Die Wächter des letzten Schattens
Am dritten Sommertag ohne Schatten starb der Hund am Brunnen.
Er lag mit offener Schnauze auf den gebrannten Ziegeln. Die Ziegel warfen keine dunkle Form unter ihn. Der Brunnenrand warf keine. Der Eimer hing im Licht wie ein Fehler. Jaedin zog ihn hoch. Das Seil schnitt ihr die Handflächen auf. Das Wasser roch nach Metall. Es war warm.
Die Stadt Nareth hatte früher siebzehn Sonnenuhren. Eine stand noch am Tor der Salzstraße. Ihr Eisenstab zeigte auf nichts. Kinder hatten früher daran gespielt. Ihre Namen standen eingeritzt im Stein. Die Ritzen hielten Staub. Kein Buchstabe hielt Schatten.
Jaedin nahm den Kupferpfennig ihres Vaters aus der Tasche. Er klebte an ihrer Haut. Er war heiß. Münzen wärmten sich in diesem Sommer schneller als Fleisch. Sie steckte ihn wieder ein. Sie nahm den Wasserschlauch. Sie nahm das Messer mit dem Griff aus Kamelknochen. Sie nahm die rote Marke der Brunnenwache, obwohl sie die Männer am Tor hasste.
Sie suchte die Schattenweber. Sie wollte sie nicht finden.
Vor dem Südtor verkaufte Händler Mox schwarzen Stoff.
Er hatte ihn über Stangen gespannt. Er versprach Kühle. Der Stoff hing schlaff im Licht. Unter ihm kochten drei Tonkrüge. Eine Frau legte ein schlafendes Kind darunter. Das Kind wachte nicht auf. Mox sagte nichts. Er zählte ihre Ringe.
Jaedin trat an seinen Wagen. Die Räder trugen Bronzeplatten aus den Tagen der Salzfürsten. Darauf liefen noch Löwen mit ausgeschlagenen Zungen. Die Deichsel hatte Kerben von alten Karawanen. Zu viele Hände hatten sie gehalten. Das Holz glänzte glatt.
Unter dem Sitz stand ein kleiner Tonkrug. An seiner Wand hingen Tropfen. Der Tag fraß Wasser in einem Atemzug. Der Krug schwitzte weiter.
Jaedin legte den Pfennig auf Mox’ Waage. Die Schale sank nicht.
— Du verkaufst Lügen, sagte sie.
Mox sah auf den Pfennig. Seine Augen waren gelb an den Rändern. — Ich verkaufe Hoffnung. Lügen kosten mehr.
Der Pfennig lag auf Messing. Ein kalter Rand kroch über sein Gesicht. Jaedin nahm ihn nicht zurück.
— Du weißt, wo der letzte Schatten liegt.
Mox zog ein Stück Stoff über den schwitzenden Krug. — Jeder weiß etwas. Die meisten sterben daran.
Sie zeigte ihm die rote Marke. Die Brunnenwache hatte sie Jaedin gegeben. Nicht aus Vertrauen. Ihr Bruder lag in der Zisterne unter dem Wachhaus. Seine Lippen waren geplatzt. Die Wache brauchte jemanden, der in die Wüste ging und nicht zurückverlangt wurde.
Mox nahm die Marke. Er biss darauf. Blut trat aus seinem Zahnfleisch. Er nickte.
— Zur Schattenoase gehen nur zwei Arten Menschen. Die einen haben schon bezahlt. Die anderen wissen den Preis nicht.
— Geh.
Er lächelte. Es hielt nicht lange.
Sie verließen Nareth am Mittag, weil die Torwachen in der Mittagshitze nicht prüften. Die Straße aus weißen Steinen flimmerte. Zwischen den Steinen lagen keine Käfer. Keine Eidechsen rasten fort. Die Welt hatte ihre kleinen Bewegungen verloren.
Am ersten Meilenstein stand der Name eines Königs, den niemand mehr aussprach. Jemand hatte das Gesicht aus dem Relief gehämmert. Der Stein war zu heiß zum Anfassen. Mox spuckte nicht. Spucke gehörte reichen Männern.
Jaedin ging neben dem Wagen. Ihr Pfennig kühlte nicht ab. Er brannte durch das Leinen ihrer Tasche. Mox sang keine Händlerlieder. Der Tonkrug unter seinem Sitz tropfte einmal. Der Tropfen fiel nach oben gegen den Stoff. Er blieb dort hängen wie ein klarer Nagel.
