Der Windige Festtag
Im Garten standen drei lange Tische. Auf einem lag eine gelbe Tischdecke mit weißen Punkten. Mia fand, sie sah aus wie ein riesiger Pfannkuchen mit Sommersprossen.
Ben stellte Pappteller auf. Immer vier. Dann noch vier. Dann noch vier. Er rückte jeden Teller mit zwei Fingern gerade.
„Der da ist schief“, sagte Mia.
Ben sah hin. „Nein.“
„Doch. Er guckt so.“
„Teller gucken nicht.“
Mia beugte sich über den Teller und machte ein ernstes Gesicht. „Dieser schon.“
Ben nahm den Teller, drehte ihn ein kleines Stück und stellte ihn wieder hin. „Jetzt nicht mehr.“
Mia grinste. Ben tat, als hätte er es nicht gesehen.
Am Zaun hingen rote und blaue Luftballons. Die Erwachsenen trugen Schüsseln aus dem Haus. Kuchen stand unter einer Haube. Auf den Stühlen lagen kleine Papierfähnchen. Alles war fertig, nur Ben noch nicht.
„Wir müssen die Becher nach Farben sortieren“, sagte er.
„Warum?“
„Weil.“
„Weil was?“
Ben hielt einen grünen Becher hoch. „Weil sonst einer einen grünen will und findet nur rot.“
„Dann nimmt er rot.“
Ben sah sie an, als hätte sie vorgeschlagen, die Limo in Schuhe zu gießen.
Da war er.
Der Wind fuhr unter die gelbe Tischdecke. Erst hob sich nur eine Ecke. Dann blähte sich die ganze Decke auf wie ein Segel.
„Oh!“, sagte Mia.
„Halt fest!“, rief Ben.
Er sprang nach vorn und packte die Tischdecke. Mia sprang auch, aber sie lachte, weil die Punkte wackelten und Ben darunter kurz keine Haare mehr hatte, sondern ein gelbes Dach.
„Nicht lachen!“, sagte Ben dumpf.
„Ich lache gar nicht.“
„Doch.“
„Nur ein bisschen mit dem Mund.“
Ein Pappteller löste sich vom Tisch, schoss über den Garten und drehte sich wie eine sehr flache Möwe.
„Teller!“, rief Ben.
Mia rannte los. Der Teller flog über den Rasen, kippte, stieg wieder, als wollte er nicht gefangen werden. Mia streckte beide Hände aus. Sie erwischte nur Luft.
Der Teller landete auf Bens Kopf.
Mia blieb stehen.
Ben stand mit der Tischdecke in der Hand und dem Teller auf den Haaren. Sein Gesicht war ganz gerade. Zu gerade.
„Er guckt wieder“, sagte Mia leise.
Ben nahm den Teller herunter. „Das ist nicht witzig.“
„Ich weiß.“
Sie wusste es nicht ganz. Ihr Bauch hüpfte noch.
Der Wind zog stärker. Die Luftballons am Zaun zerrten an ihren Schnüren. Ein blauer riss sich los und stieg über den Apfelbaum.
„Nein!“, sagte Ben.
Er ließ die Tischdecke los und rannte dem Ballon nach. Sofort hob die Decke ab. Mia griff nach ihr. Das Tuch zog an ihren Armen. Für einen Moment war es größer als sie.
„Ben!“
Ben drehte sich um. Der Ballon war schon zu hoch. Er kam zurück und packte die andere Seite der Decke, ohne etwas zu sagen.
Sie standen sich gegenüber, die gelbe Decke zwischen ihnen. Der Wind drückte sie rund. Mias Finger taten weh.
„Du hast den Ballon verloren“, sagte Ben.
„Ich?“
„Na, wer hat gelacht?“
Mia ließ ihre Ecke nicht los. „Lachen macht keine Knoten auf.“
Ben blinzelte. „Doch. Manchmal.“
Das war so schief, dass Mia fast wieder gelacht hätte. Stattdessen biss sie auf ihre Lippe und zog stärker.
„Wir brauchen einen Plan“, sagte Ben.
„Ich hab einen.“
„Welchen?“
„Wir tun so, als wäre Wind eingeladen.“
„Das ist kein Plan.“
„Doch. Dann ist er nicht unhöflich.“
Ben sah zum Tisch. Zwei Becher rollten davon. Einer fiel um und blieb im Gras liegen. „Mein Plan hat Steine.“
„Steine sind langweilig.“
„Steine fliegen nicht weg.“
„Meistens.“
Ben antwortete nicht. Er klemmte die Tischdecke unter seinen Arm und suchte am Beetrand nach Steinen. Mia folgte ihm mit der anderen Ecke. Sie stolperten zweimal, weil keiner zuerst gehen wollte.
„Du ziehst“, sagte Ben.
„Du bremst.“
„Ich rette.“
„Ich halte.“
Sie fanden vier Steine. Ben legte sie auf die Ecken der Tischdecke. Der Wind wartete einen Atemzug. Dann schob er unter die Mitte, hob sie hoch, und alle vier Steine rutschten zusammen in einen Haufen.
„Dein Plan macht Berge“, sagte Mia.
Ben starrte auf den Steinhaufen.
Vom anderen Tisch flog eine Serviette gegen seine Brust. Sie blieb dort kleben.
Mia nahm sie ab und faltete sie klein. „Für später“, sagte sie und steckte sie ihm in die Hemdtasche.
Ben schaute auf die Tasche. „Servietten gehören nicht da rein.“
„Heute schon.“
Er nahm sie nicht heraus.
