Der Eiswagen kommt nur einmal
Die Sommergasse lag da, als hätte jemand eine warme Decke über die Steine gezogen. Jonas saß auf der Haustürstufe und drückte eine Münze in die Hand. Sein Knie wippte. Mia stand daneben, aber nicht zu nah, und zählte ihre Münzen auf dem Treppchen.
„Nicht so doll gucken“, sagte sie.
„Ich guck nicht.“
„Doch. Du guckst, als ob mein Geld wegläuft.“
Jonas machte die Faust noch fester. Unter seinen Haaren klebte Schweiß. Sein Mund war so trocken, dass er nicht einmal pfeifen konnte.
Aus der Ecke roch es nach kalter Vanille und ein bisschen nach Waffel. Dann kam die kleine Klingel.
Mia hob den Kopf. „Er kommt.“
„Ich weiß.“ Jonas sprang auf, blieb aber sofort wieder stehen. „Wie viel hast du?“
„Achtzig.“
„Ich hab siebzig.“
Sie sahen beide zum gelben Eiswagen, der langsam in die Gasse rollte. Auf dem Dach wackelte ein Plastik-Eishörnchen.
„Ein Eis kostet eins fünfzig“, sagte Mia.
„Dann passt es.“
„Nur eins.“
Jonas schob die Münze in seine Hosentasche. „Ich hab sowieso keinen Hunger.“
Mia sah ihn kurz an. Sein Blick hing an der bunten Tafel am Wagen. Erdbeer. Zitrone. Schoko. Doppelschlecker. Seine Lippen waren hell vom Lecken.
„Gut“, sagte Mia. „Dann kauf ich eins.“
Jonas trat einen halben Schritt zurück. Die älteren Kinder am Wagen lachten, und heute klang es zu laut, als würden sie extra in die Gasse hineinlachen.
„Mach doch“, sagte Jonas.
Mia lief los. Nach drei Schritten blieb sie stehen. „Kommst du nicht?“
„Du kaufst ja.“
„Du hast siebzig.“
„Du hast gesagt, du kaufst.“
Mia presste die Münzen in ihre Hand. Eine rutschte zwischen ihre Finger. Sie hob sie schnell auf und tat so, als wäre nichts.
„Ich meinte mit dir“, sagte sie.
Jonas schaute auf den Boden. Dort war ein kleiner dunkler Fleck, wo jemand Wasser verschüttet hatte. Er wurde schon kleiner.
„Sag das doch“, murmelte er.
„Hab ich doch fast.“
Sie stellten sich hinten an. Vor ihnen kaufte ein Junge ein großes Schokoeis. Es tropfte ihm sofort über die Hand.
Jonas flüsterte: „Ich will Zitrone.“
„Ich Schoko.“
„Schoko ist klebrig.“
„Zitrone ist sauer.“
„Du bist sauer.“
„Nein, du.“
Sie waren dran.
Der Eisverkäufer stützte die Arme auf das Fenster. „Na?“
Mia stellte ihre Münzen hin. Jonas legte seine daneben, aber ganz am Rand, als gehörten sie nicht richtig dazu.
„Ein Schoko“, sagte Mia.
Jonas zog seine Münze ein Stück zurück.
Mia sah es. Sie sagte nichts. Der Verkäufer griff schon nach der Truhe.
„Warte“, sagte sie schnell. „Nein. Einen Doppelschlecker.“
Jonas blinzelte. „Der ist rot.“
„Und kalt.“
„Du wolltest Schoko.“
„Schoko tropft auf meine Finger.“
„Du magst klebrige Finger.“
„Heute nicht.“
Der Verkäufer schob ihnen das Eis hin. Zwei Holzstiele steckten unten drin, oben war es noch ein einziges rotes Stück. Mia nahm es. Jonas nahm es nicht.
„Es schmilzt“, sagte der Verkäufer.
Mia ging zur Haustürstufe zurück. Nicht schnell. Nicht langsam. Gerade so, dass Jonas nebenhergehen konnte, wenn er wollte. Das rote Eis glänzte an der Kante. Ein Tropfen lief los.
Jonas kam nach zwei Schritten hinterher.
„Du hältst es schief“, sagte er.
„Dann halt du.“
„Nein.“
„Doch.“
Er nahm den rechten Stiel. Mia hielt den linken. Einen Moment standen sie da, beide mit einer Hand am selben Eis.
„Man muss ziehen“, sagte Mia.
„Nicht zu doll.“
„Du ziehst zu doll.“
„Du ziehst gar nicht.“
Es knackte leise. Das Eis teilte sich nicht ganz gleich. Jonas bekam das größere Stück. Er sah es sofort. Mia sah zur Straße, als wäre dort etwas Wichtiges.
Jonas hielt sein Stück hin. „Tausch.“
„Warum?“
„Deins tropft mehr.“
„Das ist gelogen.“
„Dann nicht.“
Er wartete. Der Tropfen an Mias Eis rannte über ihren Finger. Sie verzog den Mund, aber sie leckte nicht. Jonas schob sein größeres Stück noch näher.
„Nur weil deins schiefer ist“, sagte Mia.
Sie tauschten.
Auf der Stufe war es im Schatten nicht kühl, aber weniger schlimm. Sie saßen mit einer Lücke zwischen sich, in die eine Katze gepasst hätte. Keiner sagte etwas. Das Eis wurde weicher. Jonas biss oben ab und machte ein Gesicht.
„Kalt im Kopf?“ fragte Mia.
„Nein.“
„Doch.“
„Vielleicht ein bisschen.“
Mia biss ganz klein. Dann hielt sie ihr Eis vor Jonas’ Knie. „Deins läuft.“
Jonas leckte schnell die Seite ab. „Deins auch.“
„Ich weiß.“
„Dann mach.“
„Du machst immer so große Bisse.“
„Dann ist es schneller weg.“
„Eben.“
Er biss diesmal kleiner. Mia sah nicht hin, aber ihr Fuß hörte auf, gegen die Stufe zu klopfen.
Die Gasse wurde leiser, nachdem der Eiswagen weitergefahren war. Nur die Klingel war noch dünn hinter der Ecke. Jonas hielt sein Eis tiefer, damit der Tropfen auf den Stein fiel und nicht auf seine Hose.
„Morgen hab ich vielleicht mehr Geld“, sagte er.
„Ich vielleicht nicht.“
„Dann kaufst du.“
„Mit deinem Geld?“
„Vielleicht.“
Mia nickte, als wäre das eine richtige Rechnung.
Am Ende war auf jedem Holzstiel nur noch ein roter Rand. Jonas schaute zu Mia. Mia schaute zu Jonas.
„Jetzt“, sagte sie.
„Jetzt“, sagte er.
Sie beugten sich vor, beide auf der heißen Haustürstufe, und nahmen den letzten Bissen zur gleichen Zeit.




