Der geheime Brunnen
Der Dorfbrunnen gab am Morgen nur noch ein Kratzen her.
Emma drehte die Kurbel. Der Eimer stieß unten an Stein. Kein Platschen. Kein Glucksen. Nur Staub kam hoch und klebte am Rand wie graues Mehl.
Hinter ihr schob Oma Lene den leeren Ziegenkübel mit dem Fuß weiter in den Schatten. Der Kübel blieb leer. Die Ziege leckte daran und sah Emma an, als hätte Emma das Wasser versteckt.
Emma ließ ihre Tasche nicht von der Schulter. Sie hielt den Riemen so fest, dass ihre Finger weiß wurden.
Finn stand neben dem Brunnen und trat gegen einen Kiesel. Er lachte einmal kurz. Es klang dünn.
„Die alte Geschichte vom Waldbrunnen ist Quatsch“, sagte er.
Aus seiner Hosentasche ragte ein zusammengefalteter Zettel. Emma zog daran. Finn packte ihn zu spät.
Auf dem Zettel stand mit blasser Tinte: Wenn der Dorfbrunnen schweigt, folge dem Frosch, dem kalten Stein und dem Farn, der nicht welkt.
„Quatsch mit Abschrift“, sagte Emma.
Finn rieb sich den Nacken. „Mein Opa hat gesagt, man soll Legenden nicht wegwerfen. Nur nicht laut glauben.“
Oma Lene hustete. Nicht laut. Nur einmal. Aber Emma hörte, wie trocken es klang. Sie sprang auf den Brunnenrand und schaute hinunter. Am inneren Stein, dort, wo sonst Wasser glänzte, saß ein kleiner Frosch eingeritzt. Er zeigte nicht zur Straße. Er zeigte zum Wald.
„Erster Hinweis“, sagte Emma.
Finn schluckte. „Oder ein sehr alter Frosch mit schlechter Richtung.“
Sie liefen los.
Der Dorfweg brannte durch Emmas Schuhsohlen. Die Gärten hingen über den Zäunen. Bohnenstangen standen wie dünne Knochen. Vor dem Stall scharrten Hühner im Staub, fanden nichts und scharrten weiter.
Am Waldrand blieb Finn stehen. Der breite Weg lag offen vor ihnen. Daneben kroch ein schmaler Pfad zwischen Brombeeren hinein.
„Breit geht schneller“, sagte Finn.
Emma sah auf den Zettel. Der eingeritzte Frosch zeigte nur grob zum Wald. Nicht auf Brombeeren. Nicht auf Staub. Oma hatte gehustet.
„Schneller“, sagte Emma.
Sie nahmen den breiten Weg.
Nach zehn Minuten war der Schatten kaputt. Die Bäume standen zwar da, aber ihre Blätter hingen still und ließen die Hitze durch. Der Boden war hart. Finns Schritte wurden kürzer. Emma rannte nicht mehr. Sie setzte nur noch den nächsten Fuß vor den letzten.
Der Weg endete an einer alten Kohlegrube.
Schwarzgraue Erde. Keine Spur von Grün. Kein Stein blieb kühl. Emma legte die Hand auf einen Felsen und zog sie weg.
„Falscher Weg“, sagte Finn.
Er wollte es leicht sagen. Seine Lippen klebten aneinander.
Emma drehte sich nicht sofort um. In der grauen Erde lag etwas Winziges: drei Ameisen, jede mit einem hellen Blattstück. Sie kamen nicht vom breiten Weg. Sie kamen aus dem Dornengestrüpp links von ihnen und verschwanden in einer Ritze unter Wurzeln.
„Ameisen tragen nichts Grünes aus einer Kohlegrube“, sagte Emma.
Finn kniete. „Und sie laufen nicht in die heißeste Stelle, wenn sie eine bessere kennen.“
Sie folgten den Ameisen.
Das Gestrüpp kratzte an Emmas Armen. Finn blieb zweimal hängen und fluchte so leise, dass die Brombeeren es fast verschluckten. Dann fiel der Boden ab. Nicht tief. Nur genug, damit der breite Weg hinter ihnen verschwand.
Vor ihnen lag ein Streifen flacher Steine. Alle waren hell von Sonne. Emma tippte den ersten an. Warm. Den zweiten. Warm. Den dritten.
Finn hielt ihre Hand fest. „Nicht alle. Schau.“
Auf einem Stein lag kein Staub. Ein Käfer kroch darüber und blieb in der Mitte sitzen. Emma legte die Hand darauf.
Kühl.
Nicht kalt wie Keller. Kühl wie ein Becher, der im Schatten vergessen wurde.
„Zweiter Hinweis“, flüsterte Finn.
Emma wollte den Stein hochheben. Er rührte sich nicht. Sie stemmte beide Hände dagegen. Nichts. Finn half. Der Stein blieb liegen und machte sie nur müder.
„Vielleicht müssen wir ihn tragen“, keuchte Emma.
„Vielleicht müssen wir ihn lesen.“ Finn wischte mit dem Ärmel über den Rand.
Unter dem Staub kam ein eingeritzter Strich hervor. Kein Pfeilkopf. Nur eine Linie, die von Stein zu Stein zeigte.
Emma sprang zum nächsten Stein. Warm. Noch einer. Warm. Dann einer, halb unter Laub versteckt. Kühl.
„Sie sind wie Brotkrumen“, sagte sie.
„Nur schwerer“, sagte Finn.
