jetzt stand das Stück in seiner Werkstatt auf zwei Böcken. Die Lade lag offen daneben. Der Lack stand ungeöffnet auf der Werkbank. Draußen hing der Sommer schwer über dem Garten, und über den Pappeln im Westen schob sich eine graue Wand hoch.
Paul sah auf die Uhr. 16:20.
Er ging zur offenen Werkstatttür. Der Garten lag flach im Licht. Auf den Steinplatten standen zwei alte Lattenroste, die er als Trockengestell benutzte. Dort sollte das Stück stehen. Nicht in der Werkstatt. Zu viel Staub, zu wenig Luft. Im Garten trocknete der Lack schneller, wenn der Wind nicht drehte und kein Regen kam.
Er hob den Blick. Die Wolken standen noch weit genug weg, wenn man nur auf die Kante sah. Wenn man auf die Farbe dahinter sah, nicht.
Auf dem Lack stand: staubtrocken nach fünfundvierzig Minuten. Überarbeitbar nach vier Stunden. Vor Feuchtigkeit schützen.
Paul las den Satz zum zweiten Mal. Vor Feuchtigkeit schützen. Er stellte die Dose ab, ohne sie zu öffnen. Das Metall klackte auf der Werkbank. Der Klang blieb in der Werkstatt stehen.
Er hätte warten können. Das war der vernünftige Satz. Morgen früh schleifen, morgen Mittag lackieren, zwei Tage später ansehen. Kein Kunde wartete. Kein Liefertermin drückte. Kein Meister stand hinter ihm. Nur dieses Stück, das seit Wochen den Raum nahm, den er für bezahlte Arbeit brauchte.
Er sah wieder auf die Platte. Die drei Kreuze wirkten größer als vorher. Seine Schultern zogen nach vorn. Der Raum wurde enger zwischen Werkbank, Böcken und Wandregal. Der Sommergeruch aus dem Garten kam nicht mehr bis zu ihm. Nur der Staub lag in der Luft, trocken und nah.
Paul nahm den Schleifklotz. Körnung 240. Er setzte ihn an der ersten Markierung auf und zog ihn in langen Bahnen über die Kante. Nicht hin und her, nicht hastig. Mit der Faser. Seine Finger lagen fest um den Kork. Nach sechs Zügen wischte er mit der Hand über die Stelle. Der Grat war weg.
Er arbeitete die zweite Markierung. Dann die dritte. Er prüfte nicht lange. Er zwang das Auge nur zu einer Entscheidung. Da oder weg. Die Stelle am Hirnholz blieb. Der dunkle Strich lag tiefer. Er konnte ihn herausschleifen und die Proportion verändern. Oder ihn lassen und später jeden Tag sehen.
Paul legte den Schleifklotz ab. Er trat zurück. Der Strich war klein. Er war nicht schön. Er war auch kein Fehler, der das Stück zerstörte. Er war Esche, wie sie gewachsen war.
Draußen rollte es weit über den Himmel. Kein Schlag. Nur ein tiefer Stoß, als hätte jemand einen schweren Schrank in einem anderen Haus verrückt.
Paul sah auf die Uhr. 16:31.
Er rechnete. Noch zehn Minuten wässern und abreiben, wenn er sicher gehen wollte. Dann erster Lackauftrag. Fünfundvierzig Minuten bis staubtrocken, eher mehr bei dieser Luft. Gewitter vielleicht um halb sechs. Vielleicht früher. Der Wind entschied, nicht er.
Das war ein Argument, das er nicht wegschieben konnte. Lack und Regen verhandelten nicht. Wenn die Feuchtigkeit zu früh kam, zog die Oberfläche milchig an. Dann konnte er morgen wieder schleifen, tiefer, vorsichtiger, mit dieser Wut in den Handgelenken, die nicht hilft und doch Kraft kostet.
Er griff nach der gefalteten Rechnung in seiner Brusttasche. Er öffnete sie. Die Bleistiftlinien hatten an den Falzen gelitten. Die Rundung der Platte stand noch da. Der schräge Ansatz der Wangen auch. Er hielt die Skizze neben das echte Stück. Die Skizze war leichter. Sie trug keine Leimreste, keine zu breite Fase, keinen dunklen Strich.
