Der Weinlese-Kuss
Als Sophie am Morgen den Hang hinaufging, klebte noch Tau an den Grashalmen zwischen den Rebzeilen. Ihre Stiefel dunkelten an den Spitzen. Über den Drahtreihen hingen Netze, an denen einzelne Tropfen zitterten, und irgendwo weiter unten schlug jemand mit einem Metallhaken gegen einen leeren Eimer. Ein heller Klang, dünn und wach.
Sie trug eine alte Jeans, ein graues Hemd und das kleine Taschenmesser ihres Großvaters in der hinteren Tasche, obwohl sie wusste, dass der Winzer Scheren austeilte. Das Messer drückte bei jedem Schritt gegen ihre Hüfte. Es hatte einen Griff aus hellem Horn und eine Klinge, die nie ganz sauber wurde, egal wie oft man sie abwischte.
Die Erntehelfer standen schon am Schuppen. Acht Leute, vielleicht zehn. Manche kannten einander, weil sie sich an den Schultern berührten, ohne hinzusehen. Andere hielten ihre Kaffeebecher mit beiden Händen fest. Sophie stellte sich an den Rand der Gruppe und zählte die roten Kisten, die am Traktor lehnten.
Paul kam zu spät, aber nicht so spät, dass jemand etwas sagte. Er schob sein Fahrrad am Lenker, das Vorderrad voller Staub. An seinem rechten Handgelenk band er ein ausgewaschenes blaues Tuch fester, während der Winzer die Reihen einteilte. Das Tuch hatte einen hellen Rand, als hätte es zu oft in der Sonne gelegen.
Sophie sah nur einmal hin. Dann sah sie auf die Scheren im Korb.
Der Winzer, ein Mann mit einem Strohhut und Erde unter den Nägeln, zeigte auf sie und auf Paul. „Ihr zwei nehmt Reihe sieben. Nicht zu tief schneiden. Faule Beeren gleich aussortieren. Und Finger behalten.“
Paul hob eine Schere. „Finger behalten klingt vernünftig.“
Sophie griff nach einer zweiten Schere. Ihre Finger streiften den Metallgriff, den er eben losgelassen hatte. Das Werkzeug war warm von seiner Hand.
„Reihe sieben“, sagte sie.
„Ich kann zählen“, sagte er.
Sie ging los, ohne zu lächeln. Nach drei Schritten hörte sie sein Fahrradschloss gegen den Rahmen klappern, weil er es nicht richtig festgemacht hatte.
Die erste Stunde bestand aus Bücken, Greifen, Schneiden, Ablegen. Die Trauben hingen schwer unter den Blättern, dunkelblau und matt bereift. Wenn Sophie eine Dolde anhob, rollten kühle Beeren gegen ihre Handfläche. Die Schere klickte. Pauls Schere antwortete von der anderen Seite der Zeile. Klick. Rascheln. Klick. Ein Eimer wurde verschoben. Wieder klick.
Sie arbeiteten so nah, dass sie durch die Blätter seine Knie sah, den Staub an seinem Schienbein, einmal die Ader auf dem Handrücken, als er eine besonders feste Ranke zur Seite hielt. Er sagte kaum etwas. Er sortierte sorgfältig. Faule Beeren schnippte er mit dem Daumen ab, ohne dabei die ganze Traube wegzuwerfen. Sophie bemerkte das gegen ihren Willen.
Bei einer Dolde griffen sie gleichzeitig zu. Seine Finger schlossen sich um den Stiel, ihre um die Beeren darunter. Beide hielten inne. Zwischen ihren Händen lag ein kleines, blaues Gewicht.
„Du zuerst“, sagte Paul.
„Sie hängt auf meiner Seite.“
„Die Rebe sieht das anders.“
Sophie zog die Schere an. „Dann soll die Rebe Einspruch einlegen.“
Er ließ los. Nicht hastig. Nur so weit, dass ihre Hand Platz fand. Eine Beere löste sich und fiel auf seinen Stiefel. Sie platzte nicht. Sie blieb dort liegen, rund und dunkel, als hätte sie sich entschieden.
Bis zur Frühstückspause sagten sie vielleicht zwanzig Sätze. Vier davon handelten von vollen Kisten. Zwei von Wespen. Einer von einem Stein im Schuh. Der Rest hing zwischen den Rebblättern und tat so, als ginge es um Arbeit.
