Jonas und die Würmer unter der Erde
Die Frühlingssonne streichelt Jonas’ Wange. Ein kleiner Wind bläst den Geruch von frischer Erde auf die Terrasse. Durch das offene Fenster kommt ein Ton. Ein Spatz sitzt auf dem Zaun und ruft ganz leise: tschip, tschip. Alles ist ruhig, alles ist weich.
Jonas sitzt im Gras. Die Hose grün an den Knien. Mama kniet schon am Beet. Papa hebt vorsichtig die Schubkarre. In Papas Stimme liegt Sonne: “Komm, Jonas, schau mal hier.”
Die Erde ist kühl und ein bisschen feucht. Jonas tastet mit seinen Fingern hinein. Die Körner der Erde rollen unter seinen Nägeln. Sein kleiner Zeigefinger kratzt an einer dicken Wurzel vorbei. Ein Regenwurm schlängelt sich heraus. Erst ganz langsam. Dann dreht er sich um und verschwindet wieder.
Mama lacht ohne Ton. Ihre Hände sind braun vom Umgraben. Jonas betrachtet die Falten auf dem Wurm. Haut, ganz weich, wie feuchter Stoff. Jonas’ Atem ist ruhig.
Die Schatten werden länger im Garten. Licht fällt wie Honig auf das Beet. Jonas hört Papas Schaufel. Sie klingt jetzt dunkler. Viel weiter weg. Er schiebt eine kleine Kartoffel beiseite. Darunter noch ein Wurm. Und noch einer.
Jonas lässt sie über seine Hand krabbeln. Es kitzelt, ganz weich. Seine Augen blinzeln. Mama spricht: “Die leben hier, unter unserer Erde.” Jonas denkt ein Wort. Und dann… bleibt sein Gedanke einfach stehen. Seine Hände ruhen offen auf der Erde. Er lauscht auf das Flüstern im Gras.
Papas Schritt knarzt näher. Die Schubkarre riecht nach Holz und nassem Gras. Jonas lehnt sich zurück. Das Haar klebt an seiner Stirn. Er hört die Welt. Aber alles ist leiser. Aus der Ferne das Surren einer Biene.
Mama legt ein Blatt in Jonas’ Haar. Es kratzt. Jonas hebt die Hand und vergisst, sie wieder abzulegen. Schwere Arme. Der Spatz hüpft im Beat. Jonas hört ihn nicht mehr deutlich. Der Wind ist wärmer jetzt.
Papa pustet sanft Staub von Jonas’ Wange. Jonas’ Finger graben noch einmal in der lockeren Erde. Die Wärme vom Tag sitzt tief in seiner Haut. Ein letztes Mal rollt ein Wurm über seine Hand.
Mama nimmt Jonas’ Hand. Gemeinsam gehen sie über das Gras zum Haus. Jonas’ Beine ziehen, ganz langsam. Alles fühlt sich weiter und weiter weg an. Das Licht unter der Küchentür ist dünn wie ein Faden.
Die Decke ist weich auf Jonas’ Haut. Der Duft vom Garten klebt noch in seinen Haaren. Die Kissen sind warm. Immer wärmer.
Jonas schließt die Augen halb. Er sieht noch Erde auf seinen Händen. Die Stimmen neben ihm sind leise. Leiser.
Und dann ist da nur noch das wiegende Summen vom Garten. Wärme. Ein Gedanke, der gar nicht ganz fertig werden will. Jonas liegt ganz still.
Seine Finger erinnern sich noch an das Kribbeln. Die Welt bleibt klein. Alles wird weich.