Paul faltete das Papier nicht sofort zurück. Sein Daumen drückte auf die gezeichnete Lade. Er hatte die Idee nicht verloren. Nur das Stück hatte Gewicht bekommen.
Er legte die Rechnung auf die Werkbank, mit der Zeichnung nach oben. Dann zog er die Lade zu sich. Die Vorderkante saß um einen halben Millimeter tiefer als links. Niemand hätte es beim Vorbeigehen gesehen. Paul sah es. Er nahm den kleinen Hobel, stellte das Eisen knapp, setzte an der rechten Führung an. Ein Span rollte heraus, dünn und hell. Noch einer. Er schob die Lade ein. Sie lief. Er zog sie wieder heraus. Sie lief ohne Kratzen.
Die Frage stand nicht mehr an der gleichen Stelle. Nicht: Warum machst du das heute. Sondern: Was braucht noch eine Hand, bevor der Lack draufkommt.
Paul nahm den Staublappen. Er wischte die Platte, die Wangen, die Unterseite. Er hob das Stück an, drehte es auf die Seite, blies nicht. Blasen brachte Atemfeuchte auf das Holz und Staub zurück ins Gesicht. Er wischte. Langsam an den Kanten. Kurz in den Ecken.
Er stellte die Bank wieder auf die Böcke und öffnete die Lackdose. Der Deckel klemmte. Er setzte den Schraubendreher an, hebelte an drei Stellen. Beim dritten Mal gab das Metall nach. Der Geruch stieg heraus, scharf und klar. Paul rührte mit einem sauberen Holzstab, bis der Lack gleichmäßig vom Stab lief. Keine Blasen. Keine schnellen Kreise.
Der Himmel dunkelte an der Tür. Nicht wie Abend. Eher wie ein Tuch, das jemand über eine Lampe zog.
Paul goss Lack in die flache Schale. Er nahm den Pinsel, den er gestern ausgewaschen und in Papier gewickelt hatte. Er strich die Borsten über den Daumen. Kein harter Rest. Gut.
Er begann an der Unterseite. Das hatte er sich aufgeschrieben, weil er wusste, dass er im Druck mit der sichtbaren Fläche anfangen würde. Unterseite zuerst. Wangen innen. Lade außen. Platte zuletzt.
Der Pinsel setzte an. Der Lack zog eine nasse Spur über die Esche. Die Maserung trat dunkler hervor, aber Paul hielt den Blick auf die Kante der Spur. Nicht bewundern. Verteilen. Er strich aus, nahm weniger Lack, zog den Pinsel in langen Bahnen. An der Ecke sammelte sich ein Tropfen. Er fing ihn mit der Spitze ab und zog ihn nach unten weg.
Seine Hand arbeitete ruhiger als sein Nacken. Dort saß die Zeit. Sie zog zwischen Schulter und Ohr. Paul legte den Pinsel ab, nur für einen Atemzug, und rollte den Kopf einmal nach links. Dann nahm er ihn wieder auf.
16:52.
Der erste Auftrag lag auf der Unterseite. Er drehte das Stück nicht sofort. Er zählte bis dreißig, sah die Läufer, fand zwei, zog sie aus. Dann fasste er unter die Wangen, hob die Bank an und setzte sie auf vier kleine Klötze. Die Platte lag oben.
Draußen schlug der Wind in den Apfelbaum. Die Blätter zeigten ihre hellen Unterseiten.
Paul trat zur Tür. Der Garten war noch trocken. Die Steinplatten zeigten ihre helle Farbe. Über den Pappeln war die graue Wand näher. Er sah nicht lange hin. Lange hinsehen machte den Regen nicht langsamer.