Jaedin sah ihn. Mox sah Jaedin.
— Wessen Krug ist das?
— Meiner.
— Wer hat ihn gefüllt?
— Eine Frau, die keine Kunden wollte.
Sie gingen weiter.
Nachts blieb der Boden heiß. Der Himmel hing schwarz und leer. Sterne standen da. Sie halfen nicht. In der Ruine der alten Zollhalle schliefen sie nicht. Die Schwelle war in der Mitte dünn getreten. Generationen von Füßen hatten den Stein gesenkt. An der Wand hingen noch Eisenhaken. Dort hatten die Salzfürsten Schattensegel gelagert, bevor die Webstuben dem Tempel gehörten.
Jaedin setzte sich mit dem Rücken an die Wand. Ihr Hemd klebte. Der Pfennig in der Tasche war jetzt kalt. Nicht kühl. Kalt wie Brunnenstein im Winter.
Aus Mox’ Wagen kam der Geruch nach nassem Stein.
— Sira lebt, sagte Jaedin.
Mox schloss die Hand um seinen Krug. — Manche Namen locken Zähne an.
— Du hast sie gesehen.
— Ich habe eine Frau gesehen. Zwei Finger fehlten ihr. Ihre Handgelenke trugen Ringe aus Narben. Sie gab mir Wasser für meine Tochter.
— Und du verkaufst ihren Weg.
— Meine Tochter atmet noch.
Er legte den Krug zwischen seine Knie. Er sah nicht stolz aus. Er sah nicht beschämt aus. Er sah müde aus. Jaedin kannte diese Art Gesicht. Die Brunnenwache trug sie, wenn sie Wasser nach Namen verteilte und die Namen der Toten strich.
Am zweiten Tag zerbrach ein Radnagel. Mox kniete im weißen Staub. Jaedin hielt das Rad. Das Eisen brannte durch ihr Tuch. In der Ferne standen die Knochen eines Aquädukts. Die Bögen führten kein Wasser mehr. Schwarze Striche aus altem Pech klebten an den Fugen. Dort hatten Weberlehrlinge früher Schatten angeheftet, damit Arbeiter nicht starben.
Jaedin dachte an Sira in Nareth. Sira hatte im Hof der Webstube gestanden. Sie hatte einen Streifen Dunkelheit zwischen den Händen gezogen wie nassen Faden. Jaedin hatte ihr Brot gebracht. Sira hatte es gegessen. Am nächsten Morgen waren alle Schatten fort. Die Webstube stand offen. Drei Wächter lagen mit gefrorenen Zungen auf den Fliesen.
Jaedin hatte damals nicht geweint. Sie hatte die leeren Nägel an der Wand gezählt.
Am Abend erreichten sie die Grenzsteine der letzten Schattenoase. Es waren keine Palmen zu sehen. Nur fünf stehende Platten aus Basalt. Jede Platte trug eine Hand. Die Hände zeigten nach unten. Ihre Finger waren glatt geküsst oder glatt gefürchtet. Sand lag in den Linien der Handflächen.
Mox hielt an.
— Ab hier gehst du allein.
— Nein.
— Doch.
Jaedin zog das Messer. Mox sah auf die Klinge. Er griff langsam unter den Sitz. Er holte den Tonkrug hervor. Der Stoff fiel ab.
Der Krug trug ein Siegel aus schwarzem Wachs. Das Wachs war nicht weich. Frost stand daran. Der Geruch nach nassem Stein trat in Jaedins Mund. Ihre Zähne schmerzten.
— Ich habe ihr versprochen, niemanden zu bringen, sagte Mox.
— Du hast mich gebracht.
— Ich habe deiner Marke gehorcht. Nicht dir.
Hinter den Basaltplatten bewegte sich der Sand. Nicht viel. Eine Linie lief gegen den Wind. Sie war schmal wie eine Schnur. Jaedins Pfennig sprang in ihrer Tasche. Er schlug einmal gegen ihren Hüftknochen.
Eine Stimme sagte ihren Namen.
