Der Wanderer, der nicht ankam
Um halb sechs legte Rike die Fahrkarte ihres Bruders neben die Kaffeetasse und strich sie glatt, obwohl keine Falte darin lag. Der Berggasthof stand am Ende einer schmalen Straße, die im Frühherbst schon vor dem Abend grau wurde. Nebel schob sich gegen die Scheiben. An der Garderobe hingen drei nasse Jacken, keine davon gehörte Markus.
Er hatte geschrieben: Bin gegen fünf oben. Rotes Halstuch, falls mich der Nebel frisst. Darunter ein lachendes Zeichen. Rike hatte nicht gelacht. Markus machte Witze, wenn Wege schlecht markiert waren. Er machte Witze, wenn er zu wenig Wasser mitnahm. Er machte keine Witze, wenn er pünktlich war. Dann stand er zehn Minuten zu früh da und tat, als habe sie ihn warten lassen.
Elsa, die Wirtin, wischte den Tresen mit einem blauen Tuch. Sie wischte immer dieselbe Stelle, einen hellen Kreis im dunklen Holz.
„Er kommt oft später“, sagte sie.
Rike sah auf die Uhr über der Kaffeemaschine. Der Sekundenzeiger ruckte nicht gleichmäßig. Er blieb kurz vor der Zwölf hängen und sprang dann weiter. „Sie kennen ihn nicht.“
„Wanderer kommen oft später.“ Elsa legte das Tuch zusammen, Kante auf Kante. „Der Nebel nimmt ihnen die Zeit.“
Die Antwort saß zu glatt. Kein Nachfragen nach Name, Route, Ausrüstung. Rike nahm ihr Handy. Ein Balken Empfang stand da, verschwand, stand wieder da. Die letzte Nachricht von Markus kam um 15.42 Uhr: Bin an der gelben Drei. Noch eine Stunde. Dazu ein Foto. Ein Holzpfosten, darauf ein gelbes Dreieck mit der Zahl 3. Am Pfosten hing ein Streifen roter Stoff. Sein Halstuch, dachte Rike zuerst. Dann vergrößerte sie das Bild. Nein. Nur ein Markierungsband, ausgefranst.
Sie ordnete Dinge, wenn sie nicht schlafen konnte: Rechnungen, Gewürze, alte Fotos nach Jahren. Markus nannte sie deshalb die Archivarin. Sie nannte ihn den Menschen, der sein Leben in offene Taschen warf. Trotzdem kannte sie seine Muster besser als er. Er schickte Fotos von Wegmarken, wenn er allein ging. Nicht aus Vorsicht. Weil sie ihn einmal dazu gezwungen hatte, nach einem Streit, den sie nie richtig beendet hatten.
Um sechs rief sie die Bergrettung.
Toni kam um zwanzig nach sechs, mit einer Stirnlampe um den Hals und einem Notizbuch in der Hand. Er trug keine Eile im Gesicht. Er stellte Fragen und schrieb nur die Antworten auf, die sich prüfen ließen.
„Name.“
„Markus Seidel.“
„Alter.“
„Vierzig.“
„Kleidung.“
„Graue Softshelljacke. Schwarzer Rucksack. Rotes Halstuch.“
Beim Halstuch hob Elsa den Blick. Nur kurz. Dann stellte sie drei Gläser in ein Regal, obwohl niemand bestellt hatte.
Toni zeichnete die Route auf eine laminierte Karte. „Er kam von der Talstation, über den Lärchensteig, dann gelbe Drei, dann Quergang zum Gasthof. Bei normaler Sicht neunzig Minuten.“
„Bei dem Nebel?“ fragte Rike.
„Länger.“
„Wie viel länger?“
Toni sah nicht zu Elsa. „Das hängt davon ab, ob er auf dem Steig blieb.“
Draußen ließ ein Auto zwei Türen schlagen. Der Nebel schluckte das Geräusch nach dem zweiten Schlag. Rike zog Markus’ Nachricht wieder auf. Die gelbe Drei stand sauber im Bild, aber der Hintergrund passte nicht zu Tonis Karte. Hinter dem Pfosten lag kein Hang nach rechts, sondern nach links. Rike drehte das Handy.