Der Wind drückte wieder. Die Tischbeine kratzten über die Erde. Der leichte Klapptisch ruckte nach vorn, als hätte er beschlossen, beim Sackhüpfen mitzumachen.
„Der Tisch läuft weg!“, rief Mia.
Ben war schon an der einen Seite. „Nicht reden. Schieben!“
„Ich rede beim Schieben.“
„Dann schieb lauter.“
Sie stemmten sich gegen den Tisch. Mia mit den Knien. Ben mit der Schulter. Der Tisch rutschte trotzdem. Ein Kuchenlöffel klapperte hinunter.
Mia sah den Löffel. Ben sah den Tisch. Als Bens Fuß über die Tischdecke stolperte, griff Mia nach seinem Ärmel, bevor er fiel. Ihr Lachen blieb irgendwo hinter den Zähnen hängen.
„Hab ich extra gemacht“, murmelte Ben.
„Klar.“
„Zum Testen.“
„Du testest gut.“
Er zog seinen Ärmel nicht weg.
Hinter ihnen rief jemand aus dem Haus: „Alles in Ordnung?“
Ben antwortete sofort: „Ja!“
Mia rief gleichzeitig: „Nein!“
Sie sahen sich an.
„Ein bisschen ja“, sagte Mia.
„Ein bisschen nein“, sagte Ben.
Der Wind zupfte an ihren Haaren. Die Fähnchen flatterten wild. Für Ben klang das Rascheln zu schnell, als würden alle Sachen durcheinander reden. Mia sah, wie seine Hände die Tischkante fest umklammerten.
Sie bückte sich und kroch unter den Tisch.
„Was machst du?“
„Ich bin ein Gewicht.“
„Du bist kein Gewicht.“
„Doch. Ein Mia-Gewicht.“
Ben sah zum Tisch, dann zu den Ballons, dann wieder zu Mia. Langsam kroch er auf der anderen Seite unter den Tisch.
„Ben-Gewicht“, sagte er.
Der Tisch hörte auf zu rutschen.
Unter dem Tisch war es schattig. Die gelbe Decke hing an den Seiten herunter und blähte sich immer wieder nach innen. Mia saß auf ihren Händen. Ben drückte mit dem Rücken gegen die Tischplatte.
„Man sieht deine Schuhe“, sagte Mia.
„Deine auch.“
„Meine sind schöner.“
„Deine haben Gras dran.“
„Das ist Fest-Gras.“
Ben schnaubte. Es war fast ein Lachen, aber er machte schnell ein Husten daraus.
„Wir können die Schnüre von den Ballons nehmen“, sagte Mia.
„Die sind am Zaun.“
„Noch.“
Ben nickte. „Und die Decke an den Tischbeinen festbinden.“
„Und die Pappteller unter die Kuchenhaube.“
„Nein, Kuchenhaube nur Kuchen.“
„Ben.“
„Na gut. Tellerhaube.“
Sie krochen hervor. Ben hielt die Tischdecke. Mia lief zum Zaun und löste Schnüre von den übrigen Ballons. Ein roter Ballon ruckte an ihrer Hand. Ben trat einen Schritt zu ihr, obwohl seine Ecke der Decke flatterte.
„Ich hab ihn“, sagte Mia.
„Ich weiß.“
Er blieb trotzdem da, bis sie die Schnur fest um ihr Handgelenk gewickelt hatte.
Dann banden sie. Nicht schön. Nicht gerade. Ein Knoten sah aus wie eine Kartoffel. Einer hielt nur, weil Mia den Finger darauf legte und Ben noch eine Schnur darüber machte.
„Das ist falsch“, sagte Ben.
„Aber fest.“
„Falsch fest.“
„Meine Lieblingsart.“
Als die Erwachsenen mit den Limoschüsseln kamen, standen die Tische wieder. Die Decken waren an den Beinen verschnürt. Die Teller lagen in einer großen Schüssel. Die Becher steckten kopfüber zwischen zwei Steinen. Drei Ballons waren entwischt, aber fünf tanzten noch am Zaun.
„Was ist denn hier passiert?“, fragte Mias Mutter.
Ben räusperte sich. „Wind.“
Mia hob die Hand. „Eingeladener Wind.“
Ben sah sie von der Seite an. „Halb eingeladen.“
Die ersten Kinder kamen in den Garten. Einer zeigte auf die Tischdecke. „Warum ist die festgeknotet?“
Mia sagte: „Damit der Tisch nicht wieder gewinnt.“
Ben schob ihm einen Becher hin. Einen roten. Dann tauschte er ihn gegen grün, ohne gefragt zu werden.
Der Wind kam noch ein paar Mal. Er hob Serviettenecken und pustete Krümel über die Decke. Aber die Knoten hielten. Wenn ein Teller wackelte, legte Mia einen Stein darauf. Wenn ein Ballon zu sehr zog, machte Ben die Schnur kürzer. Manchmal griffen beide zur selben Sache und stießen mit den Händen zusammen.
„Meiner“, sagte Mia.
„Unserer“, sagte Ben und schaute schnell weg.
Später saßen sie unter dem Tisch, weil dort der beste Platz für Kuchen war und weil man von dort die Schuhe aller Gäste sehen konnte. Zwischen ihnen stand ein Pappteller mit zwei Gabeln. Oben flatterte die gelbe Tischdecke leise gegen die festgebundenen Schnüre, und an einem Tischbein hing Bens gefaltete Serviette wie eine kleine Fahne.