Am Schuppen gab es Brot, Käse, Äpfel und Kaffee aus einer großen Thermoskanne. Eine blaue Emailletasse machte die Runde; der Rand war an zwei Stellen abgeplatzt. Sophie trank daraus, wischte die Stelle vorher mit dem Daumen ab und reichte sie weiter. Paul nahm die Tasse am Henkel, obwohl der Kaffee so heiß war, dass Dampf über seine Finger zog.
„Du bist nicht von hier“, sagte er.
„Sagt mein Akzent das?“
„Deine Schuhe. Noch zu sauber heute Morgen.“
Sie biss in ein Stück Brot. Die Kruste brach laut. „Du beobachtest Schuhe?“
Paul sah auf seine eigenen Stiefel, deren Leder an den Zehen rissig war. „Nur wenn sie mir den Hang hinauf vorausgehen.“
Sophie kaute langsamer. Neben ihnen lachte jemand über einen Witz, den sie nicht gehört hatte. Ein Traktor sprang an, ruckelte wieder aus und schwieg.
„Ich bleibe nur für die Woche“, sagte sie.
„Das hat niemand gefragt.“
„Nein.“
Er trank aus der blauen Tasse. Am abgeplatzten Rand blieb ein winziger Kaffeestrich hängen. „Dann ist es gut, dass niemand gefragt hat.“
Sie nahm einen Apfel aus der Kiste, drehte ihn einmal in der Hand und legte ihn wieder zurück.
Nach der Pause stieg die Sonne über die Kuppe. Der Tau trocknete. Die Blätter rochen stärker, grün und staubig, darunter der süße Saft der geplatzten Beeren. Sophie band sich die Haare im Nacken fester zusammen. Ein paar Strähnen klebten an ihrer Schläfe. Paul stand auf der anderen Seite und tat so, als müsse er einen Draht prüfen.
„Da ist noch eine“, sagte Sophie und zeigte mit der Schere unter ein dichtes Blattwerk.
Paul beugte sich von seiner Seite hinein. Für einen Moment teilten sie denselben Schatten. Seine Schulter drückte die Blätter beiseite, ihr Gesicht war nah genug, dass sie den Kaffee an seinem Atem merkte, schwach, fast vergangen. Er hielt die Dolde, sie schnitt.
Die Traube fiel nicht sofort. Ein dünner Faden Rinde hielt sie noch, und Pauls Hand fing sie auf, bevor sie abriss. Dabei berührte sein Daumen Sophies Knöchel. Nicht einmal eine Sekunde. Ihre Schere blieb offen in der Luft.
„Alles gut?“ fragte er.
Sie schloss die Schere. Klick. „Die Rebe hat Einspruch eingelegt.“
Er lachte nicht laut. Nur sein Mund veränderte sich, und neben seinem linken Auge entstand eine kleine Falte. Sophie sah sie zu lange an und griff dann nach der nächsten Dolde, die noch gar nicht reif war.
Am Mittag brannte der Hang heller. Die Erntehelfer verteilten sich, jeder in seiner Zeile, jeder mit eigenem Atem, eigener Schere. Sophie zog das Taschenmesser aus der hinteren Tasche, weil ihre Schere klemmte. Sie öffnete die alte Klinge mit dem Daumennagel und kratzte Traubensaft aus dem Gelenk.
Paul sah hin. „Das Messer sieht aus, als hätte es mehr erlebt als wir beide.“
„Es hat meinem Großvater gehört.“
„Winzer?“
„Bäcker.“
Er wartete.
„Er hat damit Schnur geschnitten. Äpfel geschält. Einmal meinen Drachen aus einem Baum geholt.“
Paul nahm eine leere Kiste und stellte sie näher zu ihr, ohne etwas dazu zu sagen. „Gutes Messer.“
Sophie klappte es zu. „Du sammelst solche Sätze? Die kurzen?“
„Ich spare sie. Man weiß nie, wie lang der Tag wird.“
Sie steckte das Messer zurück. Das Horn am Griff war warm geworden.
Gegen vier Uhr wurden die Bewegungen kleiner. Niemand stand mehr ganz gerade. Der Hang fraß Kraft aus den Waden. Sophie merkte die Arbeit an Stellen, die sie morgens nicht gekannt hatte: unter den Fingernägeln, zwischen den Schulterblättern, in der Handfläche, wo der Scherengriff eine rote Linie zog. Paul zog das blaue Tuch vom Handgelenk und wischte sich den Nacken. Darunter sah man einen hellen Streifen Haut.