Er ging zurück und lackierte die Wangen. Innen zuerst, weil man dort später schlecht hinkam. Der Pinsel passte gerade zwischen Platte und Ladeführung. Seine Knöchel streiften das Holz. Er zog die Hand zurück, drehte den Pinsel flacher, setzte neu an. Ein schwarzes Haar aus den Borsten blieb im Lack liegen. Paul erstarrte nicht. Er nahm die Pinzette aus der Schublade, hob das Haar heraus, strich die Stelle aus.
17:07.
Die Luft in der Werkstatt wurde schwerer. Der Lack roch stärker, weil der Wind jetzt zur Tür hereindrückte und wieder abfiel. Paul schloss die Dose halb, damit kein Staub hineinlief. Er lackierte die Ladefront. Einmal quer, dann mit der Faser. Er hielt sie gegen das Licht. Die rechte Ecke glänzte dicker. Er nahm den fast trockenen Pinsel und zog den Überschuss ab.
Er hatte Durst. Das Glas Wasser stand neben der Bandsäge, zu weit weg für diesen Moment. Er schluckte trocken und griff nach der Platte.
Die Platte war der sichtbare Teil. Dort verzieh der Blick weniger. Paul setzte den Pinsel in der hinteren linken Ecke an. Er zog eine Bahn bis zur Rundung. Noch eine daneben, leicht überlappend. Der Lack verband sich. Er arbeitete von hinten nach vorn, damit seine Ärmel nicht über die nasse Fläche kamen.
Ein Insekt flog durch die Tür, klein und dunkel. Es kreiste über dem Lack. Paul hielt den Pinsel still. Das Insekt landete nicht. Es stieg wieder, prallte gegen das Fenster, fand die Öffnung nicht. Paul öffnete die zweite Türhälfte mit dem Fuß. Das Insekt flog hinaus.
Er setzte den Pinsel wieder an der letzten nassen Kante an. Sie war noch offen. Er hatte keine Minute verloren, die zählte.
17:18.
Die Platte glänzte. Nicht spiegelnd. Nur nass. Paul ging um das Stück herum und senkte den Kopf, bis sein Auge fast auf Höhe der Fläche war. Er suchte Nasen, Staub, trockene Stellen. Die Welt bestand aus vier Kanten und dem Streifen Licht, der über den Lack lief. Er fand eine matte Stelle an der rechten Rundung. Er nahm wenig Lack und schloss sie.
Dann hörte er den ersten nahen Donner. Der Boden antwortete nicht. Nur das Blechdach der kleinen Holzlaube draußen knackte im Wind.
Paul reinigte den Rand der Lackdose, drückte den Deckel locker auf, stellte den Pinsel in ein Glas mit Verdünnung. Er wusch nichts aus. Nicht jetzt. Er nahm beide Hände unter das Stück, hob es von den Böcken und trug es zur Tür. Langsam. Die Platte durfte nichts berühren.
Im Garten hatte er vorher zwei Lattenroste auf Böcke gelegt. Darüber spannte er sonst ein altes Fliegengitter gegen Staub. Jetzt lag das Gitter zusammengerollt auf der Mauer. Er setzte die Bank auf die vier vorbereiteten Klötze. Sie stand frei, Luft von unten, Luft von allen Seiten.
17:24.
Paul holte das Fliegengitter, rollte es auf, hielt es über das Stück. Der Wind zog daran. Das Netz schlug gegen sein Handgelenk. Er fluchte nicht. Er klemmte eine Ecke mit einer Zwinge am Lattenrost fest, dann die zweite. Er ging um die Bank herum und befestigte die anderen Ecken. Das Netz hing drei Handbreit über der nassen Platte.
Er trat einen Schritt zurück. Nicht weiter. Weiter weg hätte es wie ein fertiges Möbel aussehen können, und dafür war es zu früh.
Der Lack musste anziehen. Fünfundvierzig Minuten stand auf der Dose. Bei trockener Luft. Bei gutem Wetter. Nicht bei einem Himmel, der die Farbe von Blei annahm.
Paul stellte den Timer auf fünfundzwanzig Minuten. Nicht weil es reichte. Weil er nach fünfundzwanzig Minuten prüfen musste. Er legte das Telefon auf die Gartenmauer, Display nach oben. Dann ging er zurück in die Werkstatt und räumte die Böcke frei.
