Die Hitzewelle und die toten Fische
Am dritten Tag der Hitzewelle lag der Fluss so niedrig, dass Jana die Einkaufswagen im Bett zählen konnte. Zwei Stück, beide mit den Rädern nach oben. Zwischen ihnen standen Fische im Wasser, wenn man das noch stehen nennen konnte. Ihre Bäuche zeigten zur Sonne. Manche trieben nicht. Sie klebten an den Steinen, als hätte jemand sie dort festgedrückt.
Der Fluss roch nicht nach Sommer.
Jana blieb unter der Brücke stehen und zog die Luft nur einmal durch die Nase. Warmes Plastik. Etwas Süßes darunter, scharf am Ende. Nicht Schlamm. Nicht Algen. Neben ihr sagte der Mann vom Bauhof: „Bei der Hitze kippt alles. Das passiert.“
Er hatte Gummistiefel an, aber er trat nicht ins Wasser.
Jana nahm ein Glas aus ihrer Tasche. Sie beschriftete das Etikett mit Datum, Uhrzeit, Ort, Temperatur, Blickrichtung. Ihre Buchstaben standen gleich hoch. Sie hasste lose Enden, offene Schubladen, Menschen, die Akten mit Eselsohren zurückgaben. Trotzdem führte sie dieser Fluss seit Jahren immer wieder an die Stellen, an denen nichts sauber sortiert blieb.
„Sie haben schon Proben genommen?“ fragte sie.
„Umweltbehörde war gestern da.“ Der Bauhofmann zeigte flussabwärts. „Beck. Der kennt den Bach besser als seine Küche.“
Jana sah zum Industriegebiet hinüber. Flache Hallen, Wellblechdächer, ein Schornstein ohne Rauch. Am Ufer stand ein Betonrohr zwei Handbreit über dem Wasser. Darunter hing ein dunkler Streifen an der Wand, glänzend in der Sonne.
Sie füllte das Glas nicht direkt am Rohr. Erst zehn Meter oberhalb, dann daneben, dann darunter. Beim dritten Glas legte sich ein dünner Film an den Rand. Er brach in Farben, als sie es drehte.
„Öl?“ fragte der Bauhofmann.
Jana schraubte den Deckel zu. „Vielleicht.“
„Dürre“, sagte er noch einmal, leiser.
In der Umweltbehörde liefen die Ventilatoren ohne Wirkung. Sie bewegten Papier, keine Luft. Jana fand Umweltingenieur Beck in einem Zimmer mit drei Monitoren und einer Yucca, deren Blätter an den Spitzen braun waren. Auf seinem Schreibtisch lagen Messreihen in geraden Stapeln. Keine Kaffeetasse. Kein Stift ohne Kappe.
Das gefiel ihr gegen ihren Willen.
Beck war Mitte fünfzig, schmal, Hemd bis oben offen, Kragen feucht. Als Jana ihren Dienstausweis zeigte, schob er sofort einen Ordner zu ihr.
„Sauerstoffabfall durch Niedrigwasser“, sagte er. „Wir haben das in trockenen Sommern regelmäßig. Der Pegel steht bei achtzehn Zentimetern. Kritisch wird es ab zweiundzwanzig.“
„Der Fluss riecht chemisch.“
Beck lächelte nicht. Er legte nur seine Hand auf den Ordner, als müsse er verhindern, dass er wegrutschte. „Bei niedrigen Pegeln konzentrieren sich natürliche Faulprozesse. Laien beschreiben das oft so.“
Die Antwort saß glatt. Zu glatt. Jana ließ ihren Blick auf dem obersten Blatt. Sauerstoff, pH-Wert, Leitfähigkeit. Neben drei Zeilen stand „Sensorwartung“.
„Warum fehlen die Nachtwerte?“
„Turnusmäßige Kalibrierung. Die Protokolle sind vollständig. Sie finden alles im Anhang.“
Er sagte es, bevor sie nach dem Anhang fragte.