Sie folgten den kühlen Steinen, aber nicht schnell. Die Hitze drückte ihre Köpfe nach unten. Emma sah nur noch Füße, Steine, Wurzeln. Finn sagte nicht mehr, dass Legenden Quatsch waren. Er zog den Zettel immer wieder heraus, als könnte er Wasser aus den Falten pressen.
Der letzte kühle Stein lag vor einer Wand aus Farn.
Alles ringsum war gelb. Das Gras brach, wenn Emma es berührte. Doch dieser Farn stand grün. Nicht frisch. Nicht schön. Aber aufrecht, als hätte jemand ihn heimlich gegossen.
„Dritter Hinweis“, sagte Finn.
Emma schob die Blätter auseinander. Dahinter war kein Weg.
Nur Erde. Wurzeln. Ein morscher Baumstamm quer davor.
Finn sank auf die Knie. „Vielleicht ist die Lichtung weg.“
Emma zog an einem Farnwedel. Er riss nicht. Seine Wurzeln hielten fest. Zu fest für trockene Erde.
„Wasser unten“, sagte sie.
Sie grub mit den Fingern. Die obere Erde war heiß und bröselig. Darunter kam dunkle Erde. Sie klebte an ihrem Nagel.
Finn sah sie an. Seine Augen wurden groß, aber seine Stimme blieb klein. „Unter dem Stamm.“
Sie drückten gegen den morschen Baumstamm. Er knarrte. Er bewegte sich kaum. Emma drückte noch einmal. Finn schob mit der Schulter. Der Stamm rollte ein Stück und blieb in einer Wurzelgabel hängen.
„Zu schwer“, sagte Finn.
Emma wischte sich den Arm über die Stirn. Dann sah sie die Wurzelgabel genauer. Der Stamm hing nicht fest, weil er schwer war. Ein kleiner Stein verkeilte ihn.
Sie zog den Stein heraus. Finn stemmte. Emma trat. Der Stamm rollte weg.
Dahinter öffnete sich ein niedriger Tunnel aus Farn und Brombeeren.
Emma kroch zuerst. Ihre Knie wurden schwarz. Finn folgte und hielt den Zettel zwischen den Zähnen, damit beide Hände frei waren.
Der Tunnel endete in Licht.
Eine Lichtung lag vor ihnen, rund wie eine Schüssel. In ihrer Mitte stand ein Brunnen aus grauem Stein. Efeu hing daran, aber die Blätter waren nicht schlapp. Über dem Brunnen lag eine flache Steinplatte. In der Platte steckte ein eiserner Ring.
Emma sprang hin. Sie zog am Ring.
Nichts.
Finn zog mit. Die Platte hob sich keinen Finger breit.
„Nein“, stieß Emma aus.
Sie zog wieder. Ihre Hände rutschten ab. Der Ring schnitt in ihre Haut. Finn trat gegen die Platte. Ein stumpfer Schlag. Kein Spalt.
Dann tropfte etwas auf Emmas Knie.
Nicht von oben. Vom Rand der Platte. Ein dunkler Streifen zog sich dort entlang, wo Stein auf Stein lag.
Emma hielt still.
„Sie ist nass unten“, sagte sie. „Wenn sie nass ist, klebt sie. Vielleicht hebt man sie nicht.“
Finn fuhr mit den Fingern um den Rand. Auf einer Seite waren zwei lange Rillen im Stein, fast zugewachsen mit Moos.
„Man schiebt sie“, sagte er.
Sie kratzten Moos aus den Rillen. Emma holte den kleinen Keilstein vom Baumstamm zurück. Finn suchte einen Ast, der nicht brach. Der erste Ast knackte sofort.
„Zu trocken“, sagte Emma.
Finn kroch unter die Farne und kam mit einem dunkleren Ast zurück. „Der lag unten. Der ist zäher.“
Sie steckten den Ast in den Ring. Emma schob, Finn hebelte, der Keilstein hielt die erste winzige Lücke offen. Die Platte kreischte über Stein.
Ein Spalt wurde schwarz.
Dann größer.
Kühle Luft stieg heraus und legte sich an Emmas Gesicht. Unten glänzte Wasser.
Finn band den Zettel an die alte Kette, weil kein Eimer mehr hing. Emma hielt ihren Becher darunter, während Finn die Kette langsam hinabließ. Der Becher schlug an die Wand. Einmal. Zweimal. Dann machte es plopp.
Als Emma trank, zog sich ihr ganzer Mund zusammen vor Kühle. Das Wasser lief über ihre Zunge, an ihren Zähnen vorbei, den Hals hinunter. Ihr Bauch, der eben noch heiß und klein gewesen war, wurde weit. Sie gab Finn den Becher, bevor sie noch einmal nahm.
Finn trank und lachte nicht. Er schloss nur kurz die Augen.
Sie füllten Omas kleine Blechkanne. Dann ritzte Emma mit dem Keilstein einen Pfeil in den ersten Farnstamm, nicht tief, nur sichtbar. Finn legte kühle Steine frei, damit Erwachsene sie finden konnten.
Zurück gingen sie langsamer. Aber sie gingen gerade.
Im Dorf nahm Oma Lene die Kanne mit beiden Händen. Sie trank einen Schluck. Dann goss sie den zweiten in den Ziegenkübel.
Am Abend folgten die Erwachsenen den Kindern in den Wald. Sie kamen mit Eimern zurück, mit Krügen, mit nassen Tüchern über den Schultern.
Vor Omas Haus stand die Ziege am Kübel. Neben ihr richtete sich ein Basilikumblatt wieder auf, klein und grün, als lausche es dem Wasser unter der Erde.