„Kann es zwei gelbe Dreien geben?“
Toni antwortete nicht sofort. Er nahm das Handy, hielt es unter die Lampe. „Früher gab es eine alte Variante. Die hat man gesperrt.“
Elsa kam mit einer Kanne Wasser. „Die Schilder sind klar.“
„Welche Schilder?“ fragte Rike.
„Die für die Gäste.“ Elsa stellte die Kanne auf den Tisch, ohne dass das Wasser schwappte. „Niemand verläuft sich, wenn er aufpasst.“
Wieder dieser Satz ohne Kante. Rike legte die Hand flach auf den Tisch, bis der Druck in den Fingern nachließ.
Toni nahm zwei Männer vom Ort mit. Rike blieb nicht zurück. Sie zog Markus’ Ersatzmütze aus ihrem Rucksack, die sie ihm hatte geben wollen, weil er seine eigene immer verlor. Toni sah sie an, als wolle er widersprechen. Dann gab er ihr eine Warnweste.
Der Weg begann hinter dem Gasthof mit drei Stufen aus Stein. Nach zehn Metern verschwand das Licht aus den Fenstern. Die Stirnlampen schnitten kurze Röhren in den Nebel. Jede Röhre endete an feuchten Gräsern, an Lärchennadeln, an einem Stein, der aussah wie ein Schuh und keiner war.
Toni arbeitete langsam. Er kniete an matschigen Stellen, leuchtete seitlich über den Boden und suchte nach Sohlenkanten. Rike zählte seine Schritte, erst bis hundert, dann bis zweihundert. Ordnung gegen den Berg. Ordnung gegen das Grau.
Bei der ersten Weggabel stand die gelbe Drei. Frisch gestrichen. Der Pfosten roch nach nassem Holz. Rike verglich ihn mit dem Foto. Hier wuchs Moos an der linken Seite. Auf Markus’ Bild fehlte es. Toni sah es auch. Er sagte nichts, strich mit dem Daumen über die Farbe und zeigte Rike den gelben Abrieb.
„Neu“, sagte er.
„Wann neu?“
„Diese Woche vielleicht.“
Sie gingen weiter zur gesperrten alten Variante. Zwei rotweiße Bänder hingen quer über dem Einstieg. Eines flatterte lose. Das andere lag im Gras, sauber abgeschnitten. Am Pfosten darunter klebte ein Rest roter Wolle.
Rike bückte sich nicht. Sie starrte darauf, bis Toni den Faden mit einer Pinzette in eine Tüte legte.
„Das ist von seinem Halstuch.“ Ihre Stimme kam dünn heraus, aber gerade.
„Es kann sein“, sagte Toni.
Hinter ihnen trat einer der Männer von einem Fuß auf den anderen. „Vor acht Jahren ist da auch einer runter. Im Nebel. Man hat ihn erst im Frühjahr gefunden.“
Toni drehte den Kopf. „Nicht hier.“
„Doch, beim alten Steig.“
„Beim Jägerkar. Zwei Grate weiter.“
Der Mann hob die Schultern. „Für Fremde ist das alles eins.“
Rike merkte sich den Namen trotzdem. Jägerkar. Acht Jahre. Ein anderer Mann, der nicht ankam. Eine falsche Form, die in die Lücke passte, weil niemand die echte hatte.
Sie suchten bis nach neun. Sie fanden eine zerdrückte Müsliriegelhülle, nicht Markus’ Marke. Sie fanden einen Abdruck, der von einem Bergschuh stammen konnte oder von Tonis Stiefel. Sie fanden kein Rot mehr. Der Nebel lag auf ihren Jacken, bis Wasser an den Ärmeln hing.
Im Gasthof brannte nur noch Licht über dem Tresen. Elsa hatte eine Suppe hingestellt. Drei Schalen. Nicht vier. Rike sah auf die leere Stelle am Tisch.
„Ich dachte, er braucht etwas Warmes, wenn er kommt“, sagte sie.