Jana nahm den Ordner nicht. „Wer leitet dort ein?“
Beck griff zu einer Karte. Sein Finger berührte drei Punkte. „Galvano Nord, Metallveredlung. Held Kunststofftechnik. Die alte Färberei, aber die ist seit März stillgelegt. Galvano hat Chrom und Nickel im System, strenge Auflagen. Wenn Sie suchen, suchen Sie dort.“
„Und Held?“
„Geschlossener Kühlkreislauf.“
„Das klingt wie ein Werbesatz.“
Beck sah zur Yucca. Ein braunes Blatt hing auf die Fensterbank und berührte dort eine Wasserflasche. „Das ist die Genehmigungslage.“
Galvano Nord sah aus, wie ein Verdacht aussehen wollte. Der Hof war fleckig. Neben dem Tor standen drei blaue Fässer, eines ohne Deckel. Ein Arbeiter rauchte im Schatten eines Gabelstaplers und drückte die Zigarette erst aus, als Jana direkt vor ihm stand.
Der Betriebsleiter kam mit Schutzbrille auf der Stirn. Er roch nach Metallstaub und Seife. Als Jana nach Abwasser fragte, fluchte er, holte Schlüssel, zeigte ihr Becken, Filter, Sicherheitsschleusen. Alles wirkte alt, nichts wirkte versteckt. An einer Wand hing ein Schild: LETZTER STÖRFALL: 17 TAGE OHNE.
„Das Schild ist nicht hilfreich“, sagte Jana.
„Ich weiß.“ Der Betriebsleiter zog einen Ordner aus einem Schrank. „Aber wir haben die Analysen. Nehmen Sie alles mit. Wenn bei uns etwas rausgeht, steht am nächsten Morgen einer von der Behörde hier.“
„Beck?“
„Meistens.“
„Und bei Held?“
Der Mann hob die Schultern. „Held hat Golf mit dem Landrat. Vielleicht kontrolliert Beck dort auch. Ich sehe ihn nur nie vor dem Tor.“
Auf dem Rückweg fuhr Jana am Fluss entlang. Die Hitze stand über dem Asphalt. An einer flachen Stelle stießen Kinder mit Stöcken tote Fische vom Ufer weg. Eine Mutter rief sie zurück, aber sie rief zu spät und zu müde. Jana hielt nicht an. Sie sah den dunklen Streifen unter dem Betonrohr nur aus dem Augenwinkel. Er reichte tiefer als am Morgen.
Held Kunststofftechnik hatte Rasen vor der Verwaltung. Grüner Rasen. Nicht gelb, nicht staubig. Zwei Sprenger liefen im Wechsel und trafen den Gehweg in sauberen Bögen. Jana blieb einen Moment am Tor stehen und sah zu, wie Wasser auf Beton platzte und in den Gully zog.
Fabrikbesitzer Held empfing sie selbst. Weißes Hemd, keine Krawatte, gebräunte Unterarme. Sein Büro lag kühl. Auf dem Sideboard standen gerahmte Urkunden, auf dem Tisch eine Karaffe mit Zitronenscheiben.
„Furchtbar mit den Fischen“, sagte er, bevor sie saß. „Wir haben gestern noch intern geprüft. Unser Kühlkreislauf ist geschlossen, Verbrauch unterhalb der genehmigten Menge, keine Produktion in der fraglichen Nacht außer Linie Drei, und die läuft lösungsmittelfrei. Ich habe die Zahlen da.“
Er schob eine Mappe über den Tisch. Die Lasche zeigte bereits zu ihr.
Jana sah ihn an. „Welche fragliche Nacht?“
Held blinzelte einmal. „Nun, die Nacht vor dem Fund. So etwas entsteht ja nicht um zwölf Uhr mittags.“
„Wer hat Ihnen gesagt, wann der Fund war?“
„Das sprach sich herum. Kleiner Ort.“ Er lächelte. Das Lächeln blieb auf seinem Mund und erreichte keine andere Stelle. „Frau Ermittlerin, ich verstehe Ihre Arbeit. Aber bei dieser Hitze braucht ein Fluss keinen Täter.“
„Manchmal doch.“
„Dann nehmen Sie Proben. Wir haben nichts zu verbergen.“
Er stand auf, als hätte er die Führung schon geplant. Er zeigte Tanks, Leitungen, eine Halle mit glänzendem Boden. Überall klebten Etiketten. Überall standen Auffangwannen. Jana suchte nach Unordnung und fand keine. Nur an der Rückseite des Geländes, hinter Linie Drei, führte ein schmaler Weg zu einem Zaun. Dahinter lag das Betonrohr am Ufer.