Eine Wespe kroch in Sophies Eimer. Sie hob die Hand, um sie wegzuschlagen.
„Nicht“, sagte Paul.
Sie hielt inne.
Er nahm ein Rebblatt, schob es unter die Wespe und trug sie hinüber auf einen Pfahl. Das Tier putzte sich die Fühler, als wäre nichts geschehen.
„Du bringst sogar Wespen in Sicherheit?“
„Nur die, die nicht stechen.“
„Woher weißt du das vorher?“
Er sah sie über die Rebzeile hinweg an. Zwischen ihnen hingen Blätter mit gezackten Rändern, einige schon gelb an den Spitzen. „Weiß ich nicht.“
Diesmal antwortete sie nicht. Die Scheren der anderen klangen weiter unten am Hang. Ein Vogel rief einmal aus dem Wald. Sophie wischte ihre Hand an der Jeans ab, obwohl kein Saft daran klebte. Paul legte das Blatt aus der Hand und suchte den Boden ab, als hätte er dort die nächsten Worte verloren.
Der Winzer kam am späten Nachmittag mit dem Traktor. Kiste um Kiste hievten sie auf den Anhänger. Paul griff immer an der schwereren Seite an. Sophie bemerkte es beim zweiten Mal und stellte sich beim dritten so, dass er nicht allein das Gewicht bekam. Ihre Unterarme spannten sich, die Kiste hing zwischen ihnen, Trauben drückten gegen das Plastikgitter.
„Du musst nicht beweisen, dass du das kannst“, sagte er.
Sie hob die Kiste höher. „Du musst nicht so tun, als hättest du das nicht gerade versucht.“
Er hielt ihren Blick über den Rand der Kiste. Seine Finger rutschten am Plastik ab und fanden neuen Halt. „Dann sind wir quitt.“
„Noch nicht.“
Die Kiste landete auf dem Anhänger. Beide ließen zur selben Zeit los. Seine Hand blieb einen Augenblick länger in der Luft, als hätte sie den Griff noch nicht aufgegeben.
Als die letzte Reihe leer war, stand das Licht flach über den Reben. Es legte sich nicht golden über alles, wie in Prospekten. Es blieb an Staubkörnern hängen, an Spinnfäden zwischen den Pfählen, am Saft auf Sophies Daumen. Die Schatten der Helfer reichten bis zur nächsten Zeile und brachen an den Drahtpfosten ab.
Am Schuppen stellte jemand Flaschen auf den Tisch. Es gab Brot, Wurst, Käse, Trauben, die zu schön für die Kelter aussahen. Die blaue Emailletasse stand wieder da, diesmal mit Wasser. Sophie setzte sich auf eine umgedrehte Kiste. Paul ließ sich neben sie sinken, nicht zu nah. Nah genug, dass der Staub von seinem Ärmel ihre Jeans berührte.
„Für jemanden, der nur eine Woche bleibt, arbeitest du gründlich“, sagte er.
Sie brach ein Stück Käse ab. „Für jemanden, der hier bleibt, redest du, als würdest du jederzeit gehen.“
Paul drehte den Becher zwischen seinen Händen. Der abgeplatzte Rand zeigte zu ihr. „Ich bleibe nicht immer da, wo mein Fahrrad steht.“
„Aber heute steht es noch da.“
Er nickte. „Heute schon.“
Jemand stieß mit jemandem an. Glas klang gegen Glas. Weiter unten im Tal bellte ein Hund, dann ein zweiter. Sophie nahm eine Traube vom Teller und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Haut war kühl. Ein kleiner Riss zeigte helles Fleisch.
„Morgen wieder Reihe sieben?“ fragte Paul.
„Wenn der Winzer zählen kann.“
„Und wenn du bleibst.“
Sie legte die Traube in den Mund. Der Saft war süßer, als sie erwartet hatte, und ein bisschen herb an den Rändern. Sie schluckte, bevor sie sprach. „Ich habe gesagt, eine Woche.“
„Das war heute Morgen.“
„Der Tag war lang.“
„Lang genug?“
Sie sah auf seine Hand. Unter dem Nagel seines Daumens saß dunkler Traubensaft. Das blaue Tuch lag neben seinem Knie, zerknittert, mit einem kleinen grünen Blatt daran. Er griff nicht danach. Er wartete nicht sichtbar. Nur sein Fuß hörte auf, im Staub zu scharren.