Elsa füllte Brot in einen Korb. „Wenn er kommt, mache ich ihm frisch.“
„Nicht falls.“
„Natürlich.“ Elsa sah sie an. Ihre Augen blieben trocken und offen. „Wenn.“
Toni telefonierte mit der Leitstelle. Rike hörte Begriffe, keine Sätze: Wärmebild, Hund, Sperrgebiet, Tageslicht. Dann sagte Toni: „Nein, keine gesicherte letzte Position.“ Er schwieg. „Weil die Markierung unklar ist.“ Wieder Schweigen. „Ja, ich weiß, was im Plan steht.“
Am nächsten Morgen standen zwölf Leute vor dem Gasthof. Der Nebel hatte die Autos zu grauen Blöcken gemacht. Ein Hund zog an der Leine, schnupperte an Rikes Hose und wandte sich ab. Toni teilte Raster ein. Rike bekam ein Funkgerät, das knackte, wenn niemand sprach.
Sie gingen noch einmal zur gelben Drei. Im Tageslicht sah Rike, dass der neue Pfosten nicht tief im Boden steckte. Erde lag frisch am Fuß, dunkler als der Weg. Toni hockte sich hin. Mit zwei Fingern zog er ein Stück Papier aus dem Schlamm. Eine Quittung vom Baumarkt im Tal. Datum: vorgestern. Farbe, Pinsel, Holzschrauben.
„Wer erneuert Markierungen?“ fragte Rike.
„Die Wegewarte“, sagte Toni.
„Vorgestern?“
Er steckte die Quittung ein. „Ich frage nach.“
Rike sah hinunter zum Gasthof. Aus dem Kamin kam Rauch, gerade nach oben, bis der Nebel ihn glättete.
Zur Mittagszeit fand der Hund Markus’ rotes Halstuch. Nicht am Steig. Nicht im Graben. Es hing in einer Lärche, auf Schulterhöhe, sauber über einen Ast gelegt. Der Knoten fehlte. Markus band immer einen Knoten hinein, weil ihm das Tuch sonst rutschte. Rike nahm es nicht. Toni hielt sie mit einem Blick zurück und fotografierte es von vier Seiten.
„Kann der Wind das so hängen?“ fragte einer.
Toni antwortete: „Wind macht vieles.“ Dann sah er auf die Lärche und schrieb nichts.
Rike rief Markus’ Mailbox an. Sie hörte seine Stimme sagen, dass er gerade nicht könne. Im Hintergrund der Aufnahme lachte jemand, eine alte Feier, ein Glas klang. Rike drückte auf Ende, bevor der Ton kam.
Am Nachmittag fragte Toni im Ort nach der Quittung. Der Wegewart lag seit Montag mit Fieber im Bett. Sein Schlüssel für den Materialschuppen hing nicht an seinem Haken. Elsa sagte, viele Menschen hätten Zugang.
„Welche Menschen?“ fragte Rike.
„Helfer. Vereine. Früher die Jäger.“
„Und Sie?“
Elsa stapelte Teller. Einer klirrte gegen den anderen, nicht laut. „Ich habe mit Schildern nichts zu tun.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Elsa lächelte fast. „Dann habe ich Sie falsch verstanden.“
Zu glatt. Rike schrieb den Satz in ihr Notizbuch, obwohl er nichts bewies. Daneben schrieb sie: Halstuch ohne Knoten. Gelbe Drei neu. Elsa fragt nie nach Markus.
Am zweiten Abend kam die Polizei aus dem Tal. Ein Beamter nahm Markus’ Daten auf und sagte, erwachsene Männer dürften verschwinden. Rike sah auf seine sauberen Schuhe. An der Sohle klebte kein Berg. Toni stand neben ihr und presste die Lippen zusammen.
„Er hat sich nicht abgemeldet“, sagte Rike.
„Das machen viele nicht.“
„Er hat ein Zimmer hier reserviert.“
„Dann prüfen wir das.“
Elsa zog ein Buch unter dem Tresen hervor. Reservierungen in blauer Tinte. Für Freitag stand dort: Seidel, 1 Nacht, Zimmer 4. Darunter eine Linie. Rike beugte sich vor. Neben der Linie glänzte eine Stelle, als habe jemand mit feuchtem Finger über Tinte gerieben.
„Wer hat das eingetragen?“ fragte der Beamte.
„Ich“, sagte Elsa.