„Regenwasser“, sagte Held. „Dachflächen. Bei diesem Sommer kommt da nichts.“
Jana kniete sich hin. Am Rand des Schachts hing ein grauer Faden, zäh wie gekochter Kleber. Sie hielt ein Probenstäbchen daran. Held redete weiter.
„Wir reinigen zweimal jährlich. Die letzte Wartung war im Mai, Firma Lobert, Rechnung kann ich Ihnen zeigen. Beck kennt die Anlage.“
Zu viele Details. Jana steckte das Stäbchen in ein Röhrchen. Held schwieg erst, als der Deckel klickte.
Am Abend saß Jana wieder bei Beck. Der Ventilator hatte ein Blatt vom Stapel geweht. Es lag auf dem Boden, mit der bedruckten Seite nach unten. Beck hob es nicht auf.
„Held sagt, Sie kennen die Anlage.“
„Ich kenne alle genehmigten Anlagen.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Beck rieb mit dem Daumen über den Rand seiner Wasserflasche. Das Plastik knackte. „Held hat keine auffälligen Werte.“
„Weil die Nachtwerte fehlen.“
„Weil die Anlage sauber ist.“
Jana wartete. Draußen fuhr ein Lkw vorbei; die Scheiben zitterten kurz. Beck sah nicht zum Fenster. Er sah auf den braunen Zipfel der Yucca.
„Was haben Sie weggelassen?“ fragte Jana.
Er antwortete sofort: „Nichts.“
Dann schloss er den Mund, als hätte er die eigene Stimme zu früh gehört.
Jana ging nicht. Nach einer Minute sagte Beck: „Vor zwei Jahren gab es eine Beschwerde. Geruch am Rohr. Keine messbare Überschreitung. Probe kam zu spät.“
„Warum?“
„Weil ich sie am Morgen genommen habe.“
„Und der Geruch?“
Er drehte die Flasche so lange, bis das Etikett nach vorn zeigte. „Wie warmes Plastik.“
Jana stellte in dieser Nacht ihr Auto ohne Licht an den Rand der Zufahrt. Sie mochte keine Observationen. Zu viele Stunden, zu wenig Ordnung. Sie legte trotzdem drei beschriftete Gläser auf den Beifahrersitz, daneben Kühlakkus und Beutel für Feststoffe. Um 2.14 Uhr ging hinter Helds Halle eine Lampe an. Um 2.22 Uhr hörte die Bewässerung des Rasens auf.
Um 2.31 Uhr lief Wasser aus dem Betonrohr.
Nicht viel. Ein gleichmäßiger Strang, klar im Licht der Taschenlampe, ohne Schaum. Jana roch es, bevor sie am Ufer stand. Warmes Plastik, süß, scharf. Sie füllte Glas eins, zwei, drei. Dann sah sie die Fische im flachen Wasser. Einige trieben seitwärts, andere bewegten noch die Kiemen, als pumpten sie Luft aus Stein.
Sie hätte sie liegen lassen.
Fische gehörten in den Bericht der Fischereibehörde. Wasserproben waren sauberer, schneller, gerichtsfester. Kadaver machten Akten schwer und Kühlboxen schmutzig. Jana stand mit dem Glas in der Hand und sah, wie ein kleiner Barsch gegen einen Stein stieß, zurücktrieb, wieder gegen denselben Stein stieß.
Sie nahm ihn mit.
Dann noch zwei. Sie verpackte sie einzeln, schrieb Zeiten auf, fluchte leise, weil die Beutel an ihren Handschuhen klebten. Als sie aufstand, sah sie am Schacht den grauen Faden. Er hing nicht mehr dort. Das Rohr hatte ihn abgerissen.
Am nächsten Morgen war Beck krankgemeldet. Held rief um neun Uhr selbst an.