Sira stand zwischen den Platten. Sie trug keinen Schleier. Ihre Haut hatte die Farbe von Asche unter Milch. Zwei Finger fehlten an der linken Hand. An ihren Handgelenken lagen Narben, rund und dick. Ihre Füße standen auf Sand. Unter ihnen lag ein kleiner Schatten. Er zeigte nach Osten. Die Sonne stand im Westen.
Mox senkte den Kopf. Er hielt den Krug fest.
— Du hättest sterben sollen, sagte Jaedin.
Sira nickte. — Viele sollten das.
Sie führte sie in die Oase.
Die Palmen standen in einer Senke. Ihre Blätter hingen hart und grau. Sie warfen nichts. In der Mitte lag ein Wasserloch, kleiner als ein Zimmer. Sein Rand war mit alten Fliesen gefasst. Darauf tanzten Weberinnen mit geschlossenen Mündern. Jemand hatte ihre Augen ausgekratzt. Zwischen zwei Steinen wuchs ein Streifen Dunkelheit. Er lag flach. Er atmete nicht. Er machte den Sand darum kalt.
Menschen saßen am Rand. Alte Männer. Eine schwangere Frau. Drei Kinder mit rasierten Köpfen. Sie trugen Schalen aus Knochen. Sie sahen Jaedin nicht böse an. Das machte es schwerer.
Ein Junge berührte den dunklen Streifen mit zwei Fingern. Seine Fingernägel wurden blau. Er zog die Hand zurück und lächelte.
— Wächter, sagte Sira.
— Bettler, sagte Mox leise.
Die schwangere Frau hörte es. — Beides.
Hinter dem Wasserloch öffnete sich der Tempel. Sein Eingang lag halb unter Sand. Die Schwelle war so tief ausgetreten, dass Jaedin den Fuß in eine Mulde setzen musste. Über dem Sturz standen die Namen der ersten Weber. Darunter hatten spätere Herrscher ihre eigenen Zeichen gemeißelt. Noch tiefer kratzte jemand Striche in den Stein. Einer für jeden Körper, den der Tempel nahm.
Drinnen roch es nach nassem Stein. Jaedin fühlte Kälte an den Schienbeinen. Keine Fackel brannte. Sie brauchten keine. Das Innere des Tempels war nicht dunkel. Es war nur weniger falsch.
In der ersten Kammer hingen Fäden von der Decke. Keine Wolle. Keine Seide. Dünne Streifen von Schatten. Sie zitterten, obwohl keine Luft ging. Unter jedem Faden lag eine Schale. In jeder Schale lag ein Zahn, ein Fingernagel, ein Stück Haut.
Jaedin blieb stehen.
Sira hob ihre verstümmelte Hand. — So hielten wir die Städte kühl.
— Ihr wurdet bezahlt.
Sira drehte das Handgelenk. Die Narbe fing kein Licht. — Mit Ketten. Mit Brot. Mit Kindern, die man in unsere Häuser legte, damit wir nicht fortgingen.
Jaedin dachte an die drei Wächter mit gefrorenen Zungen. Sie dachte an ihren Bruder unter dem Wachhaus. Sie dachte an den Hund am Brunnen. Kein Gedanke hob den anderen auf.
— Nareth stirbt.
— Nareth hat uns gezählt wie Krüge.
— Kinder sterben.
— Hier auch.
Ein Kind in der Kammer hustete. Der Husten klang trocken. Neben ihm saß eine Frau ohne Haare. Sie hielt einen Schattenfaden zwischen den Zähnen. Ihre Lippen waren rissig. Ihre Hände zitterten. Der Faden machte ihre Zunge schwarz.
Mox trat vor. — Gib mir genug für mein Haus.
Sira sah ihn an. — Du hattest genug.
Er hob den Krug. — Sie fiebert noch.
— Deine Tochter lebt, weil ein anderer hier seit drei Tagen nicht schläft.
Mox’ Mund zuckte. Er stellte den Krug nicht ab.
Jaedin ging zur Wand. Dort lag ein Messer aus Bronze. Der Griff war von vielen Händen glatt. Daneben standen Worte in alter Schrift. Sie konnte nur einzelne lesen. Hitze. Schuld. Fleisch. Saat.
Sira folgte ihr nicht.
— Wenn ich einen Faden nach Nareth bringe, sagte Jaedin, wächst dort Schatten.
— Vielleicht.
— Was kostet es?
Sira sah auf Jaedins Arme. — Wärme. Jahre. Teile, die du nicht benennst, bis sie fehlen.