„Wann?“
„Als er angerufen hat.“
„Wann war das?“
„Vor drei Tagen. Gegen Abend.“
Die Antwort kam ohne Blick ins Buch, ohne Suche im Kopf. Rike kannte Menschen, die Termine so erinnerten. Sie gehörte selbst dazu. Aber Elsa sagte es, als lese sie von einer Karte.
In der Nacht schlief Rike im Zimmer neben dem reservierten. Sie stellte einen Stuhl vor die Tür, nicht weil er etwas aufhielt, sondern weil er Lärm machen würde. Der Gasthof knackte in seinen Balken. Vom Flur kam einmal ein Schritt, dann keiner mehr.
Um vier stand sie auf. Sie hatte nicht geschlafen, nur Zahlen geordnet: 15.42 letzte Nachricht, 17.00 Ankunft, 18.00 Anruf, 20.11 roter Faden. Sie ging barfuß zur Tür und sah auf den Flur.
Zimmer 4 stand zwei Finger offen.
Rike hatte am Abend gesehen, wie Elsa es abgeschlossen hatte. Sie zog den Stuhl weg. Langsam, damit kein Bein über die Dielen scharrte. Im Zimmer roch es nach kalter Wäsche. Das Bett war glatt. Auf dem Tisch lag ein Schlüssel, an dem ein Holzschild hing: 4. Daneben lag ein kleines Stück gelber Farbe, trocken, abgeblättert wie von einem Pfosten.
Rike nahm nichts. Sie ging rückwärts hinaus und holte Toni.
Als sie zurückkamen, stand die Tür geschlossen. Der Schlüssel hing unten am Brett hinter dem Tresen. Elsa goss Kaffee in zwei Tassen.
„Sie sind früh wach“, sagte sie.
„Zimmer 4 war offen.“
„Das kann nicht sein.“
„Ich habe es gesehen.“
Elsa stellte die Kanne ab. Kein Tropfen lief daneben. „Dann habe ich wohl schlecht abgeschlossen.“
Toni sah zum Schlüsselbrett. „Sie sagten, Sie schließen die Gästezimmer nachts immer ab.“
„Normalerweise.“ Elsa schob Rike eine Tasse hin. „Heute ist nichts normal.“
Der Satz passte. Gerade deshalb blieb er stehen.
Am dritten Tag fanden sie Markus’ Rucksack. Er lag hinter einem Felsen, trocken unter einem Überhang. Darin steckten seine Brotdose, die Regenjacke, die Stirnlampe. Sein Handy fehlte. Die Schnalle am Brustgurt war offen. Keine Spur führte hin, keine weg, weil der Boden dort aus Stein bestand und der Nebel Wasser auf alles legte.
Die Polizei erklärte später, Markus habe vermutlich die alte Variante genommen, den Rucksack abgelegt, sei abgerutscht oder habe Schutz gesucht. Man suchte weiter unten, dann noch weiter unten. Im Frühjahr, sagten sie, finde man oft, was der Herbst nicht hergibt.
Rike blieb bis Sonntag. Elsa stellte ihr jeden Morgen Kaffee hin, bevor sie darum bat. Toni brachte Karten, Listen, Kopien. Er tat, was das System erlaubte, und dann noch ein wenig mehr. Es reichte nicht.
Vor ihrer Abreise ging Rike allein zur gelben Drei. Die neue Farbe glänzte nicht mehr. Jemand hatte Moos an die linke Seite des Pfostens gedrückt, dort, wo am ersten Abend keines gewesen war. Es hielt nicht richtig. Ein grüner Rand stand ab.
Rike kniete sich hin und machte ein Foto. Auf dem Display sah der Pfosten aus wie in Markus’ Nachricht. Fast. Nur der Hintergrund fiel noch immer zur falschen Seite.
Unten am Gasthof öffnete Elsa ein Fenster. „Fahren Sie gut“, rief sie.
Rike steckte das Handy ein. „Wenn Markus kommt, sagen Sie ihm, ich warte.“
Elsa antwortete ohne Pause. „Natürlich.“
Der Nebel zog zwischen sie. Rike blieb stehen, bis das Fenster nur noch ein heller Fleck war. In ihrer Tasche lag das Foto von der gelben Drei, und auf dem Ast der Lärche fehlte seit dem Morgen das rote Halstuch.