Seine Hände suchten Arbeit, die nichts am Stück änderte. Er schloss die Lackdose richtig. Er strich den Pinsel aus. Er faltete den schmutzigen Lappen mit der staubigen Seite nach innen. Er hob die Rechnung mit der Skizze auf und legte sie unter den Magneten an der Werkzeugwand. Nicht in die Tasche.
Der Wind kam jetzt in Stößen. In den Pausen hörte Paul den Timer nicht ticken, weil Telefone nicht ticken. Das machte es schlechter. Er sah alle paar Minuten hin, als könnte die Zahl springen.
17:39.
Noch zehn Minuten.
Er trat in den Garten und beugte sich unter das Netz. Er berührte den Lack nicht. Er hielt den Finger eine Handbreit darüber, als könnte er die Oberfläche spüren, ohne sie zu stören. Das Glänzen hatte sich verändert. An den Kanten lag es ruhiger. In der Mitte noch nass.
Ein Tropfen wäre dort eine weiße Narbe.
Paul richtete sich auf. Er sah nach Westen. Die Pappeln bewegten sich nicht mehr einzeln. Sie standen als dunkle Masse und warfen die Blätter in eine Richtung. Der Regen hing sichtbar unter den Wolken, ein grauer Vorhang, noch über den Feldern.
Er holte zwei breite Bretter aus der Werkstatt und legte sie neben das Trockengestell. Wenn er tragen musste, brauchte er keine Suche. Er öffnete den Weg frei: Schubkarre zur Seite, Kabel auf den Haken, Eimer unter die Werkbank. Dann stellte er sich neben das Stück.
Der Timer klingelte.
Paul drückte ihn aus. Er hob das Netz an einer Ecke und roch den Lack, aber er suchte nicht nach einem Gefühl. Er nahm einen Holzrest, den er mitlackiert hatte, und berührte dort die Oberfläche mit dem Fingerknöchel. Nicht klebrig wie vorher. Noch weich. Staubtrocken vielleicht an den Rändern. Nicht sicher in der Mitte.
Die vernünftige Hand hätte jetzt gewartet. Die andere sah den Regen über den Feldern.
Paul nahm die zwei Bretter und schob sie vorsichtig unter die Bank, links und rechts, ohne die lackierten Flächen zu treffen. So konnte er sie tragen, ohne unter die Wangen zu greifen und Druck auf die frischen Kanten zu geben. Er probierte den Griff. Hob einen Zentimeter. Setzte ab. Das Stück schwankte nicht.
Er wartete.
Nicht lange. Nur bis der nächste Windstoß vorbei war.
Dann fiel der erste Tropfen auf die Steinplatte neben seinem Schuh. Er hinterließ einen dunklen Punkt.
Paul griff die Bretter. Er hob die Bank an, hielt die Arme breit und ging zur Werkstatttür. Der zweite Tropfen traf das Fliegengitter, das er mit dem Ellbogen von der Zwinge riss. Es blieb hinter ihm liegen. Er sah nicht zurück.
Die Türschwelle kam höher als sonst. Paul hob den rechten Fuß sauber darüber, dann den linken. Die Bank blieb waagerecht. Drinnen setzte er sie auf die vorbereiteten Böcke, einen Zentimeter nach links, damit die Luft um die Platte laufen konnte.
Eine Sekunde später schlug der Regen auf die Steinplatten. Hart, dicht, ohne einzelne Tropfen.
Paul stand mit den Händen noch an den Tragebrettern. Er löste die Finger einzeln. Auf dem rechten Daumen klebte ein heller Streifen Lack. Er nahm den Lappen, wischte ihn ab und stellte die Werkstatttür nur halb zu, damit Luft blieb und kein Wasser hereinsprang.
Dann ging er zur Werkzeugwand. Die Rechnung hing unter dem Magneten. Die gezeichnete Bank war kleiner als das Stück auf den Böcken. Paul sah sie kurz an. Er drehte den Magneten gerade und legte den Timer auf vier Stunden.