— Und hier?
— Hier wird es dünner.
Draußen schrie niemand. Das Wasserloch lag still. Die Wächter warteten. Mox hielt den Krug. Sira stand mit leeren Händen da.
Jaedin nahm das Bronzemesser.
Der Griff klebte vor Kälte. Ihre Finger schlossen sich trotzdem. Sie schnitt einen Faden von der Decke. Er leistete keinen Widerstand. Ihr Daumennagel sprang auf. Blut trat hervor und gefror am Rand.
Alle im Raum sahen zu.
Sira sagte nichts.
Jaedin legte den Faden um ihr linkes Handgelenk. Er sank in die Haut. Er verschwand nicht. Er blieb als dunkle Linie unter der Oberfläche. Ihre Hand wurde schwer. Dann kalt. Die Kälte stieg bis zum Ellbogen. Ihre Finger krümmten sich. Zwei blieben so.
Mox machte einen Schritt. Jaedin richtete das Messer auf ihn.
— Für Nareth, sagte er.
— Für deine Tochter.
— Ja.
Er sagte es ohne Scham. Das war schlimmer als eine Lüge.
Jaedin nahm seinen schwitzenden Krug. Das Wachs knackte unter ihrer Hand. Darin lag kein Wasser. Darin lag ein Stück Schatten, klein wie eine Zunge. Es bewegte sich gegen die Wand des Kruges.
— Du hast gestohlen, sagte sie.
Mox sah zu Sira. — Sie ließ mich.
Sira schloss die Augen. — Ich ließ ein Kind leben.
Die Wächter am Eingang murmelten nicht. Sie beteten nicht. Sie saßen in der Hitze und warteten auf das, was Jaedin tun würde.
Jaedin dachte an die rote Marke in Mox’ Tasche. An die Brunnenwache. An Männer, die Schatten in Listen schreiben würden. An Sira, die fortging und die Stadt offen ließ. An ihren Bruder, der den nächsten Morgen vielleicht nicht erreichte.
Sie stellte den Krug auf den Boden. Sie trat ihn nicht entzwei.
Sie gab ihn Mox zurück.
— Bring ihn deinem Kind.
Er nahm ihn mit beiden Händen. Er weinte nicht. Tränen gehörten auch reichen Männern.
Jaedin ging aus dem Tempel. Sira ging neben ihr. Draußen hatte der Streifen Dunkelheit am Wasserloch seine Form geändert. Er war kürzer. Die schwangere Frau presste die Hand auf den Bauch. Der Junge mit den blauen Nägeln sah Jaedins linke Hand an.
— Du bringst sie zurück, sagte Sira.
Es war keine Frage.
Jaedin blickte zur Wüste. Die Luft flimmerte. Die Basaltplatten standen wie fünf schwarze Zähne im Licht.
— Ich bringe etwas zurück.
Sira nickte. Ein Stück Frost hing an ihrer Wimper. Es schmolz nicht.
Am Rand der Oase steckte Mox den Tonkrug in seinen Wagen. Er sah kleiner aus. Jaedin nahm die rote Marke aus seiner Tasche. Er ließ es geschehen.
— Die Wache wird dich jagen, sagte er.
— Sie jagt alles, was Wasser wirft.
Er lachte einmal. Der Laut brach ab.
Jaedin ging nach Norden. Ihr linker Arm hing an ihrer Seite. Er störte ihren Schritt. Unter ihren Füßen zog sich ein schmaler Schatten durch den Sand. Er zeigte nach Süden. Die Sonne stand vor ihr.
Nach zwanzig Schritten hörte sie hinter sich das Wasserloch knacken. Sie drehte sich nicht um.
Der Pfennig in ihrer Tasche war kalt. Er brannte nicht mehr. Auf seinem Kupfer stand ein neuer dunkler Rand, dünn wie ein Haar.
Am Abend lag die Wüste weiß und leer. Mox’ Wagen folgte weit rechts. Er hielt Abstand. Sira stand noch zwischen den Basaltplatten. Vielleicht stand sie dort. Die Luft zerlegte alles.
Jaedin hob die linke Hand. Zwei Finger gehorchten nicht. Unter der Haut verlief der Faden ruhig weiter.
Vor ihr, im Sand, ging ihr Schatten einen Schritt voraus.