„Ich hörte, Sie waren nachts auf unserem Gelände.“
„Am Ufer.“
„Das ist gefährlich. Wir hätten Ihnen Zugang gegeben. Transparenz ist mir wichtig.“
„Wer hat Ihnen gesagt, dass ich dort war?“
Eine kleine Pause. Papier raschelte auf seiner Seite, oder er tat so. „Unsere Sicherheitsfirma meldet Bewegungen. Reine Routine.“
„Die Kameras zeigen zum Fluss?“
„Sie zeigen auf unsere Werte.“
„Das war nicht meine Frage.“
„Frau Jana, Sie suchen einen Skandal, wo die Natur ein Problem hat. Ich kann Ihnen jede Leitung erklären.“
„Das werden Sie.“
Die ersten Laborwerte enttäuschten alle, die einfache Geschichten mochten. Wasserprobe eins zeigte erhöhte organische Belastung, aber keine klare Überschreitung. Probe zwei lag knapp unter Grenzwert. Probe drei enthielt Spuren eines Weichmachers, nicht genug für eine Stilllegung. Galvano Nord fiel ganz heraus. Keine Metalle, keine Säuren, nichts.
Der Amtsleiter legte die Blätter vor Jana hin, als beende Papier ein Geschehen. „Wir können eine Verwarnung prüfen. Mehr trägt das nicht.“
„Es trägt nicht, weil wir falsch messen.“
„Wir messen nach Vorschrift.“
„Das ist nicht dasselbe.“
Er nahm seine Brille ab. Auf seiner Nasenwurzel blieben zwei helle Druckstellen. „Held beschäftigt zweihundert Leute. Wenn wir ohne harte Beweise schließen, zahlen wir. Nicht er.“
Jana dachte an die grünen Sprenger vor der Verwaltung. Wasser auf Beton. Wasser in den Gully. Sie sagte nichts dazu.
Der Beweis kam aus dem Teil, den sie fast nicht eingepackt hätte.
Der Barsch lag auf einem Edelstahltisch im Landeslabor. Die Technikerin öffnete die Kiemen mit einer Pinzette. Kein Blut, keine große Geste. Nur feine Lamellen, grau belegt. Darin fanden sie Partikel aus einem Stabilisator, der nicht frei verkauft wurde. Er gehörte zu einem Granulat, das Held für hitzebeständige Dichtungen nutzte. Nicht in Linie Drei, wie Held gesagt hatte. In Linie Zwei, die laut Produktionsplan seit einer Woche stillstand.
Die Kiemen erzählten die Zeit besser als das Wasser. Wasser verdünnte sich. Fische filterten.
Mit einem Beschluss öffneten sie zwei Tage später den Wartungsschacht hinter Linie Drei. Beck stand am Zaun, obwohl er noch krankgeschrieben war. Er sah schmaler aus als im Büro. Held sprach mit seinem Anwalt und schwieg zum ersten Mal nicht aus Kontrolle, sondern aus Rechnung.
Unter dem Schachtdeckel lag eine zweite Leitung, frisch mit Bitumen bestrichen. Sie führte nicht auf den Plänen. In einer Mulde daneben klebte graue Masse, der Rest des Fadens. Jana sah Beck an.
Er sagte: „Ich habe sie nicht eingetragen.“
„Warum?“
„Weil ich sie nie gesehen haben sollte.“
Das war keine glatte Antwort. Sie kam brüchig und klein. Jana schrieb sie trotzdem wörtlich auf.
Helds Anwalt beantragte Fristverlängerung. Held sprach von Altbestand, von unbekannten Umbauten vor seiner Zeit, von wirtschaftlichem Schaden. Die Behörde verhängte Auflagen, keine Schließung. Der Fluss bekam Belüfter, weiße Schläuche, einen Pressetermin ohne Held und ohne die toten Fische auf den Bildern.
Eine Woche später stand Jana wieder unter der Brücke. Der Pegel war um zwei Zentimeter gefallen. Die Einkaufswagen lagen noch da. Zwischen den Speichen hing ein einzelner Fisch, nicht frisch, nicht ganz fort. Am Betonrohr klebte kein grauer Faden mehr. Jemand hatte die Wand gereinigt.
Der Fluss roch schwächer.
Jana hielt den Laborbericht in der Tasche, ordentlich gefaltet, Kante auf Kante. Sie wusste, was passiert war. Sie wusste auch, was noch nicht passieren würde. Hinter ihr rauschte der Verkehr zum Industriegebiet, und am Ufer drehte ein Kind einen Stein mit der Schuhspitze um, als läge darunter eine Antwort.