Sophie hätte etwas Leichtes sagen können. Etwas über Muskelkater. Über Wetter. Über die Reben. Ihr Großvaters Messer drückte gegen ihre Hüfte, als sie sich bewegte. Sie zog es heraus und legte es zwischen sie auf die Kiste, geschlossen, Griff nach oben.
„Damit du morgen nicht behauptest, du hättest mich nicht erkannt“, sagte sie.
Paul sah das Messer an. Dann sie. „Ich hätte die Schuhe genommen.“
„Die sind nicht mehr sauber.“
„Nein.“ Seine Stimme wurde leiser. „Sind sie nicht.“
Danach sagte keiner etwas. Die anderen redeten weiter, doch ihre Stimmen rückten weg, als stünden sie am anderen Ende des Hangs. Ein Tropfen Wasser lief außen an der blauen Tasse herunter und sammelte sich am Boden. Sophie hörte ihn fallen. Ein winziges Ticken auf Holz.
Paul streckte die Hand aus, nicht zu ihr, sondern zum Messer. Auf halbem Weg hielt er an. Seine Finger schwebten über dem Horngriff. Sophie sah, dass seine Hand vom Heben der Kisten zitterte. Nicht stark. Nur genug, dass der Schatten seiner Finger über das Messer lief.
Sie schob das Messer einen Zentimeter näher zu ihm.
Er berührte es nicht.
Stattdessen hob er den Blick. Sophie hätte wegsehen können. Sie tat es nicht. In den drei Sekunden, in denen er sich zu ihr neigte, bemerkte sie den Staub an seinem Kragen, einen dünnen Kratzer am Kinn, den er sich wohl an einem Draht geholt hatte, und die kleine Falte neben seinem Auge, die schon da war, bevor er lächelte.
Er blieb kurz vor ihr stehen. So nah, dass ihre Knie sich beinahe trafen. Der Abstand hatte die Größe einer Traube.
„Sophie“, sagte er.
Ihr Name klang in seinem Mund anders, als hätte er ihn den ganzen Tag mitgetragen und erst jetzt ausgepackt.
„Paul“, sagte sie, und mehr passte nicht in die Luft.
Der Kuss begann nicht wie eine Entscheidung. Er kam aus dem Vorlehnen, aus dem müden Halten, aus dem Tag, der an ihren Händen klebte. Seine Lippen berührten ihre, vorsichtig zuerst, als prüfte er eine Beere auf Druckstellen. Sophie hob die Hand und fasste den Rand seiner Ärmelmanschette. Der Stoff war rau. Er schmeckte nach Wasser, Traube und dem Kaffee vom Morgen.
Niemand am Tisch verstummte. Niemand klatschte. Eine Flasche wurde entkorkt, irgendwo lachte jemand zu spät über einen Satz. Der Kuss dauerte nur so lange, wie ein Blatt braucht, um von einer Rebe zu fallen und im Gras liegen zu bleiben.
Als sie sich lösten, blieb Sophies Hand an seiner Manschette. Paul sah nicht sofort weg. Dann nahm er das blaue Tuch von seinem Knie und wischte mit dem Daumen vorsichtig einen dunklen Saftfleck von ihrer Hand. Er erwischte ihn nicht ganz.
„Morgen ist die Acht dran“, sagte er.
Sie zog das Messer zu sich zurück, klappte es einmal auf und wieder zu. Der kleine Klick ging im Abend unter und blieb doch zwischen ihnen liegen.
„Dann solltest du zählen üben“, sagte sie.
Paul stand auf, um leere Teller zum Schuppen zu tragen. In den drei Sekunden, in denen er sich umdrehte, sah Sophie, wie sein blaues Tuch vom Knie rutschte und in den Staub fiel. Er merkte es nicht. Er ging weiter, Teller in beiden Händen, Schultern müde, Schritte langsamer als am Morgen.
Sophie bückte sich und hob das Tuch auf. Ein Rebblatt klebte noch daran, klein und gelb an den Rändern. Sie schüttelte es nicht ab.
Über den Reihen hing das letzte Licht an den Drähten. Auf der umgedrehten Kiste lagen ihr Messer, die blaue Tasse und Pauls Tuch nebeneinander.




